Total lokal: Netz und hier
Nachdem hier in den letzten Tagen viel von Regionalzeitungen und ihren falschen Ansätzen die Rede war: Einer ihrer größten Fehler ist es ja, das Web in den allermeisten Fällen lediglich als ein Anhängsel zu betrachten. Man darf ja schon froh sein. wenn sie das Internet inzwischen als halbwegs gleichberechtigtes Medium betrachten. Oft ist es ja so, dass sie das Web zwar als unabänderlich akzeptieren, insgeheim aber nach Gründen suchen, warum ihr angestammtes Medium Papier dann doch wichtiger ist.
Bei der Suche nach dem hyperlokalen, konsequent vernetzten und zukunfsträchtig ausgerichtenen Lokalmedium aus einem deutschen Verlagshaus bin ich also kaum fündig geworden. Dafür aber jetzt in den USA, wo tdb.com wirklich begriffen hat, welchen Schwerpunkt man wo setzen muss:
It’s Web-focused, but also smartly incorporates traditional media—in this case, a local TV station and local cable-news station—as key elements. But make no mistake, the Web site is first and foremost, not playing a supporting role.
Die Webseite als das erste und wichtigste Element eines Lokalmagazins, nicht nur als kleiner Unterstützer für die anderen — ich bin gespannt, wie lange es noch dauern wird, bis man eine solche Idee aus einem deutschen Verlagshaus hört.
(via Ulrike Langer)
Qualitätsmerkmal:Papier!
Vor 13 Jahren war die Welt zwar auch schon kompliziert, aber zumindest in Sachen Onlinejournalismus schnell auf den Punkt zu bringen. Es gehe darum, aus 150 Zeilen 15 zu machen, es gehe um “eindampfen, kürzen, schnell sein”. Das schrieb 1997 ein Redakteur der “Drehscheibe” — und ich erinnere mich an die Sätze deswegen so genau, weil ich damals als irrlichternder Redakteur der “Passauer Neuen Presse” Protagonist seiner Geschichte war (ich hatte zwar meinen Job keineswegs so beschrieben, aber ich glaube, der gute Mann war damals einfach nur froh, wenigstens ein bisschen begriffen zu haben, was da an diesen komischen Rechnern passiert). Damals war mein Job, irgendwie so was ähnliches wie ein Onlineangebot aufzubauen. Zugeben, über das wie hatte ich auch keine richtige Ahnung, aber schon damals schien mir die Idee des Kollegen der “Drehscheibe” etwas merkwürdig, dass es online in erster Linie darum gehe, schnell und kurz und präzise zu sein.
Noch merkwürdiger finde ich allerdings, dass diese Grundidee auch heute noch durch viele Köpfe geistert. Zeitungsleute versuchen mit dieser Argumentation gerne zu begründen, warum es weiter Produkte auf gedrucktem Papier geben müsse. Einer der neuesten Versuche war jetzt im Rheinischen Merkur zu lesen. Kernthese:
Denn im Gegensatz zum Netz, das Ad-hoc-Kommunikation und blitzschnelle Aktualisierung ermöglicht, programmieren Printmedien die Entschleunigung, die Verzögerung. Zeitungen und Zeitschriften sind – gewiss nicht immer, aber doch idealerweise – Medien des zweiten Gedankens, die eine Aktualität hinter der Aktualität sichtbar werden lassen. Sie versorgen, wenn es gut läuft, diese Gesellschaft Tag für Tag und Woche für Woche mit neuen Deutungsvorschlägen und Wahrnehmungen.
Das ist der alte Denkfehler, wie er immer noch tausendmal am Tag begangen wird, seit jetzt beinahe 15 Jahren: Zum einen zu glauben, der Inhalt, der Tiefgang, die Qualität einer Publikation hinge von seinem Datenträger ab. Und zum anderen die überkommene Vorstellung, Journalismus im Netz bestünde, um nochmal den Kollegen der “Drehscheibe” zu zitieren, aus eindampfen und kürzen. Wer so argumeniert, hat das Netz leider nicht begriffen. Das ist in etwa so, als wenn man behaupten würde, ein Video sei besser wenn im ZDF liefe als wenn es auf YouTube steht. Der Inhalt und sein Träger haben nichts, aber auch gar nichts miteinander zu tun.
Im Gegenteil: Gerade diese “Zeitung lebt”-Haltung, die man postuliert und damit begründet wird, dass Zeitung ja auf Papier gedruckt sei, macht die Lage für die Verlage so gefährlich. Weil sie suggeriert, dass man auf seinem eigentlichen Feld, dem Qualitätsjournalismus unbesiegt sei. Lass die anderen mal machen, soll das wohl heißen, in diesem hektischen, flüchtigen Netz. Wer nachdenken, reflektieren will, braucht uns und greift zum Papier. Ganz so, als gäbe es im Netz nicht jeden Tag wunderbare lange Hintergrundstücke, die diesen “zweiten Gedanken” aufbringen.
Man greift zum Papier, wenn man den “zweiten Gedanken” haben will? Was für ein blanker Unsinn. Man greift dorthin, wo man ihn bekommt. Den “Spiegel” der kommenden Woche beispielsweise habe ich diese Woche am iPad gelesen und dort eben mehr bekommen als nur auf Papier. Das Video zur Titelgeschichte, die Animation zur Titelgeschichte, das Hintergrundstück zur Auslandsgeschichte aus den USA. Ich will damit nicht sagen, dass es an der Spiegel-App nicht noch einiges zu verbessern gäbe, das ist nicht der Punkt. Es geht mehr um den Maßstab, der an “Qualitätsjournalismus” künftig angelegt wird. Einer dieser Maßstäbe ist, dass er mehrdimensional und vernetzt daher kommt. Auf gar keinen Fall ist der Maßstab, dass der Text gedruckt ist.
