Die ganze Abrechnung lesen Sie bei Google!

Vermutlich muss man sich das so vorstellen, dass es neuerdings in vielen Redaktionen Redakteursstellen gibt, die intern irgendwie Redakteursstellen sind, in den Kostenstellen aber als Stellen zur Umgehung des Leistungsschutzrechts und zur Senkung vom Beriebskosten gewertet werden. Oder als Stellen zur dauerhaften Senkung übertriebenen eigenen Outputs. So interessant zu beobachten war es jedenfalls schon lange nicht mehr, wie man aus dem Abschreiben der Zusammenfassung fremder Texte großartige Aufmacher für das eigene Medium zusammenbekommt.

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Den Anfang machte, mal wieder, die „Bild“. Kachelmann rechne ab, wurde letzte Woche getextet. Und dass man die ganze Abrechnung in der „Bild“ lesen könne, was nicht gelogen war, aber irgendwie auch nicht wahr. Die journalistische Leistung der „Bild“ bestand im Wesentlichen darin, ein Interview zusammenzufassen, das Kachelmann vergangene Woche der „Zeit“ gegeben hat. Das heißt, man hat es ein bisschen gepimpt; aus Kachelmanns Aussage beispielsweise, er könne keine Lufthansa-Maschinen mehr betreten machte die „Bild“, Kachelmann „boykottiere“ die Lufthansa. Was natürlich eher in die Anti-Kachelmann-Linie des Blatts passt, Motto: Dieser kleine Schweizer vergewaltigt erst unsere Frauen, dann sprechen wir ihn frei — und zum Dank boykottiert er auch noch unsere Airlines.

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Praktisch ist es natürlich auch, wenn die Gegenseite, in jenem Fall Nebenklägerin Claudia D., in der „Bunten“ zum medialen Gegenschlag ausholt und ihre Sicht der Dinge ungehindert darstellen darf. „Bild“ wie viele andere auch schreiben die Aussagen der Claudia D. weitgehend unverändert ab, so dass die journalistischen Eigenleistungen in der Causa K. in den vergangenen Tagen überschaubar blieben. Jeweils ein Interview reichte aus, um eine ganze Menge von Redaktionen mit ausreichend Futter zu versorgen. Welchen Stellenwert Aussagen haben könnten, was hinter solchen Interviews steckt, das alles muss man ja nicht mehr hinterfragen, wenn es ausreicht zu sagen: haben ja nicht wir gemacht. Stand in der „Zeit“, in der „Bunten“ oder sonstwo. Dabei wäre es interessant gewesen, wenn man sich mal die Mühe gemacht hätte aufzuzeigen, wie die mediale (Schlamm-)Schlacht auch nach Urteilsverkündung weitergeht. Das Gespräch Kachelmanns in der Zeit wurde von deren Gerichtsschreiberin Sabine Rückert gemacht, die eng verbandelt ist mit Kachelmann-Anwalt Schwenn und die im Prozess eine eindeutige Position eingenommen hat (es spricht im Übrigen nicht sehr für die „Zeit“, auf diesen Umstand auch diesmal nicht hingewiesen zu haben). In der „Bunten“ öffnet Claudia D. ihr Herz der Chefreporterin Tanja May, die ehemaligen Freundinnen Kachelmanns schon auch mal Blumen und „Sonnengrüße“ schickt.

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Muss man sich also mal vorstellen: Da bekriegen sich zwei, kündigen zudem öffentlich an, ihren Kampf auch weiter fortführen zu wollen. Beide suchen sich das Medium ihrer Wahl aus — und die Journalisten-Herde bekommt nicht mehr hin, als dass man einfach die Aussagen aus den jeweiligen Interviews abpinnt und sie vielleicht noch in eine verschwurbelte Konjunktivform setzt. Spannend ist das übrigens auch aus einer anderen Sicht: Wie war das nochmal mit dem Leistungsschutzrecht? Wäre das auch ok, wenn Google seine Seite betexten würde mit: Die ganze Abrechnung (und noch viele andere Abrechungen) lesen Sie jetzt bei Google!

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Diese Unsitte, Dinge anderer in den Konjunktiv zu setzen, nimmt irgendwie zu, den Eindruck wird man nicht los. Der „Stern“ hat in dieser Woche mit der Frau eines Mannes gesprochen, der im dringenden Verdacht steht, im Frühjahr in Bayern seine zwei Nichten umgebracht zu haben. Brisanz bekommt das Gespräch dadurch, das sie ihren Mann ohne jede Einschränkung verdächtigt, der Mörder zu sein (Belege dafür hat sie allerdings nicht).  Und natürlich auch hier: Die Geschichte aus dem „Stern“ wird solide abgeschrieben und in etlichen Fällen mit Überschriften versehen, die den Eindruck erwecken, als sei man irgendwie dabei gewesen (anderen soll ja in solchen Fällen schon mal ein Journalistenpreis aberkannt worden sein).

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Und wie darf man das jetzt alles sehen? Wenn andere erst mal drüber berichtet haben, ist es völlig ok zu berichten, dass andere berichtet haben? Und der „Leistungsschutz“ gilt ja dann eh nicht mehr? Manchmal sind das merkwürdige Sitten, die wir im Journalismus haben.

 

 

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