Online worst (22) – oder: Print first!

Vielleicht muss man sich das so vorstellen: Da sitzt ein bedauernswerter, diensthabender Praktikant am Samstagabend in der Online-Redaktion der PNP; ziemlich alleine in einem riesigen Redaktionsgebäude in der Passauer Peripherie. Außer ein paar Wildschweinen am Waldrand: gähnende Leere. Zeitungsleute arbeiten samstags nicht und irgendwann in einer freien Minute fragt sich der diensthabende Praktikant, warum zur Hölle ausgerechnet er online machen muss, während die anderen „Sportschau“ und anschließend „Wetten, dass…“ schauen können. Lustlos hämmert er die eine oder andere Meldung vor sich hin, ziemlich unbeeindruckt davon, dass er auf eine beträchtliche Fehlerquote in seinen Texten kommt. Sch…Online-Wochenenddienst brummelt er vor sich hin, als er, kurz vor Feierabend, noch eine Meldung auf den Schirm bekommt: Vermutlich ein Neonazi hat einen Mordanschlag auf den Passauer Polizeichef verübt; der Polizist schwebt in Lebensgefahr. Schöner Mist, flucht er, wird´s wieder nix mit dem gemütlichen Samstag abend.

Aber dann kommt ihm die rettende Idee: Da ist doch dieses Sonntagsblatt, das von unserem Verlag auch noch rausgegeben wird. Und hieß es bei der PNP nicht schon seit jeher: Print first!? Na also. Ein Anruf zum Sonntagsblättchen: „Habt ihr die Geschichte? Ach, und ihr habt die morgen schon…? Ja, super. Dann schreib ich das mal. Nee, verlinken kann ich nicht, aber ich schreib´s rein, dass die Leute halt bei euch nachschauen sollen. Weiter recherchieren…? Nee, du, ich hab jetzt echt keinen Bock mehr, bin verabredet. Merkt doch eh keiner im Haus, was wir online machen, pfiad di nachhad.“

Glück gehabt, denkt sich der Wochenenddienst-Praktikant am nächsten Tag. Die Kollegen vom Sonntagsblatt (das zwar nur in einem Teil des Verbreitungsgebietes erscheint, aber wen stört das schon) haben Wort gehalten. Und nicht nur das – sie haben die Verlagsdevise „Print first“ richtig toll beherzigt:

Gut gelaunt setzt sich der Wochenenddienst-Praktikant an seinen Rechner, stolz darauf, diese leidige Geschichte so elegant abgebügelt zu haben.  Ein wenig aber wird ihm dann aber beim Sonntagmorgensurfen doch mulmig:

Puh, denkt er sich nach einem kurzen Moment des Erschreckens, gut, dass ich so souverän den Traffic an die „Am Sonntag“ abgegeben habe. Kann ja keiner ahnen, dass sie bei Spiegel, Focus, Bild, Tagesschau schon am Sonntag morgen arbeiten. Komisch, denkt er weiter und lässt seinen Blick durch das Passauer Verlagsgebäude schweifen, hier ist doch auch noch kein Mensch. Die sind ja merkwürdig drauf in ihrem Hamburg und München, grummelt er, mit sich und der PNP-Welt wieder zufrieden – und macht sich daran, die nächsten Meldungen des Tages abzuarbeiten. Die Jungfeuerwehr, denkt er sich, um Himmels willen, die Jungfeuerwehr – die hätt´ich in der Aufregung doch jetzt glatt beinahe vergessen…

Update, 14.19 Uhr: Inzwischen ist die Geschichte bei nahezu allen ernstzunehmenden Onlinemedien die Aufmachergeschichte, ebenso wie im BR. Die PNP hat sich inzwischen dazu bequemt, die Geschichte der Kollegen von „Am Sonntag“ online zu stellen – mit dem bizarren Rubrikentitel „Im regionalen Fokus“. Da redet also der Innenminister von einer „völlig neuen Dimension rechtsradikaler Verbrechen“; Medien in ganz Deutschland machen die Geschichte auf – und die PNP nennt das „Im regionalen Fokus“. Keine Zeile journalistischer Initiative oder Eigenleistung, keine Idee, kein Esprit, kein gar nichts.

Ziemlich obskur auch, was man da online gestellt hat, ohne es sich vorher vielleicht mal durchzulesen: Eine Großfahndung sei bis Redaktionsschluss um Mitternacht (!) ohne Erfolg geblieben. Dass inzwischen der Innenminister in Passau war, liest man überall – nur in der PNP nicht.

Man darf gespannt sein, ob Verlagsberater Kollböck in seinem geheimnisumwitterten Konzept auch eine Zeile zum Thema „Neue Medien“ hat (ich fürchte: eher nicht).

Eine Redaktion kapituliert vor dem Journalismus. Und so lange das so ist, sollte man die PNP journalistisch vielleicht einfach nicht ernst nehmen.

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3 Kommentare

  1. Vielleicht ist ja wenigstens über die Blogs zu verbreiten, dass morgen, Montag, den 15.
    Dezember 2008, ab 11.00 Uhr auf dem Ludwigsplatz in Passau eine Solidaritätskundgebung für Alois Mannichl stattfindet, wenn uns schon unsere Lokalmedien im Stich lassen…

  2. Interessant sind auch die dazugehörigen Diskussionen im PNP-Leserforum. Vielleicht können Sie sich auch mal über das dortige Niveau auslassen.

  3. Bemerkenswert finde ich auch, wie menschenverachtend auf rechtsextremen Seiten über das Geschehen berichtet wird.
    So schreibt das rechtsextreme Nachrichtenportal Altermedia: „Der Krug geht so lange zu Wasser bis er bricht. Diese Erfahrung machte gestern offenbar der für seine Schikanen gegenüber politischen Gegnern bekannte Passauer Polizeichef Alois Mannichl (52), als er vor der Tür seines Hauses in Fürstenzell bei Passau Haustür von einem Unbekannten niedergestochen wurde. “ (Quelle: http://de.altermedia.info/general/viele-grusse-vom-nationalen-widerstand-messerattentat-auf-passauer-polizeichef-141208_20343.html).
    Nutzer des rechtsextremen Thiazi-Forums werden da noch deutlicher. Frankonia postet dort: „Ich frage mich nur immer wieder, wie sich denn manche hier eine Revolution und künftigen Umsturz vorstellen?!?
    Einerseits wird immer herumgeschrien und mit den bösesten T-Hemden auf der Straße herumgelaufen, andererseits aber sofort empört losgeschrien, wenn es dann wirklich mal einen Feind unseres Volkes trifft.“ (Quelle: http://forum.thiazi.net/showpost.php?p=1399032&postcount=19)

    Wir sprechen hier zwar nach wie vor über einen hypothetischen rechtsextremen Hintergrund, dennoch denke ich, dass sich in diesen Kommentaren eine deutliche Tendenz zeigt. Wer Sympathie und Verständnis für diese Tat äußert, offenbart eine menschenverachtende Gesinnung, die Gewalt gegen (politische) Gegner als legitim anerkennt.

    Das hat zwar jetzt nichts mit unserem liebsten Steckenpferd, der PNP, zu tun, sollte an dieser Stelle aber einfach mal gesagt sein. Herrn Mannichl wünsche ich an dieser Stelle gute Besserung und hoffe, dass er das Weihnachtsfest mit seiner Familie begehen kann.

    Herzliche Grüße und vielen Dank für diesen kurzweiligen Blog,

    Der Betrachter

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