Digitales Mittelalter im Jahr 2017

Sommer 2017, die Welt digitalisiert sich. Die ganze Welt? Nein, eine ganze Reihe deutscher Unternehmen tut immer noch so, als ginge sie das alles nicht so richtig was an…“Read

Digitalisierung: Verlage zwischen Theorie und Praxis

Die analoge Medienwelt ist beinahe endgültig tot. Sagt die neue PWC-Studie“Media Outlook“. So banal, so einfach, so nachvollziehbar. Und trotzdem klaffen beim Thema Digitalisierung zwischen Theorie und Praxis in Deutschland immer noch himmelweite Unterschiede…“Read

Die Xtra-Lektionen: Print für Liebhaber

„Xtra“ ist endgültig Vergangenheit. Man muss dem Kölner Projekt keineswegs nachtrauern. Aber ein paar Lektionen für die Zukunft mitnehmen. Hier die drei wichtigsten.

Vermutlich hat es in der jüngeren deutschen Mediengeschichte kaum ein Projekt gegeben, das schon vor seinem Start eine solche Mischung aus Spott, Verrissen und ungläubigem Meinen-die-das-Ernst-Staunen ausgelöst hat: Mit einer Zeitung auf und für den Boulevard, einer Art gedrucktem Internet, wollte der DMS-Verlag in Köln die Generation der digitalen Ureinwohner davon überzeugen, wie geil doch so eine Zeitung ist. Es kam wie es kommen musste: Die meisten aus der Zielgruppe fanden „Xtra“ nicht mal im Ansatz geil. Weswegen man erst nach kurzer Zeit das gedruckte Ding zu einem Online-Portal umwidmete, eher man auch dieses in den Weihnachtsfeiertagen zu Grabe trug.

Man kann daraus ein paar Lektionen mitnehmen. Die sind zwar nicht alle angenehm und leider manchmal auch absolut. Aber trotzdem: Was man aus dem Xtra-Debakel mitnehmen kann, sagt sehr viel über die Medien im Jahr 2016 aus.

1. Was nicht aufs Smartphone passt, existiert nicht

Der ursprüngliche Gedanke bei DuMont war so naiv, dass er fast schon wieder rührend ist: Wenn man dieser digitalen Generation ihr Internet einfach ausdruckt und sowohl eine Optik als auch eine Ansprache wählt, die irgendwie nach Netz klingt, dann greift diese Generation beglückt zum Papier und wird mit späterem Alter dann doch wieder zum Zeitungsleser.

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(Foto: MDS)

Die Kölner Digital Natives haben – vermutlich stellvertretend für alle anderen – eine ebenso einfache wie deutliche Antwort gegeben: Vergesst es! Mit dem Nachsatz: Weil wir kein Papier wollen. Natürlich kann man auch das, was sie da in Köln an Inhalten gedruckt haben, ziemlich hanebüchen finden. Aber noch wichtiger ist tatsächlich das „Endgerät“: Die Medienkonsumenten der Gegenwart und vor allem der Zukunft sind nur noch mit Inhalten zu erreichen, die potentiell auch auf das Smartphone passen. Mobile Webseiten, Apps, soziale Netzwerke. Was nicht bedeutet, dass sie nicht auch andere Geräte und Kanäle nutzen. Der Gradmesser von allem bleibt trotzdem das Smartphone.

Was also nicht aufs Smartphone passt, existiert in deren Wahrnehmung nicht. Papier? Braucht kein Mensch.

2. Man kann das Internet nicht drucken

Es ist ja dann doch immer wieder erstaunlich, wie oft man selbst banalste Dinge wiederholen muss, wenn es um Darstellungsformen im Journalismus geht. Eine davon: Digitaler Journalismus (nennen wir das einfach mal so) ist eine eigene Kunstform geworden, die längst über die Reproduktion von Text, Fotos, Audios und Videos hinausgeht. Umgekehrt gilt auch: Man kann digitalen Journalismus nicht auf einer analogen Plattform machen. Macht also bitte klassische Zeitung und klassisches Fernsehen da, wo der Nutzer klassische Zeitung und klassisches Fernsehen als das Medium seiner Wahl nutzt. Und macht multimedialen Journalismus da, wo Multimedia drauf steht.