Und nein, das hier ist keine der “euphorisch-brüllenden Prognosen, wann die letzte Zeitung gedruckt wird”, wie sie Blogger nach Meinung des “Rheinischen Merkur” so gerne raushauen. Es ist nichts anderes als die Feststellung, dass es um guten Journalismus geht, nicht mehr — aber eben auch nicht weniger.
Noch etwas, am Rande bemekt: Nach der Einführung des iPads kamen aus vielen Häusern die vollmundigen Prognosen, wie sehr man die Menschen jetzt wieder zurück zur Zeitung holen werde. Schaut man sich den App-Store und die Apps so durch, dann stellt man fest, dass die Verlage die Revolution verschoben haben. Mal wieder.
Die euphorisch-brüllenden Prognosen erfüllen sich nur dann, wenn Printverlage nicht endlich aufhören, an die Überlegenheit des Papiers als solches glauben.
Journalistenrausschmiss auf katholisch
Zum kirchlichen Charakter des Instituts gehört es auch, dass es keine bestimmte innerkirchliche Richtung vertritt oder favorisiert, sondern offen ist für die Vielfalt christlicher Glaubens- und Lebensstile. Alle, die in der großen Kirche Platz haben, sollen auch im Institut Platz haben – vorausgesetzt allerdings, dass sie dialogfähig sind, das heißt, daß sie ihre eigene Meinung nicht absolut setzen und nicht als die christlich und kirchlich allein mögliche hinstellen. In diesem Sinn soll das Institut einen Raum bieten, in dem jeder seinen eigenen Glaubensweg finden kann – immer in der argumentativen Auseinandersetzung mit den Fragen unserer Zeit. (aus: “Unser Selbstverständnis”, IfP)
Die katholische Journalistenschule in München hat in diesem Jahr einen neuen geistlichen Direktor bekommen. Pfarrer Michael Broch, auch als Rundfunkpfarrer für den SWR tätig, gehört zu den Geistlichen in der Kirche, die man “unbequem” nennen darf, ohne dass man sich damit der Phrasendrescherei schuldig macht. Am 22. Mai gab er ein Interview in der “Leonberger Kreiszeitung”, das einiges an solchen unbequemen Aussagen enthält: Dem Papst attestierte er, die Kirche “an die Wand” zu fahren, die Sexualmoral nannte der “antiquiert”. Das System Kirche, so schlussfolgerte Broch, dürfe nicht “von ein paar zölibitären Männern beherrscht werden”. Vor möglichen Folgen solcher Worte hatte er keine Angst: “Ich bin loyal, auch wenn ich motze. Und dann habe ich natürlich als Medienpfarrer mehr Freiheiten – denn meine Kirchenbezirke aus Rottenburg, Freiburg und Mainz haben Respekt vor der Pressefreiheit.”
Man musste sich da schon ein wenig sorgen: Geht das gut?
Es ging nicht. Michael Broch ist heute von seinem Amt als Geistlicher Direktor des IfP zurückgetreten. Liest man die Pressemitteilung der Deutschen Bischofskonferrenz allerdings genauer, müsste man eher sagen: Er ist zurückgetreten worden. Die DKB schreibt unter anderem:
Der Text (des Interviews) enthielt einige Bewertungen der kirchlichen Lage und zuspitzende Aussagen, die in der Bischofskonferenz für unvereinbar gelten mit der Verantwortung, die dem Geistlichen Direktor des ifp zufällt.
Das ist ein ziemlich interessanter Widerspruch zu dem, was für das IfP postuliert ist: eben keine bestimmte innerkirchliche Richtung vertreten zu wollen. Allen Platz zu lassen, so lange sie dialogfähig sind und ihre Meinung nicht als die alleinige kirchlich mögliche hinstellen. Genau das hat Pfarrer Broch getan: Er hat seine Meinung geäußert und keinen Zweifel daran gelassen, dass sie mit der offiziellen katholischen Sprachregelung eben nicht konform geht.
Und das eigentlich Erschreckende daran ist: Man wundert sich nicht einmal darüber. Man ist nicht erstaunt darüber, dass die katholische Kirche von der Amtsmeinung abweichende Äußerungen anscheinend nicht erträgt, nicht einmal dann, wenn es um die Ausbildung von Journalisten geht. Dabei nimmt die Bischofskonferenz doch für “seine” Journalistenschule explizit in Anspruch:
Als Journalisten haben Christen keine andere Aufgabe und keine anderen Normen als die Kolleginnen und Kollegen, die von einer anderen Welt- und Lebensanschauung herkommen.
Die Bischofskonferenz hätte Größe, Glaubwürdigkeit und auch ein modernes journalistisches Sellbstverständnis bewiesen, hätte sie die Meinung eines Pfarrers und Journalisten ertragen. Gezeigt hat sie leider das Gesicht, das man von ihr leider nur zu oft gesehen hat: unversöhnlich, strafend, des Dialogs unfähig. Man muss Brochs Auffassungen nicht teilen — sehr wohl aber muss man sie aushalten können.
Persönlich halte ich diese Reaktion als auch für das IfP ausgesprochen schädlich. Ich kenne das IfP als ein Institut, das in Sachen Journalistenausbildung gute Arbeit auf hohem Niveau leistet. Ich kenne es als einen sehr angenehmen Ort, in dem journalistische Tugenden hoch geschätzt werden, in dem diskutiert und meinetwegen auch leidenschaftlich gestritten wird. Kurzum, als einen Ort, den man aufsuche sollte, will man sich gerade mal wieder im blinden Kirchen-Bashing verlieren.
