Der Lokaljournalismus sagt beim Abschied leise “Servus”

Eine dieser neuen hypergehypten Hyperlokalseiten macht gerade mal nach einem Jahr wieder zu. Das könnte man als Vertreter eines eher konventionellen Lokaljournalismus — vor allem natürlich als Lokalzeitung — wunderbar als Grund nehmen, um zu sagen: Seht her, sagen wir es euch doch dauernd, die gute alte Zeitung ist dann vor Ort eben doch nicht zu ersetzen mit ein bisschen Onlinekram. Doch das ziemlich schnelle Sterben des Passauer Projekts “Lokalnews.de” ist kurioserweise ein Beleg für genau das Gegenteil…

“Lokalnews” startete vor rund einem Jahr in Passau und war ähnlich unentschlossen wie sein englischdeutscher Name: Auf der einen Seite wollte man eine hyperlokale Alternative zur selten guten, aber meistens richtig alten Passauer Neuen Presse sein. Auf der anderen Seite ließ man sich — wenn auch über Umwege — genau von dieser PNP finanzieren und machte eine Seite, die oft so aussah, als wenn sie die PNP bestellt hätte. Jung äußerlich, aber uralt innendrin, so hat der wunderbare Georg Ringsgwandl ein solches Phänomen (in einem anderen Kontext) mal beschrieben. Soll heißen: Klar sahen die Lokalnews irgendwie ein bisschen frischer und jünger aus als die PNP, aber innendrin war es die gleiche alte, langweilige Melange. Die hippen und wenigstens nach außen konzernunabhängigen Onliner machten genau diesen Journalismus, mit dem viele Lokalredaktionen seit etlichen Jahren zuverlässig jedes Publikum ins Wachkoma schreiben: viel von diesem Kram, den eine lokale Agenda vermeintlich vorgibt, irgendwelche Rathausnachrichten, die halt dann Rathausnews heißen, trotzdem aber Sachen verlautbaren, für die sich der durchschnittliche Bewohner einer Stadt schlichtweg nicht interessiert. Kalendergetriebenes Memorieren von irgendwas, aktuell beispielsweise, dass vor 83 Jahren die erste Passauer Buslinie in Betrieb genommen wurde oder vor 41 Jahren das Passauer Kinderheim umbenannt wurde und seinen heutigen Namen erhielt. Polizeiberichte, die Ankündigung, dass Heino demnächst in der Gegend singt und Hansi Hinterseer es schon getan hat — das alles könnte in seiner ganzen öden Routiniertheit auch im Lokalteil der PNP stehen. Und weil es das meistens auch tut, hat Lokalnews es während seines gesamten Bestehens nicht geschafft, die eine und alles entscheidende Frage zu beantworten: Warum soll ich dieses hyperlokale Onlinedings lesen, wenn es gar keinen Unterschied zu dem lokalen gedruckten Ding gibt? Nur weil Internet drauf steht und das Ganze optisch ein kleines bisschen hipper aussieht als die Lokalzeitung liest noch kein Mensch das Internetdings. In Zahlen: Laut Webseite brachte es der meistgeklickte Beitrag bei den Lokalnews auf gerade mal 1400 Leser, der meistkommentierte Beitrag ist bezeichnenderweise die Meldung “In eigener Sache”, dass man den Laden wieder dicht macht. Sechs Kommentare. Wenn die Macher der Seite einen Beleg gebraucht hätten, dass den allermeisten ihr Projekt völlig wurscht ist, hätten sie ihn hier bekommen.

Das muss nicht unbedingt eine gute Nachricht für die lokalen Platzhirschen sein, nicht in Passau und nicht anderswo. Weil das Scheitern der “Lokalnews” zeigt, dass es nicht einfach nur um die Frage Print oder Online geht. Sondern eher darum, ob Journalisten speziell im Lokalen es schaffen, aus dem routinierten Am-Leser-Vorbeischreiben herauszukommen. Es ist zur bequemen Standardausrede geworden, über das böse, böse Internet zu jammern und es für jedes einzelne verlorene Exemplar verantwortlich zu machen. Dabei geht es vor allem für die regionalen Blätter seit einer Zeit bergab, als vom Internet noch nicht mal im Ansatz die Rede war. Zu sinken begannen die Auflagen der Tageszeitungen schon in der Mitte der 80er Jahre. Dass sie Mitte der 90er Jahre noch einmal erheblich anstieg, war ein Sondereffekt der Wiedervereinigung — rechnet man diese Delle heraus, dann haben es die deutschen Tageszeitungen seit 25 Jahren mit leichten, aber beständigen Rückgängen zu tun. Über die diversen Gründe dafür kann man sich lange streiten. Einer dafür ist aber ganz sicher: ein Inhalt, der vielerorts mit dem Leben des Lesers nichts mehr zu tun hat. Inhalte, die man schon in den Zeiten der nicht vorhandenen Medienvielfalt eher ertragen als gemocht hat. Inhalte, die vielleicht Journalisten, Lokalpolitikern und Schreibtischhengsten in Behörden gefallen haben. Aber sonst auch niemanden. Nebenher fällt mir ein, dass ich beispielsweise heute in einem Lokalteil für das niederbayerische Vilsbiburg einen unfassbar langweiligen 150-Zeiler über die Sorgen des Krankenhauses Vilsbiburg gelesen habe. Da ging es ziemlich lang und breit um irgendwelche Abrechnungsverfahren mit den Versicherungen und darum, dass die Techniker Krankenkasse dem Krankenhaus Vilsbiburg letztes Jahr einen hübschen Preis verliehen hat. Die Geschäftsführerin des Krankenhauses wird sich über die nette Geschichte sehr gefreut haben, bei allen anderen Lesern lag die frühzeitige Abbruchquote vermutlich bei 95 Prozent. Dumm nur, dass eine solche Geschichte in vielen Lokalen nicht mal negativ auffallen würde.

Was könnte man also aus dem frühen Scheitern des Passauer Online-Lokal-Projekts lernen? Dass man endlich anfange müsste, ordentlichen, interessanten, lebensnahen, engagierten (Lokal-)Journalismus zu machen, damit sich die Leser nicht mehr abwenden.  Dass man alle Jahrestags-Kalender und Einladungsmappen am besten weit wegräumt. Dass man sich eventuell auch mal fragen sollte, wen dieses Thema jetzt überhaupt interessieren soll (die Beantwortung dieser Frage hätte den Krankenhaus-150-Zeiler sicher verhindert).

Und dass man es sich mit dem Onlinebashing etwas arg einfach macht. Wenn einem auch online die lokalen Leser wegbleiben, dann stimmen die Geschichten nicht. Wenigstens für diese Erkenntnis müsste man den “Lokalnews” fast schon wieder dankbar sein.