Vergesst den Penis!

Journalismus 2014: Aus einer Penis-Galerie und einem ziemlich missratenem Roman kann man einiges lernen. Auch wenn das auf den ersten Blick etwas widersinnig erscheint…

Vielleicht muss man erstmal in die Schweiz schauen, ehe man über den Journalismus der Gegenwart und vor allem den der Zukunft spricht. Bei unseren Nachbarn hat das Gratisblatt „Blick am Abend“ in seiner Online-Ausgabe eine Fotogalerie veröffentlicht.  Sieht man den für Schweizer Verhältnisse verblüffend offenherzigen Titel „Hier gibt´s die größten Pimmel“ ab, hält die Bilderstrecke nicht ganz, was sie verspricht. Zu sehen ist nicht etwa eine Galerie primärer Geschlechtsorgane, sondern ein Repräsentant der jeweiligen Nation mit einer Geste, die irgendwie, hihi, schlüpfrig sein könnte. Der deutschen Kanzlerin jubelt man im Bildtext unter, sie sei froh, dass die Deutschen etwas größere Penisse haben als die Schweizer. Das sagt ein bisschen was aus über das komplexe Verhältnis der Schweizer zu Deutschland, noch mehr über den „Blick am Abend“ und eine ganze Menge darüber, wie das inzwischen funktioniert mit dem Journalismus im Allgemeinen und im Netz im Besonderen. Falls man das denn überhaupt Journalismus nennen will.

Die Kollegen der NZZ in Zürich jedenfalls, bei denen man garantiert in deren gefühlt 500jährigen Bestehen ein Wort wie „Pimmel“ nie gelesen hat, beklagten jedenfalls in ihrem Medienblog „Das Ende des Journalismus“. Darin kann man den Kollegen schwerlich widersprechen, wobei es, wie gesagt, Voraussetzung ist, dass man Pimmel-Bildergalerien als Journalismus bezeichnen will. Nebenbei fällt mir übrigens gerade auf, dass dieser Beitrag hier eigentlich abgehen müsste wie Schmidts Katze, so oft, wie hier von männlichen Geschlechtsorganen die Rede ist. Vielleicht sollte ich zur besseren Auffindbarkeit auch noch irgendwie das Wort Titten unterbringen (ok, check!).

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Es ist inzwischen ziemlich angesagt, das Ende des Online-Journalismus zu beklagen. Oder zumindest, dass er kaputt ist, weswegen die „Krautreporter“ ab September antreten, ihn wieder zu reparieren. Tatsächlich könnte man, wenn man das denn wollte, den ganzen Tag sein eigenes Medienblog mit Beispielen aus missratenen, klickgeilen und belanglosen Stücken füllen und das dementsprechend anprangern. Man könnte sich echauffieren über die „Huffington Post“, die von ihren selbstformulierten Ansprüchen aus dem vergangenen Jahr ungefähr keinen erfüllt hat. Man könnte sich aufregen über „Heftig“ und all seine Epigonen und über den bevorstehenden Start von „Buzzfeed“.

Es reicht aber auch aus, die ganze Geschichte nüchterner zu betrachten. Ein kruder Mix aus irgendwelchen Listen, Pseudo-Ratgebern, etwas angeschmuddeltem Sex und sonstigem Kram, den man irgendwo im Vorbeigehen mitnimmt, existiert schon seit ziemlich langer Zeit. Nachzulesen jeden Tag an einem Bahnhof-Kiosk Ihrer Wahl und zu betrachten jeden Tag im TV. Es ist ja nicht so, dass es gedruckt nur die „Süddeutsche“ und die „Zeit“ gibt und im Fernsehen ausschließlich  „Arte“ läuft. Merkwürdigerweise kommt aber kaum jemand auf die Idee, angesichts der Auflagenmillionäre der yellow press das Ende des Journalismus vorherzusagen. Vielleicht auch deswegen, weil es common sense ist, die „Frau im Spiegel“ nicht als Journalismus zu bezeichnen. Man muss deswegen ja nicht gleich jeden Auswuchs rechtfertigen. Nur hilft es bei der Debatte, wenn man feststellt, es nicht gerade mit einem neuen Phänomen zu tun zu haben. Der Müll ist nur schneller und mehr geworden.

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In Hamburg und in München haben sie unterdessen in den vergangenen beiden Wochen bei „Spiegel“, „Stern“ und „Focus“ ihre Chefredakteure demontiert, mehr oder weniger konsequent. Das hat nicht sehr viel mit Schweizer Pimmel-Bilderstrecken zu tun, wohl aber mit diesem „schneller und mehr“, für das das Netz ja auch im Fach des ernstzunehmenden Journalismus steht. Natürlich wäre es eine absurde Idee, würde ein großes Printmagazin mit ersthaftem Anspruch plötzlich versuchen, den „Blick am Abend“ beim Niveau-Limbo noch zu tippen. Wohl aber müsste man allmählich Antworten darauf finden, wie man mit der völlig neuen Art des Medienkonsums umgeht, der durch das Netz bewirkt wird. Das nämlich ist der entscheidende Punkt: Es geht nicht darum, 13 Pimmel durch 25 Pimmel zu überbieten. Das ist die falsche Diskussion, wenn es denn überhaupt eine ist. Vielmehr geht es um eine völlig neue Art des journalistischen Storytellings. Und ja, das würde für „Spiegel“ et al bedeuten, Geschichten tatsächlich transmedial zu erzählen. Sich die Kanäle, von denen es inzwischen etliche gibt, konsequent zu eigen zu machen. Und Geschichten so aufzubereiten, dass sie auch von denen inzwischen nicht ganz wenigen Menschen genutzt werden, die sich vom Lesen auf Papier  und in linearen Abläufen schon lange verabschiedet haben.

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In den letzten Wochen gab es eine ganze Reihe von Debatten über ein Buch namens „Circle“. Das Buch ist inzwischen an der Spitze der Bestseller-Charts gelandet und schildert meistens etwas ermüdend die Geschichte eines Konzerns, der mehr oder weniger die digitale Weltherrschaft anstrebt. Das Buch ist die Aufregung nicht wert, immerhin aber kann man eine Erkenntnis daraus mitnehmen: Wer in der digitalen Welt überleben will, braucht Präsenz und Konstanz. Man muss deswegen ja nicht gleich zum Weltenbeherrscher werden, aber auch Redaktionen und Journalisten müssen konstant präsent sein. Das ist nicht zu verwechseln mit atemlos ausgestossenem Nonsens auf möglichst vielen Plattformen. Aber auch Journalismus ist – oder besser: müsste es sein – eine Form von Community. Guter Journalismus wäre heute ein Begleiter durch den Tag. Mit einer Kommunikation, die in beide Richtungen geht. Und nicht nur einer, der Geschichten erzählt und sich dann wieder bis zum nächsten Erscheinungstermin verabschiedet.

Das klingt erst einmal so fürchterlich banal, ist aber entscheidend. Weil man damit endlich mal die Debatten bleiben lassen könnte, ob (Online-)Journalismus nun zunehmend verflacht oder nicht. Oder ob Papier oder vielleicht nicht doch das Netz als solches die Publikations-Plattform schlechthin ist. Und bei den Magazinen könnte man dann endlich mal Chefredakteure oder sonstiges Personal einstellen, das sich nicht nur über eine Spiegel/Stern/Focus-DNA definiert.

Die Idee eines „Circle“ wäre ja auch für Medien gar keine so schlechte.

Die Sache mit der DNA

Stellenabbau und die Suche nach bewährten Männern: Die Branche will neue Probleme mit alten Methoden lösen. Was fehlt: die Bereitschaft zu radikalem Umdenken.

Beim „Stern“ haben sie für die Nachfolge von Dominik Wichmann offensichtlich ein wichtiges Kriterium gehabt: die DNA. Genauer gesagt: die „Stern“-DNA.  Beim „Focus“ wird der designierte Chef Ulrich Reitz gepriesen als einer, der die „Focus-DNA“ in sich trägt. Ob sie beim „Spiegel“ Wolfgang Büchner jetzt auch zum Vorwurf machen, dass er die DNA des Blatts zu wenig in sich trägt, weiß ich nicht, aber möglich wär´s zumindest.

Man könnte also glauben, dass insbesondere „Stern“ und „Focus“ in den letzten beiden Jahren nur einen gravierenden Fehler gemacht haben. Nämlich Chefredakteure mit fehlender DNA zu berufen. Nachdem man diese Fehler jetzt spektakulär korrigiert haben, kann es ja dann nur noch aufwärts gehen.

Und mittendrin in diese Sache mit der DNA kommt dann eine solche Meldung: Gruner&Jahr will in den kommenden Jahren 400 Stellen abbauen. Nicht mal betriebsbedingte Kündigungen sollen ausgeschlossen sein. Bei den Tochterunternehmen soll das nicht zutreffen, dort hat man stattdessen – im schönsten PR-Sprech – „Effizienprogramme initiiert“. Wäre man ein bisschen böse, man könnte sagen:  Es gehört wohl zur Medienmanagements-DNA, dass man in Zeiten wie diesen sein Heil im Stellenabbau und der, ähm, Effizienz sucht.

Nachdem ich kein Betriebswirt bin und auch die internen Strukturen in einem Haus wie Gruner&Jahr nicht kenne, kann ich über die Notwendigkeit von solchen Sparprogrammen nicht urteilen; vermutlich ist sie sogar vorhanden, diese Notwendigkeit. Aber ein bisschen wundern darf man sich schon. Da steht die ganze Medienwelt vor völlig neuen Herausforderungen – und alles, was zur Problemlösung da ist, sind die alten Mittel? Die DNA und ein paar Sparprogramme?