Man kann das Internet nicht drucken. Ebensowenig übrigens, wie man es senden kann.

3. Nischen sind der neue Nutzerluxus

Ist es aber auf der anderen Seite nicht eine halbwegs grauenvolle Vorstellung, künftig nur noch für Smartphones zu produzieren und dort auch zu konsumieren? Ist es. Vor allem ist es  zu kurz und absolut gedacht, wenn man glaubt, man könnte im Zeitalter der überbordenden Medienangebote ernsthaft behaupten, Medienkonsum finde nur noch auf einem einzigen Gerät statt. Dafür sind die Angebote zu umfangreich und die Nutzer auch viel zu unterschiedlich. Den einen Nutzer gibt es also gar nicht. Bestenfalls eine Mehrheit. Und das ist die, die wir jetzt und vor allem in Zukunft in der Nähe von digitalen und mobilen Endgeräten verorten.

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Man kann das aber auch ganz anders machen. Ich habe bei mir selbst festgestellt, dass ich nach wie vor dicke Bücher liebe und Monatstitel, vor allem so glänzende wie „Brand eins“ oder die „11Freunde“ immer noch am liebsten als Papier vor mir habe. Obwohl ich das alles natürlich günstiger und einfacher in meinen diversen Digital-Geräten haben könnte. Will ich aber nicht. Gelegentlich gehören Sachen wie gedrucktes Papier oder eine aufwändig gestaltete CD-Box zu den Dingen, die ich mir gerne als eine Art Nischen-Luxus leiste.

Wie wir überhaupt über den Umgang mit Nischen einiges aus der Musikindustrie lernen können: Die gute, alte Vinyl-Schallplatte führt inzwischen auch ein ganz komfortables Dasein in der Nische. Fernab der Stückzahlen früherer Tage, aber auskömmlich finanziert von einer kleinen, aber ebenso kauffreudigen wie kaufkräftigen Gruppe von Menschen, denen ihre „Schallplatte“ so wichtig ist, dass sie dafür ordentlich viel Geld ausgeben, obwohl jeder gute Streamingdienst nur den Bruchteil kosten würde. Es ist eben nicht nur eine Frage der Ratio, wie man mit Medien umgeht.

4. Man ist nicht hip, wenn man mit Gewalt hip sein will.

Ist so.

Zusammengefasst: Analoge Medien sind den digitalen schon rein technisch so unterlegen, dass sie nur dann noch zum Zuge kommen, wenn sich ein Nutzer – aus welchen Gründen auch immer – ganz gezielt dafür entscheidet, dieses analoge Medium zu nutzen. Stand heute dürften das immer weniger werden, was aber kein Drama sein muss.

Worauf kommt es also an? Medien für Kanäle zu machen, die dort von Nutzern ganz gezielt gewählt werden. Dazu muss man übrigens seine Nutzer und auch die Schwächen und Stärken eines Kanals ziemlich gut kennen.

Dass die Tageszeitung kein Internet ist, hätte man allerdings auch schon vorher wissen können…

Das neue Buch (ohne Titel)

2016 wird mein neues Buch über Journalismus erscheinen. Es ist keine richtige Neuauflage von „Crossmedia“ und einen guten Titel hat es auch noch nicht. Zeit, mal wieder die verehrte Community zu Rate zu ziehen…

Es ist ziemlich hilfreich, wenn man sich über einen Buch-Titel intensiv Gedanken macht. Weil man beim Sinnieren über den Titel zwangsweise auch mit der Frage konfrontiert wird, welchen Inhalt das Buch eigentlich genau haben soll.

Dass das Buch nicht „Crossmedia“ heißen wird, stand schnell fest. Weil „Crossmedia“ ein Begriff aus lang vergangenen Tagen ist. Und weil das Buch bestenfalls in Fragmenten auf „Crossmedia“ basieren, aber keine echte Neuauflage sein wird. Dazu ist zu vieles passiert in den letzten Jahren. Betrachten Sie es also als ein komplett neues Buch, bei denen Ihnen höchstens dann das eine oder andere etwas bekannt vorkommen könnte, wenn Sie „Crossmedia“ sehr gründlich gelesen und in Erinnerung haben.

