Der Journalismus spart sich zu Tode

Die lustigste Logik zum Thema Google Street View hatten in dieser Woche die Kollegen der Passauer Neuen Presse. Dort hat ein Stadtrat eine verblüffend einfache Methode gefunden, wie man Google die Lust am fotografieren nehmen könnte. Man erhebe einfach eine Art Straßenfotografiergebühr, die in Passau so rund 8000 Euro ausmachen soll – und schon würde Google das streetviewen einstellen. Die PNP sekundierte freundlich, dies sei wohl das Ende der Filmerei, weil ja dann nichts mehr zu verdienen sei. Das weitaus lustigere Medium in Passau hat das flugs nachgerechnet und festgestellt, dass auf Google dann Kosten im niedrigen zweistelligen Millionenbereich zukämen. Vorausgesetzt, alle Städte in Deutschland würden mitziehen. Und wiederum vorausgesetzt, eine solche Straßenabfotografiergebühr ließe sich rechtlich überhaupt durchsetzen, was man ja durchaus bezweifeln kann.

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Natürlich habe ich in dieser Woche wieder mal auch allerlei anderen Unfug gelesen, man muss nicht lange suchen danach, „Bildblog“ findet nach wie vor jeden Tag große wie kleine Fehler und Ungereimtheiten. Erstaunt hat mich ja auch gar nicht so sehr, was ich alles gelesen habe, sondern die fatalistische Einschätzung von jemanden, mit dem ich diese Woche dann mal über die banalen Fragen sprach: Warum zur Hölle kommt beispielsweise in einem ja nicht ganz kleinen Blatt wie der PNP niemand darauf, dass diese Street-View-Rechnung einfach hanebüchen ist? Und wieso wimmelt es jeden Tag in vielen Redaktionen vor gedruckten und gesendeten Unfug (ergänzend dazu gesagt: zwischendrin hatte ich auch noch das Vergnügen, Lokalnachrichten eines mittelgroßen Lokalradios zu hören, die das Kunststück fertigbrachten, keinen einzigen Satz ohne eklatanten inhaltlichen oder grammatikalischen Fehler zu senden; Sie sehen, es war eine brutale Woche)? Die Antwort meines Gesprächspartners: Ja, was erwartest du denn? Ich schaute ziemlich betreten und meinte: wenn schon keine hochkarätigen Stücke, dann doch wenigstens halbwegs fehlerbefreite Sachen? Sein erstaunter Blick wiederum signalisierte mir ziemliches Unverständnis für diese Idee, der Mann ist ein ziemlicher Pragmatiker, müssen Sie wissen.

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Ein anderes Gespräch in dieser Woche: Es geht um jemanden, der als Freier über die Runden kommen will/muss. Und um ein Angebot aus einem ebenfalls nicht ganz kleinen Zeitungshaus. Ein Job auf Basis von Tagessätzen. Der Satz soll sich auf 120 Euro belaufen, natürlich noch vor Steuern. 15 Euro also will das Haus pro Stunde bezahlen, wenn man ordentlich von acht Stunden am Tag ausgeht. Weil das aber nicht zwingend der Fall sein muss, kann sich der Stundensatz also noch nach unten reduzieren. Im ersten Moment unseres Gesprächs kommt mir dieser Tagessatz bizarr niedrig vor, danach rechne ich nach: Geht man von 20 Arbeitstagen im Monat aus, wären das 2400 Euro im Monat, schon also etwas mehr als jene gut 2000 Euro, die nach den letzten Statistiken als Durchschnittsverdienst eines freien Journalisten in Deutschland errechnet worden sind. Krank sein oder mal Urlaub machen darf jemand, der so bezahlt wird, allerdings nicht.

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Was ich denn bitte erwarten würde – die Frage vom Abend davor ist also gar nicht so unberechtigt. Darf man von Redaktionen, die ihren Leuten derart magere Bezahlung anbieten, ernsthaft so etwas wie einen Ansatz journalistischer Qualität erwarten? Ist es nicht naheliegend, dass jeder, der es sich erlauben kann, entweder zu den deutlich weniger gewordenen Fleischtöpfen wechselt, an denen besser bezahlt wird? Oder gleich in die PR abwandert? Und ist es nicht ebenso naheliegend, dass jemand, der dann doch für 120 Euro am Tag arbeitet, das entweder einigermaßen unmotiviert macht oder aber aus dem Grund, einfach nichts anderes zu bekommen? In jedem Fall ist das Ergebnis unbefriedigend.

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Das Erstaunliche daran ist ja dann doch, dass die ganzen Billigheimer, die bis vor wenigen Jahren häufig noch die Platzhirschen ohne jegliche ernsthafte Bedrohung waren, eines nicht erkennen: Sie begeben sich mit der Preisdrückerei in eine Todesspirale. Sie werden Jahr für Jahr ihre Besten verlieren (komisch, warum muss ich gerade an 1860 München denken?). Sie werden weiter in Rückstand geraten, weil sie nicht mehr das Potential haben, den Anschluss zu halten. Sie verlieren an Auflage, an Reichweite, an Relevanz. Sie müssen demnach die Kosten weiter senken, die „Frankfurter Rundschau“ macht es aktuell mit 30 bis 50 geplanten Stellenstreichungen mal wieder vor. Die Stücke werden schlechter, die Inhalte dünner, weniger. Man erlöst weniger, man senkt weiter die Kosten, irgendwann wird man wahrscheinlich auch Leute für 80 Euro am Tag einzustellen versuchen.

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Der Journalismus spart sich zu Tode. Er baut immer weiter Substanz ab, er macht genau das, was betriebswirtschaftlich (und inhaltlich sowieso) grundfalsch ist. Er müsste investieren, neue, bessere, umfangreichere, relevantere Dinge auf den (Sie verzeihen bitte das schnöde Wort) Markt bringen. Die Häuser müssten sich endlich trauen, in ihre eigene Zukunft zu investieren, anstatt zu kürzen, zu streichen, zu sparen. Natürlich, der Kreislauf ist offensichtlich: Man versucht zu überleben, indem man spart. Die Zahlen lesen sich für ein, zwei Jahre vielleicht etwas erträglicher. Aber der Punkt, an dem sie sich wieder unerträglich lesen, wird spätestens dann kommen, wenn der Spareffekt verpufft, wenn sich das ständige Sparen am Produkt rächen wird.

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Zumal die Konkurrenz größer, schneller, flexibler, ernstzunehmender wird: Diese Woche hat mir jemand sein iPad gezeigt, dessen Display voll mit Apps war. Mit vielen Apps, die spannende, gute und interessante Inhalte lieferten, hochwertige zudem auch (nur für den Fall, dass jetzt wieder das „richtige Qualität liefern nur Journalisten“-Argument kommt). RSS-Reader oder Flipboard, ganz egal: Auf dem Display habe ich echte „Magazine“ gesehen, die optisch gut aussahen, die gut zu lesen/sehen/hören waren und bei denen es keine wirkliche Rolle gespielt hat, ob sie nun auf Medienhäusern, Blogs, Facebook oder sonst woher kamen.

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Wo sind eigentlich die Verleger, Geschäftsführer, die sich lautstark für Investitionen in ihre Inhalte aussprechen? Die nicht nur von Sparzwängen faseln, die wissen, dass ein Produkt durch ständiges Ausdünnen nicht besser wird? Viele davon sehe ich gerade nicht, bin mir aber ziemlich sicher: Wenn jemand wirklich was den Journalismus tun will, dann wird es so jemand sein. Die Sparkommissare verwalten dagegen höchstens ihre eigene Abwicklung.