Zum Totschlagen zu schön

(Disclaimer: Die Überschrift ist nicht von mir, sondern ein Songtitel der Sterne; sehr hörenswert im Übrigen).

Jedesmal, wenn es um Fragen des Formats von Zeitungen geht, zucke ich erstmal zusammen. Bis ich dann feststelle, dass eigentlich niemand ernsthaft über das inhaltliche Format des Blattes diskutieren will, sondern über ganz profane Zentimeter/Millimeter/Cicero. Meistens hat mich diese Debatte, häufig aufgehängt an dieser Tabloid-Geschichte, ein bisschen gewundert. Das ist in etwa so, als würde man die Zukunft des Online-Journalismus daran festmachen, dass künftig alle Seiten im Full-Size-Format wie der Tagesspiegel erscheinen sollten – oder meinetwegen in irgendeinem noch nicht existententen Schrumpfformat.

Ich habe natürlich nichts gegen ein Tabloid-Format bei einer Zeitung, unter Umständen mag das in der U-Bahn auch ganz praktisch sein. Der wirkliche Vorteil hat sich mir allerdings auch in der U-Bahn noch nicht ganz erschlossen. Entweder es ist so voll, dass ich stehen und mich irgendwo festhalten muss, dann nutzt mir auch Tabloid nix. Oder ich sitze halbwegs entspannt, dann aber bin ich meistens konversativ und mag große Formate wie die Süddeutsche.

Aber davon abgesehen: Wenn einer eine tolle Geschichte zu erzählen hat, kann er das meinetwegen auch auf gelbbedruckten Klopapier machen. Oder in einer Loseblattsammlung oder auf parfümierten Papier mit einer Diddlmaus als Seitenkopf. Will sagen: In erster Linie interessieren mich die Geschichten, der Inhalt. Wenn das dann auch noch in ein gutes Layout in einem angenehmen Format verpackt ist, wunderbar, ich spende sofort stehend Applaus. Aber ansonsten finde ich ich immer noch ganz furchtbar altmodisch, dass die beste Investition in ein Medium die Investition in journalistische Inhalte ist.

Insofern war ich immer auch etwas verwundert, wenn sich die ganze Debatte um die neue Frankfurter Rundschau darauf kaprizierte, dass sie künftig in einem anderen Format erscheint. Wenn mich die Inhalte langweilen, langweilen sie mich nicht weniger, nur weil sie kleinteiliger daherkommt, die Langeweile. Und auch (um jetzt endlich mal zum eigentlichen Thema zu kommen) die damalige „News“ aus der Verlagsgruppe Handelsblatt war für mich so ein Fall: Man redete immer viel von Formaten und von Layouts und der Schnelligkeit, mit der sich der urbane Erfolgsmensch von heute informieren will. Weswegen die „News“ immer ein bisschen daherkamen wie die Glasperlen, die die Entdecker neuer Kontinente den Eingeborenen überreichten: glitzernd und bunt, aber irgendwie dann doch billiger Tand. Der urbane Erfolgsmensch jedenfalls fand die „News“ gar nicht so endgeil wie vermutet und informierte sich weiter in der FAZ, obwohl die eher groß und ziemlich bleiern ist.

Ich habe keinerlei Ahnung, was die VHB an diesem missratenen News-Ding fand, jedenfalls setzte man die News quasi unter anderem Namen, nämlich als „Business News“ fort – mit ähnlicher Argumentation: jung, schnell, kompakt, dynamisch, urban, das ganze Zeugs halt. Der Tand blieb der gleiche. Offenbar fand man die „News“ zum Totschlagen zu schön (da! jetzt! endlich! Der Dreh zur Überschrift!) und wollte sich nicht von ihr trennen, andere Gründe kanns eigentlich nicht gegeben haben. Die kostenlose „Business News“ wird jetzt allerdings ebenfalls eingestellt, weil die urbanen dynamischen Dingsbumms schon wieder nicht so wollten, wie es sich irgendwelche Researcher vorstellen. Und weil wohl auch die BN zwar leider keinerlei Substanz hatten, zum Totschlagen aber zu schön sind, plant man jetzt mit der gleichen Truppe ein Anschlussprojekt, diesmal soll´s, natürlich, ein Internet-Portal sein, und es würde mich ganz und gar nicht wundern, wenn man als allererstes darüber diskutieren würde, ob Fullsize nicht das Format der Zukunft…

Nachtrag: Die Kollegen des demnächst dahin scheidenden Blattes lassen ein wenig Frust ab.

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2 Kommentare

  1. Mit der gleichen Truppe? Darf ich dann mal davon ausgehen, dass X% der Beiträge in Links auf Blogs bestehen und 100-X% (für die Journalisten unter uns: der Rest) in Feeds aus den sonstigen Erzeugnissen der Verlagsgruppe? Dass Wirtschaft und Politik eher im unteren Drittel angesiedelt sind, weit hinter Sport und Ausgehen, während die Aufmacher so ne Art regional geprägte Bildzeitung sind? Und dass das Layout so aussieht, als hätte ein Praktikant an einem regnerischen Nachmittag mal ein bisschen rumgedaddelt? Nein, ich werde jetzt keine Namen nennen, schließlich weiß ja eh jeder, auf wen ich anspiele…

  2. Offiziell stands im kress heute so:

    Tatsächlich fand „Business News“ nie die gewünschte Resonanz bei Werbekunden, wohl auch weil ihnen die Auflagenmessung nicht als valide galt. Die VHB plant ein Folgeprojekt, ein Internet-Portal, und will nahezu allen Redakteuren von „Business News“ Anschlussverträge anbieten. „Business News“ hat rund 20 Mitarbeiter. Chefredakteur ist Klaus Madzia, 40

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