Die Digital-Trends 2016

2016 ist das Jahr, das fast alles ändert in der digitalen (Medien-)Welt. Weil zum ersten Mal Dinge Realität werden, die lange Zeit eher in das Genre „nette Visionen“ gefallen sind. Fünf Prognosen für das erste richtige digitale Jahr.

messenger

  1. The next big thing

Bevor man solche Prognosen abgibt, sollte man sich erst mal gut anschauen, was alles schon an gescheiterten Prognosen existiert. Als da wären:

Datenbrillen! Ich kann mich an Menschen erinnern, die sogar mal mit Attrappen von Google Glass rumliefen und dachten, das sei cool. Dabei war nicht mal das Original cool, was zur Folge hatte, das heute außer ein paar Nostalgikern wirklich kein Mensch mehr von den Datenbrillen spricht.

Smartwatch! Analysten streiten ja noch ein bisschen, ob die „Apple Watch“ ein Flop oder ein kapitaler Flop ist. Egal – weil die einstige Euphorie auch unter Medienunternehmen verflogen ist. Wer heute ankündigt, demnächst eine App für die Apple Watch zu veröffentlichen, erntet im besten Fall ein Schulterzucken. Der Misserfolg ist zumindest Stand heute leicht erklärbar: Eine Watch kann man lustig finden, muss man aber nicht. Eine Uhr, die nur Sinn macht, wenn man das Smartphone dabei hat und einen dann beispielsweise darauf aufmerksam macht, dass das Smartphone läutet, ist keine Erleichterung des Alltags, sondern nur noch ein weiteres Gimmick, das man mit sich rumschleppt.

Virtual Reality! Ja, schon klar, kommt. Irgendwann. Aber nicht jetzt. Nicht solange man sich irgendwelche sperrigen Dinge überstülpen und auch ansonsten unangemessen viel Aufwand betreiben muss. Solange ist das was für Nerds (siehe auch: Brille! Watch!), aber nichts für den Massenmarkt. Wir reden dann später nochmal.

Ziemlich außen vorgelassen oder besser gesagt: zu einseitig betrachtet – Messenger! Diese kleinen Dinger, die alles das haben, was den Nerd-Anwendungen fehlt. Einfach und intuitiv zu bedienen, klarer Nutzwert, vielseitig und multimedial einsetzbar. Man muss sich nix überstülpen, man muss nichts koppeln und man nutzt ihn nur, wenn tatsächlich Bedarf ist.

Kein Wunder, dass sich das Zuckerberg-Imperium nicht nur auf WhatsApp, sondern auch den eigenen Messenger konzentriert und den mit Gewalt noch mehr in den Markt drücken will. Und ebenfalls kein Wunder, dass eine App wie „Snapchat“ gerade durch die Decke geht (selbst dann, wenn man sie eigentlich nicht so sehr mag). Messenger sind die neuen sozialen Netzwerke (bevor jemand mault: Nein, hier steht ausdrücklich nix von Facebook-Killer oder ähnliches Zeug). Weil man zwar alles teilen kann, was man will, aber nicht gleich deswegen eine lebenslange digitale Marke hinterlässt (zumindest in der User-Wahrnehmung).

Auch für Medien bieten die kleinen Apps eine Menge Potential. Man interagiert mit sehr bekannten und transparenten Zielgruppen, man interagiert zudem nur mit Menschen, die vorher proaktiv Informationen angefordert haben.

Und der User? Kann das Wunderwerkzeug Smartphone nochmal komprimieren. Potentiell können Messenger alles sein. Das Schweizer Taschenmesser innerhalb des Schweizer Taschenmessers sozusagen. Das zentrale Tool. Der Verwalter eines ganzen Lebens. Wer genau hinschaut, der entdeckt schnell, dass in Messengern sehr viel mehr steckt als nur ein SMS-Ersatz.

Die (Medien-)Welt wird ein Messenger. Senden und empfangen. Schon immer das Prinzip aller Kommunikation. Jetzt zusammengepackt in winzig kleinen Apps. Das ist das nächste große Ding. So einfach, so gut.