Als einen Ort autoritärer Glaubensgewalt hingegen — kannte ich das IfP bisher nicht.
(Hinweis: Ich bin ab und zu für das IfP als Dozent tätig. Dies hier ist meine private Meinung.)
Nachtrag:
- “Über sein dummes Maul gestolpert”: Das erzkoservative “kreuz-net” über die Demission von Pfarrer Broch.
- “Bischöfe verzeihen dem Papst-Kriker nicht”: Die “Südwest-Presse” über den Rücktritt Brochs und die internen Reaktionen im IfP darauf
Das Sein und der Schein: Alles bleibt anders
Besonders schön findet man Studien ja immer dann, wenn sie etwas belegen, was man irgendwie schon vorher geahnt hat.
Liest man die neueste ARD-ZDF-Onlinestudie, dann zeigt sich insbesondere, wie scheinbar widersprüchlich unsere (im Sinne von: “uns” Onlinern) Wahrnehmung und die Realität sind. Wie tief schon jetzt sich ein digitaler Graben zeigt. Und wie sehr auch im Netz die Macht von nur sehr wenigen Meinungsmachern eine stillschweigende und hinterhertrottende Herde beeinflusst (und insofern die Zustände gar nicht so sehr anders als in den klassisch-analogen Medien sind).
Beispiel der sehr allgegenwärtige Sascha Lobo. Wenn ich es richtig im Kopf habe (und ohne Anspruch auf Vollständigkeit), war Sascha Lobo in den letzten Monaten u.a. im “Spiegel”, im ZDF, in der ARD und auf Arte verhältnismäßig prominent vertreten. Man begründet das gerne damit, dass Sascha Lobo quasi der Inbegriff dieser neuen digitalen Welt sei und insofern auch als ihr Sprachrohr gelten darf. Das wiederum wird gerne mit Zahlen begründet, u.a. mit der, dass Lobo auf Twitter deutlich über 30.000 Follower hat. Das ist angesichts von 80 Millionen Deutschen ja nicht so rasend viel, für Twitter-Verhältnisse aber exorbitant.
Nur, was heißt schon Twitter-Verhältnisse:
Von den rund 75 Prozent aller Deutschen, die inzwischen online sind, sagt also gerade mal ein albernes Prozent, dass es Twitter wöchentlich nutzt. Die Zahl der täglichen Nutzer ist sogar unter der Wahrnehmungsgrenze. Umgekehrt nutzen 97 Prozent der Onliner Twitter nie. Rechnet man dann noch die rund 25 Prozent der Offliner zu diesen Zahlen hinzu, reduziert sich Twitter gemessen am Gesamtpublikum stark in Richtung völlige Irrelevanz (was übrigens auch ein sehr schönes Beispiel für die verzerrte Wahrnehmung von Journalisten und Kommunikatoren ist, nach deren Meinung ein Leben ohne Social Media zwar möglich, aber irgendwie sinnlos ist).
Man muss sich das also mal vorstellen: Da wird jemand auch in analogen Massenmedien zum Meinungsführer gemacht, u.a. mit der Begründung, dass er sich in einer Community, die unter normalen Menschen de facto niemand wahrnimmt, einen großen Fankreis erworben hat. Ebenso auch gerne mit der Begründung, dass er Deutschlands bekanntester Blogger sei, was insofern interessant ist, weil auch bei Blogs 93 Prozent der Online-User von sich sagen, sie nie zu nutzen.
Das ist ein Vorgang, der an sich nicht verblüffend ist. In der Bloggosphäre und auch in Diensten wie Twitter versammelt sich nicht die Masse. Dafür umso mehr: Multiplikatoren, Meinungsmacher, First Mover. Eine extrem meinungsfreudige und meinungsstarke Klientel, deren Wort irgendwann mal Gewicht hat. Was nicht zu kritisieren ist, weil es normal ist. Und was dann gerade im Netz doch wieder erstaunt, weil man in diesem Zusammenhang viel davon spricht, dass es eines der größten Verdienste des Netzes sei, Medien basisdemokratischer zu machen und auch solchen eine Stimme zu geben, die vorher keine hatten. Da ist es dann doch irgendwie eigenartig, wenn letztendlich die alten Mechanismen greifen und ein paar wenige wieder das Wort führen. (Daran sind natürlich konventionelle Journalisten nicht ganz unbeteiligt, man könnte sich ja mit der Szene beschäftigen und auch mal jemand anderen als Herrn Lobo oder die anderen üblichen Verdächtigen fragen).
Auf der anderen Seite: Es ist ja nicht so, dass hier nur die journalistischen Reflexe greifen. Eigentlich ist es ja nur allzu menschlich, was man momentan im Web erlebt, was vielleicht auch daran liegen könnte, dass man bei 75 Prozent Onliner inzwischen mit guten Gewissen von einem echten gesellschaftlichen Querschnitt sprechen könnte. Und dass die Masse des Publikums nun mal lieber konsumiert als aktiv produziert — soll das wirklich eine Überraschung sein? Selbst dann, wenn Web 2.0 drauf steht: Für die allermeisten Leute ist ihr Bedürfnis (und vermutlich auch ihr Potential) zu texten, zu filmen, zu fotografieren, eher eingeschränkt. man sieht das jeden Tag an den eher kläglichen Ergebnissen bei denen, die auf Hobby-, Bürger- oder sonstwas Reporter als wirklich ernstzunehmende Alternative des Journalismus setzen. Aber auch an den anderen Zahlen, die ARD und ZDF herausgefunden haben:
Schnell zusammengefasst: Man chattet, schaut und postet vielleicht noch irgendwas — die eigene Kreativität hingegen ist verschwindend gering. Vor allem da, wo neben Kreativität auch noch handwerkliches Können gefragt ist: Wenn 85 Prozent von sich sagen, nie irgendwo eigene Videos zu veröffentlichen, hat man schnell eine Ahnung, warum das so sein könnte.
