Ernüchterungs-Zelle

Geht es mit den „Krautreportern“ irgendwie weiter? Keine Ahnung. Ist auch nicht wirklich wichtig. Weil neun Monate nach dem Start die große Ernüchterung eingekehrt ist und sich jetzt auch noch eines der Aushängeschilder öffentlich abwendet.

krautreporter-104~_v-videowebm

Vergangenes Jahr habe ich hier einen Text veröffentlicht, für den ich so viel Prügel wie schon lange nicht mehr bekommen habe. Ich attestierte den „Krautreportern“ ein paar Tage vor dem Start, sie seien an sich selbst gescheitert. Was ein bisschen voreilig war, weil die zum Start benötigten Mitglieder dann doch noch irgendwie zusammen kamen. Trotzdem gab es von vielen Menschen herbe Kritik und am allererstaunlichsten waren die Reaktionen von denen, die den Appendix „Kritiker“ in die Berufsbezeichnung eingebaut haben: Stefan Niggemeier war jedenfalls so angefasst, dass er mich auf Facebook entfreundete. Wieder also was Spannendes gelernt: Wenn man Niggemeier-Projekte kritisiert, reagiert er souverän wie die Springer-Presseabteilung auf eine Bildblog-Anfrage. Aber das nur nebenbei.

Jetzt, rund ein Jahr danach, sind die „Krautreporter“ lange am Start und gehen in die nächste Phase – nämlich in die, in der sich entscheidet, ob und wie der Megahype des vergangenen Jahres fortgesetzt werden kann. Alleine die Tatsache, dass sich diese Frage überhaupt stellt, zeigt: So richtig überzeugend war das nicht, was die Krautreporter abgeliefert haben. Das ist die vorsichtige Formulierung. Die präzisere wäre: Die „Krautreporter“ haben bestenfalls gezeigt, dass es so schlecht um die anderen, von Ihnen im vergangenen Jahr so heftig angegangenen etablierten Medien nicht steht. Sie haben es gezeigt, weil sie ihr größtes Versprechen nicht gehalten haben: Sie haben nichts von dem „wieder hinbekommen“, was sie dem (Online-)Journalismus als Mängel unter die Nase gerieben hatten. Sie haben nichts, aber auch gar nichts besser gemacht.

Nach rund neun Monaten im Echtzeitbetrieb ist die Bilanz ernüchternd. Aus einer Reihe von Gründen.

Journalistisch betrachtet sind die „Krautreporter“ ein hübsches Beispiel für jedes Proseminar an einer Uni. Nämlich dann, wenn man die These belegen will, dass es die größere Kunst ist, präzise kurze als ausschweifend lange Texte zu schreiben. Und dass die Länge eines Textes über seine Qualität nichts sehr viel aussagt. Die „Krautreporter“ sind dabei einem Trugschluss erlegen: Sie glaubten, wenn man einer Reportage nur den ausreichenden Platz gibt, sei das schon eine Garantie für eine Art Mindestqualität. Tatsächlich findet man bei den „Krautreportern“ Texte in Längen, die etablierte Medien ihren Autoren kaum zugestehen. Alleine Niggemeiers erster Text über Ulfkottes unsägliches „Gekaufte Journalisten“-Machwerk hatte, wie mal jemand ausgerechnet hat, die Länge von ungefährt 17(!) Druckseiten im „Spiegel“. Ich habe keine Ahnung, ob es danach nochmal vergleichbar lange Texte gab, trotzdem habe ich gelernt: Aus einem langen Text wird ganz schnell ein langweiliger Text. Vor allem, wenn ihm die Substanz fehlt. Ich habe mich wohlwollend durch etliche lange Texte gequält und am Ende festgestellt, dass man von ihnen nur eines sagen kann: Sie sind lang. Reportagen wie sie die Großen der Branche schreiben, Texte in der Güteklasse Gertz oder Schnibben, habe ich dort nicht entdeckt. Nun kann nicht jeder gleich ein Gertz sein, aber wenn man den Anspruch hat, dass „Journalisten aus den besten Redaktionen Deutschlands“ ein Magazin machen, dann erwartet man schon ein bissel was. Viele Texte lagen auf dem Level bemühter und talentierter Journalisten-Schüler.

Thematisch ist genau das eingetreten, was ich befürchtet hatte: Wenn jeder schreibt, worauf er gerade Bock hat, kommt ein kaum verträglicher Mix an irgendwelchen Geschichten raus.  Man fand dann bei den „Krautreportern“ innerhalb kürzester Zeit Geschichten über die Qualität der Marschverpflegung der chinesischen Armee, über das Leben von Prostituierten in Südafrika und überhaupt über ganz viele Dinge aus Regionen, bei denen sich die Redaktion offenbar zum Maßstab genommen hatte: je weiter weg, desto besser. Aus Deutschland kam und kommt vergleichsweise wenig und wenn was kommt, dann Geschichten von Theresa Bäuerlein, die sich mit allem auseinandersetzen, was irgendwie mit der weiblichen Sicht auf Sex und Porno zu tun hat. An manchen Tagen sahen die „Krautreporter“ aus wie eine bizarre Mischung aus „Neon“ und „Geo“, nur nicht so gut. Wirklich packende Geschichten: nach neun Monaten an einer Hand abzuzählen. Zudem brachten beispielsweise Christoph Koch und Tilo Jung lediglich Formate mit, die sie bereits anderswo entwickelt hatten. Innovativ wirkt das nicht.

