Der journalistische Bankrott

Braucht eigentlich noch irgendjemand Regionalzeitungen? Ein Beispiel aus Niederbayern zeigt: Zumindest in dieser Form kein Mensch mehr…

Meine alte niederbayerische Heimat hat es heute böse erwischt: Unmittelbar vor meiner früheren Haustür stehen ganze Orte unter Wasser, müssen Kinder in Schulen ausharren und werden eingeschlossene Menschen mit dem Rettungshubschrauber evakuiert.

Das weiß ich unter anderem deswegen, weil eigentlich alle relevanten Medien groß und umfangreich berichten:

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Alle? Naja. Nicht alle. Die Heimatzeitung vor Ort, die „Passauer Neue Presse“ sieht die ganze Angelegenheit etwas entspannter:

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Während also SZ und Spiegel Online und Bild und all die anderen laufend aktualisieren, livetickern, Videos, Fotos und Texte in online-adäquaten Mengen liefern, hat die Heimatzeitung, deren Redaktion Luftlinie 5 km von Triftern entfernt ist, ein Bild einer „Überschwemmung“ in Triften. Aktualisierungen? Kaum erkennbar. Hintergründe, Infos, Multimedia? Fehlanzeige. Stattdessen ein wirres Sammelsurium an Informationen und eine Fotostrecke zum Thema „Hochwasser in Rottal-Inn 2016“. Lokaljournalismus im Jahr 2016. Man könnte es auch eine publizistische Bankrotterklärung nennen.

***

Es ist ein ulkiger Zufall, dass ich vergangenen Sonntag im „Medienmagazin“ von B5 aktuell ein paar Statements zu den Online-Auftritten der bayerischen Tageszeitungen abgegeben habe. Meine Einschätzung war bestenfalls mittelgut, zusammenfassend habe ich in etwa gesagt, dass ein beträchtlicher Teil noch nicht im digitalen Zeitalter angekommen ist. Das hat erwartungsgemäß nicht überall für Freude gesorgt, bei etlichen Zeitungs-Kollegen am allerwenigsten. Das ist schon ok, allerdings hat mich eines gewundert: Gemessen an der Aufregung nach dem Beitrag vom Sonntag hätte man meinen können, ich sei mit dieser Einschätzung ziemlich daneben gelegen.

Und jetzt so was. Eine Monopol-Zeitung mit einer 100 Mann starken Redaktion, die alleine im betroffenen Landkreis Rottal-Inn drei (!) Lokalredaktionen hat, liefert etwas ab, was bestenfalls als ein guter Grund bezeichnet werden kann, sich andere Quellen zu suchen. Muss man sich mal vorstellen: Wer wirklich wissen will, was dort vor Ort los ist, muss zur SZ, zum Spiegel, zur Bild oder auch (ihr könnt jetzt ruhig maulen, Kollegen!) zum BR. Der Informationsgehalt der Zeitung vor Ort ist bei nahe null, über Optik und Multimedia und diesen ganzen anderen modernen Quatsch reden wir da  noch gar nicht.

Vermutlich gibt es dafür viele Gründe und ich bin mir sicher, dass meine Ex-Kollegen der PNP sie mir auch wortreich und glaubhaft schildern könnten. Darum geht es aber gar nicht. Sondern darum, dass das Beispiel PNP vom heutigen Tag die eigentliche Problematik vieler Regionalblätter zeigt. Und das ist gar nicht mal, dass sie immer noch ihre Infos gerne auf Papier drucken. Nein, es geht darum, dass sie in einem Journalismus-Verständnis aus den 80er-Jahren stecken geblieben sind: Reicht ja, wenn´s morgen vielleicht mal in der Zeitung steht. Weil es ja sonst eher keiner hat, außer uns, der regionalen Monopolzeitung.

Blöd nur, dass genau das nicht mehr stimmt. Dass sie verzichtbar geworden ist, dass es unzählige andere gute (bessere!) Quellen gibt, das sollten die Kollegen der PNP und anderswo spätestens heute begriffen haben.

