That´s Entertainment

Bastian Sick ist demächst auf Tournee. Die Rede ist dabei explizit von einer Tournee und nicht von einer kleinen Lesereihe, was irgendwie auch ziemlich verwegen wäre, angesichts der Tatsache, dass er dabei u.a. auch mal in Passau Station macht. In der Dreiländerhalle. In der Dreiländerhalle finden ansonsten auch der ARD-Musikantenstadl und der Politische Aschermittwoch der CSU statt, nur um mal sanft anzudeuten, von welcher Größenordnung wir da reden. Was man so hört, darf man davon ausgehen, dass die Veranstaltung ziemlich ausverkauft sein wird.

Das ist erst einmal nichts Schlimmes, das Ganze dient ja schließlich einem guten Zweck, nämlich dem Erhalt und möglicherweise sogar der flächendeckenden Verbesserung der deutschen Sprache – und das auf unterhaltsame, charmante Art und Weise, die darauf verzichten kann, den Zeigefinger zu erheben.

Das ist die eine Sichtweise.

Die andere könnte die sein: Bastian Sick, durchaus selbst überrascht von dem Erfolg dessen, was aus einer kleinen Kolumne bei Spiegel Online geworden ist, hat inzwischen die Vermarktung dieses Erfolgs perfektioniert (sei ihm ja auch zugestanden). Aus dem Zwiebelfisch ist eine mittelständische Firma geworden und statt netter Sprachkritik macht Sick heute Linguistik-Entertainment. Apostrophen für die Masse, die sich schenkelklopfend amüsiert und nach zwei Stunden wieder raus an die frische Luft darf mit dem Gefühl: Wir stehen auf der richtigen Seite. Der guten Seite. Auf der, die den Apostroph noch richtig setzen kann. Dumm nur, dass wegen Sick und seinen Aktivitäten kein einziger Deppen-Apostroph verschwindet. Die, die das Ding mit dem Apostroph beherrschen, brauchen keine Nachhilfe. Und die, die gerne mal Sandy´s Imbiss schreiben, verirren sich nicht zu Sick. Aber vermutlich ist das auch gar nicht mehr der Anspruch, das mit der Sprache.

Womit wir beim Bildblog wären. Vermutlich (ganz im Ernst) waren auch Stefan Niggemeier und Christoph Schultheiss vom Erfolg dieses ursprünglich kleinen Blogs überrascht. Kann ja auch der beste Marketing-Stratege nicht erahnen, dass irgendwann Bildblog-lesen zum guten Ton gehört und man das mit Abstand erfolgreichste Blogprojekt im ganzen deutschsprachigen Raum macht. Und dass man irgendwann mal so weit sein würde, dass Frau Engelke und Herr Stromberg Testemonials in einem Werbespot sind und Charlotte Roche aus Bildblog liest und Fettes Brot dabei auflegen. Allerdings, und das ist das Problem: Man ist jetzt auf der Showbühne. Bildblog ist eine perfekt geölte Unterhaltungsmaschine geworden, die den Leuten gibt, was sie wollen: Entertainment. Wie bei Bastian Sick. Man sitzt zwei Stunden in einer Lesung, beömmelt sich über die Doofheit der Bildredakteure und kann auch in diesem Fall sicher sein: Wir und noch ein paar andere, wir stehen auf der guten Seite.

Dummerweise konterkariert das den Anspruch, mit dem die Bildblogger angetreten sind: nämlich darauf hinzuweisen, dass Bild eben nicht ein „lustiges Quatschblatt“ ist, sondern Europas größte Tageszeitung – mit entsprechender Macht und entsprechendem Einfluss ausgestattet. Natürlich muss man nicht mit Leichenbittermiene den Untergang des Abendlandes verkünden, aber bei solchen Geschichten und der demnächst vermutlich folgenden Bildblog-Tour mit Bildblog-Merchandising, Bildblog-Hörbüchern und Bildblog als Buch ist das Risiko groß, irgendwann mal direkt neben Sebastian Sick zu landen: Come on, Baby, lies mir nochmal diesen lustigen Fehler in der Post von Wagner vor. Und so, wie wegen Sick kein einziger grammatikalischer Dumpfbeutel weniger unterwegs ist, hat nicht ein einziges Exemplar der verloren gegangenen Bild-Auflage mit Bildblog zu tun. Wie jedenfalls die taz auf die Idee kommt, das Publikum sei schon irgendwie politisch, erschließt sich mir ganz und gar nicht.

Ganz persönlich erschüttert mich vor allem das, was jetzt an Reaktionen in den Kommentaren von Stefans Blog steht. Das ist von einer Servilität, von der ich dachte, sie ende außerhalb Bayerns (mag damit zusammenhängen, dass ich serviles Gutmenschentum irgendwie ganz fürchterlich finde). Bitte, Stefan, geht auf Tour! Stellt ein Video online! Macht bitte weiter so! Auch auf die Gefahr hin, mal wieder Dresche zu bekommen: Das Verhältnis zwischen Machern und Leser ist beim Bildblog nicht mehr so viel anders als bei der echten Bild, der Satz „Gut, dass es Bild gibt“, steht abgewandelt und sinngemäß auch in den Blog-Kommentaren bei Stefan Niggemeier.

