Journalisten-Reflexe

Wir Journalisten sind ja bekanntermaßen das toleranteste, flexibleste, kritischste und aufgeschlossenste Volk der Welt. Wir betrachten Dinge differenziert, haben zu allem eine natürlich fundierte Meinung, neigen nicht zu Vorteilen, differenzieren die Dinge aus und teilen unserem geneigten Publikum gerne täglich und kostenpflichtig mit, was sich jetzt, verdammt noch mal, alles ändern muss, dass es mit der Welt im Allgemeinen und uns im Besonderen endlich wieder aufwärts gehe.

Und wir haben keinerlei Beißreflexe, natürlich nicht.

Insofern, obiges vollständig vorausgesetzt, habe ich geschmunzelt über diese Debatte über einen gelöschten Blog-Beitrag in der Welt-Debatte. Genau, jenen Beitrag von Alan Posener, der den Bild-Chefredakteur niederschrieb. Großer Aufschrei, weil dieser Beitrag gelöscht wurde. Springer, die schwarze Mafia. Springer, die dunkle Seite der Macht, die Meinungsfreiheit und Pluralismus unterdrückt. Böser Diekmann, guter Posener. Und überhaupt: Darüber gehört jetzt endlich mal ordentlich debattiert und zwar selbstverständlich auf den Seiten von Springer.

Ein paar Anmerkungen dazu, auch wenn ich mich unbeliebt mache.

Erstens: Ich fand das Stück von Posener eher kümmerlich. Es gibt nichts Einfacheres, als auf Diekmann und die Bild zu schießen. Das ist kein Heldentum, weil mir der Applaus fast aller sicher ist und ich keine ernsthafte Debatte zu fürchten brauche. Im Gegenteil, wird dieses Stück kritisiert oder gar gelöscht, dann steckt dahinter keine andere Meinung, sondern Zensur und schwarze Mafia, ein paar Nummer kleiner haben wir´s gerade nicht.

Ich konnte nichts Substantielles in dieser Geschichte entdecken. Diekmann anzuschießen ist in etwa so, als würde ein Feuilletonist feststellen, Dieter Bohlens Musik sei konfektionierte Massenware und irgendwie ein bisschen substanzlos und außerdem sei der Typ ein bisschen doof. Tusch, Vorhang, die selbstgerechte Menge jubelt und keiner widerspricht. Wunderbar. Aber brauche ich das und gehört dazu auch nur ein Fünckchen Courage? Diekmann bietet viel Angriffsfläche und einer schießt auf diese große Fläche. Kunststück.

Zweitens: Ich habe eine ziemlich altmodische Vorstellung von Anstand. Ich erwarte, dass ein Kollege aus meinem Haus, der mir etwas mitzuteilen hat, dies mir persönlich mitteilt. Oder dass er mir zumindest mitteilt, dass er vorhat, etwas über mich zu publizieren. Wenn er das dann tut, in Ordnung – soll er schreiben, was er will. Alles andere ist nicht akzeptabel und ich schildere aus Gründen potenzieller strafrechtlicher Relevanz nicht, was ich mit jemandem machen würde, der mir derart hinterrücks eine reinwürgen würde. Selbst bei ziemlich erbitterter Gegnerschaft gibt es ein paar Anstandsregeln, ohne die nichts funktioniert. Nach meinem Wissen stellen selbst die Bildblogger, bestimmt nicht Springers beste Freunde, im Regelfall bei Fragen eine offizielle Anfrage an die Pressestelle des Verlags, selbst wenn sie wissen, dass sie vermutlich keine Antwort bekommen werden.

