Warum Kasse und Kreativität selten zusammen passen

Eines der regelmäßig interessantesten Erlebnisse in meinen früheren Jobs war das Zusammenprallen von Kasse und Kreativität; wäre ich bösartig, würde ich sagen: von Geld und Geist.  Ein bisschen war das wie in „Und täglich grüßt das Murmeltier..“: die immer wieder gleichen Fragen und die immer wieder gleichen Antworten, bis ich irgendwann etwas genervt darum bat, die immer wieder gleichen Fragen einfach nicht mehr zu stellen, weil sie sich ohnehin nicht beantworten ließen.

Die Fragen, meist von Controllern, Beratern oder ähnlichen Karohemdenträgern gestellt, gingen in etwa so: Wie viele Artikel kann ein Redakteur am Tag schreiben? Wie lange braucht man, um einen 3-Minuten-Beitrag zu produzieren? Wie viel Personal braucht man, um eine redaktionelle Wertschöpfungskete zu schaffen? Wenn man Redakteure 15 Prozent unter Tarif bezahlt, kann man dann davon ausgehen, dass sein Leistungsdefizit gegenüber einem regulär bezahlten Redakteur dennoch nur zehn Prozent beträt und man insofern mit einem untertariflich bezahlten Redakteur ein paar Prozent mehr Rendite macht? Je nach Laune habe ich über diese Fragen geschmunzelt und ggf. den Fragesteller auch schon mal gebeten, mir solche Fragen erst wieder zu stellen, wenn er sich ganz sicher ist, dass er sich vorher gut überlegt hat, dass diese Frage überhaupt zu beantworten ist.

Diese im Nachhinein originellen Episoden eines Berufslebens gehen mir momentan durch den Kopf, wenn ich lese, wie sich Leute aufführen, die in erster Linie Geld im Hinterkopf haben und meinen, das Betreiben eines Mediums sei nichts anderes als Geldverdienen und lasse sich somit auch mit den Gesetzen des Marktes und den Methoden des Controllings bewerkstelligen. Kann man nicht die „Berliner Zeitung“ auch mit 90 statt 120 Redakteuren machen? Müssen in der Redaktion der Netzeitung wirklich 30 Redakteure hocken, tun es stattdessen nicht auch einfach 15? Beide Fragen, liebe Finanzinvestoren, lassen sich mühelos mit „ja“ beantworten. Ja, das geht: Man kann die „Berliner Zeitung“ auch mit 90 Redakteuren fahren – und, gute Nachrichten, hört, hört, sogar vermutlich noch mit weniger Leuten (danke für das Vertragsangebot, aber ich bin schon verplant für dieses Jahr).

Das Problem ist nur: Die Rechnung geht trotzdem nicht auf. Weil Medien immer noch was mit Geist und Kreativität zu tun haben, und beides ist schwer messbar, geschweige denn mit Fragebögen eines Controllers messbar. Und selbst wenn man Zeit als einen mess- und bewertbaren Faktor mit einbeziehen würde: Ist ein Leitartikel deswegen besser, weil er in 30 statt in 50 Minuten geschrieben wurde? Welchen Qualitätsunterschied gibt es, wenn ein Nachrichtenbeitrag in einer stat in eineinhalb Stunden geschnitten wurde? Kann man Synergien zwischen Ressorts schaffen? Jeder, der auch nur einmal in einer Redaktion saß, bemerkt: Die Fragen sind so absurd, dass es nicht einmal lohnt, sich darüber halbwegs ernsthafte Gedanken zu machen.

Bisher habe ich noch niemand kennen gelernt, der mit dieser Herangehensweise erfolgreich gewesen wäre (gottseidank, um das hinzuzufügen). Weder eine Zeitung noch ein Fernsehprogramm lassen sich am Reißbrett von Zahlenfetischisten machen; man muss nur befürchten, dass man diese banale Erkenntnis trotz der momentanen Freiluftaufführungen in Berlin und Unterföhring nicht versteht, zumindest bei den Zahlenmenschen. Ist das gut so? Ja, weil letztlich der Markt dann doch wieder etwas Verblüffendes tut: Er schmeißt diejenigen raus, die nach den Gesetzen des puren Marktes arbeiten wollen. Herr Depenbrock wird´s auch noch lernen. Ganz sicher.

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6 Kommentare

  1. Diese BWL-Fritzen sollen sich ja gern weiterhin um die Rentabilität von Bahnhofstoiletten u.ä. kümmern dürfen. Plötzlich aber begannen sie, ihre volkswirtschaftliche Nische zu verlassen und sich auf Positionen breit zu machen, die eindeutig über ihrem intellektuellen Horizont liegen. So sieht das Resultat jetzt auch aus – und genau da liegt das Problem: BWL ist kein bildungsbeförderndes Studium …

  2. Die bösen Karohemdenträger zu verteufeln hat für mich wenig mit „Geist und Kreativität“ zu tun. Und überhaupt: Ich sehe da im Resultat keinen Unterschied bspw. zwischen einem Journalisten, einem Ingenieur oder einem Personaler. Sie alle haben Jobs, die nicht in das traditionelle Fließband-Rechenschema passen und sich mit dieser Begründung gerne jedem Controlling entziehen würden. Die Frage nach dem „ob“ stellt sich allerdings für kein gut geführtes (nicht gemeinnütziges) Unternehmen. Es geht also ausschliesslich um das „wie“. Und hier führt das bloße Überstülpen des Fließband-Rechenschemas in der Tat zu den erwähnten lächerlichen Fragen etc.. Sollten wir deshalb nicht lieber darüber diskutieren, wie es funktionieren könnte?
    Denn: Ohne Kasse keine Kreativität…

  3. Monsieur Karohemdenträger, um eine Excel-Tabelle auszufüllen, muss ich dafür die Zeit haben, um die Spalte einer Zeitung mit Text zu füllen, muss ich eine Idee haben. Ist der Unterschied jetzt klarer?

  4. Anscheinend habe ich mich unklar ausgedrückt: Es ging mir darum, dass die 3 genannten Beispielberufe nur schwer in Euro messbare Ergebnisse pro Zeiteinheit produzieren („Fließband-Rechenschema“). Und damit tut sich der gemeine Controller natürlich ziemlich schwer. Das ist meiner Meinung nach dann auch die Hauptursache für die unqualifizierten Fragen.
    Aber: Ein gewisses Mass an finanzieller Kontrolle ist nun mal notwendig. Es dürfte dem geneigten Leser kaum entgangen sein, dass Zeitungen keine Wachstumsbranche sind. Es ist schwer zu erklären, dass in Deutschland zwei vergleichbare Redaktionen bei der Personalausstattung tw. um 100% auseinander liegen. Wie soll man also beurteilen, ob eine bestimmte Redaktion gut aufgestellt ist oder ob da Geld verschwendet wird, das man vielleicht in einem anderen Unternehmensbereich dringend gebraucht hätte? Ein geeignetes Instrument zur Bestimmung der Inhaltsqualität habe ich jedenfalls noch nicht gesehen. Anregungen herzlich willkommen!

  5. Nun, kann mein Journalist ungewöhnliche Dinge mit gewöhnlichen Worten sagen – da haben Sie das erste Qualitätskriterium. Das lässt sich schwer quantifizieren , ich weiß.

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