Eine blendlende Idee

Die Betaversion von „Blendle“ ist in Deutschland an den Start gegangen. Schon jetzt ist absehbar, dass das Projekt ein Erfolg wird. Weil es eine gute Sache für beide Seiten, für  Medien als auch Konsumenten ist.

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Am besten erkläre ich das mal anhand der „Zeit“. Zur „Zeit“ habe ich seit ungefähr 30 Jahren ein ambivalentes Verhältnis. Auf der einen Seite ist sie mir: zu sperrig, zu unhandlich. Gut, das sind Argumente, die im Zeitalter von iPads wegfallen. Aber dann bleiben immer noch: gelegentlich sehr tantige Texte, die Abwesenheit jeglicher Ironie und das latente Gefühl, gerade das Zentralorgan der deutschen Oberstudienräte zu lesen. Auf der anderen Seite gibt es dann aber doch immer wieder so gute Stücke, dass ich mir seufzend eine „Zeit“ kaufe, dieses eine Stück lese, ein paar andere Sachen überfliege und dann den Rest mit mehr oder weniger schlechten Gewissen entsorge. Das ist doof, aber was will man machen?

Mit diesem ambivalenten Verhältnis kämpfe ich übrigens nicht nur bei der „Zeit“. Genau genommen kämpfe ich bei fast allen Zeitungen und Zeitschriften damit. Sieht man mal von der SZ ab, gibt es kein Blatt, das ich wirklich aus Überzeugung abonnieren würde. Den „Spiegel“ habe ich noch. Aber ich glaube, das ist ein Relikt aus der Mitte der 80er, als mir gleich zwei meiner damaligen Ausbilder gesagt haben, den „Spiegel“ müsse man als Journalist lesen. Das glaube ich immer noch, obwohl es Unfug ist (daran sieht man übrigens, was schlechte Ausbilder anrichten können!).

Kurzum, es ist mal wieder wie bei meinem Lieblingsvergleich, der Musikindustrie: Nicht immer hat sich das ganze Album gelohnt, das man sich gekauft hat, weil man ein paar Songs dann eben doch in der Sammlung stehen haben wollte.

Vermutlich wird künftig mehr gelesen als jetzt – nur weniger in Paketen

Seit ein paar Tagen bin ich Beta-Tester – und gebe gerne zu: Selten war ich von einer Idee so angetan. Und das, obwohl sie alles andere als neu ist, das ominöse „iTunes für Verlage“ ist schon vor 15 Jahren gefordert worden, nur dass es eben keiner hinbekommen hat. Was mir besonders gefällt: „Blendle“ ist nicht einfach nur ein Kiosk, sondern auch eine Art soziales Netzwerk, in dem ich Leseempfehlungen bekomme und Dinge teilen kann.

Dazu kommt noch etwas völlig Banales: it works. Die Texte sind leicht zu finden und zu bekommen, der Bezahlvorgang ist simpel, die Preise moderat. Und wenn ich tatsächlich mal ein ganzes Heft kaufen will, obwohl ich schon einen oder mehrere Artikel daraus gelesen habe, dann kann ich das ebenfalls machen – die Kosten für die bereits bezahlten Beiträge werden abgezogen. Verklickt habe ich mich auch schon mal und versehentlich einen Artikel gekauft. Was kein Problem war, weil ich den Betrag sofort wieder gutgeschrieben bekommen habe, als ich den Artikel zurückgegeben habe.

Müssen sich „Zeit“ oder „Stern“ jetzt Sorgen machen? Nein, weniger als früher sogar.  Zum regelmäßigen „Zeit“-Leser werde ich in diesem Leben nicht mehr. Aber ab und an mal zugreifen, das wird jetzt wieder öfter passieren als früher. Weil ich Kioske schon immer geliebt habe; dieses Stöbern in einem riesigen Angebot, wo man sich manchmal einfach etwas rausgreift, weil man es mag oder spontan Lust auf ein Thema oder ein Heft bekommt. Den Effekt habe ich schon während der Digitalisierung von Musik bei mir beobachtet; die Zahl der Spontankäufe stieg enorm an.

Ein weiterer Schritt zur Entbündelung

Gleichzeitig ist aber auch ein an sich sehr gutes Ding wie „Blendle“ ein weiterer Schritt zu dem, was Digitalisierung generell mit sich bringt: die Entbündelung von Inhalten.  Und auch hier gibt es wieder eine Parallele zur Musikindustrie: Kritiker monieren ja schon länger, dass die Digitalisierung gleichzeitig den schleichenden Tod des Albums bedeutet. Mag sein – und ganz sicher werden sich im „Blendle“-Zeitalter die Erlöse der Verlage deutlich mehr in Richtung Einzelverkauf und weg vom gesamten Bundle bewegen. Kritisieren muss man das dennoch nicht. Weil die bisherigen Bundles tendenziell nicht wirklich nutzerfreundlich sind.

So oder so: „Blendle“ ist letztendlich auch für uns Journalisten eine gute Sache. Weil 50 Cent oder 1 Euro im Einzelverkauf allemal eine bessere Sache sind als eine Ausgabe, die irgendwo in Regalen verstaubt.

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