Tatsächlich steht vor allem beim Thema Digitalisierung ein großes Defizit in den Büchern der meisten Häuser. Auch in Hamburg hatte die G&J-Chefin Julia Jäkel ja schon vor Jahresfrist eine Art Digitaloffensive angekündigt, die in communities of interest münden sollten. Das klingt ziemlich chic und modern, viel zu sehen ist am Markt bisher aber nicht davon. Die G&J-Maschine läuft immer noch wie ein behäbiger Tanker. Beim publizistischen Schlachtschiff „Stern“ beispielsweise ist der Umgang mit digitalen Erzählformen so konventionell und eingefahren, dass man an der Frage, wie man sich dort eine journalistische Zukunft in einer digitalen Welt vorstellt, kaum vorbeikommt. Mit ein bisschen alter Stern-DNA? Und einer Facebook-Seite, die als Linkschleuder und Social-Media-Attrappe dient? Das wäre vielleicht 2009 state of the art gewesen. Im Jahr 2014 und im Zeitalter des transmedialen Storytellings wirkt das wie ein Relikt aus alter journalistischer Zeit.

Nebenbei bemerkt: Ich frage mich ja immer, wie es geht, dass man sein „Digital-Geschäft deutlich ausbaut“, massig neue Titel lanciert und gleichzeitig 400 Jobs abbaut, aber das liegt wohl daran, dass ich kein Betriebswirt bin.

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Bei „Arte“ lief übrigens am Dienstag die ziemlich großartige Reportage „Journalismus von morgen – Die virtuelle Feder“. Dort wird viel Wahres erzählt und nebenbei muss man beim Anschauen des Films konzedieren, ob man sie mag oder nicht, dass sie bei Springer in Berlin strategisch am meisten kapiert haben. Man muss Kai Diekmann und die „Bild“ nicht mögen, aber man wird vermutlich aus Diekmanns Mund nie hören, man könne das Boulevard-Blatt nur retten, wenn man jede Menge „Bild“-DNA in sich trage. Im Gegenteil: Kaum jemand hat sich so radikal neu erfunden wie Diekmann, kaum jemand ist strategisch so weit gegangen wie „Bild“.

Den Film habe ich übrigens hauptsächlich via Mail und Social Media wahrgenommen. Angeschaut habe ich ihn dann auf dem iPad. Irgendwann mittags, als ich Zeit und Lust hatte. Sie können, wenn Sie mögen, sich ihn hier auf dieser kleinen Seite anschauen. So funktionieren Medien heute.

Mit alter DNA hat das nicht mehr sehr viel zu tun. Man würde den Dickschiffen der Branche eher wünschen, sie würden sich mal nach ein bisschen neuer DNA umschauen.

 

Focus & Co: Die Lösung ist das Problem

Drei Magazine, zweieinhalb gefeuerte Chefredakteure: Der Blick auf die drei wichtigsten Magazine Deutschlands zeigt, wie sehr das Thema „Digitalisierung“ inzwischen auch bei den Wochentiteln angekommen ist. Und wie wenig selbst den Großverlagen dazu einfällt.

In einer seiner letzten Ausgaben hatte der „Focus“ einen Titel darüber, wie man irgendwie sein Hirn wieder in Schwung bringen kann. Ich hatte die Ausgabe am Flughafen-Gate mitgenommen. Als dann im Flieger die Durchsage kam, dass man neuerdings sein iPad auch bei Start und Landung nutzen kann, habe ich die Ausgabe ungelesen wieder weggelegt. Ertappt hatte ich mich dabei, dass ich ein Magazin wie den „Focus“ nur noch in die Hand nehme, wenn ich für 5 Minuten beim Starten oder Landen mal eben Lektüre zum Durchblättern brauche. Aber irgendwelche Gehirntrainings? Himmel, nein, solche Geschichten gibt es wie Sand am Meer und wenn ich das denn unbedingt machen wollte, könnte ich solche Spiele im Netz dann auch gleich in die Praxis umsetzen.

Dominik Wichmanns letzte „Stern“-Ausgabe wartete unterdessen mit einem Titel darüber auf, dass es sich auf Deutschlands Autobahnen öfter mal staut, vor allem jetzt zur Ferienzeit. Und dass das Stress bedeute. Weil solche Magazine sich gerne über den wie auch immer gearteten „Nutzwert“ definieren, schrieb der „Stern“ auch noch brav auf seine Titelseite, dass es im Heftinneren Tipps gebe, wie man dem Stress entgehe.

Der „Spiegel“ hat in dieser Woche eine Nazi-Geschichte auf dem Titel. Das ist nicht gerade nutzwertig, beim „Spiegel“ jetzt aber auch nicht gerade eine Überraschung. Immerhin hatte der „Spiegel“ zu Mascolo-Zeiten auch mal eine Titelgeschichte über „Hitlers Uhr“ und damit den Beweis angetreten, dass man aus nahezu allem eine Geschichte machen kann, wenn „Hitler“ draufsteht.

Drei Magazine, drei Titelgeschichten. Und drei Chefredakteure, von denen zwei mit vielen warmen Worten gefeuert sind und einer öffentlich angezählt worden ist. Innerhalb von gerade mal drei Wochen. Das mag man für Zufall halten. Ist es aber nicht. Vielmehr zeigt der langsame Verfall der deutschen Magazine, wie sehr sich der Journalismus gerade verändert. Und wie sehr auch den Dickschiffen der Branchen plausible Antworten fehlen. Das beginnt bei der Personalauswahl und hört bei inhaltlichen Fragen noch lange nicht auf.

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Vielleicht muss man, um das eigentliche Problem zu begreifen, erst mal in die nahe Zukunft schauen. Denn zumindest „Stern“ und „Focus“ haben bereits Nachfolger für ihre Chefposten gefunden, ehe der bisherige Chefredakteur offiziell vor die Tür gesetzt worden ist. Es ist bezeichnend, dass sie sich für die homöopathische Lösung entschieden haben – nach dem Grundsatz: Gleiches mit gleichem behandeln. Beim „Stern“ kommt jetzt der bisherige „Gala“-Chef an die Spitze, beim „Focus“ der Ex-Chefredakteur der WAZ. Beides gestandene Printmänner. Kein einziger davon mit dem Ansatz einer Digital-Expertise. Was zeigt, wie sehr die Macher in den Verlagen immer noch ihren Fokus auf das Heft legen und dabei keinen einzigen Gedanken an die Möglichkeit verschwenden, dass ein Magazintitel mittelfristig nur noch eine Chance hat, wenn er sich als digitale Marke auf allen Kanälen positioniert. Es ist ebenso bezeichnend, dass Wolfgang Büchner mit seinem „Spiegel 3.0“ als einziger konkret in diese Richtung denkt und es nicht nur bei lauwarmen Willensbekundungen belässt, dass dieses Internet schon irgendwie auch ein bisschen wichtig ist. Was Büchner davon hat, sieht man ja jetzt. Dass die neuen Männer an der Spitze von „Stern“ und „Focus“ auch nur ansatzweise in diese Richtung denken, kann man sich derzeit kaum vorstellen.

Was sie aber wiederum anders essentiell anders machen wollen als ihre Vorgänger, erschließt sich nicht so ganz. Natürlich, man wird das übliche Branchengerede hören. Aber speziell der „Focus“ hat ja am eigenen Leib zu spüren bekommen, dass es mit ein paar besseren und „härteren“ Geschichten alleine in der digitalen Welt nicht mehr getan ist. Der „Focus“ hatte u.a. den Gurlitt-Skandal und die Hoeneß-Geschichte als erster. Gebracht hat es ihm ungefähr gar nichts. Davon hätte man in analogen Zeiten lange zehren können, nicht aber in einer „always-on-Zeit“. Möglicherweise – halt, nein: ganz sicher – werden die neuen Männer an den Spitzen beider Magazine ein paar Dinge neu justieren. Aber nur mit dem Heft alleine wird sich das Überleben auf dem Markt dauerhaft nicht sichern lassen.

Es wäre also keine ganz schlechte Idee, würde man sich konzeptionell Gedanken machen, wie man das Blatt und das Online-Angebot enger miteinander verzahnen könnte. Das ist weniger eine organisatorische Frage als eine inhaltliche. Denn tatsächlich haben sich Print und Online bei „Spiegel“, „Stern“ und „Focus“ in den letzten Jahren inhaltlich eher voneinander entfernt, als dass man das als eine konsequente Strategie auf allen Kanälen wahrnehmen könnte.

Beispiel „Spiegel“: Das Heft kommt immer noch daher mit dem Anspruch, ein kerniges Nachrichtenmagazin zu sein (trotz aller Rückenschmerzen-Titel). „Spiegel Online“ hingegen hat sich schon lange zu einem eher bunten Sammelsurium des Tages entwickelt. Erfolgreich in der Breite, auch und vor allem deswegen, weil man sich dort nicht scheut,  bunte Geschichten an exponierter Stelle zu fahren und sich möglichst massenkompatibel zu geben. Eine Klickstrecke über eine Pandabärin, die eine Schwangerschaft vortäuscht – das ist eben „Spiegel Online“. Wie weit das zu einem Nachrichtenmagazin mit dem Anspruch des „Spiegel“ passt, lässt sich diskutieren…

Beispiel „Focus“: Ulrich Reitz wird vermutlich den politischen Anspruch des „Focus“ und dessen Seriosität und sein Gewicht herausstellen. Könnte allerdings ein Problem mit der Glaubwürdigkeit geben, wenn sein Online-Chefredakteur Daniel Steil weiterhin darauf setzt, Geschichten über das „heiße Nacktbaden“ bei „Promi Big Brother“ zu bringen. Wenn das Blatt gerne der konservative „Spiegel“ wäre und die Online-Ausgabe nur eine mühevoll gezähmte und etwas weniger hechelnde Variante der „Bild“ ist, verzweifelt jeder Marketingstratege. Und ja, Seriosität im Journalismus hat schon auch was mit dem Umfeld zu tun, in dem sie sich bewegen soll. Leitartikel zur Lage der Nation und heißes Nacktbaden, das beißt sich.

