Blattkritik für die „Rhein-Zeitung“

Lieber Sascha Lobo, lieber Christian Lindner,

erstmal muss ich Dir und Ihnen gratulieren zu einem wirklich gelungenen Marketing-Coup; man weiß ja zumindest vom Kollegen Lobo, dass er von (Eigen-)Marketing ganz enorm viel versteht. Die Idee also, die „Rhein-Zeitung“ für einen Tag von Sascha Lobo als Chefredakteur machen zu lassen, ist zumindest sehr öffentlichkeitswirksam und letztendlich natürlich auch ein interessantes Experiment — kann es der, der den Dinosauriern immer sagt, was sie alles falsch machen, wirklich besser?

Bevor wir also lange über die Marketing-Aspekte dieser Aktion debattieren (die mir ehrlich gesagt eher gleichgültig sind), ergänzen wir diese fröhliche Runde Lobo-Lindner noch um eine dritte Sache. Eine  (öffentliche) Blattkritik dieser Ausgabe, für die sich ungefragt und unentgeltlich Christian Jakubetz zur Verfügung stellt.

Beginnen wir mit dem, mit dem Blatkritiken immer beginnen: mit der ersten Seite. Gelesen und gehört habe ich, dass Sascha Lobos chefredaktionelle Maxime gewesen sein soll, die Redaktion dürfe einen Tag mal schreiben, auf was sie Lust habe. Gewünscht hätte ich mir bei der Aufmachergeschichte, dass amtierender und Eintageschefredakteur vielleicht doch noch mal präzisere Angaben machen von dem, was sie eigentlich wollen. „Schreib mal, worauf du so Lust hast“, lieber Sascha, das funktioniert bei uns Bloggern vielleicht und leidlich; eine Zeitung, noch dazu eine Regionalzeitung für die Region Koblenz, tickt so nicht. Der Leser übrigens auch nicht. Insofern war ich ziemlich über euer Aufmacherstück erstaunt, das sich zwar hübsch liest und in dem auch bestimmt kluge Gedanken stehen.

Um ehrlich zu ein: Dieses Stück und diese Themenauswahl entsprechen ziemlich genau dem, was ich bei vielen Regionalblättern als furchtbar störend empfinde. Diesen Drang nach Wichtigkeit und Bedeutsamkeit, dieser unbedingte Wille, mehr sein zu wollen als „nur“ Lokaljournalist. Nicht falsch verstehen, ich halte Lokaljournalismus für wichtig und für ehrenwert. Aber warum, zur Hölle, müsst ihr dann auf der ersten Seite einer Zeitung für Koblenz ein Essay über das Leid der Vergessenen schreiben? Um zu zeigen, dass ihr es könnt?  Ein wenig kleiner hattet ihr es nicht gerade? Ihr könnt es, ich glaube es euch ja. Und jetzt hätte ich wieder gerne Themen meiner Zeitung, meiner Region. Ein wenig habe ich übrigens auch den Verdacht, dass bei der Auswahl dieser Aufmachergeschichte auch ein wenig das urbane Boheme-Dingsdibumms von Sascha Lobo durchgekommen ist. Man liest sowas sicher gerne in Kreuzberg auf dem Mac-Book. In Koblenz würde ich sagen: zielsicher am Leser vorbeigeschrieben, liebe Freunde.

Das alles gilt eingeschränkt auch für den Zumacher auf der Seite. Ein Spitzenökonom des DIW fordert einen Mehrwertsteuersatz von 25 Prozent und weiß genau: Das ist politisch nicht durchsetzbar. Und der Steuerzahlerbund (gut gemeint, dass es der in RLP ist, aber das scheint dann doch ein Alibi zu sein, um die Geschichte machen zu könen) sagt: Das ist politisch nicht durchsetzbar. Darauf kommt ihr dann auch in der Überschrift, die  da lautet:

Auch das ist so eine Art Journalismus in Regionalzeitungen, die mir nicht einleuchten mag. Sie ist gleichzeitig archetypisch für das, was in Deutschlands Mittelstandszeitungen passiert. Man muss immer groß und bedeutsam sein.  Deswegen also das Steuerthema, das man en passant versucht, „aufs Lokale runterzubrechen“ (Steuerzahlerbund RLP!). Schon mal über die Relevanz dieser Geschichte nachgedacht? Ich habe in der gesamten Nachrichtenagenda des gestrigen Tages niemanden gefunden, der eine Einzelforderung, von der wir wissen, dass sie nicht durchsetzbar ist, so hoch gewichtet hat wie ihr. Böse gesagt: eine Nullmeldung für die Nachrichtenspalte auf Seite 7, unnötig zu einer nicht vorhandenen Bedeutungsschwere aufgeplustert hat. Das wäre in etwa so, als würdet ihr melden, dass Jogi Löw die Forderung einzelner Bayern-Fans zurückgewiesen hat, Franz Beckenbauer als Spieler zu reaktivieren. Und dann fragt ihr noch den Trainer der TuS Koblenz, was der dazu sagt (vermutlich wird auch er das als nicht so gut machbar zurückweisen).