Aber wie soll es dann heißen? Eine Zeit lang dachte ich an „Digitaler Journalismus“. Aber erstens mag ich den Begriff nicht sonderlich, weil es dann ja auch eine Art „analogen Journalismus“ geben müsste. Davon abgesehen glaube ich fest daran, dass jeder Journalismus inzwischen digital ist, zumindest potentiell. „Crossmedia“ ist es aus genannten Gründen auch nicht und „Onlinejournalismus“ würde auf die völlig falsche Spur führen.

Davon abgesehen: Ich will keinen Titel, der nach Leitz-Aktenordner klingt. Wo stand nochmal der „Digitale Journalismus“, Frau Müller? Gleich neben „Recherche“ und „Reportage“, Chef.

***

Die Ausrichtung des Buches ist diesmal eine andere. „Crossmedia“ war am ehesten noch das, was man leicht antiquiert ein „Lehrbuch“ nennt. Die Zeiten solcher Lehrbücher sind allerdings ziemlich vorbei. Beim Thema „Digitaler Journalismus“ sowieso. Lehren im klassischen Sinne kann man da vergleichsweise wenig, weil nahezu jedes Thema zwangsweise auch mit Einschätzungen und Spekulationen darüber zu tun hat, wie es wohl weitergehen könnte mit diesem digitalen Journalismus.

Die Halbwertszeit von vielen Themen ist zudem überschaubar. Ich habe beim Schreiben immer wieder Texte aus „Crossmedia“ gelesen und dabei regelmäßig wahlweise leicht gekichert bis laut gelacht. Zum gemeinsamen Amüsement, aber auch um zu belegen, wie schnell sich die Zeiten ändern, poste ich in den nächsten Wochen immer wieder mal besonders lustige Auszüge aus dem Buch. Als kleiner Appetizer schon mal der hier:

Eigene, wirklich originäre Darstellungsformen im Online-Journalismus gibt es noch so gut wie gar nicht, die allermeisten machen das, was sie ohnedies schon können – nur eben auf einem Computerbildschirm. Nicht umsonst entstand in den Anfangsjahren des Online-Journalismus so ein abstruser Begriff wie »Internetzeitung«. Der per se ziemlich unsinnig, trotzdem aber insofern nachvollziehbar war, als dass es keine wirklich gute Alternative zu ihm gab. »Online-Angebot«, wie man heute zu sagen pflegt, trifft die Sache schon erheblich besser, weil damit charakterisiert wird, dass in einem nicht-linearen Medium tatsächlich nur Angebote gemacht werden. Ein Teil der Aktivität, der Selektion und der Gewichtung wird dem User überlassen.

(Doch, ich habe das wirklich so geschrieben. War allerdings auch 2007.)

Das neue, immer noch titellose Buch soll deshalb beides sein: eine Art „Gebrauchsanleitung“, ein Handbuch, in dem man schnell mal etwas nachschlagen kann auf der einen Seite. Auf der anderen Seite aber auch eine Art Jahrbuch, das in Titel und Ausrichtung signalisiert, dass es eine begrenzte Halbwertszeit hat, gleichzeitig aber auch fortgeschrieben wird. So eine Art „Agenda 2020“ halt, wobei leider seit Herrn Schröder der Begriff „Agenda“  ziemlich abgenutzt ist. Zu einer solchen Agenda gehören dann eben auch grundsätzliche Einschätzungen, Überblicke über die wichtigsten zu erwartenden Entwicklungen und gelegentlich auch mal so etwas wie völlig haltlose Meinungsstücke.

***

Ein paar Dinge werden anders sein als bei „Universalcode“. Erster entscheidender Unterschied: Ich schreibe diesmal alleine, bestenfalls lade ich mir einen oder zwei Gastautoren dazu. Das hat vor allem damit zu tun, dass zum einen knapp 20 Autoren enorm schwierig zu koordinieren sind und es – zugegeben – bei „Universalcode“ auch nicht gerade mein Lieblings-Job war, knapp 500 Seiten Fremdtexte zu lesen. Zum anderen sind viele der damaligen Co-Autoren inzwischen so sehr in ihre eigenen und aufwändigen Projekte eingebunden, dass es vermutlich kaum machbar wäre, sie alle wieder unter einen Hut zu bekommen.

