Payback und Schelmexperten

(Der folgende Eintrag wird, ich ahne es, vermutlich nicht mein populärster werden. Er ist nämlich angestoßen durch Don Alphonsos kleiner Polemik in der FAZ in dieser Woche. Mit Don Alphonso weitgehend einer Meinung zu sein, das ist in bestimmten 2.0-Szenen ungefähr so, als würde man bei einer Parteiversammlung der Linken Guido Westerwelle verteidigen.)

Wollte man es überspitzt ausdrücken, könnte man sagen: Im Web 2.0 herrschen gelegentlich meinungsdiktatorische Zustände. Man darf zwar alles überall sagen, aber es muss schon ordentlichen Stallgeruch haben. Nüchtern betrachtet, herrschen dort genau solche Meinungs- und Wortführerschaften wie im analogen Leben auch, manchmal auch noch ausgeprägter. Manchmal lässt sich das an ganz kleinen Manierismen beobachten, die sich so eingeschlichen haben. Bei manchen Stars der Szene beispielsweise herrscht eine unausgesprochene Retweet-Pflicht. Star setzt Tweet ab, die Gefolgschaft ist in heller Aufregung. Der Starkult im Web 2.0 ist manchmal so ausgeprägt wie bei Teenagern und gäbe es die „Bravo“ noch für 2.0-Digitalisten, hätte man vermutlich schon lange Sascha Lobo als Starschnitt rausgebracht und die intimen Geheimnisse von Thomas Knüwer veröffentlicht. Ich lese übrigens immer wieder auch mit einigem Amüsement, wie sich die Gemeinde ernsthafte Gedanken macht, ob Stefan Niggemeier irgendwann demnächst twittern wird. Tut er übrigens (bisher) nicht, hat aber einen Account mit genau zwei Tweets, dem knapp 1000 Leute folgen. Wenn das mal kein Personenkult ist: Alleine das Anlegen eines Accounts bringt 1000 Follower.

Überaus interessant bei der Retweet-Pflicht finde ich ja manchmal auch die Beobachtung, dass manche liebe Mit-Twitterer Retweets absetzen, die sind so schnell auf dem Markt, dass ein NormalMensch den dahinterliegenden Link zu einem längeren Text noch gar nicht gelesen haben kann. Es liegt also die Vermutung nahe, dass sich jemand denkt: Oha, Alpha-Twitterer, schnell mal retweeten. Wir werden es vermutlich demnächst erleben, dass jemand einen Tweet von S. Lobo retweetet, obwohl Lobo den Tweet noch gar nicht abgesetzt hat.

In den letzten Tagen hat sich übrigens die Twitter-Gemeinde ziemlich über Don A. echauffiert, darunter auch ein paar Menschen, die ich an sich sehr schätze. Und ich bin das Gefühl nicht los geworden, dass viele dieser Reaktionen ein Reflex waren: Der böse Arroganzling Don auf der einen, die guten und von ihm angegriffenen auf der anderen Seite. Was mir an sich ziemlich egal wäre, weil ich vermute, dass es dem guten Don eher wurscht ist und weil ich jedem seine eigene Meinung zugestehe. Viel entscheidender ist für mich, dass diese Diskussion, diese Entrüstungskultur so bezeichnend dafür ist, wie indifferent mit dem Thema „Web 2.0″ umgegangen wird — leider sehr häufig auch von denen, die ich schätze und die mit der Einschätzung, dass das Web die Zukunft ist, generell ja recht haben. Schade nur, dass sie häufig vergessen, dass in diesem fließenden Prozess, in dem wir uns momentan befinden, leider auch Fehler gemacht werden; dass nicht jeder Trend, jede neue Webseite, jeder neue Dienst sofort die Revolution bedeuten. Und dass es Berater-Kollegen gibt, die den dürstenden Unternehmen mit Verlaub jeden Quatsch sofort als must-have andrehen, wer wollte das bestreiten? Es ist ja auch zu einfach: Bei ziemlichen vielen Firmen, die jetzt die Beratung suchen, herrscht der dringende Wunsch nach einer Komplettlösung. Wenn ich ab und an mal meinen Kunden sage, dass es die momentan nicht gibt und dass die Konsequenz daraus es keinesfalls sein sollte, jedem neuen Trend hinterherzulaufen, schauen sie mich manchmal ziemlich enttäuscht an (keine Ahnung, wie viele Aufträge mich das schon gekostet hat). Aber ich ticke selbst so: Ich finde, dass das Internet eine der größten Erfindungen aller Zeiten ist. Trotzdem muss ich mich nicht in jedem Netzwerk tummeln, trotzdem lese ich immer noch gerne Zeitungen und trotzdem kann ich mich meine geographischen Koordinaten immer noch ohne die Hilfe von Foursquare eingeben. Könnte übrigens auch damit zusammenhängen, dass ich vielleicht ja auch gar nicht will, dass jedermann zu jederzeit weiß, wo ich mich gerade aufhalte. Wenn ich einmal im Jahr meine Heißhungerattacke auf McDonalds bekomme, muss das wirklich nicht jeder wissen.