Und dann dachte ich mir (wenn wir schon bei Beckenbauer sind): Schaun mer mal, wo es denn ist, das Lokale auf Seite 1. Lange gesucht, dann gefunden. Hier:

Links unten also quetscht ihr einen Elfzeiler mit einem lokalen Thema rein. Stellt sich mir die Frage: Wie ernst meint ihr es eigentlich mit dem angekündigten Wandel zu einem regionalen und relevanten Medium? Und, lieber Sascha Lobo: Wie intensiv hast du dich eigentlich wirklich mit dem Medium lokale Tageszeitung auseinandergesetzt? Wenn das jedenfalls deine Bewerbungsarbeit für einen Job als Chefredakteur einer solchen Zeitung wäre, würde ich nach dieser Titelseite sagen: Versuchen Sie es doch mal bei der taz, junger Mann. Sie sind bestimmt klug und talentiert, aber für diesen Job vielleicht eher ungeeignet.

Die Tendenz setzt sich dann auf Seite 2 fort. Natürlich liegt es nahe, dass der Chefredakteur für einen Tag auch den Leitartikel schreibt. Und dass der irgendwie was mit der Internet zu tun hat, geschenkt. Aber auch hier wieder der Praxistest: Eine Regionalzeitung für Koblenz schreibt über die Wirkung des Internets? Warum? Wer soll das lesen, wen soll das interessieren?

Und: Wie groß, glaubst Du, lieber Sascha, ist die Bereitschaft des durchschnittlichen RZ-Lesers, sich nach einem ewig langen Essay auf Seite 1 noch ein ewig langes Essay auf Seite 2 anzutun, wenn beide Essays für ihn tendenziell eher abstrakt und nichtssagend sind? Da scheint es mir doch einen erheblichen Realitätsverlust zu geben. Um es deutlich zu sagen: Die Bedeutung von Sascha Lobo in der realen Koblenzer Welt ist deutlich unterhalb von der bei Twitter anzusiedeln, das Interesse für deine Ausführungen und das Thema Internet sind dort wahrscheinlich ebenfalls nicht mal im Ansatz so ausgeprägt wie in irgendwelchen sozialen Netzwerken. Welchen Stellenwert hat das Netz eigentlich in der Region Koblenz? Wie ist die Durchdringung mit Breitbandanschlüssen,  wie nutzen Firmen und Privatmenschen das Netz dort? Das hätte mich interessiert als Koblenzer. Und aus all diesen Gründen decken wir über den Rest der Seite 2 ebenfalls den Mantel des Schweigens.

Seite 3, die ist prima, wirklich. Wie fühlt sich das Lebens um 12 Uhr mittags in der Region an, schönes Thema, schön umgesetzt, spannend, relevant regional. Ebenso die Geschichte der „Wein-Favoriten“ regionaler Blogger. Ganz wunderbar, alles richtig gemacht — und nach Lektüre dieser Seite drängt sich mir der Gedanke auf: Warum nicht gleich so? Warum diese mutlosen und fuchtbar konventionellen ersten beiden Seiten? Ich glaube, man müsste den Mut haben, die eigene Region und die Themen aus ihr noch viel prominenter auf der ersten Seite zu platzieren. Hört doch auf, mich mit irgendwelchen absurden Forderungen zu so wunderbar lebensnahen Themen wie Steuerpolitik zu langweilen.

Seite 4: Hübsch. Aber abstrakt. Gelegentlich dachte ich, ich sei in der „Zeit“ gelandet.

Seite 5: Nicht hübsch. Quälender Nachrichtenjournalismus aus den 80er Jahren. Ich musste an Karl-Heinz Köpke und die „Tagesschau“ denken. Und der Diskurs über Internet und Zeitung, lieber Sascha, lieber Herr Lindner — lasst es gut sein. Nach dem dritten Lobo-Foto und der gefühlt 58. Erwähnung seines Namens bekam ich langsam leichte Agressionen. Und da heißt es immer, wir Blogger seien selbstrefrentiell.

