Verleger, Verbände und Verluste

(Ich habe diese Überschrift wirklich nur gemacht, weil ich endlich mal so ne richtig platte Alliteration haben und mich einmal wie ein Redakteur von „Spiegel Online“ fühlen wollte).


Unser Buch Co-Autor Gerhard Rettenegger hat mir dieser Tage einen schönen Vergleich erzählt. Als die Autos der Pferdekutsche folgten, da sahen sie erst einmal aus wie Pferdekutschen — nur ohne Pferde. Das war insofern ein guter Vergleich, als dass wir uns da gerade im Moment über Apps unterhalten hatten und wir festgestellt hatten, dass man zwar davon ausgehen könne, dass es irgendeinen Mehrwert von Printinhalten auf dem iPad geben müsse, bisher aber weder Leser noch Macher eine wirklich konkrete Idee hätte, wie dieser Wert wohl aussehen könnte. Und dass es insofern nicht weiter verwunderlich sei, dass viele Apps aussehen wie Zeitung ohne Zeitung. Man (Achtung, Buzzword) transformiert momentan also irgendwas irgendwohin und verlässt sich darauf, dass das irgendwie schon gehen würde. Guter Gedanke, das: Autos sehen ja inzwischen auch nicht mehr wie Pferdekutschen aus.

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Es dürfte also zunächst mal eine gute Idee sein, Dingen Zeit zur Entwicklung zu geben. Sich an dieser Entwicklung zu beteiligen, nichts zu verteufeln, aber auch nicht bei jeder Idee lauthals „hurra“ zu schreien. Kurz gesagt: wie Medien in, sagen wir, fünf Jahren aussehen, wissen wir heute beim besten Willen nicht. Nur dass sie anders aussehen werden, wird vermutlich niemand mehr bestreiten wollen.

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Niemand? Man bestreitet es zwar nicht (immer), aber in der Praxis wird immer noch gerne so getan, als müsste man einfach nur so weitermachen wie in den letzten 30 Jahren. Erstaunlicherweise nehmen sich bei diesem Thema die Verleger und die (Journalisten-)Verbände nicht so rasend viel, obwohl sie sich ja gerne mal gegenseitig als quasi natürliche Feinde bezeichnen. Man sieht das sehr schön an den Tarifverhandlungen, die Verleger und Verband aktuell führen. Die Verleger wollen (natürlich) zumindest nicht mehr bezahlen und fordern deshalb erstmal de facto Einkommensrückgänge. Der DJV sieht selbstverständlich den „sozialen Frieden“ gefährdet und irgendwie wartet man darauf, wann zum ersten Mal jemand den alten Satz rauskramt, nachdem die Verleger ihren Sekt aus den Hirnschalen ihrer Redakteure trinken. Man könnte das schulterzuckend zur Kenntnis nehmen, würde es sich dabei einfach nur um das übliche taktische Geplänkel bei Tarifverhandlungsritualen handeln. Das Erstaunliche ist allerdings, dass man über die Verteilung von Dingen spricht, die es womöglich nicht mehr lange zu verteilen gibt. Was den Zeitungen fehlt, ist zunehmend weniger ein Tarif- als ein Geschäftsmodell.

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Es nimmt sich ja schon irgendwie merkwürdig aus, wenn weder Verleger noch Verband über den zunehmenden und zu erwartenden Verlust reden. Die  Erkenntnisse, die man über die Entwicklung  insbesondere von Tageszeitung hat, sind ja völlig eindeutig und lassen so gut wie keinen Raum für Interpretationen zu. Trotzdem gibt es immer noch so gut wie keine ernsthafte Diskussion über das Zukunftsmodell von Zeitungen, sondern lediglich Glaubenskriege: Haben sie Zukunft oder nicht? In Tutzing findet an diesem Wochenende (mal wieder) eine Tagung zu diesem Thema statt — und es wirkt so, als wenn zwei vom Aussterben bedrohte Saurier sich gegenseitig Mut zu sprechen. Der Bayerische Journalistenverband ist ja, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht eben bekannt dafür, eine Speerspitze der digitalen Innovation zu sein. Ebenfalls auf dem Podium in Tutzing saß Herr Prof. Dr. Martin Balle — und er und seine Zeitung sind es wirklich wert, genauer betrachtet zu werden. Weil beide bezeichnend für eine Entwicklung sind — obwohl sie in Form von Prof. Balle und seiner Zeitung grotesk überspitzt werden.