Davon abgesehen wird das neue Buch auch nicht so ein ausführlicher Schinken wie „Universalcode“ werden. Rund 600 Seiten sind zwar mal eine ganz hübsche Fingerübung, aber ob man Bücher dieses Formats wirklich braucht, sei dahin gestellt. Ganz davon abgesehen, dass das ja auch eine Kostenfrage ist. „Universalcode“ war ein Non-Profit-Projekt und ging halt deshalb für vergleichsweise günstige 29,90 Euro.

Trotzdem: Ich freue mich natürlich, wenn es wieder so viel Anregungen wie möglich aus der Community gibt. Das war letztlich ein entscheidender Grund dafür,  warum „Universalcode“ ein wirklich sehr, sehr schönes Projekt geworden ist.  Diesmal muss übrigens niemand in Vorleistung gehen und irgendwas bestellen oder crowdfunden: Das Buch kommt so oder so, ob es euch passt oder nicht. Trotzdem: Je mehr Community, Debatten, Kritik, Anregungen und vielleicht auch gerne mal eine lobende Bestätigung – umso besser. In den kommenden Wochen gibt es hier deswegen auch immer mal wieder Statusberichte und erste Text-Auszüge aus dem neuen Epos.

Und es bekommt ein neues Cover. Für das „Crossmedia“-Cover schäme ich mich heute noch.

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Wann? Der Plan ist: Sommer 2016. Im UVK. Und jetzt wird weitergeschrieben.

Eine Frage der Haltung

Was müssen digitale Journalisten können? Viel weniger als man glaubt. Weil digitaler Journalismus viel mehr eine Frage der Haltung als des Handwerks geworden ist.

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(Foto: Jakubetz)

Vor ein paar Tagen habe ich drüben beim „Universalcode“ eine dieser Aufzählungen geschrieben, die man ganz gerne liest, wenn man sich bei einem Thema schnell orientieren will. Es ging darum, was Journalisten heute alles können müssen. Oder zumindest sollten.

Nachdem das eine alte, aber nicht beendete Debatte ist, gab es dazu eine ganze Reihe von Reaktionen (und wie das inzwischen so ist: kaum auf der Seite selbst, dafür umso mehr in den diversen Netzwerken). Die Reaktionen fielen unterschiedlich aus. Die Palette: von der Frage, was das überhaupt sein soll, so ein digitaler Journalist – bis hin zu einer Auflistung von zusätzlichen Kompetenzen, die ich in meinem Beitrag gar nicht aufgelistet hatte.

Clemens Lotze kommentierte, man müsse das Folgende beherrschen, ansonsten solle man sich doch einfach Autor nennen und Bücher schreiben:

– eine Bildgröße den Erfordernissen der benutzen Kanäle zuschneiden
– einen Twitter-Kanal besitzen und regelmäßig benutzen.
– Die Bildauflösung dem Kanal anpassen
– Metadaten vergeben
– Keywords im erforderlichen Umfang verwenden
– ein Storytellingtool bedienen
– interaktive Maps und Timelines erstellen
– eine Infografk erstellen
– Bilder für SocialMedia-Kanäle vorbereiten
– Den Teaser brauchbar für Multichannel schreiben
– wissen wieviel Zeichen eine Überschrift in Facebook, Google+ oder Twitter haben darf.
– einen sinnvollen CTA setzen, falls erforderlich
– wissen wie Hashtags in den unterschiedlichen Kanälen verwendet werden
– Text-, Video und Audioformate kennen und umwandeln
– neben HTML selbstverständlich auch CSS kennen
– die unterschiedlichen Farbräume verstehen
– eine “mobilefähige” Schreibe und Formatierung beherrschen
– grundsätzlich nur in responsive-fähigen Medien veröffentlichen

Um ehrlich zu sein: Ich bin etwas zusammengezuckt. Weil ich bei dieser Liste passen müsste. Ich müsste eingestehen, dass es einiges bei diesen Dingen gibt, die ich nur so mittelgut kann. Und manches sogar gar nicht. Ich gebe beispielsweise zu, mich noch nie wirklich mit Farbräumen beschäftigt zu haben. Und wie viele Zeichen eine Überschrift bei Google + haben darf, ist mir eher gleichgültig.