Das Netz ist also angekommen in der Mitte der Gesellschaft. Der Umgang mit ihm ist aber gar nicht mal so anders als mit den “alten” Medien, es schafft nur neue Gesichter.
Sascha Lobo wird´s freuen.
Leistungsschutz für meine kleine Zeitungsfarm
Seit Stunden wühle ich mich gerade durch die Online-Angebote deutscher Tageszeitungen. Durch alle (fragen Sie nicht warum). Es ist kein Vergnügen, wirklich nicht.
Aber jetzt, nach vielen Stunden und hunderte Klicks später, ist mir allmählich was aufgegangen. Warum nämlich so viele Zeitungen nicht an den Erfolg und an die Bedeutung von Online glauben. Ganz einfach deswegen: Sie haben keinen damit und sie werden vermutlich auch keinen haben (Stammleser wissen, dass ich in solchen Momenten der Verallgemeinerung gerne mal ein “Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel” einschiebe).
Unfassbar viele Seiten, selbst von Kleinstblättern, die ich bisher nicht mal dem Namen nach kannte, machen mit den ganz großen Dingern auf: Russland. Pakistan. USA. Flut in Sachsen. Das ist insofern nur so mittelgeschickt, weil es alle anderen auch machen und weil man ja ohnehin nur das Agenturmaterial hat, das ungefähr alle anderen auch haben. Gesichtslose, verwechselbare Seiten, die in ihrer Mittelmäßigkeit den Blättern wahrscheinlich nicht unähnlich sind. Nur mit dem Problem behaftet, dass man hier eben nicht mit dem lokalen Anzeigenblatt konkurriert, sondern mit hochwertigem – die Times, die FAZ, die Zeit, sie sind alle nur den abgedroschenen Mausklick weit weg. Man kann fast eine Wette eingehen: Die allermeisten schauen schnell auf die Service-Geschichten und aufs Lokale und sind dann sofort wieder weg. Im Grunde also machen sie das, was sie mit der gedruckten Zeitung auch machen, nur dass man das dort nicht so merkt.
Was ich gesucht und in den seltensten Fällen gefunden habe: ein ansprechendes, multimediales Lokal-Onlinemagazin, schnell, übersichtlich, umfangreich, vielleicht nicht in Echtzeit, aber ständig auf der Höhe. Mit einer vernünftigen Präsenz bei Twitter, bei Facebook, mit einem angepassten Angebot für Smartphones. Kein Anspruch also, der utopisch hoch angesetzt wäre und keiner, über dessen grundsätzlichen Bedarf man lange debattieren müsste. Gefunden habe ich so etwas fast nirgends. Die Behauptung vieler Verlage, man sei für die Zukunft bestens gewappnet, entlarvt sich bei einer Surftour durch ihre Angebote.
Wenn man sich durch die Onlineangebote der meisten Zeitungen durchgequält hat, bemerkt man dann auch wieder, wie absurd die beiden Kernideen verlegerischer Strategien sind: Leistungsschutz und Paid Content. Bei fast allen Seiten, die ich gestern gesehen habe, gingen mir die beiden Schlagworte durch den Kopf — und in fast jedem Fall musste ich unwillkürlich lachen. Leistungsschutz für das halbwegs einwandfreie Aufbereiten von Agenturmeldungen? Ich würde behaupten, dass gestern abend 70 Prozent der Angebote von Regionalzeitungen online zu einem beachtlichen Teil mit Agenturmaterial bestückt waren. Teilen sich dann also 50 Onlineangebote den Erlös aus dem Leistunsgsschutzrecht, wobei die Leistung daraus besteht, dpa redigiert zu haben?
Und Paid Content — wofür? Für kaum spürbare Eigenleistung? Für ein paar lokale Meldungen, die es auch in lokalen Anzeigenblättern gibt? Und zudem noch demnächst auch von Seiten wie dem inzwischen etablierten “Heddesheimblog” und anderen, die inzwischen in den Startlöchern stehen, angeboten werden?
Natürlich kann man sich fragen, warum man in vielen Häusern nicht sieht, was doch so offensichtlich ist. Auch dafür habe ich bei meinem gestrigen Streifzug eine plausible Erklärung gefunden. Es gibt in Deutschland immer noch Zeitungen, die per Mail über eine t-online-Adresse, eine sogar über eine Zahlenkombi bei AOL erreichbar sind. Nichts dagegen — aber soll man man von einer Redaktion, die gerade im Mailzeitalter angekommen ist, ernsthaft erwarten, die Herausforderungen der digitalen Welt bestehen zu können?
Viele Verlage haben es sich in den letzten beiden Jahrzehnten kuschelig eingerichtet in ihrer sehr eigenen Welt. Sie haben eine Subkultur entwickelt, die im Wesentlichen aus der Idee bestand, dass es ohne sie nicht geht, trotz Radio, trotz Fernsehen. Die kleine Zeitungsfarm, mit Zäunen abgeschottet gegen die böse Welt da draußen. Jetzt müssen sie erleben, dass es möglicherweise doch ohne sie geht — und rufen deswegen nach Artenschutz. Und vielleicht würde man sie insgeheim ja auch schützen wollen, weil man sich als jemand, der mit Zeitungen groß geworden ist, einen Tag ohne Zeitungen gar nicht vorstellen mag.