Bei „Focus Online“ findet sich heute auch diese hübsche Passage: „Paul und Alexandra und Mia und Aaron. Da knistert es heftig im „Promi Big Brother“-Container. Alexandra sagt über die Flirterei: „Paul und ich haben einen sehr, sehr engen Draht. Ich habe schon eine starke Verbindung zu ihm. Paul ist auf jeden Fall ne Schnitte, hübscher Kerl.“ Heißt: Sie findet ihn heiß, er hat sich noch nicht geäußert. Solo sind sie beide.“

Da darf man gespannt sein, ob sich der neue Chefredakteur auch mal Gedanken darüber macht, inwieweit „Focus“ und „Focus Online“ überhaupt noch zusammenpassen…

Und der „Stern“? Hat „stern.de“. Das einzige, was mir von „stern.de“ in Ernennung ist, ist die Ankündigung des damaligen Chefredakteurs Frank Thomsen, demnächst „Spiegel Online“ überholen und die Nummer 1 der deutschen Webseiten werden zu wollen. Das war vor etlichen Jahren. Thomsen ist inzwischen wieder zum Blatt zurückgekehrt und der Online-Ableger ist…nun ja, vorhanden.

Umgekehrt lohnt sich der Blick auf die „Zeit“ und „Zeit Online“. Ob man das Blatt nun mag oder nicht, unbestritten ist: Kein Wochentitel in Deutschland führt online so konsequent fort, was es gedruckt ist. Wo „Zeit“ draufsteht, ist „Zeit“ drin. Ohne Wenn und Aber. Wer die Online-Ableger von „Spiegel“ und „Focus“ anschaut, landet hingegen in einer sehr eigenen Welt. Das mag kurzfristig beim Blick auf Klicks und Quote vielversprechend sein. Die eigentliche Marke stärkt man damit ganz sicher nicht. Nach allem, was man hört, geht es der „Zeit“ erstaunlich gut. Vielleicht denken die Kollegen in Hamburg und München ja mal darüber nach, ob das auch andere Gründe als den Chefredakteur haben könnte.

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Problem Chefredakteur? Speziell der „Focus“ hat in den letzten Jahren ungefähr alle Varianten mal probiert. Den konservativen Haudrauf, den politischen Feingeist, den Nutzwert-Handarbeiter. Jetzt kommt wieder jemand, der das konservative Blattmachen als Lebenselixier hat. Ebenso beim „Stern“. Und auch bei den Kandidaten, die beim „Spiegel“ als potentielle Nachfolger für Wolfgang Büchner genannt wurden, war kein einziger dabei, den man mit dem Digital-Thema in Verbindung gebracht hätte. Dabei haben die Wochenblätter mit dem Netz ebenso zu kämpfen wie die Tageszeitungen – man hat nur bisher weniger darüber gesprochen. Tatsächlich ist aber gerade das Manko einer wöchentlichen Erscheinungsweise nur dann wettzumachen, wenn die Marke ihre Geschichte auch durch die Woche hindurch erzählen kann. Wenn sie für den Nutzer als gegenwärtig wahrzunehmen ist. Und als relevant. Wer seinen Lesern montags von Weltpolitik und dienstags von heißem Nacktbaden erzählt, hat ein Problem. Das wird sich nicht ändern, solange weiter an den Spitzen der Blätter Blattmacher stehen, die sich zwar mit viel Liebe zum Detail einem Softrelaunch im Blatt widmen, alle anderen Kanäle ihrer Marke außer acht lassen. Aktuell würde es mich reizen, den designierten „Fcous“-Chef mal zu fragen, ob er weiß, wie Instagram tickt. Oder YouTube. Vine, Storify, Popcorn, Pageflow. Und ob er dafür irgendeine Idee hat, die darüber hinausgeht, Werbung für die kommende Print-Ausgabe zu machen.

Eine Zeitlang hatte ich ja auch mal gedacht, dass die Grabenkämpfe zwischen Print und Digital vorbei seien. Zumal sich ja nicht nur die „Süddeutsche“ den Herrn Plöchinger, sondern auch der „Stern“ mit Anita Zielina eine ausgesprochene Könnerin in die Chefredaktion geholt hatte. Inzwischen ahne ich, dass ich mich getäuscht habe. Weil in 98 Prozent aller Fälle zwar inzwischen die Online-Redaktionen wenigstens nicht mehr das Schicksal publizistischer Kellerasseln zu tragen haben. Aber direkt Einfluss auf die Unternehmensstrategie, auf das gedruckte Blatt bekommen sie nur selten.

Womit wir wieder beim „Spiegel“ wären. Mehr Einfluss der Onliner auch aufs Blatt, nicht weniger als das steht hinter der Idee von „Spiegel 3.0“. Anders wird sich im digitalen Zeitalter kein journalistisches Produkt machen lassen. Genau hier beginnt aber der neue Grabenkampf.

Die letzten beiden Wochen bei „Spiegel“, „Stern“ und „Focus“ haben genau eines gezeigt: Daran wird sich auch in nächster Zukunft nichts ändern. Die aktuellen Personalentscheidungen sind der beste Beleg dafür.

Die VG Media – das neue Brasilien

In diesem Beitrag kann ich endlich mal das machen, was ich schon immer mal machen wollte: eine dieser furchtbar beliebten, gruseligen Fußball-Metaphern verwenden. In dieser Form kommt die Gelegenheit so schnell nicht wieder, weswegen es jetzt hier mit Wonne vermerkt sein soll: Die VG Media hat vom Kartellamt eine richtige Klatsche bekommen. Ein 1:7 zuhause. Die VG Media ist das neue Brasilien.

So, genug gefußballert und wieder zurück zur gebotenen Ernsthaftigkeit beim beliebten Thema „Verlage vs. Google“. Da kommt man ja auch am Thema Leistungsschutzrecht nicht vorbei, um das es verblüffend ruhig geworden ist. Zumindest gemessen daran, dass das LSR noch vor Jahresfrist für Glaubenskriege gesorgt hat und man nur dafür oder dagegen sein konnte. Um sich damit gleichzeitig auch irgendwelchen Lagern zuzuordnen. Pro seriöse Presse oder pro gieriges Internetmonster. Die LSR-Debatte jedenfalls habe ich noch heute als einigermaßen erbittert in Erinnerung.

Es ist also erstaunlich ruhig geworden um das LSR. Und um die Ankündigungen der federführenden Verlage auch. Da hieß es mal, man wolle von Google angemessen beteiligt werden an den Fantastilliarden, die der Konzern ausschließlich mit den Leistungen der Verlage verdiene. Dem Schmarotzertum quasi ein Ende bereiten, wer würde das nicht sofort jubelnd befürworten? Die erste Konsequenz aus der Einführung des LSR war dann, dass man erstmal auf die aus dem Gesetz resultierenden Möglichkeiten verzichtete, Google aber klarmachte, dass man irgendwann auch mal Ernst machen wolle. Also, vielleicht irgendwann. Bei Google mussten sie sich erst von den Lachanfällen erholen, um dann den Verlagen zu demonstrieren, wie die Machtverhältnisse im digitalen Zeitalter wirklich sind: entweder man dürfe weiterhin kurze Auszüge für Google News kostenlos nutzen – oder man nehme den Anbieter aus dem Newsverzeichnis (nicht aus dem Suchindex, wohlgemerkt).

Was daraufhin passierte, darf als weiteres Lehrstück gelten. Die allermeisten knickten  vergleichsweise schnell vor dem Konzern ein, weil sie ahnten, dass der ihnen entstehende Schaden größer ist als umgekehrt. Gleichzeitig entschlossen sie sich (zumindest die der VG Media angehörenden Verlage) zu einem verblüffenden Paradox: Man wollte zwar weiter an der Reichweite von Google partizipieren, machte dem Konzern aber gleichzeitig diese Reichweite zum Vorwurf. Ein Vorwurf, den das Kartellamt jetzt dermaßen heftig abschmetterte, dass man fast gar nicht anders kann, als von eingangs beschriebener Klatsche zu reden: Das Beschwerdeziel sei „unklar“, die Beschwerde selber „nicht schlüssig und nicht substantiiert“. Das sind die diplomatischen Formulierungen für „völliger Quatsch“. Und als würde die VG Media nach diesen Worten nicht eh schon am Boden liegen, gibt ihr die an sich ironiebefreite Kartellbehörde noch einen ulkigen Tritt hinterher: Man überprüfe aber gerne mal, ob es sich bei der VG Media nicht um etwas Kartellähnliches handle. Im Fußball, um im Bild zu bleiben, würde nach einem solchen Desaster der Trainer gefeuert. Bei der VG Media empfiehlt sich der Gedanke, ob man sich nicht am besten gleich selbst auflösen soll.

Dabei handelt es sich bei diesem Entscheid des Kartellamtes keineswegs nur um die Ablehnung einer Beschwerde. De facto hat das Amt, ob nun gewollt oder nicht, das Leistungsschutzrecht als das enttarnt, was es ist: ein Nicht-Gesetz, ein politisches Placebo, das man irgendwie noch durchgedrückt hat, um die Verlage einigermaßen ruhig zu halten. Dass derart windelweiche Formulierungen wie im LSR wahlweise wirkungslos bleiben oder für langwierige Interpretationsdebatten sorgen, dürfte noch jedem Lokalpolitiker in Dingolfing klar sein. Schwer vorstellbar, dass dies im Bundestag niemandem klar geahnt haben soll. De facto ist also das eingetreten, was man schon vorher geahnt haben dürfte: Die Verlage feierten mit dem LSR einen Pyrrhussieg, dessen ganze Nutzlosigkeit ihnen eigentlich spätestens heute klar geworden sein müsste. Der diabolische Nick Underwood hätte sich das in „House of Cards“ kaum schöner ausdenken können.

