Vorsicht, Skeptiker-Rundumschlag!

Das Schöne ist ja, dass es noch ein paar Sachen gibt, bei denen man auch als Mensch meines Alters noch ganz vorne dabei sein kann. Aktuell beispielsweise gehöre ich zu der ersten Generation, die im und mit dem Internet alt wird, öffentlich sozusagen. Fühlt sich irgendwie eigenartig an, zumal dann, wenn man bei sich selbst feststellt, seit geraumer Zeit nicht mehr per se alles toll zu finden, was in diesem Netz passiert.

Man hat uns, vermutlich korrekterweise, prophezeit, dass 2016 das Jahr ist, in dem das alte Internet stirbt. Das alte Internet ist vermutlich das, das wir vor ungefähr 20 Jahren aufgebaut haben. Dieses Ding mit vielen Texten, mit gelegentlichen Bildern und auch mit den allerersten Videoschnipseln. Als wir dieses Netz mit aufgebaut haben, dachte noch kein Mensch an soziale Netzwerke, an YouTube – und als Besitzer eines klobigen Handys, mit dem man sogar SMS verschicken konnte, war ich damals arschcool.

Das waren auch die Zeiten, in denen ich mir gerne mal so Bezeichnungen wie „Verlagskritiker“ abgeholt habe, weil ich so steile Thesen aufgestellt habe wie die, dass es Tageszeitungen in Zukunft etwas schwerer haben würden und ihr Überleben dauerhaft vermutlich nicht gesichert sei. Damit würde ich heute nicht mal einem 65jährigen, kurz vor seiner Pensionierung stehenden Lokalredakteur zu einem kurzzeitig gesteigerten Puls verhelfen. Im Gegenteil, vermutlich würde er nur einen lakonischen Hashtag #isso twittern.

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Tempi passati, aktuell lasse ich mir von einer 14-Jährigen Snapchat erklären. Mit dem Ergebnis, dass mir dauernd der Sascha-Lobo-Satz von der letzten re:publica durch den Kopf geistert, wonach wir schon vor allen anderen Snapchat nicht verstanden haben. Dass ich es nicht verstehe, würde ich nicht behaupten, auch wenn ich finde, dass man sich dort alle Mühe gibt, ja nicht zu benutzerfreundlich zu werden und dass Menschen jenseits der 25 das Ding nach spätestens zwei Tagen entnervt wieder vom Smartphone schmeißen.

Nein, vielmehr zeigt diese Geschichte mit Snapchat den ganzen Zwiespalt, in dem man sich als Mitaufbauer des gerade also zur Beerdigung freigegebenen Netzes befindet: Warnt man jetzt zurecht vor endgültig bedenklichen Entwicklungen oder ist man zum „alten Brummbär“ geworden (Copyright by: Holger Schellkopf, Mittelbayerische Zeitung), der als Kulturpessimist alles doof findet, was ihm über den Kopf wächst? Ist also tatsächlich alles, was man als Mensch jenseits der 35 kennt, göttliche Vorsehung und keinesfalls zu ändern?

Bevor Ihnen das zu philosophisch wird: Mir ist Snapchat zu bunt, zu laut, zu grell, zu albern, zu oberflächlich. Und der Erkenntniswert hält sich auch in Grenzen. Und vieles andere im Netz würde ich ähnlich bewerten.

So nämlich! Bin ich jetzt alles, was ich nie sein wollte?

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Dieser ewige Zwiespalt begleitet mich den ganzen Tag. Und dauernd muss ich neuerdings bei Vorträgen, Seminaren, Keynotes und irgendwelchen Beratungsmandaten strikt unterscheiden. Zwischen dem, was ich als Entwicklung irgendwo am Horizont sehe – und was ich persönlich davon halte. Ich rate also dringend jedem Medienschaffenden, sich mit Snapchat auseinanderzusetzen, finde es persönlich aber grenzdebil. Ich würde keinem Journalisten mehr gestatten, ohne eine Videokamera in der Hosentasche (vulgo: Smartphone) das Haus zu verlassen, sehe dann aber gleichzeitig oft genug Schnipsel, bei denen ich mir denke, dass es vielleicht besser gewesen wäre, der Verantwortliche dafür hätte sein Smartphone einfach vergessen, als er heute das Haus verließ. Ich ahne, dass auch 30 Sekunden ein gutes Video sein können. Und finde es gleichzeitig zum verzweifeln, wie sehr die Dinge verflachen und verblöden, weil Menschen versuchen, Dinge in 30 Sekunden zu erklären, die man nicht in 30 Sekunden erklären kann. Außerdem sehe ich, wie seit Jahren die Aufmerksamkeitsspanne meiner Studenten nachlässt – und wie es ein durchschnittlicher 20-Jähriger kaum mehr länger als 30 Minuten in einem Seminar aushält, ohne verstohlen auf sein Smartphone zu schielen. Hat aber natürliches alles nix mit nix zu tun. Zwischendrin habe ich ernsthaft schon mal überlegt, ob ich nicht in meinen Vorlesungen und Seminaren ein Handy-Verbot erlasse. Ich befürchte aber, dass ich mich dann endgültig im geistigen Opatum angekommen fühle.

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Bild bei Snapchat.