Nur: Bevor es einen Leistungsschutz gibt, müsste es eine Leistung geben, die man schützen kann.
Fünf Jahre als Blogger
Dieses Blog feiert Geburtstag, heimlich, still und leise. Normalerweise sind mir irgendwelche Geburtstage (auch mein eigener) und Jubiläen eher egal. Und an sich denke ich auch nicht, dass man das fünfjährige Bestehen eines Blogs feiern muss, aber angesichts dieses unglaublichen Jahrestags sind mir doch ein paar Erinnerungen durch den Kopf geschossen — vor allem deswegen, weil mir diese fünf Jahre rückblickend zeigen, wie rasant sich alles verändert in diesem ganzen Mediendingsbumms.
Auf die Idee eines Blogs bin ich ca. 3 Uhr nachts gekommen. Weil ich nicht schlafen konnte, es war eine dieser Sommernächte in München, in denen es elendig heiß ist, man eigentlich müde wäre und vor lauter Hitze trotzdem nicht schlafen kann. Keine Ahnung, wie und warum — aber auf einmal schoss mir der Gedanke eines eigenen Blogs durch den Kopf. Im Nachhinein betrachtet finde ich die Ursache dafür ziemlich bezeichnend für all das, was den Reiz des Bloggens ausmacht. Ich machte damals den vermutlich langweiligsten Job meines Lebens und litt ernsthaft unter einem Unterforderungssyndrom. In dem Haus, in dem ich damals arbeitete, bewegte sich ungefähr nichts und im Grunde genommen gab es nur zwei Möglichkeiten: entweder den Gedanken ans Publizieren aufgeben und sich einem interessanten Hobby wie Fliegenfischen zu widmen. Oder aber die verkrusteten Strukturen eines Hauses komplett hinter sich zu lassen, die dort verbleibende Restzeit abzusitzen und sich mit dem Kopf eher etwas anderem widmen. Etwas eigenem. Einer Sache, in der nicht unzählige hinderliche Instanzen und Hierachien auftauchen. In der es nicht den Satz “Das haben wir noch nie gemacht” als Standardsatz gibt. Wenn man so will also eine Art Befreiung aus einer für den Journalismus gar nicht untypischen Totalstarre. Was gibt´s für einen Journalisten schöneres?
Natürlich war die Idee nie, so etwas fünf Jahre zu machen. Die Idee war: probier´s aus und dann siehst du schon. Das Lustige daran ist für mich bis heute noch, dass ich dieses Blog eigentlich immer nur für mich geschrieben habe und beinahe schockiert war, als irgendwann mal nach einem halben Jahr der erste Kommentar eintrudelte. Huch, dachte ich: Da liest ja jemand mit. Noch heute erschrecke ich immer wieder, wenn ich bemerke, dass doch einer oder zwei mitlesen. So richtig ist mir immer noch nicht klar, dass es Menschen gibt, die dieses Blog wirklich regelmäßig verfolgen. Aus dem einen Kommentar von damals sind inzwischen übrigens über 1800 geworden, was vielleicht im Vergleich zu den großen Blogs der Szene lächerlich wenig ist. Ich freue mich trotzdem ganz fürchterlich drüber. Ich meine, es ist ähnlich wie beim neuentdeckten Flattrn: Man freut sich, weil man es als eine Art Anerkennung wertet. Jeden Kommentar, der hier erscheint, werte ich für mich als eine Art Anerkennung. Sogar die, in denen ich beschimpft werde. Immerhin macht sich jemand die Mühe, sich mit dem, was ich hier schreibe, auseinanderzusetzen und etwas dazu zu hinterlassen. Das Gefühl hatte ich in meinen früheren Redaktionen nicht immer.
Natürlich kann man von der Anerkennung und den Kommentaren nicht leben, aber das war auch nie die Idee hinter diesem Blog. Warum machst du das dann, bin ich mehr als einmal gefragt worden. Zum einen: ja, weil es auch nach fünf Jahren immer noch enorm Spaß macht und die Unabhängigkeit und die Freiheit eines solchen Blogs für mich immer noch unersetzlich sind. Und zum anderen, das gebe ich gerne zu: Über diese Seite sind Aufträge reingekommen. Ganz konkret, messbar, nachvollziehbar. Insofern hat sich die Arbeit an dieser Seite schon wieder gerechnet, auch wenn ich das vor fünf Jahren für völlig undenkbar gehalten hätte.
Ich hatte übrigens noch nie so viel Kontakt zu Lesern/Hörern/Zuschauern wie mit dieser Seite. In absoluten Zahlen gemessen bewegen sich die Nutzer des Blogs natürlich im Vergleich zu meinen früheren Jobs in homöopathischen Dosen. Aber darum geht es nicht. Ich kriege sofort und unmittelbar Feedback, ungefiltert, ehrlich — und häufig auch mal völlig entgegengesetzt zu meinen Ideen. Trotzdem hatte ich bisher fast immer das Gefühl, aus Debatten hier schlauer raus- als reingegangen zu sein. Witzige Erlebnisse gab´s zudem. Ich erinnere mich, als ich mal in Berlin auf einer Veranstaltung neben jemanden saß, der gerade über seinen RSS-Reader einen Beitrag von mir bekam. Das fand ich amüsant zu beobachten, zumal ich die Vorstellung witzig fand, dass der arme Mensch jetzt gerade etwas liest, ohne zu wissen, dass der Autor direkt neben ihn sitzt. Ich hab´ihn dann kurz darauf aufgeklärt. Der Typ war übrigens Markus Hündgen, von Beruf Videopunk.