Zumal es bei dieser Geschichte ja nicht nur um das Leistungsschutzrecht geht. Es geht vielmehr um eine grundsätzliche Frage: Wie überlebt das herkömmliche Presseprodukt den Weg in die digitale Gesellschaft? Dabei gäbe es eine ganze Reihe von Fragen zu beantworten. Von journalistisch-inhaltlichen bis hin zu rein ökonomischen.  Die Frage, wie man mit Google umgehen soll, gehört eindeutig zu den weniger wichtigen. So, wie es bei der LSR-Debatte dargestellt wurde, konnte man leicht den Eindruck gewinnen, man müsse lediglich Suchmaschinen zu einem Obolus verpflichten und schon ist die Pressewelt wieder in Ordnung. Die wirklichen Herausforderungen sind allerdings ganz andere.

Nicht schlüssig, nicht substantiiert, weitgehend auf Mutmaßungen basierend und nicht mal einen hinreichenden Anfangsverdacht begründend: Deutlicher hätte man der VG Media und ihren Mitgliedsverlagen nicht aufzeigen können, auf welchen Irrweg sie sich begeben haben. „Angst vor Google“ räumte Springer-Chef Matthias Döpfner unlängst in der FAS ein.  In der Entscheidung des Kartellamtes liegt ungewollt auch darauf eine Antwort: Google? Das ist doch gar nicht euer größtes Problem, liebe Verlage.

Oder um ein (wirklich!) letztes Mal in der Fußball-Metapher zu bleiben: Die VG Media reklamiert gelb wegen unsportlichen Verhaltens. Dass sie angesichts eines heftigen Rückstands mal die generelle Taktik ändern müsste, ist ihr noch nicht in den Sinn gekommen.

Den Spiegel vorgehalten

Spiegel 3.0 oder doch alles wie gehabt? Der Showdown in Hamburg steht sinnbildlich für eine ganze Branche. Weil sie durch die Debatten dort selbst einen Spiegel vorgehalten bekommt…

Natürlich ist es immer ein ganz besonderes Spektakel, wenn es beim „Spiegel“ um Köpfe geht. Vor allem wenn es der des Chefredakteurs ist. Der „Spiegel“ hat eine ganz besondere Begabung für Drama. Und wenn sie in Hamburg gerade mal wieder Drama-Tage haben, dann schaut nicht nur Mediendeutschland hin. Das ist auch diesmal nicht anders, zumal Wolfgang Büchner der ganzen Sache einen ganz besonderen Thrill gegeben hat: Das ist so ein bisschen wie „High Noon“, was sie da gerade an der Ericusspitze spielen. Für Medien und ihre Journalisten ist das ein ganz besonders gefundenes Fressen, weswegen die Medienressorts momentan von zwei Fragen dominiert sind: Wie lange macht´s der Büchner noch? Und ist das nicht sensationell, wie der „Spiegel“ das Thema digitale Transformation einfach nicht gebacken bekommt?

Dabei ist der „Spiegel“ in dieser Digitalgeschichte gar kein spezieller Einzelfall. Er steht vielmehr stellvertretend dafür, wie ungeheuer schwer sich die ganze Branche immer noch damit tut, die Grundlagen für eine gesicherte digitale Zukunft zu schaffen. Besonders lustig ist es dann, wenn Michael Hanfeld in der FAZ mutmasst, diese ganze Sache in Hamburg könne noch ein böses Ende nehmen. Das eigene Haus hat unterdessen gerade im zweiten Jahr in Folge bemerkenswerte Millionenverluste geschrieben und als Vorreiter einer plausiblen Digital-Strategie haben sie sich in Frankfurt bisher auch noch nicht hervorgetan. Dass dort mittlerweile ein gewesener Spiegel-Chefredakteur die digitalen Geschäfte managt, ist eine hübsche Fußnote. Man müsste den Herrn Müller-Blumencron mal fragen, ob er sich in Frankfurt wirklich wesentlich leichter tut als in Hamburg. Von außen betrachtet müsste man vermutlich sagen: nein.

Beim Verlagsriesen Funke in Essen haben sie zwischenzeitlich nicht nur eine Unit für digitale Projekte gegründet, sondern gleichzeitig auch noch jemanden berufen, der sich um „Innovationsmanagement“ kümmern soll. Das ist als Idee grundsätzlich nicht zu kritisieren. Man würde nur gerne anmerken, dass wir mittlerweile 2014 haben und die Idee einer Stabsstelle für Innovationsmanagement im Jahre 20 der Digitalisierung ganz sicher keine Sekunde zu früh kommt.

Im Gegenteil: Bei Funkes sind sind sie zwar vielleicht ein bisschen spät dran, immerhin aber haben sie jetzt so etwas. Das ist immer noch eher die Ausnahme denn die Regel, was man auch an der Tatsache ermessen kann, wie aufgeregt die Branche hyperventilierte, als die SZ in diesem Jahr ihren Online-Chefredakteur zum Mitglied der Chefredaktion machte. Das war ganz sicher eine kluge Entscheidung, noch dazu, wo man mit Stefan Plöchinger einen der Besten der Branche im Haus hat. Trotzdem ist es verblüffend, dass eine solche Personalie immer noch so diskutiert wird, als wenn sich die SZ entschieden hätte, fortan in kyrillisch zu erscheinen. Weil es eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein müsste, sowohl das Thema Innovationen explizit zu besetzen als auch eine Online-Redaktion und eine Print-Redaktion irgendwie miteinander zu verzahnen. Davon sind die meisten, die sich jetzt gerade genüsslich über den „Spiegel“ hermachen, ziemlich weit entfernt. Wo sind sie denn, die Innovationsmanager, die exponiert positionierten Onliner in den deutschen Verlagshäusern?

Wie die Sache beim „Spiegel“ unterdessen ausgehen wird, weiß ich natürlich nicht. Ob der Chefredakteur nächste Woche noch Büchner oder vielleicht ganz anderes heißen wird, spielt allerdings auch nicht die entscheidende Rolle. Der „Spiegel“ muss über kurz oder lang zu einem digitalen Gesamtpaket werden, das ist alles, was zählt. Bevor jetzt aber jemand von FAZ, Funke und all den anderen auf die Idee kommt „Ja, genau“ zu sagen – das gilt uneingeschränkt auch für alle anderen.

Spannende Tage also. Für den „Spiegel“. Und die ganze Branche.

„Spiegel“ und ich: Szenen einer Ehe

Der „Spiegel“ und ich – das ist wie eine lange Ehe. Die von der Liebe zur Zweckgemeinschaft erkaltet ist. Aber mit ein bisschen mehr neuem Pepp wäre diese Beziehung schon noch zu retten. Auch wenn langsam der Glaube schwindet.

Von den internen Verhältnissen und Vorgängen beim „Spiegel“ habe ich natürlich keinerlei Ahnung. Deshalb weiß ich auch nicht, ob diese Geschichte aus der „Berliner Zeitung“ stimmt und wie sie einzuschätzen ist. Ich würde mir auch keinerlei Urteil über einen Chefredakteur und dessen Arbeit erlauben, wenn ich ihn nicht kenne.

Aber über den „Spiegel“ erlaube ich mir eines. Zumindest aus der Sicht eines interessierten Lesers. Oder besser gesagt: eines zunehmend gelangweilten Lesers.

Also, lieber „Spiegel“ wenn ich da mal eine Bitte äußern dürfte: Könntet ihr mich in Zukunft wieder etwas weniger langweilen, etwas weniger ritualisiert daherkommen, ein bisschen was von eurer Attitüde ablegen und möglicherweise öfter wieder solchen Lesestoff bieten, dass ich mein iPad nicht mehr aus der Hand legen will? Es ist nämlich so, dass ich euch schon ziemlich lange lese und deswegen inzwischen einige Dinge, nun ja, quasi antizipieren kann.

Mit tödlicher Sicherheit habt ihr in einer Ausgabe eine Geschichte über einen Politiker/Funtionär/Manager drin, der kurz vor dem Fall steht. Und mit ebenso tödlicher Sicherheit raunt ihr dann was im Sinne von „Schon formieren sich die ersten Kritiker…“.

Ein „Spiegel“ ist nicht ein „Spiegel“, wenn nicht mindestens irgendeine Gesetzesvorlage zur künftigen Mindestgröße von Regenabflussrohren als wenigstens dilettantisch beschrieben wird. Beliebte Formulierung bei diesem Thema: „Jetzt rächt sich, dass…“

Einmal pro Jahr beglückt ihr mich mit der Feststellung, dass die CDU/SPD/sonstige künftige Regierungspartei zum Kanzlerwahlverein verkommen ist. Das habe ich gelesen über: Kohl. Schröder. Merkel. Verbunden ist meistens die Feststellung, dass es der CDU/SPD/allen anderen Parteien spürbar an geeignetem Nachwuchs fehlt.

Irgendeine Straße/Bahntrasse/Bauwerk ist nicht rechtzeitig fertig geworden/wird nicht rechtzeitig fertig. Beliebtes Einsprengsel in ungefähr jeder dritten Ausgabe.