Ich glaube tatsächlich nicht, dass man das alles können muss.  Würde man uns das alles abverlangen, käme die journalistische Komponente deutlich zu kurz. Zumal ich mir sicher bin, dass die alte Weisheit, man müsse nicht alles wissen, wenn man stattdessen weiß, wo man nachzuschauen hat, es in diesem Fall sehr gut trifft.

Wichtiger für Journalisten und womöglich sogar die entscheidende Kompetenz in ihrem digitalen Dasein ist etwas anderes: Zu wissen, auf welchem Kanal welcher Inhalt der richtige und und wie man ihn dort präsentiert. Bei meinen diversen Vorträgen versuche ich das inzwischen auf die folgende Formel zu verknappen:

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(Eigenwerbung: Hier gibt es mehr meinen Beratungs- und Vortragsprojekten gemeinsam mit dem großartigen Kollegen Kristian Laban.  Werbemodus aus.)

Soll heißen: Es ist womöglich viel wichtiger, die Veränderungen zu begreifen, die der digitale Journalismus mit sich bringt. Ohne ein profundes Verständnis der Kanäle, der veränderten Nutzungsgewohnheiten, der grundsätzlichen Anforderungen, die Journalismus inzwischen mit sich bringt, können Journalisten heute nicht mehr überleben. Das ist zuweilen leider deutlich schwieriger, als ein bisschen Handwerk zu lernen.

Zumal diese Veränderungen noch einen weiteren Aspekt mit sich bringen: Sie gehen rasend schnell. So schnell, dass sich niemand der Illusion hingeben sollte, jetzt aber habe er es endlich begriffen, wie diese Medienwelt tickt. Ich bemerke das jedes Jahr aufs Neue bei mir selbst. Wenn ich meine Unterlagen für meine diversen Vorträge und Lehrveranstaltungen vorbereite und dann aus purer Bequemlichkeit nachschaue, ob ich zu dem Thema nicht schon mal ein Jahr zuvor etwas gemacht habe, dann stelle ich immer zweierlei fest:

  1. Ja, ich habe vor einem Jahr schon mal was zum Thema gemacht.
  2. Kannste wegschmeißen.

Journalismus bedeutet also inzwischen auch eine Art Dauer-Weiterentwicklung für jeden selbst. Ich würde nicht bestreiten wollen, dass ich das inzwischen selbst etwas ermüdend finde. ich bin ja schließlich keine 30 mehr. Immer dann, wenn man glaubt, etwas endlich begriffen zu haben, steht schon wieder etwas Neues vor der Tür; die Trends und Hypes kommen in Schüben. Ich kann auch jeden verstehen, der darauf wahlweise genervt oder auch verängstigt reagiert. Man macht es sich ein bisschen einfach, wenn man auf jeden, der einfach nur gerne mal seinen Job in Ruhe machen will, mit Fingern zeigt und ihn als analogen Gimpel verspottet.

Digitaler Journalismus ist eher eine Haltung als Handwerk

Zumal es ja nicht so ist, dass man mühelos unterscheiden könnte, was nun einfach Hype und was von Bestand ist. Von nahezu jedem Hype der letzten Jahre ist auch irgendwas Dauerhaftes übrig geblieben. Was wiederum bedeutet, dass man nicht daran vorbeikommt, sich alles zumindest mal anzuschauen und – noch besser – auch auszuprobieren. Das kann auf Dauer ziemlich anstrengend sein und macht vermutlich nur denjenigen so richtig viel Spaß, die eine ausgeprägte autodidaktische Ader haben (und die hat nun mal nicht jeder).

