Die „fat cat“ Spiegel

Es ist also – angeblich – mal wieder so weit: Spätestens in den kommenden Tagen soll Wolfgang Büchner als „Spiegel“-Chef gehen. Die Debatte um seine Person übertüncht allerdings die wirklichen Probleme beim „Spiegel“. Und die sind gravierend…

Den „Spiegel“ lese ich, seit ich denken kann. Es gab sogar mal Zeiten, da habe ich ihn regelrecht verschlungen. In denen ich am Montag, wenn ich die neue Ausgabe auf den Tisch bekommen habe, alles andere erst einmal liegen gelassen habe. Es gab große Geschichten. Lange, lesenswerte Stücke. Die Rekonstruktion der Ereignisse von Nineeleven habe ich als eine der größten Reportagen in Erinnerung, die ich jemals gelesen habe. Der „Spiegel“ war für mich lange Zeit zweierlei: Lesevergnügen als Privatmensch, Pflichtlektüre als Journalist. Was auf dem Titel eines „Spiegel“ stand, war relevant.

Gerade im Moment denke ich über die jüngsten „Spiegel“-Titel nach. Da war irgendwas mit Wärmedämmung. Und mit einem Streit in der Regierung darüber, wie man mit Putin am besten umgeht. Und eine Geschichte über die Generation Merkel, in der versucht wurde, einen Zusammenhang zwischen den jungen Menschen und der Kanzlerin herzustellen. Im Sinne von: die sind wie die Merkel. Ich blickte an mir runter, sah einen leichten Bauchansatz und verfluchte Helmut Kohl, der vermutlich auch an meiner beginnenden Kurzsichtigkeit schuld ist.

Inwieweit Wolfgang Büchner daran schuld ist, dass es auch in seiner nun offenkundig doch eher kurzen Amtszeit nur sehr selten zu richtig großem Journalismus im „Spiegel“ gekommen ist, weiß ich nicht. Die (Print-)Redaktion, die seit Monate lautstark über ihren Noch-Chef lamentiert, würde vermutlich sagen: alles seine Schuld. Als grundsätzlich naiver Mensch und Außenstehender frage ich mich allerdings auch, wieso diese Redaktion es zwar offenbar schafft, ihren Chefredakteur coram publico zu zerlegen, trotzdem aber keine besseren Geschichten als solche wie die „Generation Merkel“ oder die Wärmedämmungslügen zu machen. Bestenfalls ließe sich sagen, dass man halt in den letzten 12 Monaten ziemlich mit sich selbst beschäftigt war. Trotzdem: Die Print-Redaktion, die ihren Chef öffentlich und dauerhaft als den ungefähr größten Blödmann der deutschen Medienbranche dastehen ließ, hat in der Büchner-Amtszeit nicht unbedingt viele Argumente in eigener Sache gesammelt. Schon gar nicht gemessen an dem Anspruch, die Rettung des Hauses zu sein und der Tatsache, die Online-Kollegen eher als lustiges Anhängsel zu sehen.

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Es gab dann irgendwann in einer der letzten Ausgaben einen Text, der vermutlich sehr viel mehr über die Lage beim „Spiegel“ ausgesagt hat als alle anderen schlauen Analysen von Medienjournalisten, die sich – nebenbei bemerkt – auch nicht gerade als Zierde der Branche erwiesen haben. Dirk Kurbjuweit schrieb darüber, dass das ganze Journalisten-Leben Print sei. Irgendwie. „Fat cat“ Kurbjuweit beklagte sich über die Ignoranz der Onliner, räumte ein, dass man beide irgendwie brauche, aber Print (was auch immer das sein soll) schon noch wichtiger ist. Weil Basis von ungefähr allem. Wenn man diesen Text liest, dann weiß man, warum weder Büchner mit seinem „Spiegel 3.0“ noch ein Wunderheiler mit dem Konzept „Spiegel 27.1“ eine Chance gehabt hätte, diese Verweigerungs-Phalanx zu durchbrechen. Die Quintessenz von Kurbjuweits Text ist: Macht was ihr wollt, aber lasst uns in Ruhe. Vermutlich, nein: sogar ganz sicher hat Wolfgang Büchner seine Fehler gemacht. Trotzdem: Wer keine Veränderung will, der wird sie zu verhindern wissen. Das haben die Print-Kollegen des „Spiegel“ eindrucksvoll bewiesen. Zumal sie zwar „Spiegel 3.0“ wortreich abgelehnt, eine Alternative dazu aber nie vorgelegt haben.

Beim „Spiegel“ ist es vermutlich leider nicht viel anders als in vielen anderen Redaktionen: Vorläufig bliebt jetzt erst einmal alles wie es ist. Schließlich hat die Redaktion ja auch noch ein anderes Zeichen sehr erfolgreich gesetzt: An uns kommt keiner vorbei. Chefredakteur abgesägt, Digitalstrategie verhindert, einen Mann des eigenen Geschmacks als mutmaßlichen Nachfolger eingesetzt – wer soll eigentlich so verrückt sein und sich den „Spiegel“ als Chefredakteur antun wollen (außer eben einer aus den eigenen Reihen)? Wenn es denn stimmt, dass man mit Giovanni di Lorenzo Nachfolgegespräche geführt hat, dann kann man sich vorstellen, wie der ZEIT-Chef leichten Herzens abgesagt hat. Zumindest in der Außenwirkung hat sich die „Spiegel“-Redaktion als unregierbare Truppe erwiesen. Und als eine, die Veränderung erfolgreich verhindern kann, eine wirklich tragfähiges Bild von der Zukunft aber auch nicht entwickelt hat.

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„Fat cat“ Spiegel – das trifft es wohl ziemlich gut. Im Blatt ist schon lange nichts wirklich Spannendes mehr passiert und auch strategisch hängt man ein wenig in der Falle. Die Idee, künftig am Samstag zu erscheinen, hatten andere auch. Und spätestens, seit es die neue „SZ am Wochenende“ und Blätter wie die FAS gibt, herrscht am Wochenend-Markt ein solches Gedränge, dass der Griff zum „Spiegel“ nicht mehr zwangsläufig erscheint. Zumal man inzwischen in der Wochenend-SZ oder der FAS die spannenderen Geschichten liest. „Spiegel Online“ ist zwar irgendwie noch Marktführer. Seinen Ruf als das innovative Ding, das immer wieder mal Trends setzt, ist das Angebot aber auch schon längere Zeit los. Da sind Angebote wie „Süddeutsche.de“, „Zeit Online“ oder neuerdings öfter auch mal „FAZ.net“ ein ganzes Stück weiter. Ironie am Rande übrigens: Bei der SZ und der FAZ stehen inzwischen zwei ehemaligen SPON-Leute am Ruder.

Die Redaktion jedenfalls hat sich jetzt erst mal für ein herzhaftes „Weiter so“ entschieden und wird damit ihrem Lebensthema Helmut Kohl auch immer ähnlicher.

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