Wenn nicht, wird es ganz bald so zappenduster wie heute der Himmel über Niederbayern.

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13 Kommentare

  1. Lieber Berater und ehemaliger Mitarbeiter der PNP, ich glaube ich verstehe den Kern der Kritik nicht ganz. Sie hätten sich also lieber einen Ticker gewünscht als viele einzelne Splitter? Ist das der Kern der Kritik?
    Also wenn es nur das ist….

  2. Nein, der Kern der Kritik ist, dass es in vielen Häusern immer noch kein adäquates Verständnis von digitalem Journalismus gibt und auch die PNP bei der aktuellen Hochwasser-Berichterstattung erstens lange Zeit eher unaktuell war und zweitens die Möglichkeiten, die digitale Kanäle bieten, nicht im Ansatz ausgeschöpft hat. Davon abgesehen zeigt sogar Ihr spöttischer vorletzter Satz, wie wenig die PNP im Digitalen angekommen ist: Ja, ich hätte mir lieber einen Ticker als „viele einzelne Splitter“ gewünscht. Aus vielen einzelnen Splittern etwas zusammenzustellen nennt man übrigens Journalismus.

  3. Selbst die „großen“ Zeitungen und Fernsehsender haben es alle versäumt rechtzeitig zu informieren was da auf uns zukommt. Und ja, es war aus ein paar Ecken (Kachelmann) bekannt.

  4. Nun gibt es in NRW ‚Land unter‘ und die Redaktion der Funke-WAZ schafft es ein paar Fotos von ueberfluteten Unterfuehrungen von Twitter auf die Webseite zu stellen:
    http://www.derwesten.de/region/regen-gewitter-schlammlawine-land-unter-am-niederrhein-id11874012.html
    Morgen nimmt man dann wieder an einem Symposium teil, wo man erklärt, wie das so geht mit dem ‚Einordnen‘ von Nachrichten im 21. Jht. & wie nah man doch dran ist an den Menschen-da passt kaum ein Werbeprospekt zwischen, so nah ist man dran.
    Ich habe auch nach 5 Minuten kein einziges Bild von der ueberfluteten Innenstadt in Xanten gefunden. Aber wahrscheinlich werden die Drohnen gerade fuer investigative Reportagen benötigt. Aber unter ‚Fotos‘ auf der Titelseite ist immerhin noch Platz fuer ‚Die Karriere von Thomas Gottschalk‘ (nur echt mit Micky Mouse Vorschau-Bild). Alles auf Klicks ausgelegt und von Lokaljournalismus nichts zu sehen-aber gibt ja Twitter…

  5. Nein, es geht nicht um Versäumnisse der Meteorologie, im Grunde beschwert sich Kachelmann genau über das selbe: Dass in diesem Fall für die Betroffenen unter Umständen lebenswichtige, Informationen nicht über Presseticker oder Live-sondersendungen im Lokalradio und -TV weitergegeben werden.

    http://wetterkanal.kachelmannwetter.com/hochwatergate/

  6. Es gibt auch positive Beispiele. Die Heilbronner Stimme – ebenfalls eine Regionalzeitung – hat mit Beginn der Unwetter im Raum Hohenlohe und Heilbronn ab Sonntagabend drei Tage lang live getickert. Nachlesen kann man das ganze hier: http://www.stimme.de/unwetter

