Oasen in der Ödnis

Die Branche, DIESE Branche, sie verdient Menschen wie uns gar nicht! Andreas Grieß, ein junger Freiberufler und Medienjournalist aus Hamburg, hat vergangene Woche mit einer Rede bei der „Social Meedia Week“ für einiges an Aufsehen gesorgt. Seine Rede wurde schnell als „Wutrede“ gedeutet. Als ein Manifest einer vom Journalismus bitter enttäuschten Generation. Diese Generation, so argumentiert Grieß, könne so ungleich viel mehr als ihre Vorgänger-Generationen. Aber nirgendwo lässt man sie machen, stattdessen blockieren alte Besitzstandwahrer nicht nur die lukrativen Jobs in den Unternehmen, sondern auch gleich noch jede Form von Innovation.
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Das klingt erstmal naheliegend – und stimmt trotzdem nicht. Dass es einiges an bösen Erfahrungen für junge Journalisten gibt, kein Zweifel. Dass man sich mittlerweile gut überlegen sollte, ob man in den Journalismus geht und wie man davon leben will – ebenfalls kein Zweifel. Man wird nicht zwingend reich in diesem Beruf. Und wer auf der Suche nach Festanstellungen mit lebenslanger Perspektive ist, wird vermutlich auch nicht glücklich.

Trotzdem hat dieser Rant das Problem, das die allermeisten Rants haben: Er differenziert nicht. Er lässt außen vor, dass es in der journalistischen Ödnis auch Oasen gibt, in denen etwas wächst, was die Ahnung von neuem, überlebensfähigem Journalismus keinem lässt. Manchmal da, wo man es gar nicht vermutet. Und manchmal tatsächlich nur im Kleinen. Aber das ist vermutlich momentan die einzige vernünftige Stratege im Journalismus: auf Sicht fahren, immer wieder versuchen was funktioniert, um Dinge, die funktionieren, dann konsequent weiterzuführen. Was umgekehrt aber auch bedeutet: Wenn etwas nicht funktioniert, muss man es auch wieder sanft entschlummern lassen. Vermutlich werden wir also in den nächsten Jahren noch einige Dinge sehen, die hoffnungsvoll an den Start gehen und kurz darauf nicht mehr existieren.

In den letzten Wochen beispielsweise haben die „Rhein-Zeitung“ und die „Ruhr Nachrichten“ damit begonnen, mit Messengern wie „WhatsApp“ zu experimentieren. Keine Ahnung, ob das erfolgreich sein wird, ich weiß ja nicht mal, welche Form von Journalismus daraus resultieren soll und ob das alles noch Journalismus ist. Was ich aber sicher weiß: „WhatsApp“ hat 500 Millionen User. Man kommt also gar nicht daran vorbei, mit solchen Dingen zu experimentieren. Dass es Redaktionen gibt, die jetzt damit beginnen und dass es sogar Redaktionen der vielfach geschmähten Gattung Tageszeitung sind, ist ein Beleg dafür, dass es eben doch auch anders geht. Und nein, es geht nicht nur um Messenger-Versuche. Was die Kollegen der RN in Dortmund beispielsweise zum Thema Datenjournalismus gemacht haben, ist aller Ehren wert.

Niemand bestreitet, dass Andres Grieß mit seinen Beobachtungen nicht wenigstens stellenweise Recht hat. In dieser Branche tummeln sich genug Besitzstandswahrer und Blockierer. Es gibt immer noch hinreichend viele Journalisten, die das Netz und seine Möglichkeiten schlichtweg negieren. Aber es gibt eben genauso die Redaktionen und Unternehmen, bei denen Journalismus schon lange neu und konsequent gut gedacht wird. Mir fielen auf den Schlag mindestens zehn Redaktionen ein, bei denen ich gerne arbeiten wollen würde. Das ist vielleicht eine Minderheit, zugegeben. Aber auf der anderen Seite darf man zuversichtlich sein: Diejenigen, die sich jetzt verweigern, werden in ein paar Jahren eh nicht mehr da sein. Man muss nicht mal etwas „gegen die Branche“ tun, um sie zu ändern. Das erledigen gewisse Marktmechanismen in den nächsten Jahren schon ganz alleine.

Diese Oasen muss man suchen – und bei allem Respekt, lieber Andreas Grieß: Natürlich ist es schon viel Pech, das Ihnen da widerfahren ist. Aber trotzdem: Wenn man sich in den letzten Jahren bei FTD, FR, dapd und Meedia beworben hat, dann müsste einem Medienjournalisten auch klar gewesen sein, dass er sich viermal für Krisengebiete entscheidet.