Und ich glaube nicht – um endlich wieder zu Herrn Alphonso und seinen Kritikern zu kommen – an jeden Trend, den man uns serviert. Es ist ja tatsächlich so: Ich habe Agenturen und Berater erlebt, die eigene Podcast-Manufakturen aufmachen wollten, weil das moderne (Medien-)Unternehmen ohne Podcasts nicht mehr überlebensfähig sei. Ich habe Fernsehbeiträge über Agenturen gesehen, die demnächst vermutlich an der Weltspitze auftauchen werden, weil sie 3D-Programmierung für Second Life beherrschen. Ich habe selbst noch gut im Ohr, wie man Blogs als die ultimative und ausschließliche Kommunikationsform der Zukunft pries und irgendwie kommt mir vieles, was man jetzt auf Twitter-Akademien lernen kann, ziemlich ähnlich vor.

Um ehrlich zu sein: Ich glaube, die Guten und die Seriösen in unserer Branche sind die, die sich manchmal auch die Freiheit nehmen zuzugeben, dass sie es auch nicht so ganz genau wissen, wo die Reise hingeht.

Was mich wundert (und was ich eigentlich sagen will): Mich wundert diese Indifferenz in diesen Debatten, dieses gnadenlose entweder-oder.  Man raunzt ein verächtliches „Schirrmacher!“, wenn man Zugehörigkeit zur Szene demonstrieren will; man hält „Payback“ für ein hoffnunglos veraltetes Manifest einer Generation, die es einfach nicht verstehen will. Man muss ja auch keineswegs in allem seiner Meinung sein, dennoch halte ich vieles von dem, was in diesem Buch steht, zumindest für diskussionswürdig. Das geht aber eben nicht so richtig gut, weil man dann sofort in der Ecke des Ewiggestrigen landet.  Und ebenso wenig kann man über Don Alphonsos Text debattieren, weil sofort die Totschläger-Argumente rausgelassen werden.

Und wissen Sie was? Ich werde jetzt zu ein paar Zeitungen greifen, die ich mir für diese lange Zugfahrt besorgt habe. Ein Buch habe ich auch noch dabei, mal sehen, ob ich dazu komme.

Netbook und iPhone liegen übrigens unmittelbar daneben.

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11 Kommentare

  1. Und? Worum gehts? Wer ist denn Lobo und was ist Niggemeyer? Nur weil ein Wolf (um mal bei Lobo zu bleiben) an einen Stein pinkelt, urinieren die anderen unterwürfigen Rudelmitglieder dem vermeintlichen Alpha-Wolf hinterher? Dummes Rudelverhalten!

  2. Hallo Christian.

    finde ich gut beobachtet! Meinem Gefühl nach ist der „Mechanismus“ überall der Gleiche. Nämlich das „Überhöhen“ und „Maß-verlieren“.

    Beispiel Don Alphonso: Sein Vorwurf – um nicht zu sagen: seine „Konstruktion“ – ist ja, dass angeblich manche Berater kleine „Trendchen“ aufblasen und „als Zukunft“ oder gar als „überlebenswichtig“ verkaufen. Dass Sie also nicht Maß halten. Dass sie die Relationen verlieren. So lese ich den Beitrag von Don A. jedenfalls.

    Aber macht er nicht EXAKT das Gleiche? Ich glaube Don A. (und jedem anderen), wenn er sagt, dass es in Agenturen Menschen gibt, die „Trendchen“ als die Zukunft verkaufen. Aber sind die irgendwie relevant im Verhältnis zu dem 1 Million anderen Beratern und Konzepten die diese vorschlagen? Ja, es gibt solche Experten. Genau so viele oder wenige, wie es woanders andere Experten über irgend etwas anderes gibt. Und aus irgendeinem Grund fallen die Don Alphonso auf (Neid?) und sie werden für ihn „die Welt“.