Drittens: In unserer Branche wird gerne mal Selbstreflektion verwechselt mit dem Drang, sich selbst zu kasteien. Bevor mir jetzt jemand einen gepfefferten Kommentar reinwürgen will: Der Gedanke stammt nicht von mir, sondern vom großen Herbert Riehl-Heyse. Aber ich fand ihn immer richtig. Riehl-Heyse schrieb, niemand würde beispielsweise von der Metzgerinnung bei deren Hauptversammlung erwarten, dass sie sich öffentlich kasteie, weil irgendjemand mal schlechtes Fleisch ausgeliefert habe (sinngemäß). Nur wir Journalisten sollen uns immer öffentlich selbst auspeitschen, wenn was schief läuft. Man erwartet also – in diesem Fall von Springer – dass ein Verlag ein Pamphlet eines Kollegen gegen den anderen Kollegen ohne Rücksprache nicht nur zulässt, sondern auch ausdrücklich die Debatte darüber befördert. Ich finde das, mit Verlaub, unsinnig. Und ich bezweifle, dass die Reaktionen ähnlich ausgefallen wären, wäre der betroffene Verlag nicht Spinger, sondern – sagen wir – der Spiegel gewesen. Wäre der Spiegel als zensierende Mafia angeklagt worden, hätte man dort einen Beitrag von Spiegel Online entfernt, in dem Gabor Steingart Stefan Aust als einen ziemlichen Idioten schildert? Oder sueddeutsche.de schreibt einen langen Beitrag, die Kommentare von Kurt Kister seien aber nun wirklich unerträglicher Quark…

Bevor das Argument kommt: Natürlich kann man mit Fug und Recht ins Feld führen, dass Bild und Welt zwei eigenständige Titel sind, aber umgekehrt nimmt man ja seitens der Springer-Gegner auch gerne mal die Welt für die Bild in Sippenhaft, das Argument zählt also nicht.

Um beim Thema Reflexe zu bleiben: Man muss schon fast wieder lachen, wenn die Kollegen des JEPBLOG am Freitag dann Bild.de den (Negativ-)Award der Woche verleihen. Natürlich ist die Begründung in der Sache absolut vertretbar, so ist es nicht. Trotz alledem kommt mir das ganze so vor, als wolle man nun mit Gewalt beweisen, dass man auch dann was Böses über Bild schreiben darf, wenn man bei Springer arbeitet.

Viertens: Die Reflexe sind bei uns wirklich ausgeprägt, auch in anderer Hinsicht. Wolf Schneider beispielsweise hat mal wieder ein neues Buch geschrieben, ich nehme an, dass es das siebenundsiebzigste ist. Wolf Schneider lässt sich derzeit wieder gerne in furchterregenden Posen ablichten und suggeriert, der alte Sprachgeneral sei immer noch da und hochvital. Und alles nimmt die Hacken zusammen und grüßt. So, wie umgekehrt Bild und Diekmann unreflektiert niedergebügelt werden, so wird völlig unreflektiert sofort Habacht-Stellung eingenommen, wenn Schneider den Raum betritt. Ich behaupte, niemand setzt sich mehr wirklich mit Schneider und seinen Büchern und seinen Theorien auseinander. Geschrieben wird nur noch Quark wie der von Turi in der Vanity Fair (kein Link, weil sonst wieder alles kollabiert): Schneider ist heute nötiger denn je. Ach herrje, ist er das? Die letzte Initiative, mal wieder die bedrohte deutsche Sprache zu retten, beinhaltete den Vorschlag, Laptops künftig Klapprechner zu nennen. Mutig fände ich jemanden, der sich Schneider entgegen stellt und mit ihm eine Debatte über einen solchen Unfug führt. Stattdessen sind wir alle unglaublich mutig und couragiert und murmeln und raunen: Wenn Schneider das sagt, muss es richtig sein. Er ist ja schließlich nötiger denn je, der alte General, der, hohoho, seine Schüler „bis aufs Blut gequält hat“. Dass sich da möglicherweise einer großartig und selbstgefällig selbst inszeniert, ist auf die Idee eigentlich außer Harald Schmidt, der sich gerne mal über ihn lustig macht, mal jemand gekommen?

Böser Diekmann, großer Schneider, so einfach sind wir Journalisten manchmal gestrickt.

Die Kommentare bleiben übrigens offen, auch wenn ich jetzt beschimpft werde.