Ganz neu und dafür umso gruseliger: der Konsenskommentar. Ich bin meistens nicht einer Meinung mit Jan Fleischhauer oder Jakob Augstein, aber über die kann ich mich wenigstens halbwegs ordentlich aufregen. Der Konsenskommentar lässt mich meistens schulterzuckend zurück.  Ihr braucht sicher keine Ratschläge von mir, aber eines habe ich mir früh zur Gewohnheit gemacht: Wenn ich Kommentare schreibe und bekomme ihn nach dem Gegenlesen mit einer Anmerkung wie „Sind keine Fehler drin“ zurück, werfe ich ihn weg. Eure Konsenskommentare sind meistens frei von Fehlern, aber ungefähr so aufregend wie Regenwetter in Hamburg. Momentan warte ich nur noch auf einen Kommentar, der mit dem Satz „Bleibt zu hoffen…“ endet.

Gerade im Moment überlege ich angestrengt, welche Geschichte aus den letzten Ausgaben bei mir irgendwie haften geblieben ist. Wahrscheinlich ist das jetzt ungerecht und euch fallen auf den Schlag irgendwelche lesenswerten Stücke ein, aber in meiner Erinnerung ist da: Langeweile. Das letzte wirklich bemerkenswerte Stück war das von Cord Schnibben über die Nazi-Vergangenheit seiner Familie, das habe ich verschlungen. Aber sonst? Ja, kann man alles machen, was ihr macht, Muss man aber nicht. Für mich ist es einigermaßen schlimm, so einen Satz hinzuschreiben. Weil ich sonst sowas nur beim „Focus“ denke.

Achja, dann habt ihr ja auch noch „Spiegel Online“, das ihr jetzt irgendwie näher ans Blatt führen wollt, was aber anscheinend gar nicht so einfach ist. SPON war für mich mal vor etlichen Jahren das Maß der onlinejournalistischen Dinge, weil dort immer wieder mal Neues und Aufregendes passiert ist. Inzwischen ist SPON so aufregend wie….ach nö, halt, den Regenwetter-Vergleich hatten wir ja schon. SPON ist wie eine publizistische Verwaltungsbehörde. Das ist alles ok, man schaut zweimal am Tag rein, weil man als Journalist ja auch einmal täglich in den Ticker einer Nachrichtenagentur schaut. Dass ihr laut „Berliner Zeitung“ gerne den Kollegen Stefan Plöchinger zurückgehabt hättet, glaube ich euch in dem Zusammenhang gerne. Weil der euch jeden Tag bei „süddeutsche.de“ vormacht, wie man ein gutes und erfolgreiches Nachrichtenangebot macht, das sich trotzdem permanent entwickelt. Blöd jetzt, dass der angeblich lieber in München bleibt, bei euch hätte er sicher eine lohnenswerte Aufgabe gefunden (wenn man mal davon absieht, dass in München auch das Wetter meistens besser ist).

Wie gesagt, ich kenne eure Interna nicht und sie sind mir auch vergleichsweise egal. Aber als Leser habe ich mehr und mehr den Eindruck, dass es euch nicht schaden könnte, wenn ihr mal alle Fenster aufmacht und ordentlich durchlüftet. Wenn ihr mal eure Routinen hinter euch lasst. Weil ich euch ja immer noch mag, trotz alledem.

Trotzdem, es ist so ein bisschen wie in einer alten Ehe: Ab und an mal wieder ein bisschen Spannung in die Beziehung bringen, das würde uns ganz gut tun.

Wie ich einmal ein Buch schrieb…

Wir Journalisten mögen ja den gepflegten Verriss. Oder wir ignorieren Dinge einfach: Bücher, Filme, Musik. Wie aber ist es, wenn man mal die Seiten wechselt und selbst ignoriert oder verrissen wird? Ein kleiner Selbsterfahrungsbericht.

Man muss ein ganz schöner Idealist sein, um Bücher zu schreiben, so viel steht mal fest. Man sollte in gar keinem Fall Bücher schreiben, weil man mit ihnen richtig Geld verdienen will. Und schon gar nicht, weil man berühmt werden oder mal irgendwo in Charts weit oben stehen will. Umgekehrt gilt also: Man sollte sie schreiben, wenn das Schreiben so etwas wie ein Vergnügen ist, wenn man ein bisschen Zeit und Laune übrig hat und wenn es ein Thema gibt, das man unbedingt mal beackern möchte. Angesichts von rund 70.000 Büchern, die jedes Jahr erscheinen, kann man sich zweierlei leicht ausrechnen. Zum einen, wie viele Themen es gibt, über die man sich seine Gedanken machen kann. Und zum anderen, wie groß die Chance ist, dass unter diesen 70.000 ausgerechnet das Eigene zum Megaseller wird.

Ich hatte also etwas Zeit übrig, zudem ein Thema, das ich gerne abarbeiten wollte. Und ich hatte, vielleicht das Wichtigste, keinerlei Illusionen, als ich mich irgendwann mal im vergangenen Winter hingesetzt und mit dem Manuskript für „Der 40jährige, der aus dem Golf stieg und verschwand“ angefangen habe. Eigentlich wollte ich nur eines: Ein paar halbwegs unterhaltsame Seiten über das Leben zwischen 40 und 50 schreiben. Ich habe weder über mögliche Zielgruppen nachgedacht noch über Vermarktungsstrategien. Ich wollte es aus purer Bequemlichkeit nicht selber verlegen und mich auch nicht um Vertrieb und andere klassische verlegerische Tätigkeiten kümmern müssen. Ich wollte – im Gegensatz zu „Universalcode“ – einfach nur ein Buch schreiben und ich wollte, dass es veröffentlicht wird. Von einem Verlag. Im Nachhinein würde ich sagen: Wenn man als völlig unbekannter Autor an den Start geht, sind das die allerbesten Voraussetzungen. Und, ach ja: Es schadet nicht, wenn man ansonsten einen Job hat, von dem man leben kann.

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Offen gestanden hatte ich unverschämtes Glück. Weil ich nicht lange nach einem Verlag suchen musste, nicht auf Eigen-PR-Tour gehen und nicht endlos lange Exposés verschicken musste. Stattdessen meldete sich Florian Sonneck bei mir, weil  ihm die Idee und das Thema gefielen. Das hat sich als doppelter Glücksfall erwiesen, weil er nicht nur das Thema mochte, sondern er mich auch einfach hat schreiben lassen. Ich habe während des Schreibens immer wieder mal unfertige Versionen an ihn geschickt, zurück kam immer nur irgendetwas Ermutigendes. Aber kein einziger Versuch, in das Buch einzugreifen. Stattdessen hat er alles Störende von mir fern gehalten und ich musste einfach nur schreiben. Nach all den Jahren in der Digitalisierung, in denen ich zunehmend mehr lernen musste, alles können und tun zu müssen, war dieses back to the roots unglaublich angenehm. Einfach nur schreiben. Sonst nix. Was zwischenzeitlich sogar mal zu dem halb-philosophischen Gedanken geführt hat, ob es nicht auch dem Journalismus ganz gut täte, wenn sich Journalisten einfach nur auf ihren Job konzentrieren könnten. Aber das nur nebenbei.

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Ja, die Journalisten. Natürlich sind sie es, die ganz maßgeblich mit darüber entscheiden, ob ein Buch dann ein Erfolg wird oder in der Masse der jährlichen 70.000 untergeht. Natürlich wusste ich das theoretisch schon vorher, als Journalist habe ich das schließlich oft genug gemacht: ein Rezensionsexemplar auf den Tisch bekommen und dann entschieden, was damit passiert. Loben, kritisieren oder (zumindest aus Autorensicht am schlimmsten) ignorieren. Ich weiß nicht, wie viele Bücher und andere Kulturgüter in meinem Leben gar nicht oder nur wenig gelesen/gehört wieder sonstwo verschwunden sind. Oder die man weiter verschenkt hat oder beim Ausräumen eines Büros einfach dem redaktionsinternen Flohmarkt zur Verfügung gestellt hat.

Insofern war es interessant, einmal die Seiten zu wechseln. Das Insider-Wissen um die mögliche Anschlussverwertung meiner Rezensionsexemplare hatte übrigens durchaus etwas Tröstliches: Wenn sie dann am Ende am Flohmarkt oder bei Ebay landen, ist das immer noch ein schöneres Schicksal als ungelesen im Papierkorb.

Trotzdem, falls Sie selbst mal ein Buch schreiben wollen, machen Sie sich keine Illusionen: Rezensionsexemplare werden gerne und vielfach angefordert. Das heißt aber mal noch so ungefähr gar nichts. Rezensionsexemplare habe ich vom „40jährigen“ in ganz erstaunlichen Mengen verschickt, eines sogar auf deren Anforderung an die Freunde von „Bayern 3“. Man schafft es aber dann nur im aller seltensten Fall in irgendwelche Besprechungen oder auch nur Randnotizen. Man darf also kein allzu sensibles Gemüt haben, wenn man sich auf das Spiel mit dem Kollegen einlässt. Und es schadet nicht, ich wiederhole mich, wenn man ein solches Projekt eines eigenen Buchs mit genau null Erwartungen beginnt. Alles andere würde zum Dauerfrust führen.