    Mir persönlich gehen Leute (Entschuldigung!) Leute unheimlich „auf den Sack“, die mit dem Finger auf andere Leuten zeigen und dabei rufen „Hey, der hat grade mit dem Finger auf andere Leute gezeigt, das macht man nicht!“.

    Wir sollten uns einfach alle darüber bewusst werden, was die tatsächlichen Verhältnisse sind. In diesem konkreten Fall: „Social Media Experten“ sind nur *ein* Phänomen, dass es in anderen Bereichen 1000-fach gibt. Kostenpflichtige „Social Media Kurse“ sind in JEDEM anderen Metier ganz normal. „Social Media“ ist nur EINE Disziplin neben ganz vielen anderen. Und – das sagst DU wunderbar – Social Media sind nur ein Kommunikationsmittel neben Zeitungen, Fernsehen, Magazinen – und dem persönlichen Gespräch.

    Wir neigen alle dazu, „unsere Wirklichkeit“ mit „der Welt“ zu verwechseln. Wir sollten dazu stehen, dass uns wir selbst, unsere Branche, unsere Themen wichtig sind. Wir sollten aber nicht vergessen, dass unsere Wirklichkeit nur ein ganz winziger Ausschnitt der Wahrheit ist.

    Und am Ende: Auch die Leute, die Thesen überhöhen, sind nur ein kleiner Aspekt der Welt. Insofern können wir uns entspannt lächeln zurücklehen.

    Schönen Tag 🙂

  3. Wer sich den kritischen und distanzierten ‚Blick von außen‘ auf die ‚Social Media Scene‘ erhalten hat, kann zu keinem anderen Schluss kommen.

    „Der folgende Eintrag wird, ich ahne es, vermutlich nicht mein populärster werden.“

    Ich hoffe, doch.

  4. Ähnliche Gedanken hatte ich auch im Kopf, nur keine Zeit, sie zu formulieren. Und keine Lust. Meine persönliche Linie: Bei sowas nicht mitmachen – bzw. gerade dann etwas zu sagen oder zu bloggen, wenn ich anderer Meinung bin als das Rudel. Ist doch langweilig sonst.

  5. Der Umstand, dass ich in meinem Beitrag diesen Herrn Mirko Lange nicht erwähnt habe, bedeutet nicht, dass ich ihn in diesem Kontext nicht explizit erwähnenswert fände. Besoinders abstossend finde ich das Gehampel in obigen Kommentar, der so tut, als wäre er nicht angesprochen, dieses Hineinquetschen in den Diskurs. Wenn ich von solchen Charakteren rede, ist es keine schlechte Idee, sich Mirko Lange als Exemplum zu vergegenwärtigen.

  6. LOL So langsam fange ich an, „diesen Herrn“ Don Alphonso sympathisch zu finden, diesen Expertenschelm 🙂 Er ist so… „vertraut“. Nun ja, kennt man einen Beitrag, kennt man eigentlich alle. Sie folgen alle dem gleichem Muster: eloquent, faktenreich und fein inszeniert. Die Welt wird davon nicht besser, schon gar nicht schlauer oder gar differenzierter. Aber so langsam bekomme ich vielleicht den richtigen Bezug dazu: wenn man sie als (Selbst-) Ironie und Satire versteht, sie sind sie doch einigermaßen amüsant!

    Auf dass wir uns alle nicht zu wichtig dünken: Weder die Experten noch deren Kritiker.

    P.S. Ich habe mich tatsächlich nicht angesprochen gefühlt. Habe ich was überlesen?

  7. Es wäre viel erreicht, wenn sich einige Leute den Unterschied zwischen ‚Beratung‘ und ‚Verkauf‘ – und sei es das Angebot des eigenen kleinen Gemüseladens – wieder vor Augen führen würden. Das Schöne am Netz ist doch, dass es sich aller platten ökonomistischen ‚Nützlichkeit‘ verweigert, weil eben die Leute selbst entscheiden können, was sie von dem existierenden Überangebot noch wahrnehmen wollen. Die Leute sind dort nicht als ‚Kunden‘ unterwegs, man kann dort niemandem mehr etwas ‚reindrücken‘ … und das ist dann ein großer Fortschritt für die Menschheit, aber nicht fürs Marketing. Wer etwas anderes behauptet, ist kein ‚ehrlicher Makler‘: Das Netz ist bis auf weiteres kein Kiosk.

  8. Nebenbei – und vielleicht ist es ja nur mein Problem: Dein Blog ist
    a) endlos langsam bei den Ladezeiten geworden und
    b) es kooperiert nicht mit dem Google-Reader.

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