Die Medienwächter, die Gerichte und die Blogger

Vermutlich bin ich in mancherlei Hinsicht von einer grenzenlosen Naivität. Ich denke mir immer: Wenn einer nix zu verbergen hat, dann kann er mit jeder Kritik dieser Welt umgehen. Wenn er aber schon was zu verbergen hat, dann klagt er. Demnach, so mein überaus naiver Gedankengang weiter, muss Callactive (Hersteller von zweifelhaften umstrittenen merkwürdigen Call-In-Shows) eine Menge zu verbergen haben, schließlich erweist man sich gerade im Moment als ziemlich klagefreudig. Marc Doehler und seine Seite hat man mit einer einstweiligen Verfügung kalt gestellt, nach der sofort 250.000 Euro fällig, sollte in den Foren nochmals der Eindruck erweckt werden, dass bei von Callactive produzierten Shows sich gelegentlich Anrufer im leicht angeschlagenen Geisteszustand melden und danach kurz vor Erreichen eines Gewinns wieder auflegen (für mich klingt das ja schon verwirrt, aber wenn das Gericht meint, man dürfe das nicht mehr als Verwirrung bezeichnen, wenn Menschen, nachdem sie lange auf ein Durchkommen gewartet haben, just in dem Moment auflegen, wenn sie durchkommen, und das auch noch in augenscheinlich hoher Zahl, dann nennen wir das eben ab sofort: völlig normal). Auch Stefan Niggemeier hat eine Abmahnung von Callactive resp. eine Einstweilige Verfügung seitens des Gerichts kassiert – nicht wegen eigener Beiträge, sondern wegen User-Kommentaren, für die er quasi als Seitenbetreiber in Haftung genommen wird.

Weil ich, wie erwähnt, ziemlich naiv bin, denke ich mir jetzt: Boah, die müssen aber vielleicht doch was zu verstecken haben bei Callactive. Eine solche ausgeprägte Klagewut ist mir tendenziell immer suspekt, vor allem dann, wenn sie sich an Dingen aufhängt, die den Kläger keinen Millimeter weiterbringen. Klar, bei Doehler darf jetzt nicht mehr von „xxx Anrufern“ gesprochen werden und Niggemeier musste zwei Kommentare rausnehmen. In der eigentlichen Sache aber ist Callactive den Nachweis, das alles immer sauber zugeht, eher schuldig geblieben. Und gleichzeitig hat man den Kritikern enorm Publicity gegeben. Mir war Callactive beispielsweise vorher weitgehend unbekannt, weil ich erstens kein MTV schaue und mir zweitens Call-In-TV bis dato eher egal war. Ich hielt es eher mit der „Titanic“ und deren unschlagbarer Logik, die „ausgeplünderten Anrufer-Doofis“ seien mehr oder minder selbst schuld. Dank der kleinen Klägereien weiß ich jetzt ziemlich viel über Callactive und ich würde sagen: Ich bin wahrscheinlich kein Einzelfall, vielen Dank, liebe Rechtsabteilung. In Bayern pflegen wir aus ziemlich guten Gründen bei Ugang mit Gegnern den schönen Leitsatz: nicht mal ignorieren. (wahrscheinlich ist im Übrigen die Tatsache, dass beispielsweise die CSU ihre Gegner nicht mal ignoriert, ein Grund dafür, dass die CSU so erfolgreich ist und ein bisschen CSU hätte man sich bei Callactive schon zum Vorbild nehmen können, aber das ist wieder was anderes).

Man fragt sich dann allerdings auch als Nicht-Jurist schon, wo eigentlich die Medienaufseher bleiben, wenn man dann schon zur Kenntnis nehmen muss, dass man bei Callactive gerne klagt und die Gerichte geneigt sind, den Klägern recht zu geben und den Bloggern den Mund zu verbieten. Immerhin, fast 140 Millionen Euro haben die Landesmedienanstalten vergangenes Jahr aus Gebührengeldern kassiert, wie die Freunde von Blogmedien dezent anmerken. Da wundert man sich dann schon, dass bei einem Thema, bei dem offensichtlich einiges im Argen liegt, regelmäßig die heftigste Reaktion ein konsequentes Schulterzucken und ein „Wir würden ja gerne, aber wir können nicht“ ist. Wenn man sich die aufgeplusterte Aufregung um ein paar Bohlen-Sprüchlein bei DSDS anhört und die hilflose Androhung, man könne RTL ja auch zwingen, die Sendung erst nach 22 Uhr auszustrahlen, dann findet man die Contenance, mit der sich die Medienwächter sowas ansehen, naja…erstaunlich.

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2 Kommentare

  1. Mich wunderts nur immer wieder, wie man so viel Geld für Mitarbeiter ausgeben kann, die dann das Netz nach Deratrigem durchsuchen. Völlig verbonert…na oder es liegt daran, dass ich aus Bayern komme ;).

  2. Und nicht nur die Aufleger selbst sind ein Phänomen. Schon ein merkwürdiger Zufall, wenn mit 99%iger Warscheinlichkeit ein Aufleger/Nichtssager auf einen Falschantworter folgt. Auch die Falschantworter selbst klingen oft, naja, irgendwie hörbar gleich, haben aber angeblich unterschiedliche Namen.
    [… Unausprechliches Teil III …]

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