Als die SZ mal einen Spiegel-Titel schrieb

In der „Süddeutschen Zeitung“ ist im Juli eine ziemlich umfangreiche Seite 3-Geschichte erschienen. Es ging um Helmut Kohl, um seine Frau und darum, dass Kohl von seinem Umfeld anscheinend hermetisch abgeriegelt sei. Das Ganze, so schrieb die SZ damals, sei allerdings mehr als nur herzliche Fürsorge seiner zweiten Gattin, sondern letztlich auch ein Kampf um die Deutungshoheit über das politische Vermächtnis des Altkanzlers. Die SZ sprach mit einigen Vertrauten, die weitgehend nicht genannt werden wollten und listete schließlich auf, wer am Hofe Kohls noch wohlgelitten sei (u.a. „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann).

Im aktuellen „Spiegel“ ist heute eine ziemlich umfangreiche Titelgeschichte erschienen. Es geht um Helmut Kohl, um seine Frau und darum, dass Kohl von seinem Umfeld anscheinend hermetisch abgeriegelt sei. Das Ganze sei allerdings mehr als nur herzliche Fürsorge seiner zweiten Gattin, sondern letztlich auch ein Kampf um die Deutungshoheit über das politische Vermächtnis des Altkanzlers. Der „Spiegel“ sprach mit einigen Vertrauten, die weitgehend nicht genannt werden wollten und listete schließlich auf, wer am Hofe Kohls noch wohlgelitten sei (u.a. „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann). Ergänzend zu der SZ-Geschichte erfährt man noch, dass die SZ bereits im Juli über dieses Thema berichtet hatte und dass es für ein Magazin wie den „Spiegel“ besonders schwer sei, über Kohl zu berichten, weil man bei Kohls den „Spiegel“ nicht so sehr schätzt. Das, nebenbei bemerkt, merkt man der weitgehend faktenarmen Geschichte auch an, insofern liest sich der Satz irgendwie wie eine Rechtfertigung.

Und was machen wir nun mit diesem Magazin? Man liest und hört immer wieder mal was, darüber, dass es in der Redaktion harkt und knarzt. Das kann ich nicht beurteilen, weil ich die Interna nicht kenne. Wohl aber weiß ich, was die Titelgeschichten der letzten Wochen waren: Eine neuerliche Auseinandersetzung mit einer Affäre vor 50 Jahren, die ihren Namen vom Magazin bekam. Eine Geschichte über die möglicherweise schädlichen Auswirkungen von Zucker, bei der ich lange dachte, man habe mir in Wirklichkeit unter dem Spiegel-Layout einen „Focus“ untergejubelt. Und ein Titel darüber, dass Politiker nach ihrer aktiven Zeit in die Wirtschaft wechseln und dabei gelegentlich in Interessenskonflikte geraten. Ich weiß nicht, wann ich zu  letzten Mal einen Spiegel-Titel wirklich interessiert gelesen habe.

Ich hatte früher immer das Gefühl, den „Spiegel“ müsse man zu Beginn einer neuen Woche gelesen haben. Die Tatsache, dass ich mich inzwischen fast im Wochentakt bloggend echauffiere, zeigt mir übrigens, dass ich das immer noch gerne glauben würde. Inzwischen lese ich die Wochenendausgaben der SZ oder die FAS und habe da immer das Gefühl, dort werde regelmäßig inspirierender, witziger, manchmal auch aufregender Journalismus gemacht. Der „Spiegel“ hingegen wirkt zunehmend mehr wie ein genervt-gelangweilter Sachverwalter seiner selbst, routiniert, gefangen in einer Schleife ewiger Wiederholungen und sinnbefreiter Manierismen. Die durchschnittliche Zeit, die ich in der Woche noch mit ihm verbringe, ist auf ein Minimum gesunken.

Ja, ich lese ihn immer noch. Aber das, was ich seit 25 Jahren für undenkbar halte, rückt näher: eine Woche ganz ohne den „Spiegel“ zu beginnen.

 

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2 Kommentare

  1. Ich les den Spiegel jede Woche, seit ich vierzehn bin, also seit 1970. Dieses Jahr habe ich ihn erstmals zwomal nicht gekauft, die Hefte mit dem Bundesbanker und den Zuckerquatsch, ich hatte das Gefühl, das ich das alles schon gelesen hatte, bevor ich’s im Kiosk aus dem Regal genommen haben. Die beiden Wochen ohne SPIEGEL haben erstaunlich gut funktioniert, ich war ganz überrascht.
    Beim Umzug vor einem halben Jahr sind mir ein paar alte Ausgaben aus den 70er Jahren in die Hände gefallen (noch im süffisanten „SPIEGEL-Stil“ geschrieben, ganz wunderbar), da hab ich ein bisschen drin rumgeblättert. Um Himmelswillen, das war ein vollkommen anderes Blatt damals, etwas wirklich Herausragendes, da standen Dinge drin, die gab’s nirgendwo anders zu lesen.
    Tja.

  2. Also ich muss ja zugeben, dass ich mir den Spiegel mit dem Zuckertitel ausgerechnet wegen der Titelgeschichte gekauft habe. Denn ich finde nichts verwerfliches daran, ein solches Thema mal gut aufzubereiten. Wenn es denn gut aufbereitet ist… Ich war sehr enttäucht von dieser Titelstory. Und zwar weil es ein langweiliger Aufguss dessen ist, was jeder schon weiß, der sich auch nur halbwegs für seine eigene Ernährung interessiert. Und dann stand da auch noch ein hanebüchener Mist drin. Zum Beispiel: Eine Studie habe erwiesen, dass Menschen gar nicht abnehmen, wenn sie mehr Sport treiben. Tatsächlich? Ist das so? Können wir alle also auf Sport verzichten? Nicht ganz. Denn die Begründung die der Spiegel für seine steile These lieferte lautete ungefähr so: Menschen die mehr Sport machen nehmen gar nicht ab, weil sie dann ja auch mehr essen. Was für eine Idiotie! Wenn ich also wissenschaftlich die Wirkung von Sport auf das Körpergewicht untersuchen will, ist es also gestattet, auch noch fröhlich an allen anderen Randbedingungen zu schrauben, um vermeintlich zu belegen, dass Sport sich gar nicht zum Abnehmen eignet. Im Endeffekt hat das auf mich auch einen Diäteffekt bewirkt… eine Spiegeldiät, die ich jetzt noch verstärken werde.

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