Wir könnten auch das Telefon wieder abschaffen

Schon bald werde dieses Gerät wieder verschwinden. Niemand brauche es, es sei wenig nutzbringend, sondern sogar im Gegenteil eher gefährlich. Es befördere die unnötige Kommunikation und sorge letztendlich schnell für Ermüdung und Überforderung. Gemeint war mit dieser Analyse irgendwann zu Anfang des 20. Jahrhunderts — das Telefon (die Argumentation wiederholte sich übrigens nahezu punktgenau so, als das Handy seinen Siegeszug antrat).

Fast genauso wie die Kulturpessimisten vor etlichen Jahrzehnten argumentiert momentan die NZZ. Allerdings nicht auf Telefone bezogen, sondern auf soziale Netzwerke, was insofern passend ist, weil soziale Netzwerke die Telefone vielleicht nicht ablösen, aber ihnen insofern nicht unähnlich sind weil man früher vielleicht mal schnell zum Hörer gegriffen hat, um jemand anderem völlig belangloses Zeug zu erzählen oder um einfach nur zu fragen, wie es dem Menschen am anderen Ende gerade geht. Die NZZ konstatiert jedenfalls drohende Überforderung und wachsende Ermüdung und will zudem erkannt haben, dass sich „erste Mitglieder“ bereits wieder aus den Netzwerken zurückziehen (einen Beleg dafür bleibt die Autorin allerdings schuldig).

Eigentlich ist dieser Text aus der NZZ schon ein paar Tage alt — aber trotzdem passt er noch prima hier rein. Weil er pünktlich zum Jahresende wie eine Quintessenz zeigt, wie schwer sich Journalisten immer noch mit den Veränderungen tun, mit denen sie inzwischen seit Jahren konfrontiert sind. Und wie schwer es ihnen fällt zu akzeptieren, dass diese bösen Geister nicht einfach mehr in ihre Flaschen zurückgehen.

In der NZZ gibt es dabei einige absonderliche Argumentationen zu lesen. Selbst der fleißigste Blogger, so heißt es dort, werde irgendwann müde, zumal sich Gefühle wie Scham und Stolz abnützten, wenn man sie zu oft hervorrufe. Das ist in etwa so, als wenn man das baldige Ende des Journalismus prophezeien würde, weil selbst der fleißigste Journalist irgendwann müde werde und man zudem zu oft Gefühle wie Scham und Stolz hervorrufe. Einmal in Fahrt, trägt es die NZZ dann vollends aus der Kurve: Es drohten auch noch „juristische wie wirtschaftliche Gefahren“. Als Beleg dafür wird der Fall einer Schweizerin verwendet, die eine Geldstrafe bezahlen musste, weil sie bei Facebook einen anderen Menschen beleidigte, wobei man gerne wüsste, wie es in der Schweiz ist, wenn man jemandem im richtigen Leben beleidigt. Geht man dann straffrei aus? Und schließlich wird dann auch noch die Gefahr einer neuerlichen Dotcomblase heraufbeschworen, so dass aus diesem diffusen Gemisch aus Kulturpessimismus, juristischen Belanglosigkeiten und ökonomischen Viertelwissen lediglich das Gefühl hängen bleibt, dass es höchste Zeit wird, sich aus allen Netzwerken wieder zu verabschieden.

Die NZZ und die vielen anderen Skeptiker täuschen sich: Soziale Netzwerke werden sich verändern, aber sie bleiben. So wie die Telefone und die Handys geblieben sind. Die nerven zwar auch manchmal, aber niemand muss sie eingeschaltet lassen, es gibt die segensreiche Einrichtung von Anrufbeantwortern.

Das Wunschdenken ist bei vielen Journalisten immer noch sehr ausgeprägt. Weil sie immer noch nicht wahrhaben wollen, dass wir es nicht mit ein paar kleineren Verschiebungen, sondern mit einem sehr grundlegenden Wandel zu tun haben, der sie häufig in ihrem Selbstverständnis trifft. Das kann man bis zu einem gewissen Grad verstehen, nur: Das Telefon ist auch nicht mehr gegangen.

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7 Kommentare

  1. Naja – ein netter Herr von IBM sagte auch weiland, er sähe kein Potential für Computer. Und wäre ich ein boshafter Mensch, behauptete ich: Die Wurzel von Wunschdenken ist … Angst. 😉

  2. „Selbst der fleißigste Blogger, so heißt es dort, werde irgendwann müsse, zumal sich Gefühle wie Scham und Stolz abnützten“ – soll „müde“ heißen, nehme ich an?

  3. @Sahlender: Wie soll man denn bitteschön das Eintreten von Zukunftsprognosen *beweisen*? Manchmal hilft auch einfach eine Kombination aus professionellen Erkenntnissen und gesundem Menschenverstand.

  4. ich bin ein bisschen verwundert, dass du deine kritik an die nzz richtest. dabei ist die nzz doch einfach eine plattform, die verschiedenen autoren platz bietet. eigentlich ist doch viel mehr der autor dieses artikels gemeint und nicht die nzz. ich verurteile ja auch nicht das internet, weil es bösen leuten ermöglicht wird, sich auszudrücken.

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