Wann gibt´s eigentlich den „Bildblog kämpft für Sie“-Aufkleber? Und singt im Vorprogramm der Tour dann Xavier Naidoo?

Beteilige dich an der Unterhaltung

21 Kommentare

  1. > der Satz “Gut, dass es Bild gibt”,
    > steht abgewandelt und sinngemäß
    > auch in den Blog-Kommentaren
    > bei Stefan Niggemeier

    Da muss ich doch nachfragen – abgewandelt und sinngemäß im Sinne, dass die Niggemeier-Leser (überwiegend) Bildblog für gut und relevant halten, oder im Sinne dass die Niggemeier-Leser auf eine kryptisch-kranke Art und Weise Bildfans sind, weil Bild ihnen über den Proxy Bildblog so eine Gaudi beschert?

  2. Erschütternd waren die Reaktionen des Publikums, das es sich in der elitären Ecke bequem gemacht hat. Es ist gruselig zu sehen, wie sich dort Menschen versammeln und mit dem Finger auf andere zeigen um sich selbst zu beklatschen.

  3. @ John

    Genau, danke.

    Das sich elitär fühlen „Dürfen“ in Verbindung mit Bespaßung über andere ist gruselig. Krass das Bedürfnis, höher über Andere zu stehen, nur weil man die Apostrophregeln beherrscht. Dieses Dünkeltum ist wohl präfaschistoid irgendwie im Menschen drin, aber ich akzeptiere es dennoch nicht, da es Borniertheit und Kleinkariertheit zeigt.

    Lese den Zwiebelfisch gerne, weil ich auch noch Fehler mache. Gerade eben war mir z. B. nicht ganz klar, ob ich das Wort „Apostrophregeln“ nicht doch besser mit Bindestrich schreibe. Aber wahrscheinlich bin ich dann ein Depp, da es dann ein Deppenbindestrich (?) war. Der Lesbarkeit hätte die Bindestrichversion jedoch besser gedient.

  4. Das sind genau die, welche die Sachen wie den „Verein deutsche Sprache“ oder „Sprachpanscher des Jahres“ als Horde deutschtümmelnder Ewiggestriger abkanzeln.

    – aber die „Wörter des Jahres“ der letzten 5 Jahre aus dem Kopf aufsagen können.

    Geht doch nichts über die eigene kuschelige Ecke. Dann wird das Fingerzeigen auch leichter.

  5. Sind diejenigen, die wiederum Deine Kritik an bildblog beklatschen nach Deiner Logik nicht auch „servil“, bzw. haben das Gefühl „auf der richtigen Seite zu stehen“ ?

    Ich meine, dieses Spielchen könnte man ewig runterbrechen.

    Der bildblog kritisiert ein mediales Monster namens Bild-Zeitung und ist darüber selbst zu einem Blog-Monster geworden – spätestens seit dem Werbespot und der Lesung.

    Jetzt ist der bildblog zum Abschuss freigegeben und es ist extrem cool den bildblog „eigentlich uncool“ zu finden.
    So sind offenbar die Regeln.

    Wenn ich Stefan Niggemeier wäre, würde ich darüber kein Wort verlieren.

  6. @kk: Mich nervt ein wenig diese entweder-oder-Denke. Entweder bist du für mich oder gegen mich. Ich glaube, so wie die Bild als größte Zeitung in Deutschland es aushalten muss kritisiert zu werden, so muss es auch das größte Blog in Deutschland ertragen, wenn man es mal kritisiert. Deswegen ist Bildblog weder zu Abschuss freigegeben, noch moniere ich etwas, weil es plötzlich cool wäre, Bildblog zu kritisieren. Und ob mich jemand beklatscht oder meine Beiträge auf dieser Seite einfach nur doof findet, ist mir ehrlich gesagt eher einerlei. Das Blog hier ist Spaß, kein Lebensunterhalt.

  7. Guten Abend Herr Jakubetz! Woher wissen Sie und die Kommentatoren hier eigentlich so genau über die Motivationen der BildBlog-Leser, der Lesungsbesucher und der Niggemeier-Blog-Leser Bescheid? Mit gutem Willen kann ich das als sich-Gedanken-machen verstehen. Oder aber als Unterstellungen, Verallgemeinerungen und
    Vermutungen.

    Und: Mir macht’s auch Spaß!

    Untertänigst/Gutmenschlichst,

  8. @cj:
    Was den Hype um Bastian Sick angeht, gebe ich Dir ja völlig recht.
    Dass Du in dieser bildblog-Lesung schon den Beginn einer ähnlichen Entwicklung siehst, ist mir einfach zu pessimistisch.

  9. Guten Morgen, Herr Schläfer, würde Ihnen gerne antworten, aber Sie ziehen es vor, bei m Feld „E-Mail-Adresse“ „ist nicht nötig“ einzutragen. Wollen Sie jetzt echt ne Antwort?