Seite 6: Die vergessenen Kriege. Siehe Seite 1. Schönes Layout und bestimmt eine Arbeit, die man beim nächsten Journalistenpreis einreichen kann. Habe Zweifel an hoher Lesequote. Und das blau auf der Seite gefällt mir nicht, aber das ist jetzt geschmäcklerisch.

Den größten Teil des Mantels habe ich damit jetzt eigentlich abgedeckt, das ist alles schön und recht, aber den Ansatz für die Regionalzeitung der Zukunft habe ich da immer noch nicht entdeckt. Außer, dass es viel um Internet geht und Sascha Lobo wieder mit Foto auftaucht, diesmal mit iPad und Wandertipps aus dem Netz. Er sieht gestresst aus auf dem Foto. Muss ein harter Tag gewesen sein. Und selbst die letzte 85jährige Oma aus der Leserschaft weiß jetzt, wer der Herr mit der eigenwilligen Frisur ist.

Der Sport macht dann auf mit einer Geschichte, dass im Internet Live-Sportübertragungen zu sehen sind. Zumindest als Sport-Ressortleiter würde ich Sascha Lobos Zukunft nicht sehen. Und als ich auf der nächsten Seite auch noch sah, dass man die Geschichte über Ballacks Knöchel pflichtschuldig mit einem Kasten versah, dass „im Internet“ (!!) Hetzjagd auf Boateng gemacht werde, musste ich beinahe schon lachen über so viel Bemühtheit. Hetzjagd auf Boatng macht auch die „Bild“, die Boateng nur noch den „Kaputt-Treter“ nennt. Aber was mir in dem Zusammenhang auffiel: Warum eigentlich keine Interaktion mit den Leuten, keine Debatte auf der eigenen Seite dazu? Das fand ich bei zwei Online-Epigonen wie Lobo und Lindner eh auffällig: Ihre Meinung zieht sich konsequent durchs Blatt (was ok ist), umgekehrt habe ich nicht den Eindruck gehabt, als sei den beiden ernsthaft an Kommunikation und Interaktion mit der geneigten Leserschaft gelegen.

Das Lokale muss ich (leider) weitgehend auslassen. Dazu fehlt es mir an örtlicher Kompetenz. Was ich gesehen habe, hat mir ziemlich gut gefallen, schöne Themen, schöne Optik. Nutzertig, lesenswert, anschauenswert. Ich kann mir vorstellen, dass das ein guter Lokalteil ist — aber, wie gesagt: Da würde ich gerne den Joker ziehen, weil ich von Koblenz ungefähr nichts weiß. Umso mehr drängt sich mir die Frage auf: Warum wird der eigentlich so weit hinten versteckt? Und warum landen solche Themen generell nicht prominenter? Herr Lobo??

Kultur und Panorama machen mit Online-Themen auf. Quelle surprise.

Zusammengefasst also: Erst fand ich den Gedanken, Sascha Lobo das Blatt für einen Tag zu überlassen, ganz interessant. Nach dieser Ausgabe bin ich mir nicht sicher, wer ihn gebremst hat. Er sich selber, die Redaktion, oder etwa doch der „richtige“ Chefredakteur? Die Anzeigenabteilung, die Verleger? Natürlich hat es mich gestört, dass das Resultat so fuchtbar erwartbar war. Aber richtig enttäuscht hat mich, dass es nicht gelungen ist, eine Art Überlebensweg für regionale Blätter aufzuzeigen. Nur weil man im Mantel jetzt mehr Online-Themen fährt, ist das noch kein Beleg für mehr Relevanz.  Und speziell von Lobo-Lindner hatte ich mir noch mehr Mut, mehr radikales Umdenken gewünscht. Nein, nicht in Form langer Essays, sondern in Form von mehr Leserhähe und lokalen Themen. Böse gesagt: Diese Lobo-Ausgabe ist nicht sehr viel mehr als die Regionalzeitung der 90er, ein wenig hübscher und frischer angestrichen. Ihr müsst neu denken, wenn ihr überleben wollt.

PS: Das Los des Kritikers ist es ja leider, meistens eher unfreundlich rüberzukommen. Und es ist alles eine Frage der Relation. Die RZ ist sicher viel weiter als viele andere. Ich bezweifle dennoch, dass das schon alles gewesen sein kann.

PPS: Das ganze Blatt zum Nachlesen gibt´s auch als PDF (lobenswert!)