Ein bisschen Politbüro im Netzwerk Sonntagsreden

Das Netzwerk Recherche hat gestern seinen Bankrott erklärt. Nicht finanziell, Geld hat der Verein genug. Dafür aber als eine Quasselbude für Sonntagsreden mit der Neigung zur elitären Pseudoschöngeistigkeit, einhergehend mit Realitätsverlust und zunehmender Irrelevanz. Der Vorstand ist zurückgetreten, weil das Netzwerk möglicherweise 75.000 Euro an Zuschüssen unberechtigt kassiert hat.

75.000 Euro – das ist eine Menge Geld, vor allem dann, wenn man dessen Herkunft und Berechtigung nicht wirklich erklären kann. Schon möglich, dass “Europas bester Journalistenverein” (etwas kleiner haben sie es ja beim NR nicht) sich in einem Geflecht von komplexen Vorschriften verheddert und sich niemand persönlich bereichert hat. Dennoch ist es hochnotpeinlich, wenn ein Verein mit dieser Attitüde – und niemand kommt so attitüdenhaft des Wegs wie das NR in diesem Fall, perfekt durch Thomas Leif repräsentiert – und diesem Anspruch nicht in der Lage ist, einen solchen Betrag zu erklären. Dass Thomas Leif wie ein Mitglied eines ehemaligen Politbüros zum Rücktritt gedrängt werden musste und erst ging, als er sich de facto in der Handlungsunfähigkeit sah, sagt einiges aus darüber, wie sehr insbesondere Leif, aber auch viele andere in dem Verein die Bodenhaftung verloren hatten. Wenn man sich dann auch noch an einem solchen Tag ungerührt hinsetzt, um über “Haltung, Moral und Ethik” zu debattieren, muss man den Bezug zur Wirklichkeit ziemlich verloren haben. Das Ergebnis der Runde war dann übrigens auch ein weitgehend unreflektiertes Schulterklopfen, garniert mit den üblichen Plattitüden zur unbedingt erhaltenswerten Qualität im Qualitätsjournalismus.

Durchaus interessant sind neben den 75.000 Euro, die man sich nicht wirklich erklären kann, weitere 400.000 Euro. Die sind zwar erklärbar, dennoch verwunderlich: Das ist nämlich der Kassenstand des Vereins. Natürlich darf jeder so viel Geld haben wie er will, aber trotdzem ist das bezeichnend für die Geisteshaltung der NR-Schönrednerei. Man fordert, man veröffentlicht hübsche Manifeste und man trifft sich zu Schönwetter-Konferenzen. Aber dass man ein Vereinsvermögen von fast einer halben Million Euro (!) für konkrete Projekte und zur Unterstützung von recherchierenden Journalisten verwenden würde, auf diese Idee kommt man anscheinend nur eingeschränkt. Laut Webseite sind es gerade mal jämmerliche sieben Texte, deren Entstehung durch Stipendien des NR gefördert wurden, statistisch gesehen also nicht mal einer pro Jahr. Zu vermuten ist, dass sich Thomas Leif in dieser Zeit sehr viel mehr mit sich selbst und seinem Wirken beschäftigt hat, als sich der Förderung von guter Recherche in Deutschland zu widmen. Was man im Übrigen sogar im NR-Vorstand einräumt. Möglicherweise, so heißt es dort, habe sich das Netzwerk in den letzten Jahren zu sehr zu einer One-Man-Show entwickelt.

Bizarr in diesem Zusammenhang: Das NR hat während seiner Tagung wieder mal die “Verschlossene Auster” vergeben, ein Preis, dessen Vergabe so wohlfeil wie nutzlos zugleich ist. Ein billiger Punkt, den man da macht. Beim NR selbst ist die Kommunikation aber keineswegs so transparent wie man sie von jemandem mit diesem Anspruch erwarten dürfte. Schönes Beispiel ist die “Erklärung” des Vorstands, wonach Thomas Leif die “Verantwortung” für die Unregelmäßigkeiten übernommen habe. Das liest sich allerdings beispielsweise in der taz ganz anders. Demnach musste Leif mit Brachialgewalt aus dem Amt gedrängt werden. Was würden eigentlich die Sonntagsredner vom NR schreiben, wenn andernorts solche windelweichen Erklärungen herausgegeben werden, obwohl man sehr genau weiß, dass die Wirklichkeit eine andere ist? Das Geschwurbel hätte übrigens jede Pressestelle einer Partei nach einem Rücktritt beispielsweise eine Plagiators auch nicht anders formuliert.

Momentan also steht das NR ziemlich zerrupft da: Mit der Maschmeyer-Sache hat sich der Verein der größtmöglichen Lächerlichkeit preisgegeben, die Sache mit den 75.000 Euro wird noch eine ganze Zeit nachwirken — und einen Vorstand gibt es auch nicht mehr. Großartige Bilanz nach zehn Jahren in “Europas bestem Journalistenverein”. Auf der anderen Seite: Muss man ihm nachweinen? Einem Verein, der mit zunehmender Lebensdauer immer mehr zur Bühne seiner (Selbst-)Darsteller wurde? Und dessen größtes inhaltliches Ding es ist, über Ethik, Haltung und Moral zu debattieren? Das NR hat sich selbst diskreditiert und überflüssig gemacht. Und um es, ausgerechnet, mit Carsten Maschmeyer zu sagen: Man hat in den letzten Wochen tatsächlich interessante Einblicke bekommen, wie Deutschlands vermeintliche Topjournalisten so ticken.

Nachtrag, Montag, 18 Uhr: Stefan Niggemeier schreibt bei “Spiegel Online” über die Vorgänge beim “Netzwerk Recherche” und verweist dabei auch diesen Text hier. Er spricht von “Wort- und Wutüberschuss” und von “Reflexen”, die das NR offenbar auslöse. Ich bin keineswegs geneigt, ihm zu widersprechen.