Dass „Der 40jährige“ bisher ganz ordentlich funktioniert hat, hat allerdings andere Gründe, als dass ich bisher in den Genus allzu überschwänglicher Rezensionen gekommen wäre (über die, die es gab, hab ich mich natürlich trotzdem gefreut wie Bolle, das gebe ich gerne zu). Zwischenzeitlich landete er bei „Amazon“ mal unter den 10.000 meist verkauften Büchern. Das ist natürlich weit entfernt von einem Bestseller. Aber angesichts dessen, dass es genau null Marketing, null Werbung und auch nicht die Infrastruktur eines großen Verlags gab, fand und finde ich das schon ganz erfreulich. Obwohl sich natürlich zwischendrin mal der Gedanke eingeschlichen hat, wie das wohl wäre, wenn man es mal als Rezension in ein paar Medien schaffen würde. Auf der anderen Seite, 70.000 Bücher pro Jahr, Sie wissen schon…

Zumal ich inzwischen, nach viele Gesprächen und Lektüre, auch begriffen habe, wie der Büchermarkt funktioniert, zumindest in Deutschland (ich meine damit ausdrücklich nicht das Selfpublishing, das sind ganz andere Regeln). Um ein Buch wirklich erfolgreich zu machen, brauchen Sie einen Namen. Wenn Sie den nicht haben, wird es schwierig. Man müsste dann schon einen lucky punch landen. Eines dieser Bücher, die irgendwie oben landen. Weil sie einen Zeitgeist treffen oder aus anderen und manchmal völlig unerfindlichen Gründen gerne gelesen werden. So etwas kann man allerdings nicht wirklich planen. Es passiert – oder eben (in den meisten Fällen) nicht. Ansonsten ist das Geschäft mit den Büchern ein ziemlich enges: Die meisten Menschen kaufen Bücher, weil sie andere auch kaufen. Wer einmal in irgendwelche Listen oder prominent platziert in den Regalen von Buchhandlungen auftaucht, hat es geschafft. Alle anderen kämpfen um einen sehr, sehr überschaubaren Teil der Leserschaft. Führt man sich vor Augen, dass die meisten Romane in Deutschland durchschnittlich gerade mal ein paar tausend Mal verkauft werden, dann bekommt man eine Ahnung, dass Autor zu sein nur in sehr wenigen Fällen eine wirklich lukrative Geschichte ist.

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Im Zeitalter der digitalen Transparenz legen Menschen inzwischen ja auch gerne mal offen, was sie mit ihren Projekten so verdienen. Im Fall des 40jährigen kann ich Ihnen eine ebenso simple wie kurze Antwort auf diese Frage geben: nicht der Rede wert. Weder in absoluten Zahlen und schon gleich gar nicht gemessen an der Zeit, die man in ein solches Buch investiert. Ein wie auch immer gearteter Stundenlohn würde sich im Nano-Bereich bewegen. Trotzdem: Das Gefühl, wenn man sein eigenes Buch in der Hand hält, ist ein unbezahlbares. Weil es die schönste Belohnung für viele Frustphasen ist, die man beim Schreiben dann eben auch hat. Es gibt gar nicht mal so wenige Tage, an denen einem nichts Brauchbares einfällt. Es gibt die Momente, in denen man über bereits Geschriebenes hinweg liest und plötzlich feststellt, dass es gar nicht so großartig ist, wie man bisher glaubte. Es dauert lange, bis es lektoriert und korrigiert ist und man glaubt gar nicht, wie viele Fehler und Unebenheiten man dann trotzdem noch entdeckt. Sogar im veröffentlichten Buch. Deswegen der gute Rat am Rande: Lesen Sie ihr eigenes Buch nach dem Veröffentlichen erst mal nicht, das erspart eine ganze Menge an Frust und Ärger. Da tröstet nicht mal die Aussicht, dass es am Ende ja dann doch nicht so rasend viele Menschen sind, die es jemals lesen werden. Wenn man so viel Zeit und Energie in ein Projekt steckt, dann ärgert man sich über jeden Fehler.

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Apropos Zeit und Energie: Ich komme nur noch selten in die Verlegenheit, irgend etwas rezensieren zu müssen. Ich bin mir aber, nachdem ich für den 40jährigen mal die Seiten und die Perspektiven gewechselt habe, gar nicht mehr sicher, ob ich für einen solchen Job noch geeignet wäre. Vermutlich wüsste ich inzwischen  zuviel über die Arbeit, die hinter einem lang angelegten kreativen Projekt steckt, als dass ich es mal nebenher verreissen könnte.  Dabei, das wissen wir ja alle, ist ein locker geschriebener Verriss eine hübsche Sache, vor allem, wenn man ihn selber schreibt. Inzwischen kann ich jeden Autoren oder Musiker verstehen, der sagt, er lese nicht, was Journalisten über ihn schreiben. Obwohl mir das Schicksal eines Verrisses bisher erspart geblieben ist, kann ich mir vorstellen, wie ich mich fühlen würde, wenn jemand das Ergebnis meiner monatelangen Arbeit auf 80 Zeilen als völligen Blödsinn abtun würde. Selbst, wenn er im Kern seiner Kritik vielleicht sogar recht hätte.

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Viel Arbeit, wenig bis gar kein Lohn und dazu womöglich auch noch hämische Kritiken von Journalisten – warum tut man sich es an, Bücher zu schreiben, angesichts dieser herrlichen und leider gar nicht mal so unrealistischen Aussichten? Ich habe keine wirklich gute Antwort auf diese Frage. Außer dieser einen: Ich glaube dass man speziell in kreativen Berufen (dazu gehört für mich im Übrigen auch immer noch und trotz alledem der Journalismus) Dinge nur dann gut machen kann, wenn man sich für sie begeistert, wenn man sie gerne und mit Leidenschaft macht. Ja, ich weiß, davon alleine kann man schlecht leben. Trotzdem: Wie trostlos ist eigentlich die Vorstellung, Dinge nur zu tun, weil man womöglich davon leben kann? Ich will kein armer Poet in der Tonne werden, aber einen Brotjob zum Geldverdienen alleine möchte ich auch nicht machen.

Und deswegen: schreibe ich gerade am Manuskript für das nächste Buch. Ob es jemals jemand lesen wird? Das weiß ich doch heute noch nicht.

Und ganz ehrlich: Eigentlich ist es mir auch egal. Beinahe zumindest.

Mehr demnächst.

Irgendwas mit Innovation

Vorweg: Lesen Sie diesen Text nur, wenn Sie gute Nerven haben. Lesen Sie ihn nicht, wenn Sie möglicherweise Freiberufler werden wollen und romantische Vorstellungen von dieser Form des Arbeitens haben. Und lesen Sie ihn vor allem dann nicht, wenn Sie diese Vorstellungen auch noch auf den Zustand unserer Medienbranche ausweiten.

Es soll ja keiner sagen, die Branche reagiere nicht auf die paar läppischen Veränderungen, denen sie sich ausgesetzt sieht. Im Gegenteil: Nirgendwo wird so viel fort-, weiter- und umgebildet wie in dem Medien. Es gibt ganze Unternehmungen, die sich irgendwas mit Innovation in den Namen schreiben, es gibt selbstredend englische Institutsnamen und auch solche, die sich mal eben „Lernen mit den Besten“ zum Claim des eigenen Programms machen. Es werden ganze Think Tanks aus der Taufe gehoben, deren Arbeit mit Konferenzbänden in Buchform dokumentiert wird. Es wird gecampt, geworkshopt, geconferenced, dass es eine wahre Freude ist. Man darf also davon ausgehen, dass die Medienbranche die weitergebildeste Branche auf dem ganzen Planeten ist und dass es nur einen zukunftsträchtigen Beruf geben kann: Dozent in der Weiter- und Ausbildungsbranche bei den Medien. Und man wundert sich, wieso man trotz dieses umfangreichen Angebots immer wieder mal noch auf vereinzelte Menschen stösst, die diese Sache mit dem „alles neu“ noch nicht so richtig verstanden haben. Aber womöglich legt sich die Verwunderung wieder, wenn man einen kleinen Blick hinter die Kulissen wirft. Wenn man dann plötzlich feststellt, dass es ausreichend Veranstalter gibt, denen man gerne ein paar Fortbildungen verpassen würde. Sowohl inhaltlich als auch organisatorisch. Drei kleine Geschichten aus dem wahren Leben, von denen ich nach etlichen Gesprächen mit Kollegen leider etwas weiß, was schon der gute alte Eduard Zimmermann in „Aktenzeichen XY“ wusste: Und das ist leider kein Einzelfall.

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Man freut sich ja immer, wenn man ein bisschen was vom Glanz eines Claims abbekommt. In diesem Fall lautete er „Lernen mit den Besten“ und natürlich war ich wahnsinnig stolz, zu diesen vermeintlich Besten zu gehören. Also nahm ich einiges in Kauf, eine etwas holprige Vorbereitung, ein eher bescheidenes Briefing auf die eigentliche Veranstaltung. Und sogar die Tatsache, dass ich selbst knapp drei Wochen vor Beginn weder etwas über meine Anreise noch über meine Unterbringung noch über die Zahl und das Vorwissen der zu erwartenden Teilnehmer wusste. Vor allem letzteres ist ziemlich unangenehm. Weil sowas durchaus öfter vorkommt (dazu später noch mehr) und man dann wie ein Depp vor den Teilnehmern steht, weil man ihnen wahlweise viel zu viel abverlangt oder sie komplett unterfordert. Der Depp ist man trotzdem und man wünscht sich in solchen Momenten kaum etwas mehr als einen Veranstalter, der zu einem halbwegs ordentlichen Briefing in der Lage ist. Weil ich leider im Tiefsten meines Herzens ein ausgesprochen höflicher und von Eltern und Schule bestens erzogener Mensch bin, habe ich nachgefragt. Ob man mir denn sagen könne, wie ich anreise, wo ich untergebracht bin und wer so in etwa meine Teilnehmer sind. Die Antwort kam dann auch schon prompt nach gerade mal zwei Erinnerungen. Erstens habe man sich über die Anreise noch nicht so richtige Gedanken gemacht, zweitens auch nicht über die Teilnehmer als solche und drittens stellte man fest, dass es so rasend viele Teilnehmer wohl auch nicht werden. Deswegen sage man meinen Workshop ab, biete mir aber freundlicherweise einen halben Tagessatz als Ausfallhonorar an.

