So wird man iPad-Guru: Nix Genaues weiß man nicht

Irgendwie war die Gemeinde der Berufstwitterer, Profifacebooker und alles-schon-ein-bisschen-eher-Wisser heute mal wieder in mittelgroßer Aufregung: Eine neue Studie aus den USA hatte es mit bahnbrechenden Erkenntnissen ins Netz geschafft, die Retweet-Quote und die Zahl der Like-Buttons hat vermutlich Auswüchse angenommen,  als wenn Jürgen Klopp Bundeskanzler geworden wäre (und Frau Merkel dafür Borussia Dortmund übernimmt). Zu den bahnbrechenden Erkenntnissen gehörte u.a., dass die Mehrheit von iPad-Nutzern, die eine Zeitung auf der Glasplatte abonniert haben, sich ernsthaft mit dem Gedanken trägt, dafür die Printausgabe abzubestellen. Man folgert daraus, dass man es mit dem Phänomen der Kannibalisierung zu tun haben könnte. Und weil man da von alleine gar nicht drauf gekommen wäre, hier noch ein paar andere Bahnbrechereien: ipad-Nutzer sind vorwiegend gut gebildet und gut verdienend und haben ein quasi-erotisches Verhältnis zum iPad und zu Apple und hängen sich wahrscheinlich heimlich Pin-Up-Fotos von Steve Jobs in den Spind. Daneben surfen Sie erstaunlicherweise viel im Netz, lesen gerne News und auch anderes, schreiben dabei E-Mails und schauen Videos. Man darf also, Jobs sei Dank, von einer gleichzeitigen Renaissance der Mail, des Webs, der Zeitung, des Fernsehen und 1860 München allem anderen sprechen. In meiner niederbayerischen Heimat würde man zusammenfassen: nix genaues weiß man nicht. (Wenn Sie selbst nachlesen mögen: Hier gibt´s Bahnbrechendes zum iPad).

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Man kann also in diesen Tagen, in denen sich die ersten schon wieder um den Ehrentitel „Guru“ bewerben und in etwa das werden wollen, was vor gefühlten Dekaden ein gewisser Ossi Urchs war, sehr viele sehr bestimmte Meinungen zum Thema iPad hören. Unter anderem auch aus nahezu jedem Medienhaus, das gerade seine eigene Philosophie entwickelt und damit seine umgehende Rettung einläutet. Persönlich erstaunt es mich ja immer, woher Menschen eine solche Gewissheit hernehmen, dass sie exakt prophezeien können, was als Nächstes kommt und wie man es richtig macht. Ich wäre da ja sehr zurückhaltend, bisher haben die User mit dem guten Stück ja ganz andere Sachen gemacht, als wir es noch vor einem halben Jahr prohpezeit bekommen haben.  Beispielsweise sind sie gar nicht so mobil mit dem iPad unterwegs wie erwartet, sondern nutzen das Ding unverschämterweise weitgehend zuhause. Und als Arbeitsgerät wird das iPad auch nicht benutzt, auch nicht als glasgewordene Zeitung, eher als Wundertüte für alles und nix. Das hätte man nur vor einem halben Jahr schlecht prophezeien können, u.a. auch deswegen, weil das in dieser Form schlecht in eine Powerpoint-Präsentation passt.

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Bei Springers beispielsweise glauben sie jetzt ernsthaft, man müsse nur laut „iPad“ rufen und die Menschen öffnen in der Weihnachtszeit sowohl die Herzen als auch die Geldbeutel. Die erste Woche mit der „Bild“-App allerdings lässt irgendwie den Verdacht aufkommen, dass sie ein bisschen viel Glühwein abbekommen haben im Hause „Bild“. Oder dass am Ende der Weihnachtsfeier noch ein paar angeheiterte Nerds ein wenig rumprogrammiert haben.  Jedenfalls ist die Bild-App wenigstens gut dafür, ganz nüchtern-pragmatisch zu begreifen, dass einem schon was einfallen muss, wenn man in Zukunft mit Medien irgendwie Geld verdienen will. Programmierschrott kostenpflichtig machen und „App“ nennen wird jedenfalls nicht gehen. Und wenn ich mir ausnahmsweise mal bei was sicher bin, dann darin: Wenn das alles war, was Springer bei „Bild“ eingefallen ist, dann wird das ein klassischer Fall für die „Verlierer“-Spalte auf der ersten Seite (bevor Sie fragen: natürlich wird das nicht passieren). Aber wenigstens böse „Post von Wagner“ könnte es ja mal geben (Lieber Matthias Döpfner…).