  7. Das ist alles schrecklich – reicht aber nicht für die von cjakubet gezogenen Folgerungen über den Untergang der Presse. Hier ein paar Hinweise: Die „Passauer“ hat seit 1998 rund 9%, d. h. pro Jahr deutlich weniger als 1% der verkauften Auflage verloren und gehört damit zu den relativ auflagenstabilsten Regionalzeitungen in Deutschland. Zum Vergleich: Das Hamburger Abendblatt (de facto auch Monopol-Abozeitung mit sehr großer Redaktion, erscheint in einem wirtschaftsstarken Zuzugs-Ballungsraum) hat im selben Zeitraum rund das Dreifache an verkaufter Auflage verloren. Ganz ähnlich die WAZ mit ihren teuren Online-Experimenten. Umgekehrt der Donau-Kurier in Ulm: eine solid-biedere Zeitung, die ihre Auflage noch besser hält als die PNP. Ihr Webauftritt könnte man genauso zerfleddern wie den der PNP: behäbig, schläfrig, kleinkariert.
    Kurz: Wenn man über die Zukunft der Regionalpresse reden will, sollte man auch in Betracht ziehen, dass es noch immer sehr viele Menschen gibt, die in Livestreams, Twitter-Gehetze usf. keinen Nutzwert und auch keinen Zuwachs an Qualität sehen.

  8. Könnte es aber nicht einfach auch so sein, dass die Auflagen der Blätter außerhalb der Ballungsräume auch deshalb so halbwegs stabil sind, weil es kaum Alternativen gibt? Ich kenne zumindest für die Regionen Passau und Ulm keine. Und die paar, die es gibt, gehören irgendwie dann doch wieder zum Konzern. (BTW: Der Donau-Kurier ist in Ingolstadt und nicht in Ulm. Pedanten-Modus off).

    Und könnte es zudem nicht auch einfach so sein, dass solche Blätter aktuell sehr stark vom konservativen Bestand leben? Und dass die wirklichen Einbrüche erst in drei oder vier Jahren kommen, wenn nämlich die Digital Natives zum ersten Mal die Kernzielgruppe zumindest altersmäßig ausmachen? Glauben Sie ernsthaft, dass die Generationen, die mit „Livestreams, Twitter-Gehetze usf.“ aufgewachsen sind, mit steigendem Alter wieder glücklich sind, wenn ihnen jemand Online-Journalismus aus dem Jahr 2003 präsentiert?

    Und schließlich, was folgt aus Ihrem Kommentar, Herr Haller? Dass Sie mal ruhig alle so weiter machen sollen? Dass man mit „solid-biederem“ Journalismus immer noch am weitesten kommt? Dass das Internet ja demnächst ohnehin wieder weggeht?

  9. wahrscheinlich bin ich naiv – wo es doch so einfach ist, per Netz lokal zu informieren über ne eigene Seite…
    in den nächsten Tagen tritt die Mosel über die Ufer: jedes Weindorf hat hier ne eigene homepage: ne Meldung, dass der Ort mittlerweile unpassierbar ist mit Datumsangabe ? Fehlanzeige

    Die Seite, die in RLP Warnungen wg Hochwasser ausgibt, hat eine Karte, die so klein ist, dass die Stellen, wo es kritisch ist, eben nicht angezeigt werden. Sprich: sinnlos !
    http://fruehwarnung.hochwasser-rlp.de/mayen-koblenz-stadt-koblenz.15.html

    Das Anzeigenblatt Wochenspiegellive.de, das es könnte, bringt NICHTS. Abgesehen von teilweise düsterem Pseudojournalismus…aber das lieben die Leute hier: heile Welt…

    Was machen die Leute ? Sie rufen die Tankstelle oder das Hotel im jeweiligen Moseldorf an und fragen, ob man noch durchkommt… Und die sind entsprechend genervt von den Anrufen.
    Ich seh am Montag wieder die Autokohorte den Berg von der Mosel hochfahren, weil unten die Brücke gesperrt ist… Es ist so lächerlich…

  10. Ach wer will schon alles live getickert haben, ich glaube, die Menschen hatten zu der Zeit des Unglücks wirklich anderes zu tun, als alle 30 Sekunden zu schauen, was es Neues gibt, und die anderen Gaffer können getrost einen Tag lang warten. Wird Zeit, dass dieser multimediale Humbug wieder endet, im Einklang leben, heißt nicht, sich durch eine Informationsflut wurschteln. Lean backward und lies die Zeitung

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