Ein ungeheuer komplexer und langwieriger Vorgang war der Einbau meines ersten Fotos. Das muss so vor ungefähr viereinhalb Jahren gewesen sein. Ich erinnere mich verschwommen an eine ungemein lange und schwierige Handlungsanweisung, die mir ein WordPress-Spezialist damals zukommen ließ (Version 1.irgendwas). Heute debattieren wir über Fotos, Videos, Audios gar nicht mehr. Im Grunde könnte ich aus dieser Seite auch ein richtiges Onlinemagazin machen, ohne dass es mich einen Cent kosten würde. Ich befürchte, das haben viele aus den Holzmedien immer noch nicht begriffen: Die Produktionsmittel liegen heute für jeden kostenfrei im Netz rum, um mal den guten alten Marx zu bemühen. Ich brauche keine Druckerei, keinen Sender. Ich brauche einen Rechner und einen Provider. Diese Erkenntnis ist inzwischen uralt, ich finde sie dennoch jeden Tag immer wieder atemberaubend.
Nochmal fünf Jahre? Ich habe keine Ahnung. Auf der ersten Blick kommt mir das ungemein lange vor und irgendwie mag ich mir nicht vorstellen, ein Jahr nach der Fußball-WM 2014 immer noch hier zu sitzen und zu schreiben, zu fotografieren, zu filmen und dann zu bloggen.
Auf der anderen Seite: Fünf Jahre mache ich das jetzt schon. Immer noch ausgesprochen gerne. Und bitte nicht böse sein, liebe Ex-Arbeitgeber, aber ich kann mich an keinen einzigen Job erinnern, wo ich das nach fünf Jahren immer noch von mir hätte behaupten können.
Volos, dringend gesucht
Es sagt ziemlich viel aus über die Probleme, die der Lokaljournalismus — und dort vor allem die Regionalzeitungen — haben: Sie haben schlichtweg ernste Probleme, noch guten Nachwuchs zu finden. Joachim Braun, Redaktionsleiter der Bad Tölzer Lokalausgabe des “Münchner Merkur” und im Video-Interview ein angenehm ruhiger und realistischer Kollege, schildert das ganz unaufgeregt. Das Lokale ist generell für junge Journalisten zunehmend unattraktiv geworden. Und wenn man dann auch noch draußen auf dem flachen Land sitzt statt in der pulsierenden Großstadt, dann wird es zunehmend schwierig, überhaupt noch jemanden zu finden, selbst wenn man ausreichend Budget dafür zur Verfügung stellt. Davon, dass man ein Talent mittelfristig hält, ganz zu schweigen.
Dabei ist gar nicht mal das alleine Problem, dass man als, hüstel, etwas älterer Mensch die Reize von Bad Tölz erst zu schätzen lernt — und man als 20jähriger einen Panoramablick auf die Alpen nur mäßig spannend findet. Vielmehr haben sich die Dinge gewandelt. In alten analogen Zeiten galt das als ehernes Gesetz: Geh ins Lokale, da lernst du am meisten. Ich kenne eine ganze Reihe ausgezeichneter Journalisten, die sich durch die Mühen von Geflügelzüchtervereinen und Stadtratssitzungen gearbeitet haben. Sie haben dort eine ganze Menge gelernt, was ich übrigens auch gerne für mich in Anspruch nehmen würde. Wie beispielsweise Politik tickt, kann man ganz wunderbar in diesem Mikrokosmos Kommunalpolitik lernen.
Allerdings hatte ich (und viele andere auch) das Glück, dass ich Leute um mich hatte, die sich ernsthaft mit mir und meiner Unfähigkeit auseinandergesetzt haben. In meiner Volo-Zeit bei der PNP (nicht erschrecken, jetzt kommt was Positives) hatte ich tatsächlich so etwas wie zwei Ausbildungsredakteure, einen direkt vor Ort und einen in der Zentrale. Aus der Zentrale kam jeden Monat ein Paket mit Feedback auf meine Geschichten, wenn ich mal eine wirklich versemmelt hatte, kam die Reaktion auch schon mal am nächsten Tag. Oder am selben. Alles in allem hatte ich jedenfalls nach zwei Jahren Volontariat das Gefühl, halbwegs gut ausgebildet zu sein. Mein Wunsch wegzugehen entstand dann mittelfristig auch gar nicht aus dem Gedanken, schlecht ausgebildet worden zu sein, sondern aus der ewigen Wiederholung des immer Gleichen. Aber das ist kein lokalspezifisches Problem, ich stelle mir auch zehn Jahre in der Nachrichtenredaktion der SZ als irgendwann ermüdend vor.
Auch auf die Gefahr hin, in eine “Früher-war-alles-besser”-Schiene gesteckt zu werden: Mir begegnen heute nach meinen höchst subjektiven Eindruck immer mehr Volos, die in ihren Lokalredaktionen nicht mehr als das gesehen werden, was sie sind. Nämlich als junge Journalisten, die ausgebildet werden sollen. Stattdessen werden sie schnell zu vollwertigen und billigen Arbeitskräften gemacht. Ich weiß nicht, wie viele mir schon erzählt haben, dass sie de facto auch mal wochenlang eine Lokalredaktion mehr oder minder alleine schmeißen müssen. (Auch zu dem Thema ein rückwirkendes Danke nach Passau: Ich stand einmal als Volo vor dieser Situation, so etwas machen zu müssen; mein Ausbildungsredakteur hat sich sofort mit einem entschiedenen “Das geht nicht dazwischen geworfen).
