Das Problem ist nicht das Netz

Bei Brand1 geht es ihnen gerade ziemlich gut. Das Heft schafft den erstaunlichen Spagat, sowohl Kritikers als auch Publikumsliebling zu sein, jeden Monat lesenswerten und auch optisch prächtig verpackten Journalismus zu machen. Die freien Autoren loben die Zusammenarbeit mit der Redaktion im Regelfall über den grünen Klee, die Honorare sind mehr als fair und dass man bei Brand1 lange auf sein Geld warten oder ihm womöglich dauernd nachlaufen müsste, ließe sich jetzt auch nicht behaupten. Die digitale Strategie des Blatts lässt sich mit gutem Gewissen als kaum vorhanden bezeichnen. Zumindest dann, wenn man als Maßstab das nimmt, was Menschen, die sich in den typischen Foren oder gerne auch mal bei der re:publica tummeln, als zwingend notwendige Strategie bezeichnen würden. Brand1 lebt immer noch in allererster Linie von seinen gut erzählten Geschichten. Es war, nebenbei bemerkt, deswegen auch von einer charmanten Ironie, dass Chefredakteurin Gabriele Fischer in einem Interview mit Johnny Haeusler vor vollem Haus auf der re:publica darüber parlierte, wie sie ihr Blatt am Leben hält: mit gutem Journalismus. So einfach ist das manchmal, selbst im hyperdigitalisierten Zeitalter.

Auch nicht ganz ohne Ironie: Während der re:publica hatte auch die „Zeit“ zu einem kleinen Event eingeladen, sie spendierte ihrem Magazin einen Online-Auftritt. Die „Zeit“, Sie erinnern sich, das ist diese sperrige Teil im unhandlichsten Format aller Zeiten, in dem Texte manchmal auch über mehrere Seiten gehen und nicht gerade einfachste Kost sind. Der „Zeit“ geht es ähnlich gut wie Brand1, sie meldet regelmäßig steigende Auflagen und macht nebenher auch noch einen der besten Onlineauftritte der Republik. Basierend auf diesem, ähm…Journalismus.

Das müssten jetzt eigentlich zwei ziemlich gute Nachrichten für diesen Journalismus sein, weil sich daraus schließen lässt, dass es eben dann doch immer noch der Inhalt ist, der zählt. Und dass man umgekehrt selbst die raffiniertesten und hipsten Technologien einsetzen könnte, es aber alles nichts nutzt, wenn der Inhalt nichts taugt. Ab und an hat man ja in diesen Tagen das Gefühl, dass man den Stellenwert des Inhalts doch öfters mal betonen müsste. Wir reden ja inzwischen mehr über Plugins und Tools, als über das, worauf es in unserem Beruf immer noch ankommt. Schon alleine für diese Erkenntnis hat sich die #rp14 geloht. Und für die Feststellung, dass die re:publica nur mit ihren Medien-Themen schon einen sehr veritablen Kongress abgäbe; sehr viel besser jedenfalls als vieles, was man in unserer Branche sonst so vorgesetzt bekommt.

Und natürlich könnten die analogen Konterrevolutionäre jetzt jubeln: Haben wir es euch nicht schon immer gesagt? Wenn jetzt schon die Digital-Apostel bei ihrem Klassentreffen auf einmal ein bisschen nachdenklich werden, ist es dann nicht doch so, dass dieses ganze Internet-Zeug Kokolores ist? Nach drei Tagen #rp14 und den etlichen Medienthemen, die dort verhandelt worden sind (Details übrigens drüben beim Universalcode“) dämmert es einem dann langsam: Die wirklich spannenden Dinge im Journalismus haben immer mit Form und Inhalt, immer mit Technologie und Geschichten zu tun. Beispielsweise die Debatte über hyperlokale Angebote: Natürlich werden sie erst durch die Digitalisierung in dieser Form möglich. Aber auf der anderen Seite: Würden die Macher der „Prenzlauer Berg Nachrichten“ oder von „Mittendrin HH“ einfach auch diesen drögen Lokaljournalismus anbieten, den wir inzwischen seit Jahrzehnten oft genug auf gedrucktem Papier bekommen, sie bräuchten erst gar nicht anfangen. Würde man mit einem Tool wie „Pageflow“ multimedial schlechte Geschichten erzählen, niemand würde ihn haben wollen (und geschweige denn: dafür bezahlen).

Die Debatte um dieses Internet und die Digitalisierung ist also deplatziert, wenn es bei ihr nur um Plattformen oder äußere Gestaltung geht. Oder darum, dass dieses bösen Leser inzwischen einfach nur noch alles geschenkt haben wollen. Tatsächlich sollten wir eigentlich schon seit Anbeginn unserer digitalen Tage, spätestens aber ab sofort, nicht mehr über die Frage reden, ob Journalismus besser digital oder analog stattfinden sollte. Sondern darüber, wie man mit neuem, guten, lesens- und sehenswerten Inhalten auf den richtigen Kanälen und den adäquaten Verpackungen Menschen wieder dazu gebracht werden können, Journalismus zu mögen.

Weil wir möglicherweise gar kein Digitalisierungsproblem haben. Sondern eher ein anderes: dass die neuen Technologien leider auch gnadenlos aufzeigen, wo sich Routine, Langeweile und ritualisierten Beamtenjournalismus eingeschlichen haben.

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