  10. Das die Kritiker des Offensichtlichen sich der Gefahr aussetzen mit ihrem Gegenstand auf gleicher Höhe zu stehen ist sowohl immer so, als auch möglicherweise eine schutzfunktion des Systems gegen seine Kritik.
    Oder: Könnte es nicht sein das in dem Blödfinden vermeintlich verkürzer Kritik genau der Hund begraben liegt der denen ständig in den Arsch beisst die auf-der-richtigen-seite-stehen-tun, aber das keinesfalls so sehen, sondern ernsthaft an verbesserung/vermittlung interessiert sind?
    Ab einem gewissen Tiefpunkt des zu kritisierenden Objekts geht es nicht hoch genug zu sein um den Standarts zu entsprechen.
    Meine Hoffnung ist immer das dass preaching-to-the-converted in gewisser Weise abstrahlt. Also das man versucht bestimmte Positionen unmöglich zu machen in dem man die Kritik expliziert.
    Wieviele lesen Bild, weil noch nicht laut genug geschrien wurde um in ihre Ecke zu gelangen?

  11. Gerne, Herr Jakubetz, aber wenn das nur per eMail geht statt über Ihren Blog, dann eben bitte so.

    freundlichst,

  12. Nein, das geht selbstverständlich auch über diese Kommentarfunktion hier. Ich möchte nur immer halbwegs wissen, mit wem ich es zu zun habe. Die Maildresse wird ja nicht veröffentlicht. Ich hoffe, das ist ok.

  13. Ist in Ordnung, Herr Jakubetz. Ich gebe die Adresse aufgrund einer gewissen Spam-Scheu nicht an, wenn möglich. Nun sollte bei Ihnen auch diese erscheinen, und nach einem Ausflug in eine RL-Erkältung wäre ich jetzt bereit für Ihr geheimes Wissen der Motive der BildBlog-Leser, Lesungsbesucher und Niggemeier-Kommentatoren.

    Schönen Gruß,

  14. Keine Geheimnisse. Eher Bauchgefühle. Empfehle dazu sehr das Interview mit den Ärzten aus dem Spiegel vergangener Woche und deren Begründung, warum sie nicht bei Live Earth dabei waren, obwohl sie ihre Tourneen klammheimlich mit Ökostrom betreiben. Grund eins: Man findet es suspekt, wenn man Engagement für eine gute Sache an die große Glocke hängt. Zweitens: Man mag sich nicht öffentlich mit einem Gegner auseinandersetzen, der zum Zeitpunkt der Auseinandersetzung gar nicht da ist. Da wird´s schnell beliebig.

    hab´ich schon erwähnt, für die Ärzte ziemliche Sympathien zu haben?

  15. Hier meine Erwiderung, Herr Jakubetz (leider erst jetzt, da sich meine Erkältung als noch ausbaufähig erwies).

    Und ich bin etwas enttäuscht, dafür habe ich also meine Mail-Adresse rausgerückt: Bauchgefühle (zugegeben, journalistische) und der Vergleich mit einem gut-gemeinten Globalisierungsgegner-Event? Ich hätte da etwas Substantielleres erwartet! Immerhin unterstellen Sie drei m. M. relativ getrennten Gruppen kollektiv, eine Ansammlung von Ja-Sagern zu sein, die ihre „gute“ Gesinnung feiert.

    Selbstverständlich habe ich das Ärzte-Interview im SPIEGEL schon vor ihrer Empfehlung gelesen. Auch ich schätze sie sehr und – um die Kurve zu kriegen – auf ihrer neuen CD bekommt die four-letter-word-Postille auch mal eben ihr Fett ab. Außerdem sind die Ärzte mit Frau Roche gut bekannt und werden ihrem Engagement eher zustimmen, als ihr etwas zu husten, wie Sie schreiben.

    Die Haltung der Ärzte in eigener Sache (Öko-Strom, Auftritte ablehnen) in Ehren, aber die Bild-Zeitung läßt sich nun mal nicht dezent (meint: im Stillen) kritisieren. Und man darf dabei auch unterhalten.
    Das die Absicht dabei zur Show verkommt, wie Sie befürchten, Glaube (gegen ihren Bauch) ich nicht. Dafür scheint Herr Niggemeier zu selbstzweiflerisch zu sein. Daher kann ich auch dem Vergleich mit Bastian Sick (dessen Bücher ich übrigens gerne lese) nicht zustimmen, denn der war schon vor seinem großen Erfolg eitel. Diese Charaktereigenschaft bedingte ihn geradezu.

    Und damit ist mein Kontingent an Klammern für heute verbraucht, deshalb zum Schluß auch kein Grinsegesicht.

    btw: Das Sie Charlotte Roche enervierend finden, verstehe ich. Aber ihre „organischen“ Beschreibungen für Musik, ihre Kenntnisse und intuitives Verständnis dafür sind verehrungswürdig. Find ich.

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