Ich kann mir gut vorstellen, dass der eine oder andere unter Ihnen jetzt insgeheim ein leises “Na und?” vor sich hinmurmelt, dass sich durch die langjährige Praxis und der Erfahrung, dass das schon irgendwie geht, begründet. Ich finde diese Haltung in unserem Job immer wieder interessant, vor allem, wenn man diese Idee auf andere Berufe anwendet. Eine Operation, die nicht ein Arzt, sondern ein Student unbeaufsichtigt durchführt? Ein Hausbau, bei dem der Azubi nach drei Wochen das Kommando übernimmt? Der Supermarkt, der einen Praktikanten als Fillialleiter einsetzt? Komisch, dass es ausgerechnet bei uns, wo wir doch immer die Bedeutung unseres Jobs gerne betonen, zwar ein Wissen um solche Zustände gibt, auf der anderen Seite es aber oft nur zu einem pflichtschuldigen erhobenen Zeigefinger reicht. Der soll dann signalisieren, dass man so etwas tendenziell für nicht in Ordnung hält.
Man kann dann auf der anderen Seite natürlich kaum erwarten, dass Volontäre aus solchen Redaktionen auch nur im Ansatz gut ausgebildet rausgehen. Und man kann kaum hoffen, dass die Attraktivität des Lokaljournalistenjobs steigt.
Umgekehrt sind man dann ja auch, was möglich ist, auch für Regionalzeitungen: Einer der wirklicb begabtesten Leute, die ich jemals in einem Seminar hatte, hat jetzt zwei ziemlich aussichtsreiche Bewerbungen. Er ist noch unschlüssig, ob er zum öffentlich-rechtlichen TV geht — oder zu einer mittelgroßen Regionalzeitung.
Ich würde ihm zur Zeitung raten. Nicht immer, aber bei dieser — schon.
Flattrate
Achtung, es wird für einen Moment persönlich: In den letzten 24 Stunden, seit dieser Flattr-Button drauf ist, sind hier sechs Flattr-Klicks eingegangen. Ich hab´ mich gefreut wie Bolle. Nein, nicht wegen der zu erwartenden Einnahmen im 1,50-Euro-Bereich. Sondern weil so ein Flattr-Klick irgendwie ein schöneres Gefühl ist, als früher das Lob vom Chef. Ich meine, da sagt jemand freiwillig: Doch, dein Text ist mir was wert.
Da bloggt es sich gleich noch viel lieber, ganz ehrlich.
Und danke an die sechs Unbekannten.
Zum Fenster rauswerfen – und zur Tür wieder reinlassen
Mit der Musik ist das inzwischen so eine Sache: Man muss nicht mal mehr Musik als digitales File besitzen, um sie hören zu können. Streaming-Abos machen das Vollmüllen von ganzen Festplatten mit mp3-Files vollständig überflüssig (vom Zustellen ganzer Schrankwände mit CD´s oder Platten ganz zu schweigen). Natürlich können sich jetzt Nostalgiker, Exoten und Freaks zur Wehr setzen: dass beispielsweise eine LP immer noch besser klingt als so ein komisch gestreamtes File, dass man ein Cover und all diese hübschen Dinge (Haptik!) ja auch in der Hand halten will und man mit diesem ganzen neumodischen Kram eh nichts anfangen kann. Das ist schon richtig und auch akzetabel. Es ändert nur nichts an zweierlei: dass erstens sich die Gewohnheiten der Masse extrem verändert haben und nicht mehr dorthin zurück kehren werden, wo sie einmal waren. Und dass zweitens damit aus rein ökonomischer Sicht der Wert eines einzelnen Stücks oder eines Albums dramatisch sinkt. Wer für 10 Euro im Monat unbegrenzten Zugriff auf Millionen von Titeln bekommt, wird kaum mehr auf die Idee kommen, diesen Betrag für ein einzelnes Album auszugeben.
Was also die von uns Journalisten gerne mal belächelte Musikindustrie (die sich über viele Jahre an den Erhalt der guten alten CD als einzig mögliches Geschäftsmodell klammerte) inzwischen langsam und mühevoll hinbekommt, steht uns in den Medien erst noch bevor. Nämlich eine etwas unangenehme Erkenntnis: Der Wert unserer Arbeit hat sich verringert, ohne dass dabei leider (wieder nüchtern ökonomisch betrachtet) unsere Produktionskosten spürbar gesunken sind. Auch wenn man natürlich heute in der Herstellung deutlich günstiger arbeiten kann, guter Journalismus kostet immer noch (viel) Geld: Recherche ist leider weder zu digitalisieren noch zu automatisieren.
Trotzdem müssen wir uns vermutlich darauf einstellen, dass wir unser Finanzierungsmodell komplett überdenken müssen. Ein paar Vergleiche mit der Musikindustrie schaden da nicht — weil auch sie einen radikalen Wandel hinter sich hat und noch lange nicht am Ende dieses Wandels angekommen ist. Weil man auch dort dachte, man müsse einfach nur am bewährten Modell festhalten und dem Kunden sagen, dass das so, wie er möchte, eigentlich nicht geht.
