Erkenntnislose Bekenntnisse

Streiten kann man sich, wenn es um Medien geht, inzwischen um fast alles. Keine Theorie, zu der es nicht eine halbwegs plausible Gegentheorie gibt, keine neue Entwicklung, die man nicht erst einmal unter Hype-Generalverdacht stellen müsste. Um eines allerdings wird nicht mehr gestritten, nicht mal unter den Allerkonservativsten: Wir sind mitten drin im größtmöglichen Umbruch. Nur welche Konsequenzen man daraus zieht, darüber lässt sich auch in den nächsten Jahren trefflich debattieren.

Dabei verlaufen inzwischen Grenzen fließend, die in der bisherigen Welt noch als ziemlich scharf gegolten hätten. Der Deutsche Journalistenverband (DJV) beispielsweise hat heute während seiner Jahresveranstaltung in Essen eine nach dem Tagungsort benannte Erklärung herausgegeben, die beispielsweise der Zeitungsverlegerverband sofort ohne größeres Redigieren unterschreiben würde. Auf einen simplen Nenner zusammengefasst bedient der DJV leider einen Reflex, den man allenfalls als menschlich bezeichnen könnte: Man möchte, dass alles so bleibt, wie es ist. Und die Politik soll dabei fleißig mithelfen. Was erst einigermaßen verschwurbelt daher kommt, wird dann doch irgendwann konkret. Der DJV setzt sich massiv für das Leistungsschutzrecht und damit jene Bewahrermentalität ein, die die Probleme unseres Berufs mehr verstärken den lindern wird. Eine neue Medienpolitik, so der DJV, müssen die „kreative Leistung des Urhebers fördern und nicht nur die Verwertung dieser Inhalte im Blickwinkel haben“. Das ist eine ziemlich euphemistische Formulierung dafür, dass man gesetzgeberischen Protektionismus fordert.

Man könnte es ganz gut bei diesen wenigen Sätzen belassen, weil damit letztendlich nichts Neues gesagt wird. Die Befürworter und die Gegner des Leistungsschutzrechts haben alle Argumente ausgetauscht, auch aus der DJV-Erklärung geht leider nicht sehr viel mehr hervor, als dass man über eine grundlegende Veränderung der Branche nicht nachzudenken bereit ist. Doch genau das ist auch der Grund, warum man als (Achtung, Disclaimer) DJV-Mitglied mit dieser Sache nicht einverstanden sein kann — aus eher grundsätzlichen Erwägungen. Mag ja sein, dass solche Sachen wie Flashmobs in Essen plötzlich schick sind, kann auch sein, dass man die eine oder andere Demoaktion originell fand (man trifft sich um 5 vor 12, um sich dann den Strick….gähn). Es ist nur einfach ärgerlich, dass der immer noch größte Journalistenverband in Deutschland es nicht der Mühe wert findet, sich wenigstens ein paar Gedanken darüber zu machen, wie unser Job in Zukunft aussehen und finanziert werden könnte. Stattdessen will man seine eigenen Leistungen geschützt sehen und verweist mantraartig darauf, dass es ohne sie nicht gehen wird. Exemplarisch dafür ist die Auffassung, dass „Soziale Netzwerke und Blogs“ zwar „neue Formen der Öffentlichkeit und neue Möglichkeiten der Meinungsäußerungen“ schaffen würden, gleichzeitig aber „seriöse Meinungsbildung durch qualifizierten Journalismus“ nicht ersetzen könnte.

Das alles ist ein kleines bisschen langweilig. Niemand, der noch halbwegs klar bei Sinnen ist, hat das jemals behauptet. Es ist eine uralte Debatte, bei der man sich wundert, das sie Ende 2010 noch geführt wird und für die der DJV allen Ernstes noch eine eigene „Erklärung“ rausgibt. Vor allem ist das nicht das eigentliche Thema, das für die Zukunft des Journalismus relevant ist. Kein einziges Wort verliert der Verband über die gravierenden Veränderungen sowohl in der Ökonomie des Journalismus als auch in den Veränderungen unseres Berufsbildes.

Vergesst Paid Content, schafft endlich neue Finanzierungswege für den Journalismus! Eine solche Forderung hätte man gerne in der Erklärung, anstatt der ewigen Bewahrungslitanei. Man muss nicht jede dieser neuen Formen, die es vor allem in den USA immer häufiger gibt, kritiklos gut finden. Aber schön wäre es, wenn der DJV sich damit zumindest auseinandergesetzt hätte. Wenn er sich als Ideengeber präsentiert hätte, als ein Verband, der sich mit den Veränderungen offensiv auseinandersetzt.

Das gilt auch für unser Berufsbild. Wer glaubt denn ernsthaft noch, dass Journalisten in zehn Jahren noch so arbeiten wie heute? Wo sind Ideen und Leitsätze für ein Berufsbild, das zunehmend auch die Kommunikation, die Moderation, den Dialog beinhaltet? Journalisten als Moderatoren eines gesellschaftlichen Diskurs – auch das hätte ich tausendmal lieber gelesen als die ichweißnichtwievielte Wiederholung, dass nur wir für qualifizierte Information sorgen könnten. Wenn wir nicht mitdiskutieren, werden die Diskussionen über unsere hoch qualifizierten Inhalte eben woanders stattfinden. Nicht nur außerhalb unserer Kanäle — sondern auch ohne unsere Beteiligung. Das wäre mittelfristig für den Journalismus ein deutlich größeres Problem als Google.

Kein Wort davon, leider, in der „Essener Erklärung“. DJV-Vorsitzender Michael Konken spricht stattdessen davon, die Erklärung sei ein „klares Bekenntnis zu den Grundwerten des Journalismus“.

Aber wer, lieber Herr Konken, hat die eigentlich in Frage gestellt?