Lesen und lesen lassen

Vermutlich werden sie das bei der SZ nicht gewollt haben – aber ihre iPad-App bringt jeden Tag einen schönen Beleg dafür, warum die Debatten (und demnach auch die Klagen) über und gegen die Tagesschau-App ziemlich sinnlos sind.

In Bayern hat es in der Woche um Allerheiligen eine mittelgroße politische Verwerfung gegeben. Der bisherige Finanzminister Fahrenschon mag nicht mehr Politiker sein, sondern lieber Sparkassenpräsident. Das hat dafür gesorgt, dass Horst Seehofer plötzlich Ersatz für Fahrenschon brauchte und nach ein paar Tagen kam er dann zu dem Ergebnis, lieber Markus Söder als eine gewisse Christine Haderthauer für diesen Posten zu nominieren. Das Ganze ist interessant, wenn man sich für bayerische Landespolitik interessiert und inzwischen schon wieder so gut wie vergessen. In keinem Jahresrückblick außerhalb Bayerns wird diese Geschichte vorkommen. Ihr journalistischer Nachrichtenwert ist überschaubar, für jemanden in Rheinland-Pfalz oder in Schleswig-Holstein reicht dafür: ein Zweizeiler, eine kurze Meldung. Ein bayerischer Finanzminister wechselt, kein großes Ding, das.

Die Redaktion der „Tagesschau“, die naturgemäß auf Nachrichten für mehr als ein Bundesland fixiert ist (und vor allem eben auf: Nachrichten) hat dem Großereignis in den Tagen der Entscheidungsfindung keine drei Zeilen gewidmet. Als es dann endlich soweit war und Söder als Nachfolger feststand, reichte eine kurze Meldung, das war´s. Mehr gibt das nicht her, alles richtig gemacht.

Ich lebe nicht in NRW oder sonstwo, interessiere mich naturgemäß für alles aus Bayern mehr als für Thüringen und bayerische Landespolitik finde ich immer noch lustig, obwohl ich nicht mehr darüber berichten wollen würde.  Söder vs. Haderthauer vs. den Rest der CSU, dieses Hauen und Stechen fasziniert  mich weiterhin. Kein Wunder, dass ich ungefähr jede Zeile verschlungen habe, die die SZ darüber gebracht hat. Abends, wenn die App kam, habe ich erstmal nach CSU und Fahrenschon gesucht und dann gelesen. Auf die Idee, nach Fahrenschon in der „Tagesschau“ intensiv zu schauen, wäre ich erst gar nicht gekommen, weil ich dort Nachrichten suche. Dabei spielt es dann schon auch keine Rolle mehr, ob es sich dabei um Texte oder Videos handelt. Ob die „Tagesschau“ also mithin ein „presseähnliches Erzeugnis“ ist oder nicht, ist eine akademische Diskussion Es geht nicht darum, wie mir etwas dargereicht wird — sondern um das was. Das „was“ sind in der Tagesschau seit ungefähr einem halben Jahrhundert Nachrichten im klassischen Sinne, meinetwegen noch ergänzt mit ein bisschen Hintergrund und Aufbereitung, quasi die Tagesthemen. Aber auf die Idee, dass man in der Hauptnachrichtensendung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks Themen finden könnte wie in einer großen, überregionalen Tageszeitung, auf die Idee kommt vermutlich ungefähr niemand, es sei denn, er ist bezahlter Jurist dieser Zeitung. Umgekehrt: Wenn eine Zeitung ihre wesentliche Existenzberechtigung in der Verbreitung von Nachrichten sieht, macht sie im Jahr 2011 ohnedies etwas falsch.

Man könnte das fortführen, man könnte mühelos dokumentieren, wie viele Themen aus den Zeitungen (die SZ ist nur ein Exempel) in der „Tagesschau“ nicht vorkommen. Was nie anders war und auch nie anders sein wird. Deswegen haben Menschen schon vor einem halben Jahrhundert die „Tagesschau“ gesehen und  Zeitung gelesen, obwohl die Zeitung etwas kostet und das Fernsehen wenigstens gefühlt nichts (dass TV natürlich etwas kostet, mögen Sie jetzt bitte nicht als Einwand bringen).

Es ist ziemlicher Unsinn, wenn man die Probleme von Tageszeitungen daran festzumachen versucht, dass es im Netz kostenlose Konkurrenz gibt, egal woher sie kommt. Was zählt – nach wie vor und auch in Zukunft – ist Inhalt. Mehrwert, Qualität, nennen Sie es, wie Sie wollen – es braucht einen guten Grund, dass jemand für etwas bezahlt. Dass er etwas anders woanders kostenlos bekommt, ist jedenfalls kein Grund dafür.

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4 Kommentare

  1. Soll die Tagesschau jetzt jedes mal, wenn irgendwo ein Minsiter wechselt wegen internem Tralala einen ewig langen Artikel bringen?!

    Ist eben nur bayerische Landespolitik. In Brandenburg gibts da auch nicht Extrawürste.
    Muss man ja auch nicht erwarten. Gibt Wichtigeres.

    Gruß

  2. Nein, kann sie nicht, soll sie nicht. Deswegen finde ich die Klage gegen die App ja auch so unsinnig, weil die Themenfelder einer großen Zeitung und einer Nachrichtensendung eher wenige Übereinstimmungen haben. Oder zumindest haben sollten.

  3. Gut. Bleibt unwidersprochen.
    Aber war doch eine schöne Aufführung bayerischer Landespolitik, die Suche nach Fahrenschons Nachfolger. Amüsant.

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