Ziemlich ähnlich ist das momentan im Journalismus. Da ist einmal die Sache mit der Entwertung: Ob uns das gefällt oder nicht, aber es sollte uns langsam klar werden, dass es von dem, was wir produzieren in der Quantität wesentlich mehr gibt als noch vor einigen Jahren. Weswegen es sich in letzter Konsequenz nicht mehr nach dem Modell verkaufen lassen wird, wie wir es gewohnt waren. Der Wert einer Nachricht, eines Textes, eines Videos, hat sich dramatisch nach unten verschoben. Einen Ausweg aus dieser Misere werden wir nicht finden, in dem wir Paywalls vor unseren Angeboten aufbauen. Sondern indem wir die Dinge anders machen, besser machen als vorher. Und möglicherweise andere Geschäftsmodelle finden müssen. Man könnte böse gesehen auch sagen: Möglicherweise müssen wir das Geld (den Inhalt) vorne zum Fenster rauswerfen, damit es durch die Tür wieder reinkommt.
Diese drei Dinge hängen unmittelbar zusammen: das Überangebot an Inhalten, die Chance, als Journalisten eben doch mehr zu können als der Betreiber der kleinen Hobbyseite — und der Wunsch des Users nach anderen Möglichkeiten, Inhalte zu nutzen und sie ggf. auch zu bezahlen. Schließlich gehört auch das zu den größeren Missverständnissen und Parallelen zur Musikindustrie: So wie es einer der größten Fehler der Musikindustrie war, User zu kriminalisieren und sie in Bausch und Bogen als zahlungsunwillige Musikdiebe zu stigmatsisieren, so ist es ein Denkfehler zu glauben, der Online-User sei ein raffgieriger Schnorrer, der generell einfach nicht bezahlen und deshalb alles umsonst haben will. Dass es Zahlunsgwilligkeit gibt, hat die Musikindustrie erfahren, als sie Modelle entwickelte, die den Kundenwünschen entgegen kam. Ja, es gibt immer noch viele illegale Downloads und es wird sie weiter geben, so wie es leider auch weiter Ladendiebe geben wird. Aber es gibt eben auch ein florierendes iTunes und andere Donwload-Dienste. Es gibt die erwähnten Streaming-Dienste und es gibt Konzerte, mit denen man jetzt eben mehr Geld verdient. Wenn man also so will: Das Geld vorne rauswerfen und es durch die Tür wieder reinlassen.
Generelle Bezahlschranken werden nicht funktionieren. Weil es dem Nutzungsverhalten und den Userwünschen widerspricht. Und weil viele Onlineangebote nicht mehr in der Lage sein werden, so viel exklusiven, hochwertigen Inhalt anzubieten, dass die Leute dafür bezahlen wollen. Das bedeutet natürlich ausdrücklich nicht, dass die Menschen keinen (hochwertigen) Journalismus mehr wollen. Sie wollen ihn vielleicht sogar mehr denn je. Aber anders, schneller, interaktiver, vernetzter, konfektionierter.
Vorerst also ist der Journalismus am Zug. Er wird sich verändern müssen, er wird neue Angebote machen müssen – ehe er dafür Geld erwarten kann. Für das Auslaufmodell wird niemand bezahlen wollen.
Und das haben wir vermutlich mit allen Branchen dieser Welt gemeinsam. Kein Grund zum Jammern also.
Flattr – ein Selbstversuch
Bevor Sie darauf kommen, gebe ich es lieber gleich zu: Ja, ich widerspreche mir selbst. Ich hatte auf dieser Seite angekündigt, nicht mitflattrn zu wollen, meine eigene Argumentation dagegen dürfen Sie gerne hier nachlesen (und mich dann als inkonsequent beschimpfen). Aber man soll ja nicht über Dinge reden, die man im Grunde gar nicht kennt. Also habe ich die Gelegenheit genutzt, dass mir jemand freundlicherweise eine Einladung zukommen hat lassen. Demnach: ausprobieren.
Ich erwarte mir von diesem Button keine wirklich nennenswerten Einnahmen. Und meine generellen Bedenken sind auch noch nicht restlos verschwunden. Aber nachdem ich für den “journalist” eine Geschichte darüber geschrieben habe (mit dem Tenor, davon keine nennenswerten Einnahmen zu erwarten), finde ich so einen kleinen Selbstversuch ganz interessant. Obwohl ich mir ja — zugegeben — immer noch komisch vorkomme, meinen Lesern quasi eine dezente Zahlungsaufforderung zukommen zu lassen. Und weil ja auch immer noch das immense Risiko besteht, dass am Ende einer Flatttr-Monatsabrechnung eine dicke, fette “null” steht. Was wiederum bedeuten würde, dass keinem Menschen kein Text auch nur einen Cent wert war, was — ebenfalls zugegeben — etwas ernüchternd wäre. Der Lackmustest für ein Blog via Flattr.
Falls Sie wissen, was Flattr ist: hier aufhören zu lesen und schon mal meinen Dank für den einen oder anderen Klick entgegennehmen.
Falls Sie es nicht wissen: Um einen Beitrag oder eine ganze Seite flattrn zu können, müssen Sie selbst einen Account bei Flattr haben. Dort legen Sie sich ein Guthaben an, das Sie dann mit einem Minimum von 2 Euro monatlich ausgeben können. Der Wert Ihres Klicks richtet sich nach der Zahl der Klicks im Monat. Wenn Sie also nur einmal im Monat klicken, ist Ihr Klick 2 Euro wert. Klicken Sie zehnmal, sind es noch 20 Cent. Alles andere können Sie sich leicht ausrechnen.
Und wenn Sie gar nicht flattrn wollen: Selbstverständlich dürfen Sie dieses Blog auch dann gerne weiterlesen.

