Fegefeuer der Eitelkeiten

csm_challenge_174d488701

Bei den Kollegen vom „Kress“ hat in den letzten Tagen das vermutlich lustigste Voting der letzten Monate stattgefunden. Welcher Journalist eine „Marke“ sei, wollte man dort wissen – und meinte diese Frage vermutlich ernst. Am Ende gewann Tilo Jung, gefolgt u.a. von Hans Sarpei (!) und dem wunderbar witzigen Lorenz Meyer, der sich bei Facebook als Satire-Guru für alles mögliche als höchst unterhaltsamer Allesmögliche aufführt, nur eben nicht als Journalist. Spätestens da hätten sie beim „Kress“ merken können, dass die Wahl eher für Spott als für ernsthaftes Interesse sorgt. Trotzdem machte der „Kress“ mit heiligem Ernst immer weiter und am Ende durften Sieger Jung und der knapp unterlegene Richard Gutjahr auch noch was sagen dazu. Ich habe nur noch darauf gewartet, dass sich jemand bei seinen Wählern und seiner Mutter bedankt, aber so weit kam es dann völlig überraschend nicht.

Man könnte das alles inklusive der Statements als eine wunderbare Realsatire abtun, die vor allem zeigt, dass zwischen „Markenbildung“ und ersten Anzeichen zur Selbstverliebtheit nur ein schmaler Grat besteht. Tatsächlich aber gibt es auch noch einen halbwegs ernsten Aspekt bei dieser Geschichte, den ich jetzt nochmal vorbringen möchte; gerne auch das Risiko in Kauf nehmend, ein bissel moralinsauer zu klingen.

Aber tatsächlich fällt mir das in der wie auch immer gearteten digitalen Szene der letzten zwei, drei Jahre zunehmend mehr auf: Wir debattieren über irgendwelche Marken und Menschen und immer weniger über unseren eigentlichen Job und seine Inhalte. Was beispielsweise sagt es jetzt aus, dass Tilo Jung die stärkste „Marke“ unter den Journalisten ist? Dass er ziemlich bekannt ist, zumindest in der Branche? Und wenn das die Erkenntnis sein sollte, was genau sagt das über seine journalistischen Qualitäten aus? Dass er ganz gut in der Selbstinszenierung ist? Wenn es danach ginge, müsste unser aller journalistisches Vorbild im Übrigen Kai Diekmann sein. Es gibt schließlich niemanden, der dieses Spiel um das eigene Ego so perfekt beherrscht; das im Übrigen mit einer täglichen Reichweite, für die Jung &Co noch ganz, ganz viele Stücke absetzen müssen. Nebenbei bemerkt habe ich dummerweise auch noch das Gefühl, dass Diekmann das mit einem leisen Augenzwinkern betreibt. Selbstironie müsste man hingegen Menschen wie Jung erstmal buchstabieren.

Und was mich ehrlich gesagt am meisten stört: Ich werde schwach, wenn irgendwo in der „Süddeutschen“ die Autorenzeile von Holger Gertz auftaucht. Der kann schreiben, über was er will, ich werde das immer lesen. Über die Person Gertz weiß ich so gut wie nichts und das ist vermutlich ziemlich genau in seinem Sinn. Und in meinem. Weil mich immer noch die Geschichte interessieren, die Journalisten zu erzählen haben. Dass es im Netz inzwischen auch wunderbare Möglichkeiten für Journalisten außerhalb von Sendern und Verlagen gibt, ist eine Binse.

Wenn das aber am Ende zu irgendwelchen Eitelkeits-Rankings führt, läuft irgendwas schief in diesem digitalen Journalismus.

Beteilige dich an der Unterhaltung

4 Kommentare

  1. Na Kress.de war immer schon ein Fegefeuer der Eitelkeiten – nur lange vergessen, von den Ablegern turi2 und meedia abgehängt.
    Wenn sie sich mit sowas wieder ins Gespräch bringen, ist das Ziel erreicht, ohne sich dabei selbst zu blamieren 🙂
    Es ist auch viel angenehmer, einfach gute Arbeit tun zu können, ohne sich selbst dabei in den Mittelpunkt stellen zu müssen. Man wird nur zum Angriffsziel von Neidern, Trollen und anderen A-Löchern.
    Kai Diekmann beherrscht es insofern nicht, als er zwar Bekanntheit hat, aber nicht unbedingt Beliebtheit (ob ein Journalist die haben sollte, ist eine andere Frage, für so ein Ranking hilft sie aber).
    Richard Gutjahr mag manchmal selbstverliebt sein und ist als Moderator auch auf Präsenz geeicht, hat aber noch soviel kritische Distanz, daß es nicht negativ ankommt.
    Den „Gewinner“ kenne ich gar nicht, der hat halt die größte „Fanbase“ mobilisiert, ist aber allgemein wohl weniger bekannt.
    Daß so eine Abstimmung nicht journalistische Qualitäten offenbart, war wohl jedem klar, ist eher ein Schwanzvergleich *fg*.
    Und ich bin dankbar, daß mich niemand nominiert hat 🙂

  2. Was an dieser Debatte fasziniert und ein bißchen erschreckt: Wie undifferenziert Medienprofis über Marken und Marketing schreiben. Motto: Viel Egomarketing hilft viel. Dass sich man damit auch viel kaputtmachen kann, zeigt u.a. der Spaßwahlkampf von „Kanzlerkandidat“ Guido Westerwelle im Guidomobil 2002.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.