(Disclaimer: Ich schreibe einmal im Monat für Springers Jepblog und bin dort an der Akademie auch als Dozent eingesetzt. Sonst aber von Springer völlig unabhängig. Nur für den Fall, dass jemand herauszufinden versucht, inwieweit man mich für diesen Beitrag unter Druck gesetzt oder bedroht haben könnte.)

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5 Kommentare

  1. Hallo Christian,

    Reflexe sind da im Spiel, ja mei. Aber:
    Zu 1.: Klar ist es grundsätzlich nicht heroisch, gegen Bild/Diekmann zu schreiben – Du ignorierst aber, daß es im Schwesterblatt stattgefunden hat. Das ist schon bemerkenswert, finde ich.

    Zu 2.: Kollegial war Poseners Beitrag sicher nicht, nein. Aber soll man ihn deshalb löschen? Denn darum geht es doch; und nicht darum, ob Posener einen brillanten Beitrag verfaßt hat oder unhöflich war.

    Zu 3.: Bild und Welt sind zwei unterschiedliche Titel, und doch, das Argument zählt, auch wenn irgendjemand bei anderer Gelegenheit die Welt für die Bild in Sippenhaft nimmt. Und wenn man sich unter dem Namen „Debatte“ die edle und freie Kontroverse auf die Fahne schreibt, dann soll man diese auch befördern, wenn es um ein Produkt aus dem gleichen Hause geht, ja.

    Zu 4.: Wo soll ich unterschreiben?

  2. Es ist ganz egal, welcher Verlag dahintersteht. Aber eine Debattenplattform, die ihre selbst eingestellten Beiträge wieder löscht, ist nur bedingt glaubwürdig. Vor allem, wenn der Text schon längst draussen ist, also faktisch gar nicht mehr gelöscht werden kann. Warum hat nicht Diekmann einen Kommentar gemacht im betreffenden Weblogeintrag? So hätte man Meinungspluralität gelebt. Stattdessen hat man ungewollt zugegeben, dass man eigentlich gar keine Debatte wünscht. Warum man dann aber ein Debattenportal aufsetzt, bleibt unerklärlich.

    Einen Text von einem, „der sich Schneider entgegen stellt und mit ihm eine Debatte über einen solchen Unfug führt“, würde ich gerne lesen. Wollen Sie nicht einen schreiben?

  3. @Ronnie und Florian: Das Löschen der Beiträge war der GAU, natürlich. Entsprechend ist auch das Feedback. Zurecht. Ich wollte auch keine Diekmann-Bild-Verteidigungsrede schreiben, das will und braucht der nicht. Ich habe nur Bauchweh mit dem Märtyrer-Mythos Posener.
    @Ronnie: Mit Schneider hatte ich schon mal eine kurze Debatte. Auf Springers Jepblog, übrigens, unter der Überschrift „Prallkisssen statt Airbag“ nachzulesen. Nach meiner zweiten Antwort war Herr Schneider entweder eingeschnappt oder er befand mich nicht würdig, mit ihm auf Augenhöhe zu debattieren. Ich hatte mal vor Jahren ein Seminar mit ihm besucht, dort war mein Eindruck ein ähnlicher. Schneider gibt Tagesbefehle. Aber er lässt nicht mit sich diskutueren. Darüber freuen sich dann alle und sagen: Schneider, der Unerbittliche. So kann das natürlich auch sehen.

  4. Zitat:“Es gibt nichts Einfacheres, als auf Diekmann und die Bild zu schießen.
    Das ist kein Heldentum, weil mir der Applaus fast aller sicher ist und ich
    keine ernsthafte Debatte zu fürchten brauche.“

    Es gibt nichts Einfacheres? Natürlich. Aber sollte man deshalb aufhören zu schießen? Nein.

    Es hat auch nichts mit Heldentum oder Applaus zu tun, sondern einfach und allein mit der alltäglichen Wut über die „Bild“.

