Macht bloß kein Fernsehen

Täuscht der Eindruck — oder ist die Euphorie um das Thema Videos im Netz langsam schon wieder vorbei?  Tatsächlich kann man derzeit nahezu jeden Medienschaffenden in ein umfangreiches Gespräch zum Thema „Soziale Netzwerke“ verwickeln, so wie man es noch vor zwei Jahren beim Thema Videos machen konnte. Die Ähnlichkeiten sind frappierend: Bei beiden Themen plapperten auf einmal Leute, die weitgehend sachkenntnisbefreit waren, munter drauflos. Und alle wollten dieses neue Zeugs haben, ohne erst einmal darüber nachzudenken, was ihnen das ganze bringt, ob es ihnen überhaupt irgendetwas bringt — und ob der Neukram überhaupt irgendwie umsetzbar ist. Letzte Ähnlichkeit: Ja, haben will man das schon, es darf aber ungefähr nichts kosten und soll bitteschön auch keinerlei personellen Mehraufwand verursachen. Man wundert sich angesichts dessen übrigens, dass es überhaupt irgendwo ein einziges Video im Netz gegeben hat und dass irgendwo auch nur ein einziger Facebook-Account ins Leben gerufen wurde.

Vermutlich sind die Konzeptionslosigkeit und der erkennbare Trend, „Me-Too-Produkte“ ins Leben zu rufen, ein Hauptgrund, warum Videos im Netz immer noch häufig wahlweise nur teuer, nur sinnlos oder manchmal auch beides zusammen sind. Die Sinnlosigkeit (und auch: die manchmal exorbitanten Kosten) kommen immer dann zum Vorschein, wenn man im Netz versucht, Videos zu machen, die irgendwie wie Fernsehen aussehen. Dabei macht man im Netz gar kein Fernsehen. Das klingt furchtbar banal, die Erkenntnis muss sich aber bei vielen Redaktionen erst einmal durchsetzen: Wer ins Netz geht, will nicht fernsehen. Er will Information und/oder Unterhaltung, aber er will keinen krawattierten Moderator, keine Schnitt- und Antextbilder, all diese Unarten, die sich ins Fernsehen eingeschlichen haben und dort einfach mal als selbstverständlich hingenommen werden. Der User will „Youtube“. Er will sein Video schnell, unmittelbar, authentisch.

Dafür spricht mehreres. Da ist zum einen die Verweildauer eines Users bei einem Video. Nach nicht einmal zehn Sekunden ist er durchschnittlich wieder raus. Das liegt manchmal an den Videos selbst, häufig aber am Nutzungsverhalten: Video im Netz ist eben nicht durch eine Programmzeitschrift oder gar durch Erfahrungswerte einzuordnen. Videos im Netz heißt: suchen, reinschauen — und ggf. auch wieder ausschalten. Die Zeit, die man einem Video gibt, ist nicht lang. Und anders als beim Fernsehen hat auch niemand vor, jetzt einen netten Videoabend auf der Couch zu verbringen. Wer langweilt, fliegt.

Das klingt erst einmal unangenehm für die Produzenten von Webvideos. Weil es zu der Annahme verleiten könnte, man müsste, egal wie, zum Punkt kommen. Nur schnell, sehr schnell. Und ebenfalls könnte man meinen, man habe überhaupt nicht viel Zeit bei Webvideos. Die üblen 1.30 aus dem Privatfunk als Schallmauer, alles was drunter ist, ist per se besser. Doch das ist Unsinn, im Gegenteil: Das Netz gibt Videomachern die wunderbare Chance, die üblichen Zeitbegrenzungen einfach zu vergessen. Netznutzer ticken nicht wie Fernsehzuschauer, man kann es nicht oft genug sagen. Und das bedeutet eben auch, dass sie nicht nach 1.30 abschalten, weil ihnen 1.32 schon zuviel sind.

Gute Chancen mit Videos im Netz haben also vor allem diejenigen, die begreifen, dass wir es mit einem komplett neuen Medium zu tun haben, in das nicht einfach die Regeln des alten übernommen werden können und in dem man die bestehenden äußeren Formen adaptiert. Anders gesagt: Man könnte mit ein bisschen gutem Willen auch davon ausgehen, dass der Kreativität alle Türen geöffnet sind und man eigentlich nur ein bisschen was ausprobieren müsste, um auf Formate zu kommen, die funktionieren. Die Idee zählt deutlich mehr als die teure Kamera, der richtige Ton oder die aufwändige Produktion.

Wie vermeidet man also, einfach nur (das schlechtere) Fernsehen zu veranstalten? Man vergisst einfach den Gedanken an das Fernsehen und macht sich klar, dass es niemand will — und auch niemand braucht. Stattdessen gibt man sich selbst und seinen Leuten den Freiraum und den Mut zur eigenwilligen Kreativität. Und ein wenig Zeit und Geduld. Nicht alles, was man ausprobiert, wird unweigerlich zum Erfolg führen. Was im Gegensatz zu TV-Formaten auch gar nicht schlimm ist. TV-Formate entwickeln kostet richtig viel Geld, Online-Formate kosten allenfalls Zeit.

(Dieser Text ist eine leicht modifizierte Zusammenfassung eines Mail-Interviews, das das „Meinungsbarometer Digitaler Rundfunk“ mit mir geführt hat und das im August erscheinen wird.)

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4 Kommentare

  1. Ein Aspekt, der gerne vergessen wird ist das Querlesen. Quersehen geht nämlich nicht. Deswegen bin ich kein großer Freund von Erklärvideos statt Hilfetexten, erstere brauchen ewig, bis ich weiß, ob es die für mein Problem richtigen sind. Bei Texten sehe ich sehr schnell – ich in ein geübter Querer -, was ich intensiv lesen muss. Ich habe auch die Möglichkeit, nebenbei mit anderen Sinnesorganen als den Augen noch Anderes zu machen, z.B. einem Gesprächspartner ‚mit halbem Ohr‘ zuzuhören. Ein Video greift sich gierig beide Hauptsinne.

  2. (fast) Ungeteilte Zustimmung. Nachdem seit geraumer Zeit die Verlage auf der falschen Fähre fahren, folgt nun die andere Seite des Schreibtisches. In PR- und Marketingstuben herrscht oftmals die gleiche Denke wie in Redaktionen alter Schule: TVmachen in billig. Wobei das TV gern durch Web- ergänzt und das billig durch innovativ ersetzt wird. Allerdings eben nur äußerlich.

    In einem Punkt möchte ich aber widersprechen: Nach den ersten Kraut-und-Rüben-Jahren hat sich der allgemein erwartete Produktionsstandard bei Webvideos doch erheblich gesteigert.

  3. ich nicke und nicke bei dem Text, muss aber dem letzten Satz deutlich widersprechen: nur weil man nicht zwingend ein großes Team braucht um Web-Videos zu machen, heißt das nicht, dass die Produktion und vor allem die Entwicklung wenig kostet. Gute Ideen und kreative Umsetzung gibts nun mal nicht zum Nulltarif – egal für welches Medium.

  4. @Julia: Stimmt, das habe ich im Überschwang missverständlich formuliert. Natürlich kosten auch Videos im Netz Geld. Im Vergleich zu Entwicklungskosten irgendwelcher bizarrer Shows im Fernsehen sind das aber immer noch alberne Beträge.

    @Markus: Widerspruch akzeptiert.

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