Hausgemacht

Man freut sich ja, wenn´s einer deutlich benennt: Giovanni di Lorenzo hat jetzt in München ein paar Dinge zur Krise der Tageszeitungen in Deutschland gesagt, die man sonst eher selten hört, zumindest bei offiziellen Anlässen. Bei der CSU-Medienkommission, ziemlich offiziell ist das, sagte di Lorenzo jedenfalls Dinge, die man sonst im kleinen Kreis oder in irgendwelchen Medienblogs liest, die aber normalerweise von jedem Offiziellen bei Zeitungen kategorisch als Unsinn abgetan werden. Beispielsweise, dass man es sich zu einfach macht, wenn man auf das böse Internet und seine noch viel bösere Kostenlos-Kultur schimpft und damit einen Persilschein für die anhaltenden Auflage- und Umsatzverluste gefunden. Di Lorenzo spricht eher von „hausgemachten Problemen“ und davon, dass ein beträchtlicher Teil der Regionalzeitungen in Deutschland inzwischen durch Beliebigkeit und, ja, suboptimale Qualität auffalle. Tatsächlich scheint das das deutlich größere Problem zu sein als das Internet. Nicht jeder, der innerlich von seiner Zeitung immigriert, ist ein Online-Flüchtling, im Gegenteil: Man muss wohl davon ausgehen, dass Zeitungen einen erheblichen Teil ihrer Verluste an Nicht-Leser verlieren. Das könnte man kompensieren bzw. verhindern, man müsste dazu aber, wie bei allen größeren Projekten, ein wenig Geld in die Hand nehmen. Das aber passiert nur selten. Mit der Konsequenz, dass man zwar die Krise rund um 2000 mit einigen radikalen Sparmaßnahmen überstanden hat, jetzt aber vor einem echten strukturellen Problem steht; vor einem Akzeptanz-Problem noch dazu.

Ein wenig off-topic: Von den 15 größten deutschen Tageszeitungen haben im vergangenen Quartal 14 an Auflage verloren. Eine hat zugelegt: der Münchner Merkur. Der Merkur hat sich in diesem Jahr einem radikalen Relaunch unterzogen, nahezu alle alten Zöpfe abgeschnitten – und macht jetzt eine überaus solide, ansehnliche und zeitgemäße Zeitung. Die Leser honorieren es.

Und schließlich noch: In den USA ist der Trend der sinkenden Zeitungsauflagen ungebrochen, dort hat man auch den Glauben daran verloren, dass sich dies noch essentiell ändert. Trotzdem herrscht Hoffnung: Man setzt jetzt verstärkt auf Online. Als eigenständiges Medium unter der Dachmarke. Keine Markenverlängerung, kein Marketing, kein Muttermedium mehr. Und auch kein paid content, übrigens.

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8 Kommentare

  1. Reden Sie über die überaus solide, ansehnliche und zeitgemäße Zeitung, die jedem neuen Leser 50 Euro schenkt und sich so das Auflagenplus zusammenkauft?

  2. Genau über die. In dem Zusammenhang: Finden Sie es nicht auch sehr erstaunlich, dass andere es selbst mit ipods, elektronische Heckenscheren und Einkaufsgutscheinen nicht schaffen, sich ein kleines Auflagenplus zusammenzukaufen, wie Sie das nennen?

  3. Das ist erstaunlich. Ich bezweifle nur den von Ihnen aufgestellten Zusammenhang Relaunch –> mehr Leser. Da ist doch eher die Kapitulation der Konkurrenz vor guter Lokalberichterstattung ausschlaggebend. Die bekommt man in Dachau und Weilheim eben nur mehr in diesem Mantel.

  4. Ich denke, da kommt mehreres zusammen. Die SZ-Kapitulation draußen ganz sicher, die Prämien sicher auch – aber ich denke ganz im Ernst, dass die Tatsache, dass der Merkur inzwischen eine ansehnliche Zeitung geworden ist, eine spürbare Rolle spielt. Ich meine, der MM wäre privat für mich immer noch nicht die Zeitung meines Herzens. Aber wenn man sieht, von woher die Kollegen kommen, ist das schon ziemlich ordentlich. Zumal, wenn man mal andere Blätter daneben legt, bei denen man sich immer noch schwer an die frühen 90er erinnert fühlt.

  5. Gut, OPTISCH fühlt man sich nicht an die frühen 90er erinnert. Was den Content angeht schon. Solltedie Zukunft der Zeitung tatsächlich in der Großstadt liegen, hat der MM ein Problem. Denn eins geht ihm inhaltlich völlig ab: Ein glitzerndes München-Gefühl, wie es zur Zeit Arno Makowsky beschwört. In der Großstadt wird er so nie Zeitung des Herzens.

  6. Hörnsemal Atkins: Das München Gefühl hat ja nun gar nichts Modernes. Das ruft ja mehr den Besen Baby Schimmerlos und sein Mischgetränk.

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