    Es geht – zumindest mir – nicht um schwarze Mafia, sondern einfach und allein um die „Bild“, wie sie agiert, wie sie Journalismus versteht und wie sie selbst aus allen Rohren schießt. Also schießt man zurück, weil man einen Berufsethos hat.

    Natürlich war der Beitrag nicht nicht kollegial – jeder andere Verlag hätte ähnlich reagiert und ihn gelöscht. Die Forderung, der Beitrag hätte zu einer Debatte auf „Welt Online“ genutzt werden können, ist insoweit unsinnig. Richtig, man macht doch sein Produkt auf den eigenen Internet-Seiten nicht kaputt.

    Aber trotzdem kann sich die kritische Öffentlichkeit freuen, dass die „Bild“ aus dem Springer-Verlag heraus eins aufs Haupt bekommt.

    Zitat: Ich konnte nichts Substantielles in dieser Geschichte entdecken.

    Nein? Vielleicht, weil Ihnen der Journalismus der „Bild“ hinlänglich bekannt ist? Soll man trotzdem aufhören, ihn zu kritisieren, ihn zu hinterfragen und ihn auch dem nicht so gut informierten Bürger offen zulegen? Nein. Es geht nicht um links/rechts, sondern um guten Journalismus.

    Zitat: Aber brauche ich das und gehört dazu auch nur ein Fünckchen Courage?

    Courage? Nein. Braucht die Öffentlichkeit es? Ja.

    Natürlich sind wir Journalisten mit dafür verantworlich, dass die „Bild“ täglich einen so großen Raum bekommt.
    Trotzdem hat die Art und Weise, wie die „Bild“ Journalismus betreibt, nichts mit Anstand zu tun, den
    Sie einfordern.

    Wie man in den Wald hineinschreit, so schallt es heraus. Leider immer noch viel zu selten.

    Zitat: Riehl-Heyse schrieb, niemand würde beispielsweise von der Metzgerinnung bei deren Hauptversammlung erwarten,
    dass sie sich öffentlich kasteie, weil irgendjemand mal schlechtes Fleisch ausgeliefert habe (sinngemäß). Nur wir Journalisten sollen uns immer öffentlich selbst auspeitschen, wenn was schief läuft.

    Von Schieflaufen in Form von unbeabsichtigen und verzeihbaren Fehlern unter Kollegen kann keine Rede sein.
    Natürlich geißelt die Metzgerinnung ein echtes Schwarzes Scharf in der Branche. Wenn sie es nicht tun würde, wäre sie auch äußerst naiv. Die gesmte Branche käme sonst im Mißkredit.

    Die „Bild“ ist das Schwarze Schaf unter den Zeitungen. Dass die Kritik nicht unbedingt aus dem eigenen Metzgerladen
    kommen muss, mag richtig sein. Aber die Konkurrenz und die Öffentlichkeit kann und muss dies tun.

    Dass zum Beispiel der wichtige „Bildblog“ oft oberlehrerhaft und mit erhobenen Zeigefinger daherkommt, ist dabei verzeichlich.

  5. Wir stimmen in vielem, was Sie schreiben, überein. Mein Eindruck von Poseners Beitrag war allerdings nicht, dass er sich primär mit der „Bild“ auseinandersetzt. Posener hat der Person Diekmann eine reingezimmert (und den Journalismus des von ihm verantworteten Blattes am Rande gestreift). Das stört mich. Dass sich die Bild alleine schon wegen ihrer schieren Größe, Macht und Marktposition besondere Beobachtung und Kritik gefallen lassen muss, liegt in der Natur der Sache. Und weil Sie gerade das Thema Bildblog ansprechen: Ich finde es ok, was die dort tun, ich kann sogar damit leben, wenn zum 17. Mal Fehler der Kategorie „Oliver Kahn ist nicht 37, sondern 38“ erwähnt werden. Die Diekmann-Foto-Aktion fand ich allerdings grundverkehrt. Aus den selben Gründen, aus denen ich Poseners Aktion nicht mochte.

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