Grundsätzlich ist es mir natürlich egal, ob sich Studenten oder sonstwer heutzutage noch länger als drei Minuten konzentrieren können – Hauptsache, ich kann´s noch. Ich weiß nur nicht, ob es wirklich eine sehr gute Idee ist, wenn wir Medienmenschen unsere Kunden zunehmend mehr in kurzen Häppchen abspeisen. Das Unwort „snackable“ geistert ja schon eine ganze Zeit durch die Debatten. Und bevor jemand sagt, der Köder müsse dem Fisch schmecken und nicht dem Angler: Mit der Begründung hat schon Helmut Thoma vor 25 Jahren TV-Programme am Rande der Verblödung scheinlegitimiert. Wobei mir schon klar ist, dass RTL heute ein TV-Riese ist, manchmal auch ganz ordentliche Sachen sendet und es ja ohnehin nix hilft: Wenn die Leute snappen und whatsappen wollen, ist es nicht sehr hilfreich, mit erhobenem Zeigefinger daneben zu stehen und „pfui!“ zu rufen.

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Ebenfalls ist mir natürlich sonnenklar, dass wir die Menschen da abholen…na, Sie wissen schon. Trotzdem, manchmal glaube ich, da haben ein paar was falsch verstanden:  Ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich einen großen Bedarf an Journalismus auf Kanälen wie Snapchat oder WhatsApp gibt. Zumindest dann nicht, wenn wir von halbwegs seriösem Journalismus reden und nicht von 10-Sekunden-Poserei.

Im Übrigen erinnere ich mich noch ziemlich gut, als man uns vor ungefähr zehn Jahren erzählen wollte, dass Journalismus unbedingt auch bei Second Life stattfinden müsse. Die Jüngeren googeln das jetzt bitte einfach mal, die Älteren erinnern sich: Auch in einer virtuellen Welt gäbe es ja einen großen Bedarf an Journalismus. Gab es allerdings dann doch nicht, die Leute dort wollten einfach ihren Spaß haben und keine Einordnung zur Lage der Weltwirtschaft lesen.

Das Argument also, man müsse Menschen auf allen Kanälen bespielen, ist nur so mittelrichtig. Der Inhalt muss schon auch zum Kanal passen und wenn der Kanal sich nicht so sehr für Journalismus eignet, dann ist das eben so. By the way, was ist eigentlich aus den vor zwei Jahren mal heftig debattierten Inhalten für die Apple Watch geworden?

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Für mich hat, ganz konservativ und hoffnungslos veraltet, Journalismus etwas mit einer gewissen Ernsthaftigkeit und der Anstrengung zu tun, Dinge zu erklären, sie einzuordnen und sie so darzustellen, dass sie wenigstens zu ein bisschen mehr Wissen und Verständnis führen. Alles andere ist Unterhaltung. Die hat ihre Berechtigung, ganz bestimmt. Aber Unterhaltung und Journalismus sind eben immer noch zweierlei Dinge.

Und, holla, auch das noch: Ganz konservativ und hoffnungslos veraltet gebe ich zu, dass es Momente gibt, in denen ich schlichtweg in Ruhe gelassen werden möchte. In denen bringen mir blinkende Push-Meldungen und 10-Sekunden-Snaps und ein atemlos dahin gerotztes „Ich weiß zwar noch nix genaues, aber ich bemühe mich wenigstens, was zu wissen“ nichts weiter als Ärger darüber, was mir inzwischen alles als in irgendeiner Weise relevant vorgegaukelt wird.

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Frau Müller-Hohenstein erklärt, dass der Bus hinter ihr gleich losfahren wird.

Zumal diese Daueraufgeregtheit, dieser Erregungsjournalismus und das Verbreiten von Nichtigkeiten auch ihren Niederschlag in der Offline-Welt gefunden haben: Ich bin bestimmt ein großer Fußball-Fan, aber als die Kollegen vom ZDF am Sonntag in der „heute“ zu Kathrin Müller-Hohenstein schalteten, die aufgeregt vor einem Bus stand und mitteilte, dass dieser Bus, der Bus der deutschen Nationalmannschaft, also dass dieser Bus jetzt dann gleich losfahren würde und hinter ihr schon die ersten Spieler DIESEN Bus betreten, damit sie dann gleich losfahren können – also, in diesem Moment habe ich mich gefragt, ob es wirklich ein Wunder ist, wenn das Gefühl für Relevanz endgültig im Eimer ist. Der Mannschaftsbus fährt gleich los und das ZDF schaltet in der Hauptnachrichtensendung live zu einer Reporterin.

Umso mehr glaube ich, dass es irgendwie (Vorsicht, Pathos!) auch zu den Aufgaben von Journalismus gehört, aus dieser dauerblinkenden Welt irgendwas mit Relevanz rauszufiltern, anstatt noch mehr dauerblinkendes Zeug dazu zu packen. Klar glaube ich, dass Echtzeitjournalismus eine potentiell tolle Sache ist. Wenn man allerdings nur den ersten Teil des Wortes nimmt und den Journalismus weglässt, dann bleibt nicht mehr viel übrig. Als ich jedenfalls Frau Müller-Hohenstein und den Mannschaftsbus gesehen habe, war das so ein Moment, in dem ich mir gewünscht habe, in Ruhe gelassen zu werden (tatsächlich habe ich dann auch weggeschaltet).

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Kulturpessimismus? Mag sein. Ich halte das Netz immer noch für etwas Großartiges und ich bin mir ziemlich sicher, dass es im Journalismus seit 50 Jahren nicht mehr so spannende Zeiten gegeben hat. Umso sympathischer wäre es mir, wenn wir mal anfangen könnte, die Debatte etwas differenzierter zu führen. Nicht alles, was an neuen Entwicklungen kommt, muss zwangsweise gut sein. Und nicht jeder, der Dinge skeptisch sieht, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, sie einfach nicht verstanden zu haben.

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