Journalistische Resterampen

Wie hält es die deutsche Presse (in Form von Tageszeitungen) eigentlich mit ihrer Rolle in der digitalen Öffentlichkeit? Darüber wurde vor lauter Selbstbespiegelung in den letzten Jahren kaum gesprochen, weil die Frage meistens nur lautete: zahlen oder nicht bezahlen? Inhalte online stellen oder eher nicht? Einen anderen Aspekt lassen Verlagsstrategen dabei gerne außer acht. Mit jeder Zeile, die der digitalen Welt vorenthalten wird, entziehen sich die Blätter dem öffentlichen Dialog, ziehen sie sich in eine abgeschlossene Welt zurück — und verlieren damit weiter an Stellenwert und an Reputation. Abgeschlossene Welten können sich vielleicht Apple und Amazon leisten, weil sie Marktmacht besitzen und Produkte anbieten, die aus den unterschiedlichsten Gründen als nicht verfechtbar gelten. Alles Voraussetzungen, die für Zeitungen in Deutschland nicht gelten. Trotzdem geht die Tendenz zunehmend dahin, sich weiter aus der (kostenlosen) digitalen Welt zurückziehen. Dumm nur, dass niemand ihnen im Netz hinterherlaufen wird.  Die Frage ist also gar nicht so sehr “bezahlen oder nicht bezahlen” sondern: dabei sein oder nicht dabei sein? Nicht dabei sein? Auch recht.

Thierry Chervel stellt bei den “Perlentauchern” noch eine andere interessante These auf: Er vermutet, dass der natürlich nicht öffentlich geäußerte Wunsch in vielen Verlagen immer noch der ist, die Leser aus dem Netz zurückzuholen zur guten, alten Zeitung. Die Idee klingt zwar verwegen, weil man weiß, dass das nicht passieren wird. Aber angesichts von Chervels angeführten Beispielen würde das auf einmal gar nicht mehr so abwegig klingen, vielen Strategien ist die latent vorhandene Abneigung gegen das Netz immer noch anzumerken.

Und auch das: Unverständnis dafür, wie dieses Netz tickt. Man will immer noch “Zeitung im Netz” sein, man denkt immer noch in geschlossenen Strukturen, sowohl was das journalistische Storytelling als auch die Haltung zu Themen wie Interaktion und Kommunikation angeht. Man sieht das auch am Relaunch der FAZ im Netz, den man bestenfalls als halbfertig bezeichnen kann. Sieht man davon ab, ob es eine gute Idee ist, ein Design zu bauen, das so aussieht wie das von Zeit Online vor deren letztem Redesign, ist es eine merkwürdige Vorstellung vom Netz, wenn man es dauernd mit halb fertigen Produkten beglückt. Die App fürs iPad ist wenig ausgereift, der Relaunch so unvorbereitet, dass er (trotz dreijähriger Vorbereitungszeit) immer noch mit dem Warnschild “BETA” versehen werden muss. Dirk von Gehlen hat es via Twitter diese Woche treffend beschrieben: Nach 60 Jahren geht die FAZ in die Beta-Phase. Ja, Gratulation dann auch.

Aber es geht ja nicht um die FAZ alleine. Obwohl man sich schon gerne vorstellen würde, was dort oder in anderen Privathäusern los wäre, würde man eine halbfertige Neu-Ausgabe der Zeitung auf den Markt bringen. Eine “Süddeutsche Beta” beispielsweise. Mit dem Hinweis, es könne noch ein wenig dauern, bis die Zeitung so aussähe, wie man sie gerne hätte. Niemand käme analog auf eine solche groteske Idee, im Netz interessiert es keinen. Interessant fand ich in dem Zusammenhang einen Satz, den der damalige Leiter der DJS, Uli Brenner, in einem Interview für “Universalcode” sagte. Brenner betonte, für die DJS gebe es bei der crossmedialen Ausbildung den Satz “Fürs Internet reicht es” nicht. Man könnte meinen: Was für eine bizarre Idee, so etwas überhaupt betonen zu müssen. Wenn man sich dann aber die Realitäten in vielen Häusern ansieht, dann bekommt man eine Ahnung, warum es sogar Ende 2011 noch nötig ist, immer wieder zu betonen, dass das Netz mehr sein muss als eine journalistische Resterampe. Nach wie vor wird ins Netz eher lustlos investiert, stecken keineswegs immer die klügsten Köpfe hinter Netzaktivitäten, geht man in eine defensive, destruktive, besitzstandswahrende Haltung. Klage gegen die ARD, Kampf um ein Leistungsschutzrecht, das alles ist nicht zukunftsorientiert, zeigt keinen Ansatz von Idee, Begeisterung, von wirklichen Ankommen in einer neuen digitalen Welt. Stattdessen: letzte Versuche, sich diese neue Welt nach den Spielregeln der alten analogen Welt hinzubiegen.

Die neue Welt wird vermutlich sehr mäßig beeindruckt sein.