Infografik: WhatsApp jetzt mit 800 Millionen Nutzern | Statista
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2. Bezahlen für Inhalt? Nichts ist selbstverständlicher.

Gerade unter Journalisten herrscht immer noch Düsternis, wenn es um das Thema „Bezahlen für Inhalte“ geht. Wollen Nutzer im Netz nicht immer und grundsätzlich alles umsonst? Das ist das erstaunlich flache Gerede, das man in anderen Branchen zunehmend weniger, in Medienkreisen dafür aber immer noch erstaunlich oft hört. Es ist schon alleine deshalb flach, weil Menschen es grundsätzlich immer bevorzugen würden, Dinge kostenlos zu bekommen.  Mit dem Netz hat das ungefähr nichts zu tun. Sie haben sich mittlerweile aber daran gewöhnt, dass es auch im Netz nicht alles umsonst gibt und dass natürlich auch „immaterielle“, weil digitale Güter einen Wert haben. Beispiele? Die früher viel gescholtene Musikindustrie hat mittlerweile neben dem Download mit dem Streaming das nächste Geschäftsmodell entwickelt (spannenderweise hat übrigens noch keines der jeweils neuen das Vorgängermodell zerstört.)  Fernsehen und Filme gibt es schon lange als digitalen Paid Content, wie überhaupt das Bezahlen im Netz ebenso selbstverständlich wie einfach geworden ist.

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Inzwischen ist auch im Journalismus das Argument, dass die Leute einfach nix zahlen wollen, keines mehr. Wenn es denn jemals eines gewesen sein sollte. Natürlich funktionieren digitale Bezahlmodelle und selbstverständlich kann man dort Geld verdienen. Beispielweise die „Süddeutsche“, die mit ihren digitalen Bezahlangeboten mittlerweile beinahe so viel verdient wie mit digitaler Werbung, wie Digitalchef Stefan Plöchinger immer wieder betont (siehe dazu auch den entsprechenden Beitrag und O-Ton im „Medienmagazin“ des BR). Gerade im vergangenen Jahr haben sich so viele erfolgreiche Modelle wie noch nie in den vergangenen Jahren entwickelt. Angebote wie „Blendle“ sind jetzt endlich dieses „iTunes für Verlage“, das man schon vor 15 Jahren erstmals in die Debatte geworfen hat. „Blendle“ geht übrigens im nächsten Schritt in die USA. Menschen zahlen nicht für Journalismus im Netz, hallo, merkt ihr was?

Was natürlich nicht bedeutet, dass es jetzt ein Modell gibt, das gleichermaßen für alle funktioniert. Das wird nach wie vor jeder für sich selbst herausfinden müssen. Nur die Ausrede, man könne Journalismus im Netz nicht gewinnbringend verkaufen, die zählt für 2016 nicht mehr.

3. Es gibt keinen Journalismus mehr, der nicht digital ist

Nach wie vor gibt es so schöne Begriffe wie „crossmediale Volontariate“ oder „trimediale Sendeanstalten“. Das ist deshalb ebenso witzig wie bezeichnend, weil diese Wortmonstren ja immer auch signalisieren, dass es eine Besonderheit sei, wenn man irgendwas mit Digital auch noch macht. Dabei ist mittlerweile endgütig die Zeit gekommen, in der jede Form von Kommunikation und Medien irgendwas mit digital zu tun hat. Es gibt keine nicht-digitalen, analogen Medien mehr.  Andersrum: Wenn jemand im Jahr 2016 irgendwas mit Medien machen will und dabei keine Ahnung von der digitalen Welt hat, kann er seinen Job nicht mehr richtig machen. Such is life, deal with it.

4. Alte Medien sterben nicht, wandern aber in die Nische

Die Debatte hat uns über viele Jahre hinweg begleitet: Machen die neuen Medien nicht zwangsweise die alten kaputt? Kommt es nicht automatisch zum großen Sterben insbesondere von Zeitungen? Inzwischen kann man halbwegs belastbare Antworten auf diese Fragen geben: Nein, das wird nicht passieren. Zumindest nicht in dieser radikalen Form. Natürlich wird die Nutzung von Zeitungen, Radio und Fernsehen in der bisherigen Form zurückgehen. Insbesondere der (regionalen) Tageszeitung bisherigen Prägung kann man sogar ein vergleichsweise schnelles Verschwinden in der Nische prophezeien.