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Professor Dr. Balle, der angeblich großen Wert auf die Erwähnung beider Titel legt, mag das Internet nicht, und das ist noch eine euphemistische Umschreibung. In Tutzing bezeichnet der Verleger des „Straubinger Tagblatts“ das Internet als eine „ewig flache, mathematische Gegenwart“ , glaubt, dass die digitale Welt jeglichem menschlichen Maß zuwiderlaufe, bezeichnet im Vorbeigehen Jochen Wegner als einen „reichlich ungebildeten Mann“ und schließt aus all dem am Ende, dass das Gegengilft zu alledem die „heile Welt des gedruckten Worts“ sei. Auf die Frage, warum sich seine Zeitung denn überhaupt digital aufstelle, antwortert er frappierend ehrlich, dass dies noch lange nicht bedeute, dass er auch daran glaube. Dass man online nicht über Lyrik kommuniziere könne, glaubt Balle sowieso und dass sich daraus auch ergibt, dass niemand auf einem iPad Gedichte lesen würde. Unnötig zu erwähnen, dass Balle nicht so richtig viel von Apps hält.

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Das alles mag man glauben und man mag Herrn Professor Dr. Balle womöglich sogar zugute halten, ein Mensch mit zwar sehr konservativen, dennoch ehrenwerten journalistischen Grundsätzen zu sein. Jemand, der den qualitativ hochwertigen, dafür aber auch ordentlich bezahlten Jorunalismus bewahren will und das durch die Entwicklungen im Netz bedroht sieht. Dummerweise ist es aber ausgerechnet Balles „Straubinger Tagblatt“, bei dem beispielsweise erbärmliche Zeilenhonorare für freie Journalisten jahrzehntelange Tradition haben. Das „Tagblatt“ rangierte in allen Honorarlisten der letzten 30 Jahre immer unter den Schlusslichtern in Deutschland und will auch die gemeinsamen Vergütungsregelungen, die Verband und Verlage vereinbart haben, offenbar nicht wirklich anwenden. Der BJV-Report jedenfalls schrieb:

Ähnlich beim Straubinger Tagblatt. Nach mehreren erfolglosen Versuchen, die Geschäftsführung telefonisch zu erreichen, einen Chefredakteur gibt es nicht, erhielt der BJVreport auch keine Antwort auf eine Anfrage per E-Mail. Immerhin war dem Chef des Politikressorts, Hans Götzl, ein Statement zu entlocken: „Von den Freien Journalisten ist noch keiner auf mich zugekommen hinsichtlich der Gemeinsamen Vergütungsregeln, aber natürlich fragen die Freien immer wieder mal nach mehr Honorar. Aber für Gehaltsfragen bin ich nicht zuständig.“

Professor Dr. Balle lässt seine Redaktion gerne chronisch unterbesetzt. Dafür veröffentlicht die Zeitung des Lyrikliebhabers Balle regelmäßig Qualitätsinhalte wie diese (bezeichnenderweise am Samstag Nachmittag der Onlineaufmacher):

Seit Donnerstagabend gab es in ganz Niederbayern zum Teil heftige und ausdauernde Schneefälle, die zu Neuschneemengen bis zu über 30 Zentimeter führten. Für Niederbayern lag am Donnerstagabend, 9. Dezember, vom Deutschen Wetterdienst eine Unwetterwarnung über starkem Schneefall für Teile Niederbayerns vor.

Das ist nicht falsch — aber Journalismus von vorgestern, verpackt in die verquaste Sprache eines Polizeiberichts, den man praktischerweise weitgehend unredigiert durchgehend lässt. Das ist Journalismus, mit dem man das viel begehrte junge Publikum kaum erreichen wird, selbst wenn man (insofern ist Balle recht zu geben) noch so viele Apps anbietet. Man hat also sehr wohl ein Journalismusproblem. Umgekehrt gesagt: Es geht im großen Reich des Prof. Balle keineswegs darum, Journalismus abzuliefern, sondern irgendetwas abzuliefern. Irgendetwas, womit sich Seiten füllen lassen. Umgekehrt wird genau das — zusammen mit der Ausbreitung des Netzes — dazu führen, dass der Gedanke, Zeitungen seien und blieben per se das Leitmedium, das die Welt im Innersten zusammenhält, obsolet wird.

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Es geht um Journalismus, es geht um Inhalte. Immer noch und immer wieder. Ganz egal, wo sie stattfinden und wo sie ausgespielt werden. Das Problem, das die Tagblätter dieses Landes haben, ist genau das. Dass sie sehr häufig eingefroren in ihren altbekannten Strukturen sind, dass sie denken, es gehe irgendwie schon immer so weiter. Sie erregen sich über Google und Apple und schimpfen auf iPads und meinen das Internet. Sie begreifen nicht, dass sie das Problem sind. Dass sie nicht verschwinden werden, weil sie (auch) auf Papier publizieren, sondern weil sie gar nicht publizieren.