Der Wunsch und die Realität

Endlich also habe wir jetzt auch mal Zustände wie in den USA. In denen Präsidentschaftswahlen via Twitter und Facebook gewonnen werden und es für eine gute Kampagne völlig ausreicht, ausreichend Blogger zu Parteitagen zuzulassen. Weil das bisher bei uns ganz und gar nicht so ist, hat man jetzt spürbar die Erleichterung gemerkt, als die Szene für sich reklamieren konnte: Ein Blogger hat Köhler gestürzt! Endlich, wir sind so relevant wie die drüben in den USA.

Das ist natürlich eine ganz wunderbare Geschichte — auf die auch die klassischen Medien aufsprangen. Claus Kleber leitete im ZDF seine Anmoderation zum Thema sogar so ein: „“Nie wieder wird man Twitter, Facebook und Co für ein Spielzeug halten.” Und auch in seinem Beitrag verfolgt das ZDF die steile These, eine aus dem Netz überschwappende Welle habe die klassischen Medien aufs Gleis gesetzt und damit den Bundespräsidenten zum Rückzug veranlasst.

Wenn des denn nur so wäre. Nicht mal Jonas Schaible, der 20jährige Blogger, der angeblich mal eben Deutschland in eine bundespräsidiale Staatskrise gestürzt haben soll, glaubt das:

Ein Blogger mit gut 1000 Lesern im Monat hat den Bundespräsidenten gestürzt? Klingt gut, ja, aber bitte – wer glaubt denn das?

Das ist eine verdammt ehrliche und sympathisch realistische Einschätzung — und sie zeigt, wie sehr sich manchmal Redaktionen eine Geschichte so lange hinbiegen, bis sie zu dem passt, was man in der gemeinsamen Redaktionskonferenz als Geschichte beschließt. Hätte man sich ein bisschen schlau gemacht, man hätte schnell gemerkt, dass die Geschichte vom Blogger, der in seiner Studentenbude mal eben Horst Köhler aus dem Amt schreibt, gar nicht gehen kann. Bei rund 1000 Lesern monatlich bringt es die Seite also auf gut 30 Leser am Tag. Und das löst also eine Welle aus, die einen Bundespräsident aus dem Amt fegt?

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1 Kommentar

  1. Ohne jetzt den armen Schmetterling, der dauernd Wirbelstürme auslösen muss, bemühen zu wollen, aber:

    Das hängt doch nicht von der Zahl der Leser ab! Es genügt doch 1 Leser, der für „Spiegel Online“ oder ein anderes Leitmedium arbeitet, der auf den Blogeintrag stößt und ihn überzeugend findet oder dadurch angeregt wird, das Thema aufzugreifen.

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