Personell haben die Krautreporter ihr nächstes Problem. Um eine alte Fußballer-Binse zu bemühen: Elf gute Einzelspieler machen noch kein Team. Bei den „Krautreportern“ zeigte sich das ziemlich schnell: Richard Gutjahr machte nach zwei Geschichten Schluss, Niggemeiers Anfangselan erlahmte auch vergleichsweise schnell. Und als der Fifa-Skandal gerade auf seinen Höhepunkt zutrieb, las man von Jens Weinreich ziemlich viel, allerdings kaum etwas davon bei den „Krautreportern“. Genau dieses Problem hatte ich ebenfalls im vergangenen Jahr benannt: Wo ist der Reiz der „Krautreporter“, wenn die bekanntesten Autoren dort nur Zweitverwertung betreiben bzw. ihren Schwerpunkt nach wie vor auf ihre bisherigen Auftraggeber legen? Das mag aus Sicht dieser Autoren nachvollziehbar sein, für das Projekt ist es aber hochgradig schädlich.  Am Ende waren dann auch fast alle wirklich prominenten Autoren weg. Die Tilo-Jung-Geschichte habe ich immer für aufgeblasen gehalten, aber dass die „Krautreporter“ auch bei dieser Causa keine sehr glückliche Figur gemacht haben, hat dem Projekt ebenfalls nicht gerade gut getan.

Formal hatte ich etwas Neues erwartet. Experimente, die über das Verfassen sehr, sehr langer Texte hinaus gehen. Bei diesem Thema waren die „Krautreporter“ für mich die größte Enttäuschung. Da kommt von etablierten Redaktionen wie „Süddeutsche.de“ und „Zeit Online“ weitaus mehr an Innovation und Experimentierfreude. Schon klar, größerer Stab, mehr Geld und so. Aber da ist sie halt wieder, die Sache mit dem Anspruch. Wenn man sich als Retter des Onlinejournalismus aufspielt, ist die Fallhöhe brutal. Aber auch ohne diese Fallhöhe muss man feststellen: Was neue Formate und Ideen für den Onlinejournalismus angeht, sind von den „Krautreportern“ im vergangenen Jahr de facto keine Impulse gekommen.

krautis

Quantitativ sind die „Krautreporter“ von ihrem einstmals verkündeten Anspruch weit entfernt. Von drei bis vier neuen Geschichten pro Tag war am Anfang die Rede. Das habe ich schon immer für ein sehr sportliches Ziel gehalten. Aber auch hier gilt: die Fallhöhe war selbstgemacht. Inzwischen bringen es die „Krautreporter“ an vielen Tagen nur noch auf eine Geschichte am Tag, rechnet man die Rubriken wie „Morgenpost“ nicht dazu. Natürlich, die „Krautreporter“ wollten nie eine Nachrichten-Seite sein und sich hektisch an der dpa-Agenda abarbeiten. Aber wenn man in nachrichtenintensiven Zeiten wie diesen so wie heute nur eine Geschichte hat, die sich darum dreht, dass der russische Journalist Konstantin Goldenzweig aus Rjasan seinen Job verlor, weil er sich despektierlich über Putin äußerte, dann muss dem Projekt KR schon sehr wohlgesonnen sein, um das akzeptieren zu können. Man liest dann tatsächlich den halben Lebenslauf von Konstantin Goldenzweig und wundert sich auch nicht, dass es die Geschichte bisher nur auf zwei Kommentare gebracht hat.

Ich habe keine Ahnung, wie es mit den „Krautreportern“ weitergeht. Im Gegensatz zum vergangenen Jahr gebe ich diesmal keine Prognose ab. Aber nach allen bisherigen Äußerungen von Sebastian Esser zu schließen, wissen sie wohl selbst, dass es so wie bisher nicht weitergehen wird. 18.000 Abonnenten hatten sie eingesammelt, jetzt wären sie froh, wenn ihnen die für das Überleben wohl dringend nötigen 6.000 bleiben. Wenn man allerdings am Ende des ersten Jahres glücklich ist, wenn ein Drittel der Abonnenten bleibt – nun, wie würden wir das wohl bewerten, wenn wir von einem Projekt von „Spiegel“ oder Gruner&Jahr oder Burda reden würden?

Aus meiner Sicht sind die „Krautreporter“ in die Belanglosigkeit geraten. Das Projekt tut niemandem weh, es sorgt nicht für Debatten, es setzt keine Akzente. Weder formal noch inhaltlich. Dass die Bilanz nach neun Monaten derart ernüchternd ausfällt, hätte man nicht gedacht.

Nicht mal ich.