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Das scheint ja überhaupt so ein Grundproblem zu sein, sich vorher über solche Banalitäten wie Teilnehmer und deren Vorkenntnisse ein paar Gedanken zu machen. Es ist mir beispielsweise auch schon passiert, dass ich in einem vierwöchigen Camp etwas entwickeln sollte, was irre innovativ und am besten schon sendefähig fürs TV ist. Das ist natürlich auf vier Wochen schon ein ziemlich ambitioniertes Ziel, aber gut, mit den richtigen Leuten vielleicht sogar irgendwie hinzukriegen. Insofern war ich sehr gespannt auf die Ausschreibung und auf die Leute. Blöd nur, dass die Ausschreibung erst wenige Wochen vor der Veranstaltung losging. Am Ende saß ich da mit ein paar Teilnehmern, von denen zwei keinerlei redaktionell-journalistische Erfahrung hatten und die allermeisten eher am Anfang standen. Zwei oder drei waren in etwa so, dass man tatsächlich so ein ambitioniertes Vorhaben hätte starten könne. Am Ende der Veranstaltung gab es dann auch irgendein Ergebnis, aber ganz sicher keines, das man als innovativ oder womöglich sogar sendefähig bezeichnen hätte können. Sie dürfen raten, wer am Ende mehr oder weniger als Knalltüte dastand.

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Ziemlich knalltütig kam ich mir auch vor, als mich eine Fachhochschule im Osten Deutschlands bat, an der Entwicklung eines Kongresses teilzunehmen. Immerhin durfte ich dafür nicht nur eine Keynote sprechen, sondern mich auch Chairman nennen. Ein keynotespeaking chairman wollte ich schon immer mal sein, weswegen ich alle gebotene Vorsicht über Bord warf und zusagte. In den folgenden Monaten entwickelte ich dann fleißig mit, arbeitete an einem Text für den später geplanten Konferenzband (läppische 25 Seiten), tüftelte an meiner Keynote und buchte meine Reise. Eineinhalb Wochen vorher fiel dem Veranstalter ein, dass die Resonanz auf die Veranstaltung etwas müde sei und man deswegen das Programm etwas reduzieren müsse. Dem fielen auch meine Keynote und mein Workshop zum Opfer – aber immerhin bot man mir an, meinen Text im Konferenzband dennoch veröffentlichen könne. Völlig kostenfrei für mich! Ist das nicht nett und großzügig? Ausfallhonorar und Kostenerstattung für die Anreise gab´s leider aber auch nicht.

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Möglicherweise also könnte es passieren, dass ich Ihnen, falls sie mich anfragen, solche Dinge wie Ausfallhonorare etc. explizit in den Vertrag schreibe. Und noch ein paar andere Dinge, die erst einmal potenziell unfreundlich klingen. Ist nicht so gemeint, glauben Sie mir. Aber weil man selbst im hohen Alter nie auslernt, schließe ich nichts mehr aus.

Nicht mal, dass die ohnehin etwas verfallenen Sitten in unserer Branche noch mehr verkommen.

Zeitung lebt – da, wo sich nichts ändert

Die Regionalzeitung lebt. An manchen Stellen sogar richtig gut. Dumm nur: Sie lebt nur noch überall da richtig gut, wo die Menschen kaum andere Alternativen haben. Mit Eigenleistung und Zukunftsfähigkeit hat das leider nichts zu tun.

Wir Niederbayern halten es ein bisschen so wie der gute alte Bernd Stromberg: Wir haben kein Problem mit Autoritäten, wir mögen es nur nicht, wenn uns jemand sagt, was wir zu tun und zu lassen haben. Deswegen machen wir manchmal Dinge, die einer gewissen Bockigkeit entspringen. Beispielsweise Menschen in Ämter zu wählen, obwohl dies erstens nicht den Konventionen entspricht und zweitens von „Autoritäten“ und anderen vermeintlichen Obrigkeiten nicht sehr gerne gesehen wird. Deswegen hat der Landkreis Regen im Bayerischen Wald vor nicht allzu langer Zeit jemanden ins Amt des Landrats gewählt, der so gar nicht den handelsüblichen Vorstellungen eines Landrats entspricht: Sozialdemokrat, bekennend schwul und noch nicht mal 30 Jahre alt. Das besondere an den Niederbayern ist, dass dies noch lange nicht bedeutet, dass sie nicht doch im Tiefsten ihres Herzens stockkonservativ sind. Der Landkreis Regen ist ansonsten immer noch eine sichere Bank für den Dreiklang CSU, Kirche – und Presse.

Das muss man wissen, bevor man sich die folgende Meldung zu Gemüte führt: Die Passauer Neue Presse gehört zu den erfolgreichsten Regionalzeitungen Deutschlands. Zumindest mit ihrer Lokalausgabe in Regen. Dort lesen ungewöhnlich viele Menschen immer noch die Heimatzeitung. Mehr als in den allermeisten anderen Regionen Deutschlands. Vermutlich wird sich der eine oder andere in Passau stolz auf die eigenen Schultern geklopft haben. Und der eine oder andere Blattmacher im Land auch: alles Unkenrufe, diese digitalen Untergangspropheten, oder?

Zumal eine Analyse im Branchendienst „Meedia“ auch noch etliche andere Regionen zutage gefördert hat, in denen die Regionalzeitungen immer noch sehr gut dastehen. Wenn man sich zudem vor Augen führt, dass vor allem die größeren unter den Regionalzeitungs-Verlagen immer noch sehr anständige Umsatzrenditen erwirtschaften, über die sich viele andere Branchen freuen würden, kann man es sich also leicht machen und den Veränderungsaposteln ein elegantes „Was wollt ihr eigentlich“ entgegen schleudern.

Eher ungewollt zeigt die Meedia-Analyse aber genau das Kernproblem auf: die mangelnde Zukunftsfähigkeit. Denn egal, ob es der Landkreis Regen ist oder irgendeine Region im Norden, über die ich nicht sehr viel weiß, das Grundmuster ist immer verblüffend ähnlich. Stark sind die Lokalblätter vor allem da, wo es zum einen einen gewissen Strukturkonservatismus gibt und wo zum anderen die Menschen auch gar keine großartigen anderen Alternativen haben. Der Landkreis Regen war schon immer eine PNP-Bastion, auch bedingt durch die Tatsache, dass es dort keine andere Tageszeitung gibt. Auch im Landkreis Straubing-Bogen, in dem der Neu-AZ-Verleger Martin Balle residiert und der ebenfalls zu den Hochburgen der Regionalzeitungen gehört, ist das nicht anders. Das „Straubinger Tagblatt“ gehört seit jeher zum CSU-Kirche-Presse-Dreiklang, der Landkreis ist ein sicherer Garant für CSU-Ergebnisse jenseits der 60-Prozent-Marke und die Kirche muss man dort nicht im Dorf lassen, weil sie nie weg war. Das ist im Übrigen nicht spöttisch gemeint und auch nicht böse: Ich bin in Straubing geboren und würde mich nur ungern selbst in die Pfanne hauen.

Aber die vermeintliche Jubelmeldung hat eben auch ihre eindeutige Kehrseite. Weil sie zeigt, dass überall da, wo die mediale Zukunft schon ein bisschen weiter fortgeschritten ist, das Modell Tageszeitung auf dem Rückzug ist. Und dass es im umgekehrten Fall zum einen die Trägheit der Massen ist, die sie vor einer größeren Kross vorerst noch bewahrt. Und zum anderen die Monopolstruktur, die in vielen Regionen Deutschlands noch herrscht, wenn es um lokale Medien geht. In rund 80 Prozent des Landes gibt es eben nur die eine lokale Tageszeitung – da existiert dann auch nur die Wahl zwischen einer oder keiner Zeitung, was keine so richtig gute Wahl ist. Strukturwandel geht an manchen Stellen schneller und in Regen und in Straubing und irgendwo im flachen Norden etwas langsamer.

Was die Verlage an dieser Entwicklung erschrecken müsste: Bei all diesen Gründen, die ihren Niedergang an manchen Stellen verlangsamen, ist nicht ein einziger dabei, der irgendwas mit ihren verlegerisch-publizistischen Leistungen zu tun hat. Auch in Regen oder in Straubing oder irgendwo in Norddeutschland macht man nur ein etwas aufgehübschtes business as usual. Die Regener Ausgabe der PNP verkauft sich ja nicht deswegen so gut, weil sie eine Lokalzeitung ganz neuer und moderner Prägung ist. Sondern weil sie so ist wie sie immer gewesen ist. So ist das nun mal auf dem Land. Wenn ein Trend in Regen oder Straubing ankommt, darf man sicher sein, dass er in München schon lange tot ist.

Ein Trugschluss wäre es allerdings auch, sich einfach darauf zu verlassen, dass die Menschen auf dem Land einfach so weitermachen wollen und es schon alleine deswegen auch die nächsten Jahrzehnte genug Potenzial für das Blatt alter Prägung geben wird. Die Landflucht und der Bevölkerungsrückgang sind in vollem Gange, auch im seligen Bayern.

Mit am stärksten betroffen übrigens: der Landkreis Regen.

Das Duracell-Häschen Journalismus

Immer mehr, immer schneller, immer echtzeitiger: Möglich ist im Journalismus inzwischen ungefähr alles. Die Frage, ob das auch wirklich alles Sinn macht, stellt sich allerdings mittlerweile mehr denn je.

Eine Bekannte ist heute aus einem dreiwöchigem Urlaub zurückgekommen. Vom anderen Ende der Welt. Drei Woche lang ohne: Netz, Handy, Zeitungen und nahezu auch ohne TV. Als sie zurückkam, stellte sie die Frage, die man nach drei Wochen am anderen Ende der Welt eben so stellt: Und, war was? Ich musste ein bisschen angestrengt nachdenken, zumal mir die drei Wochen eher vorkamen wie eine – um dann zu antworten: nein, eigentlich nicht. Was natürlich glatt gelogen war, weil irgendwas ja immer ist. Aber wenn man einem Menschen nach drei Wochen Totalabwesenheit sagen soll, ob was wirklich Wichtiges passiert ist, dann legt man den Maßstab gerne etwas strenger an. Und dann kommt man in den meisten solcher Fälle nahezu zwangsläufig auf die Antwort: nein.

