Die Sache mit der DNA

Stellenabbau und die Suche nach bewährten Männern: Die Branche will neue Probleme mit alten Methoden lösen. Was fehlt: die Bereitschaft zu radikalem Umdenken.

Beim „Stern“ haben sie für die Nachfolge von Dominik Wichmann offensichtlich ein wichtiges Kriterium gehabt: die DNA. Genauer gesagt: die „Stern“-DNA.  Beim „Focus“ wird der designierte Chef Ulrich Reitz gepriesen als einer, der die „Focus-DNA“ in sich trägt. Ob sie beim „Spiegel“ Wolfgang Büchner jetzt auch zum Vorwurf machen, dass er die DNA des Blatts zu wenig in sich trägt, weiß ich nicht, aber möglich wär´s zumindest.

Man könnte also glauben, dass insbesondere „Stern“ und „Focus“ in den letzten beiden Jahren nur einen gravierenden Fehler gemacht haben. Nämlich Chefredakteure mit fehlender DNA zu berufen. Nachdem man diese Fehler jetzt spektakulär korrigiert haben, kann es ja dann nur noch aufwärts gehen.

Und mittendrin in diese Sache mit der DNA kommt dann eine solche Meldung: Gruner&Jahr will in den kommenden Jahren 400 Stellen abbauen. Nicht mal betriebsbedingte Kündigungen sollen ausgeschlossen sein. Bei den Tochterunternehmen soll das nicht zutreffen, dort hat man stattdessen – im schönsten PR-Sprech – „Effizienprogramme initiiert“. Wäre man ein bisschen böse, man könnte sagen:  Es gehört wohl zur Medienmanagements-DNA, dass man in Zeiten wie diesen sein Heil im Stellenabbau und der, ähm, Effizienz sucht.

Nachdem ich kein Betriebswirt bin und auch die internen Strukturen in einem Haus wie Gruner&Jahr nicht kenne, kann ich über die Notwendigkeit von solchen Sparprogrammen nicht urteilen; vermutlich ist sie sogar vorhanden, diese Notwendigkeit. Aber ein bisschen wundern darf man sich schon. Da steht die ganze Medienwelt vor völlig neuen Herausforderungen – und alles, was zur Problemlösung da ist, sind die alten Mittel? Die DNA und ein paar Sparprogramme?

Tatsächlich steht vor allem beim Thema Digitalisierung ein großes Defizit in den Büchern der meisten Häuser. Auch in Hamburg hatte die G&J-Chefin Julia Jäkel ja schon vor Jahresfrist eine Art Digitaloffensive angekündigt, die in communities of interest münden sollten. Das klingt ziemlich chic und modern, viel zu sehen ist am Markt bisher aber nicht davon. Die G&J-Maschine läuft immer noch wie ein behäbiger Tanker. Beim publizistischen Schlachtschiff „Stern“ beispielsweise ist der Umgang mit digitalen Erzählformen so konventionell und eingefahren, dass man an der Frage, wie man sich dort eine journalistische Zukunft in einer digitalen Welt vorstellt, kaum vorbeikommt. Mit ein bisschen alter Stern-DNA? Und einer Facebook-Seite, die als Linkschleuder und Social-Media-Attrappe dient? Das wäre vielleicht 2009 state of the art gewesen. Im Jahr 2014 und im Zeitalter des transmedialen Storytellings wirkt das wie ein Relikt aus alter journalistischer Zeit.

Nebenbei bemerkt: Ich frage mich ja immer, wie es geht, dass man sein „Digital-Geschäft deutlich ausbaut“, massig neue Titel lanciert und gleichzeitig 400 Jobs abbaut, aber das liegt wohl daran, dass ich kein Betriebswirt bin.

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Bei „Arte“ lief übrigens am Dienstag die ziemlich großartige Reportage „Journalismus von morgen – Die virtuelle Feder“. Dort wird viel Wahres erzählt und nebenbei muss man beim Anschauen des Films konzedieren, ob man sie mag oder nicht, dass sie bei Springer in Berlin strategisch am meisten kapiert haben. Man muss Kai Diekmann und die „Bild“ nicht mögen, aber man wird vermutlich aus Diekmanns Mund nie hören, man könne das Boulevard-Blatt nur retten, wenn man jede Menge „Bild“-DNA in sich trage. Im Gegenteil: Kaum jemand hat sich so radikal neu erfunden wie Diekmann, kaum jemand ist strategisch so weit gegangen wie „Bild“.

Den Film habe ich übrigens hauptsächlich via Mail und Social Media wahrgenommen. Angeschaut habe ich ihn dann auf dem iPad. Irgendwann mittags, als ich Zeit und Lust hatte. Sie können, wenn Sie mögen, sich ihn hier auf dieser kleinen Seite anschauen. So funktionieren Medien heute.

Mit alter DNA hat das nicht mehr sehr viel zu tun. Man würde den Dickschiffen der Branche eher wünschen, sie würden sich mal nach ein bisschen neuer DNA umschauen.

 

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