Bei all den anderen wird dieses Verschwinden länger dauern. Schon alleine deswegen, weil sie alle immer noch von einem vergleichsweise hohen Sockel kommen und es immer noch eine ausreichend große Masse von Menschen gibt, die ihre alten Medien so nutzen wollen, wie sie dies die zurückliegenden Jahrzehnte auch getan haben.

Insbesondere beim Fernsehen geht der eigentliche Schrumpfungsprozess erst jetzt langsam los. Was viel damit zu tun hat, dass digitale Technologien und die dazu gehörenden Breitbandnetze bisher noch nicht ausgereift genug waren, um Fernsehen mit seinen ganzen Datenmengen zu ersetzen. Mittlerweile aber geht das: Theoretisch muss irgendwann demnächst niemand mehr lineares Fernsehen schauen – und kann dennoch den ganzen Tag die Kiste laufen lassen und dabei großartiges Zeugs sehen (noch dazu ohne Werbepausen).

Natürlich gibt es immer noch ein paar Gründe, ab und zu mal ins TV zu schauen. Nicht nur wegen der Live-Events, die nach wie vor zumindest auf unabsehbare Zeit am ehesten noch im Fernsehen funktionieren. Sondern vielleicht auch aus Kostengründen oder weil man sich einfach mal berieseln und überraschen lassen will. Sicher, solche Nutzung wird weniger. Aber deshalb muss sie keineswegs verschwinden.

Zumindest aber eines könnte 2016 dann tatsächlich markieren: den Endpunkt jener unsäglichen Debatten, die sich damit beschäftigen, ob die alten Medien jetzt sterben und ob das Internet nicht böse ist. Irgendwie.

5. Qualität siegt!

Ulrike Simon, eine der bekanntesten Medienjournalistinnen überhaupt, hat in eine Interview bei „Turi2“ den Nagel getroffen: „Blinkportale“ wie „Focus Online“ oder „Buzzfeed“ mögen mehr (Focus) oder weniger (Buzzfeed) erfolgreich sein, sie nerven trotzdem.

Wenn man so will, dann sind diese „Blinkportale“ ganz besondere Auswüchse eines, nun ja, Journalismus, der sich ausschließlich über Reichweite und Werbung finanzieren will. Aber Werbung, war da nicht was? Stimmt. Adblocker. Diese kleinen gemeinen Teile, die eine Strategie derart zerschießen können, dass man bei „Bild“ schon so weit ist, mit ähnlichen Methoden zurückzuschießen: Du nutzt Adblocker? Sorry, dann gibt´s hier für dich nix zu lesen.

Das ist natürlich legitim, zeigt aber letztendlich ein Dilemma, das über die reine Frage nach Ads oder nicht hinausgeht: Ist nicht in Wahrheit das Problem, dass es nicht einfach nur Werbung ist, die man nicht sehen will – sondern schlechte, aufdringliche, blinkende, alles blockierende Werbung? Niemand will ich echten Leben angeschrien, festgehalten, drangsaliert werden. Warum sollte das im Netz anders sein?

Nicht nur deswegen haben Adblocker ihr Gutes. Sondern auch deswegen, weil sie Medien und ihre Werbekunden dazu zwingen, auch über so bizarre Dinge wie Usability und Zumutbarkeit nachzudenken. Kurz, über Fragen der Qualität, die auch Werbung haben muss (und in etlichen Fällen ja auch hat).

Andersrum: Wenn irgendwann mal – theoretisch – alle mit Werbeblockern unterwegs sind, sind reichweiten- und werbefinanzierte Medien am Ende. Was wiederum dazu führt, dass wir schon bald erleben werden, wie Medien darüber nachdenken, wie sie mit mehr Qualität und weniger anbrüllender Werbung zu ihrem Publikum finden.

Für den Journalismus muss das übrigens gar kein Schaden sein.