Das ist ziemlich verblüffend auf den ersten Blick. In diesen drei Wochen haben Journalisten schließlich jeden Tag jede Menge zu erzählen gehabt. Bisher ist noch von keiner Redaktion bekannt, dass sie mal für einen Tag nichts publiziert hätte, weil sie der Auffassung war, dass das alles jetzt so wahnsinnig wichtig auch wieder nicht ist. Im Gegenteil, das Grundrauschen nimmt jeden Tag ein bisschen mehr zu. Die Kollegen vom „Nordbayerischen Kurier“ tickerten jetzt sogar mal was über das Erblühen der lokalen Titanwurz. Die Titanwurz ist, soweit ich das richtig verstanden habe, eine Pflanze, die ziemlich stinkt, dafür aber leider nur ausgesprochen selten blüht. Das ist lokal bestimmt ein großes Ereignis, aber irgendwie habe ich mir die Frage gestellt, wie das wohl früher war, als die Menschen noch nicht in Echtzeit über die Fortschritte eines stinkenden Seltenblühers auf dem Laufenden gehalten wurden.

Nein, keine Sorge: Jetzt kommt keine Altmännernostalgie im Sinne von „früher war alles besser“. (Wenn Sie so etwas wollen, empfehle ich Ihnen an dieser Stelle schamlos „Der 40jährige, der aus dem Golf stieg und verschwand“). Und ich beklage mich auch keineswegs über die vielen wunderbaren Möglichkeiten, die wir Journalisten inzwischen mit Echtzeit-Tools, sozialen Netzwerken und mobilen Anwendungen an die Hand bekommen. Im Gegenteil, ich bin mir sicher, dass man das beherrschen muss. Die Frage ist viel eher: Was machen wir daraus? Ich vermute, dass wir jetzt und in Zukunft noch viel mehr der Aufgabe der journalistischen Selektion nachkommen müssen. Weil wir zwar inzwischen jeden Pups twittern, filmen, fotografieren und anschließend posten können, wir aber uns selbst, dem Journalismus und vermutlich auch dem Publikum keinen sonderlichen Gefallen damit täten. Gerade dann, wenn man quasi die ganze Welt irgendwo und irgendwie in Echtzeit erleben kann, wäre es guter Journalismus, die Dinge herauszufiltern, die über die Bedeutung des Pupses hinausgehen. Oder anders gesagt: die Dinge zu erzählen, die über die atemlos herausgehauene Eilmeldung hinausgehen. Wenn man sich die Geschichte von der drei Wochen lang verschollenen Bekannten vor Augen führt, dann bekommt man eine Ahnung, wie viel Nonsens und Bedeutungsloses man in der Zwischenzeit wohl konsumiert haben könnte.

Der Kollege Richard Gutjahr hat jetzt in seinem Blog erzählt, wie sich sein Leben und sein Job durch die Digitalisierung gewandelt haben. Wie er seither an jeder beliebigen Stelle der Welt irgendetwas veröffentlichen kann und sich seither der Begriff „Feierabend“ aus seinem Leben verabschiedet hat. Das kann man so machen und nachdem Richard damit ja auch alles andere als unerfolgreich ist, gibt es daran nicht sehr viel zu kritisieren. Es geht also nicht um Kritik an diesem Beitrag, wenn ich an dieser Stelle erzähle, warum ich das nicht (mehr) so mache. Und auch künftig nicht mehr machen will. Das hat nicht nur mit sehr persönlichen Erwägungen zu tun und damit, dass ich es mittlerweile zu schätzen weiß, wenn ich mal im eigenen Bett schlafen kann. Sondern auch damit, dass ich nicht für mich selbst, sondern auch für andere gleich mit glaube, dass Beschleunigung und Information seine Grenzen hat. An diese Grenzen stößt man, wenn man nicht mehr in der Lage ist, Dinge einzuordnen. Wenn man auf drei, vier, fünf Kanälen gleichzeitig unterwegs ist, wenn man also all das tut, was heute irgendwie en vogue ist. Nein, ich bin jetzt nicht plötzlich zum Digital-Skeptiker mutiert. Ich glaube nur nicht daran, dass es sinnvoll ist, Dinge zu tun, bloß weil man sie tun kann. Ich glaube auch nicht, dass Journalismus besser wird, wenn man ihn wie wild in irgendwelche Kanäle schüttet. Genauso übrigens, wie ich inzwischen glaube, dass es eine gute Sache ist, ab und an das Handy auszuschalten, nicht erreichbar zu sein und auch mal selbst die Klappe zu halten. Omnipräsenz kann irgendwann mal in das Gegenteil umschlagen und furchtbar zu nerven beginnen. Ein bisschen kommt mir der Journalismus gerade vor wie ein aufgedrehtes Duracell-Häschen.

Exemplarisch für die eigentlichen Aufgabe von Journalisten sind diese großen Webreportagen, von denen jetzt alle reden und die irgendwie so furchtbar chic sind. Natürlich ist es großartig, wenn man jetzt mit Werkzeugen wie „Pageflow“ vergleichsweise simpel Videos, Audios, Foto, Texte und alles andere auf eine Seite packen kann und das auch noch richtig gut aussieht. Aber wenn man sich mit dieser Spielart des Journalismus mal näher beschäftigt und selbst versucht, ein solches Stück zu produzieren, dann stellt man schnell fest, dass die Selektion das eigentlich Komplexe daran ist. Der Neigung, mal eben alles, was man irgendwie hat, in eine solche Reportage reinzupacken, ist einigermaßen groß. Aber Sinn macht das nie.  Und wenn man dann vor der Frage steht, was man jetzt wie miteinander kombiniert, damit es nicht nur gut und beeindruckend aussieht, sondern unter dem Strich eine gute Geschichte ergibt, stellt man fest, wie schwierig das ist. Das ist sinnbildlich für alles andere, was gerade im Journalismus passiert: Natürlich kann man mühelos jeden Kanal bespielen, der einem gerade in den Sinn kommt. Aber was haben wir selbst davon? Und vor allem der Nutzer, jenes bedauernswerte Wesen, das wir jetzt bombardieren, wo es gerade steht und geht.

Dieser zu Tode gerittene Satz, man müsse den Nutzer abholen, wo er sich gerade befindet, wird also immer weniger richtig. Wichtiger ist es, sich zu überlegen, wo er was bekommen wollen könnte. Und mit was er wirklich etwas anfangen könnte, statt ihn einfach zuzutickern und eilzumelden. Ihn mit inflationärem und atemlosen Kram zu quälen ist auch aus anderen Gründen wenig sinnvoll: Wenn wir wirklich wollen, dass Menschen Journalismus wertschätzen und in deshalb letztendlich auch finanzieren, dann sollten wir aufhören, ihn immer wahlloser zu betreiben. Manchmal erinnern mich Medien zunehmend mehr an einen vollgestopften Briefkasten, aus dem man genervt eine Menge Papier rausholt, um es dann ungelesen wegzuwerfen. Kein Wunder übrigens, dass man den Aufkleber „bitte keine Werbung“ an immer mehr Briefkästen findet. Möglicherweise wäre es bei diesen ganzen Debatten um vielkanaligen Journalismus eine Überlegung wert, dass es immer auch einen Punkt gibt, an dem es einfach zu viel wird.

Ich habe übrigens mein Smartphone in den letzten Monaten ziemlich von Apps entrümpelt. Ich nutze kein Foursquare mehr, kein Path und etliches anderes Zeug auf nicht mehr. Weil ich mich irgendwann mal an irgendeinem Flughafen dabei ertappt habe, wie absurd es ist, was ich da mache. Ich zücke das Handy, sofort nachdem die Maschine gelandet ist – und tue Dinge, die weder mir noch anderen irgendwas bringen. Ich checke bei Foursquare ein, melde mich bei Path, poste was bei Facebook und twittere, gerade eben glücklich gelandet zu sein. Ich beantworte, fave und like irgendwelche mittelguten Kommentare zu überflüssigen Einträgen und lese nebenher noch schnell, bevor ich ins nächste Taxi steige, Eilmeldungen und Ticker. An diesem ominösen Tag hatte ich abends den Eindruck, kurz vor der Verblödung zu stehen und außerdem viel zu viel Zeit mit Dingen verbracht zu haben, die ich nicht machen wollte und die keinen echten Nutzen für mich hatten. Am Ende dieses Tages hatte ich zudem das Gefühl, jemand anderem und mir selbst auch nicht mehr erklären zu können, was ich da eigentlich den ganzen Tag gelesen und gemacht hatte. Hängengeblieben war ungefähr nichts – und ich hatte mal wieder dieses schöne Bild vor mir von jemandem, der sehr viel Durst hat, deswegen versucht, aus einem Gartenschlauch zu trinken und am Ende zwar klatschnass ist, aber immer noch irre viel Durst hat.

Das Interessante daran ist: Ich habe nicht das Gefühl, dass mir irgendwas fehlt, seit ich die digitale Entrümpelung vorgenommen habe. Im Gegenteil: Seitdem fühle ich mich zunehmend klarer im Kopf (bitte ersparen Sie sich an dieser Stelle schlechte Witze über meinen Geisteszustand). Ich habe auch nicht das Gefühl, dass den Menschen in meinem Umkreis irgendetwas fehlt, seit sie nicht mehr wissen, wo ich gerade bin und nicht mehr jeden Tag mit 27 Tweets zugeballert werden.

Schön also, dass die Menschheit und die Medien langsam wirklich in der digitalen Welt ankommt. Was wir in und aus dieser Welt machen, ist aber immer noch eine ziemlich offene Frage.