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Auf der anderen Seite ist das ja doch gemein: Bei der „Frankfurter Rundschau“ haben sie wirklich eine schöne App gebaut. Die machen alles, was man ihnen als Berater so empfehlen würde. Investieren Zeit, Geld, Personal. Ich habe trotzdem nicht öfter als dreimal reingeschaut — und wenn Sie mich jetzt nach dem „warum“ fragen: Ich weiß es nicht. Echt nicht. Die App ist trotzdem hübsch.

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Vielleicht ist das ja auch das Tolle an diesem ganzen Digitaldingsbumms (zumindest aus Usersicht): Es ist ein bisschen so wie im Swingerclub, alles kann, nichts muss.  Wenn ich mal meinen Job beiseite schiebe und ganz User bin, dann denke ich ja nicht im Traum daran, logische Lesegewohnheiten zu entwickeln. Ich lese Bücher gedruckt wie auf dem iPad, ich nehme ab und an gedruckte Zeitungen in die Hand (an dieser Stelle ein dezenter Gruß an den Herrn Sahlender von der „Mainpost“, er weiß, warum), um dann am nächsten Tag genau die selbe Zeitung wieder digital zu lesen. Das kann ich mir selbst nicht erklären und will es auch gar nicht. Zugegeben, das macht es jetzt dem Journalisten und den anderen Medien-Berufen in mir nicht wirklich einfacher. Zumindest aber lässt es den Rückschluss zu,  dass man alleine schon deswegen auf vielen Kanälen publizieren muss, um auch andere gespaltene Persönlichkeiten wie mich zu erwischen. Und, ach ja, das mal im Ernst: je konvergenter solche hübschen Geräte wie das ipad werden, desto divergenter wird das Publikum. Klingt paradox, ist aber so: Am Ende halten wir alle das gleiche Gerät in der Hand — nur dafür, dass wir dann alle was anderes damit machen.

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Tobias

    Oh nein, alle paar hundert echten Menschen ohne technorotische Verbindung zu Apple werden jetzt ihre Abos kündigen? Nicht, dass hunderte Abos heutzutage wenig wären, aber abzusehen war es doch. Wer einfach seine Print-Produkte auf die Glasscheibe bringt, sollte sich nicht wundern, wenn der zahlende Kunde das Gleiche nicht auch noch zeitverzögert auf Papier kaufen möchte.

    Vorteil der nahezu deckungsgleichen Bewegung des Print-Inhalts aufs iPad: man könnte es in die IVW rechnen. Wo lag jetzt nochmal das Problem mit den Abos – falls es denn stimmt?

  2. Mr_Laban

    Stichwort „Multioptionaler Medienkonsum“

    CJ schreibt…dann denke ich ja nicht im Traum daran, logische Lesegewohnheiten zu entwickeln. Ich lese Bücher gedruckt wie auf dem iPad, ich nehme ab und an gedruckte Zeitungen in die Hand (…), um dann am nächsten Tag genau die selbe Zeitung wieder digital zu lesen. Das kann ich mir selbst nicht erklären und will es auch gar nicht.

    Anbei ein Textauszug aus dem Manager-Magazin aus dem Jahr 2005 zum hybriden Käufer (http://www.manager-magazin.de/magazin/artikel/0,2828,332818-2,00.html). Man tausche im nachfolgenden Text einfach mal die Begriffe „Kunde/Konsument/Verbraucher“ gegen „Leser“ aus und vor den Begriff „Unternehmen“ setzt man „Medien-“ (oder auch einfach Verlag). Was herauskommt ist interessant:

    „Im Klartext: Der Kunde hat die Macht. Und noch schlimmer: Er ist sich dessen bewusst. Deshalb ist der hybride Verbraucher nicht das Ende, sondern der Beginn einer Entwicklung, die den Konsum weltweit neu definieren könnte. So manches Unternehmen wird das nicht überleben, meint Nordström.
    War der alte Konsument laut einer aktuellen Studie des schweizerischen Gottlieb Duttweiler Instituts (GDI) schlecht informiert, passiv, standardisiert, vertrauensvoll und bequem, ist der neue Kunde bestens informiert, aktiv, individualisiert, misstrauisch, angeödet von Marketingversprechen und immer auf der Suche nach Authentizität.“

  3. Sahlender Anton

    Herr Jakubetz,
    diesen Text finde ich klasse und zutreffend. Ganz ehrlich – nicht wegen der Erwähnung meines Namens.
    Anton Sahlender
    Main-Post
    Leseranwalt

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