Pumperlgsund, auch wenn es sich nicht ausgeht

Es gibt viele gute Gründe dafür, dass man Österreich unbedingt lieben muss. Beispielsweise seine sensationellen Fernzüge, die „Railjets“, die jedem deutschen Bahnvorstand eigentlich die Schamesröte ins Gesicht treiben müsste, wenn er danach einen Blick in seine brüchigen ICE´s wirft. Oder die Art wie Österreicher schreiben, wenn sie gerade Journalismus machen. Der „Standard“ beispielsweise schreibt über den Ballack-Ausfall heute, Ballack habe erfahren müssen, dass „es sich für seine dritte WM nicht ausgeht“. Über den Nationalspieler (die in Österreich übrigens meistens „Teamspieler“ genannt werden) Sebastian Prödl heißt es, sein jüngster Einsatz bei Werder Bremen sei das Pokalfinale gegen die „unverschämten Bayern“ gewesen. Und wer bei geschriebenen Sachertörtchen wie diesem nicht sofort aufjuchzt, der wird Austria nie verstehen: „Die relativ geringe Zahl (an Einsätzen) hat auch mit einer hartnäckigen Schleimbeutelentzündung im Knie zu tun. Und damit, dass Per Mertesacker und Naldo (…) pumperlgesund geblieben sind.“ Pumperlgsund, heureka! Wer solche Sätze schreibt, hat die lebenslange Lizenz zum Schreiben und außerdem fahre ich gerade eben mit dem Railjet durch die Alpen, wo oben immer noch eine Menge Schnee liegt, vorbei an einem Bahnhof namens Ötztal – und ja, liebe Nordlichter: Das gibt es wirklich und „Ötzi“ wurde nach diesem Tal benannt, nicht etwa umgekehrt. Tu felix Austria also. Das geht sich schon aus, würde der Österreicher jetzt sagen.

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Zwischen Ötzi und pumperlgsunden Teamspielern gibt es natürlich auch in Österreich eine Medienwelt, die ich in den letzten Monaten ein wenig intensiver kennengelernt habe. Und immer, wenn ich sie mir näher ansehe, stelle ich fest, dass eine Reise nach Österreich einer kleinen Reise mit einer Zeitmaschine gleichkommt; nicht weit zurück, vielleicht so zwei oder drei Jahre. Aber eben doch: zurück in das Deutschland des Jahres, sagen wir, 2007. Die gleichen Debatten, die gleichen Entwicklungen, nur dass Tageszeitungen in Österreich noch nicht unter derart gewaltigem Handlungsdruck stehen wie sie das in Deutschland tun (man muss allerdings kein Prophet sein um zu wissen, dass sie diesen Druck ebenfalls erleben werden, wenn sie sich nicht bald was einfallen lassen). Noch herrscht in Österreich nach meinem Eindruck jene Entspanntheit, die auch in Deutschland vor drei Jahren herrschte, als man in vielen Medienhäusern meinte, es sei ausreichend, sich allmählich mal ein paar Gedanken über die Zukunft zu machen.

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Und man erlebt erstaunliche Argumentationen, wie man sie in inzwischen in Deutschland (beinahe) gar nicht mehr hört. Beispielsweise, dass letztendlich nur gedruckte Produkte einen hohen journalistischen Standard bieten könnten. Oder dass man sich einfach noch mehr um journalistische Qualität bemühen müsse. Dass die Menschen für gedruckte Zeitungen eine enorme Zahlungsbereitschaft mitbrächten und zudem die Inhalte ihres Blattes sehr zu schätzen wüssten.

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70 Prozent der Leser, so habe ich beispielsweise erfahren, lesen angeblich jeden Tag den Leitartikel ihrer Zeitung. Was ein Beleg nicht nur für die enge (endlich mal wieder dieses Wort…) Leser-Blatt-Bindung sei, sondern auch dafür, wie wichtig es sei, journalistische, qualitäts- und gehaltvolle Orientierung in wirren Tagen wie diesen abzuliefern und den Menschen somit ein wenig Halt zu geben. Schönes Argument, das mit den 70 Prozent – nur relativiert es sich angesichts anderer Zahlen. In Deutschland greift statistisch nicht mal mehr die Hälfte der jüngeren Leser überhaupt noch zur Zeitung. Ist es dann ein Trost, wenn mir dafür wenigstens mein altes Publikum ordentlich die Treue hält?

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An diesen Zahlen, die man jedes Jahr zum Thema Zeitung bekommt, zweifle ich ja inzwischen ohnehin sehr. Weil sie sich mit eigenen Beobachtungen ganz und gar nicht decken, weder in Deutschland noch in Österreich. Der Chefredakteur des ORF Salzburg, nebenher noch Lehrbeauftragter an der Fachhochschule, erzählte mir von seiner letzten Studentengruppe: Unter 66 genau einer, der regelmäßig Zeitung las. Eine Quote, die nahezu identisch ist mit den Beobachtungen, die ich bei meinen letzten beiden Studentengruppen an der Uni Passau gemacht habe.

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Gespannt bin ich jedem Fall, wie es weitergehen wird in Österreich. Ob man schlauer ist als bei uns und eher agieren statt reagieren wird. Gestern abend war ich auf einem Podium zum Thema in Salzburg – und seit gestern abend regiert die Skepsis. Der Mensch mag keine Veränderung. Nicht mal dann, wenn er pumperlgsund ist.

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1 Kommentar

  1. Felix Austria? Da bin ich vorsichtiger – seit die grenznahe RUNDSCHAU (drei oder vier Ortsausgaben von Schärding bis Braunau)in den OBERÖSTERREICHISCHEN NACHRICHTEN aufging, die KRONE sich noch ein bisschen weiter nach RECHTS bewegte, sich eine letztendlich nichtssagende Zeitung ÖSTERREICH etablierte, für die jeder gstandene Journalist sich schämen muss. Und seit DEIX in der Aprilausgabe von NEWS einen Juden zeichnete, der sogar im unseligen STÜRMER durchgegangen wäre. Dass der Chefredakteur eine bittere Beschwerde mit dem Hinweis beantwortete, es sei nicht so arg gemeint, aber DEIX überspitze halt gerne, machte aus dem Unglück einen Skandal – in Österreich und in dessen Blätterwald natürlich nicht. Wieso cj die miserable Stimmung und Situation in der deutschen Printmedien-Landschaft und -Gesellschaft nun unbedingt nach Österreich übertragen will, erschließt sich mir nicht. Desgleichen nicht, welche Relevanz die Antwort auf die Frage hat, wieviele Leser irgendwelche Leitartikel oder Kommentare lesen. Ich habe zwei Jahre für die PNP in Oberösterreich gearbeitet, bin heute noch regelmäßig im Lande unterwegs und lese aufmerksam die Zeitungen: Und deswegen, sowie aus vielen Gesprächen ist mir bewusst, dass dort die „Leiter“ – noch mehr als bei uns – auf bestimmte Leser zielen, nicht viele, aber vermeintlich wichtige, die so genannten Entscheider. Und dass sich schon darum die Zahl der tatsächlichen Leser solcher Beiträge nie auch nur annähernd ermitteln lässt. Eines aber weiß ich: Dass Karl Kraus mit seinen Aussagen über Austrias Zeitungen heute noch zeitgemäß ist. Was im Vergleich dazu lehrt schon das Fleiß-Lesen auf einer Reise von Passau ins Ötztal oder der Stiegenauftritt auf ein Podium in Salzburg?
    PS: Wer baut eigentlich die „Railjets“?

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