Journalismus hatte also schon früher mit Haltung zu tun – inzwischen womöglich sogar mehr denn je. Diese Haltung müsste so aussehen: akzeptieren, dass Journalismus nach wie in einem Veränderungsprozess steckt, der so schnell nicht beendet sein wird. Konstruktiv daran arbeiten, dass dieser Journalismus auch in einer digitalen Gesellschaft seine Existenzberechtigung behält. Als richtig und relevant Erkanntes dauerhaft wieder in Frage stellen. Die Kommunikation und Interaktion als einen festen und elementaren Bestandteil des Journalismus zu begreifen.

Der Rest kommt dann fast von ganz alleine. Beispielsweise diese Sache mit den Farbräumen.

Das Projekt BR24

Ein neues Projekt, bei dem Entwickler und Journalisten eng zusammenarbeiten und an dessen Ende irgendwann mal so etwas wie ein neues Narrativ für digitalen Journalismus stehen soll: In diesen Wochen ist für mich BR24 gerade eines der spannendsten Dinge, die ich seit langem gemacht habe.
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Wenn re:publica ist, dann kommt man ungefähr zu gar nichts mehr. Ich muss diese leicht larmoyante Feststellung vorweg schicken, weil ich seit ein paar Tagen auf der #rp15 und in den diversen Netzwerken von einem Projekt erzählt habe, an dem ich (mit-)arbeite, das ich sehr spannend finde. Und bei dem es wie immer großartig wäre, ein bisschen Support und Feedback aus dem Netzwerk zu bekommen (andere würde es Filter Bubble nennen). Aber bisher, Gründe siehe oben, bin ich nicht dazu gekommen, das Projekt und die dahinter liegenden Ideen auch auf dieser kleinen Seite vorzustellen.

Das Projekt: BR24 wird die zentrale Newsapp des BR. Und hoffentlich irgendwie auch der Einstieg in ein modernes, digitales Storytelling. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass wir gerade eben mal wieder die nächste Evolutionsstufe des digitalen Journalismus erleben. Die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass wir endlich beginnen, eigene Narrarive im Netz zu entwickeln. Die mehr sind als die mehr oder weniger langweilige Transformation analog erstellter Inhalte in die digitale Welt.

Ich bin, auch nach den Eindrücken der #rp15, ziemlich sicher, dass sich diese Entwicklung, die wir gerade erleben, vor allem in einem von denen der vergangenen Jahre unterscheidet: Zum ersten Mal reden wir nicht nur von irgendwelchen neuen Tools und anderen technischen Spielereien, die den Journalismus bisheriger Machart ergänze. Stattdessen entsteht gerade so etwas wie ein originärer digitaler Journalismus. Einer, der nicht einfach nur auch aus der analogen Welt bekanntes Zeug auf digitale Kanäle ausspielt. Einer, der eigene Narrative entwickelt und so unverwechselbar wird, dass man ihn tatsächlich als eigene Gattung wahrnimmt. Das ist ja bisher auch im Jahr 20 der Digitalisierung eher selten der Fall. Wie diese Narrative in Form einer App und eines fließenden Projekts aussehen sollen, haben wir auf der re:publica ein paar Menschen gefragt – und ziemlich interessante Antworten bekommen:

Was ich persönlich enorm interessant finde: Bei diesem Projekt sind die Kollegen Entwickler massiv mit eingebunden. Weder als Dienstleister noch als diejenigen, die uns irgendwas hinwerfen und wir dann schauen müssen, wie man damit umgehen kann. Kurz gesagt: Entwickler und Journalisten begegnen sich auf der viel zitierten Augenhöhe. Und auch, wenn das jetzt womöglich etwas pathetisch klingt: Es ist wirklich meine feste Überzeugung, dass wir einen neuen, digitalen Journalismus nur dann hinbekommen, wenn wir als Journalisten und Entwickler an einem Tisch sitzen. Beim BR sitzt auf der Entwicklerseite Mustafa Isik; seine Sicht der Dinge verrät er hier:

Und weil das alles ja so neu und spannend ist, haben wir diesem Projekt auch ein eigenes Entwickler-Blog gewidmet. Wir freuen uns vor allem über alle, die nicht nur mitlesen, sondern sich auch zu Wort melden.