Transmedia: Neues Wort, altes Spiel

Neuerdings, wenn Anfragen für irgendwelche Seminare, Workshops oder Vorträge eintrudeln, dann kommt die Frage dazu: Können Sie irgendwie auch was zum Thema „Transmedia“ sagen? Ich sage dann meistens, dass ich das schon könnte, solange zwei Dinge vorher geklärt sind: dass erstens dem Veranstalter klar ist, dass „Transmedia“ nicht einfach ein hübscheres und hipperes Wort für „Crossmedia“ ist. Und dass zweitens das zur Folge haben wird, dass ich generell ein Ende von Redaktionen, Sendern und Verlagen in ihrer bisherigen Form prophezeie, wenn man die Sache mit diesem „Transmedia“ halbwegs ernst nimmt. Meistens kommt dann ein begeistertes „Ja, fein“ als Reaktion, was mich immer etwas erstaunt. Da freuen sie sich alle wie bolle darüber, wenn man ihnen sagt, welche Auswirkungen auf sie im Endeffekt zukommen würden. Und wenn es dann soweit ist, dann ist das Gejammere wieder groß. So ernst hatte man das ja nun auch wieder nicht gemeint.

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Tatsächlich gibt es ja auch noch nicht so richtig viele, die solchen Transmedia-Kram schon konsequent in die Praxis umsetzen. Die „Rundshow“ im BR, bei der ich vergangenes Jahr dankenswerterweise mitarbeiten durfte, war das schon in Ansätzen. Inzwischen gibt es beim BR auch ein dauerhaftes Projekt, dass man mit gutem Gewissen transmedial nennen darf: das neue Jugendradio „Puls“. Aber was heißt schon Radio? Mit dieser Begrifflichkeit geht die Konfusion schon los, weil „Puls“ zwar natürlich ein Radioprogramm ist, aber mit dem guten alten Radio nicht mehr sehr viel zu tun hat. „Puls“ ist ein Projekt, das auf sehr vielen Kanälen stattfindet und über den bisher noch vorherrschenden Gedanken hinaus geht, es reiche aus, Inhalte einfach miteinander zu vernetzen. Tatsächlich sind die Inhalte von „Puls“ auf jedem Kanal auch separat überlebensfähig – was das wichtigste Merkmal eines transmedalen Projekts ist. (Mehr zu „Puls“ drüben beim Universalcode).

Ich glaube ernsthaft, dass es eine ganze Reihe von Redaktionen gibt, die ihre Arbeitsweise in den kommenden Jahren auf dieses Transmedia-Zeugs umstellen werden müssen. Das wird schwieriger als die meisten von ihnen es sich momentan vorstellen mögen. Weil es nicht einfach darum geht, ein paar weitere Kanäle zu bespielen, irgendwelche Links nach Twitter zu kopieren oder lustige Statusmeldungen bei Facebook abzusetzen. Transmedia bedeutet, dass am Ende jeder Kanal begriffen werden muss. Dass jeder Kanal eine eigenständige und ordentliche redaktionelle Leistung ist; nicht diese schnelle Nebenher, das man heute immer noch in vielen Redaktionen beobachtet.

Wenn man sich allerdings die Konsequenzen überlegt, wenn man diese Idee zu Ende denkt – dann kann einem um die Zukunft von etlichen Redaktionen Angst und Bange werden. Vor allem von denen, die in irgendwelchen Veranstaltungen ganz stolz darauf verweisen, jetzt auch bei Facebook zu sein und gelegentlich sogar einen Tweet abzusetzen. Es sind meistens dieselben, die bei solchen Veranstaltungen durchschimmern lassen, zwar in solchen Netzwerken vertreten zu sein, eigentlich aber selbst nicht so genau zu wissen, was sie da tun und was das Ganze soll. Und wenn ich mich so umschaue, dann fallen mir nicht viele ein, die diese Sache mit dem Transmedia wirklich verstanden haben: eine Redaktion, die sich wirklich als Inhalte-Projekt begreift und nicht mehr als Produzent eines Mediums mit angeschlossener Webseite – das wär´s wirklich. Ich fürchte allerdings, wir werden das selbe Spiel erleben wie in den Anfangstagen des Netzes oder bei den ersten crossmedialen Entwicklungen:  Jahre später wird man das dann auch begreifen.

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