Live aus dem Palast der Republik

Für einen ganz kurzen Moment dachte ich ja, man hätte den Palast der Republik nochmal reaktiviert. Aber dann war es doch nur die Verleihung des „Echo“, eines Musikpreises, wie er ganz wunderbar ins öffentlich-rechtliche Fernsehen der Gegenwart passt. Natürlich wollte man irgendwie hip sein und beispielsweise Annette Humpe als eine Art Ikone feiern und sie deswegen ihre NDW-Ikone „Berlin“ neu abgemischt vortragen lassen. Bloß, dass man auf der anderen Seite auch den Rahmen wahren wollte und deshalb ein sitzendes Publikum einen eher sterilen Playback-Auftritt höflich beklatschen sollte. Wenn nicht die quäkende Ina Müller gewesen wäre, hätte man sich auch gut Dieter Thomas Heck als Moderator vorstellen können. Und irgendwie habe ich die ganze Zeit darauf gewartet, dass ein Fan eine Rose auf die Bühne bringt. Oder ein paar Leute ins Publikum winken. (Unbeschadet davon ist Frau Humpe natürlich mindestens göttlich).

http://www.youtube.com/watch?v=NwuvFrL4jGI

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Man denkt in diesen Tagen also mal wieder viel nach über öffentlich-rechtliches Fernsehen. In irgendwelchen Staatskanzleien arbeitet man sich ohnehin ja immer und irgendwie an der Fragestellung ab, welchen „Auftrag“ öffentlich-rechtliches Fernsehen überhaupt haben soll; momentan überlegen sie in Dresden, ob man diesen ominösen Auftrag nicht ein wenig enger fassen könnte. Das klingt schon alleine deswegen halbwegs plausibel, weil ARD und ZDF zwar gerne klar stellen, dass sie öffentlich-rechtlich sein wollen. Häufig aber, wenn es um solche Sachen wie Innovation geht, wird man den Eindruck nicht los, dass sie in Mainz, München oder Hamburg einfach ein bisschen viel RTL geschaut haben, weswegen man sich vor allem bei Unterhaltungsformaten gelegentlich fragt, ob das Thema Plagiat nicht nur bei Politikern, sondern auch bei Fernsehmachern ein wenig mehr Beachtung verdienen sollte. Zumal auch bei Moderatoren und Gesichtern anscheinend immer öfter die Devise gilt, dass das, was sich bei den Privaten bewährt hat, für die Öffentlich-Rechtlichen ja auch nicht so schlecht sein kann.

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Es kommt also gar nicht selten vor, dass man sich bei ARD (öfter) und ZDF (ab und an) denkt, man sehe gerade so eine Art öffentlich-rechtliches Privat-TV. Das kann man natürlich schon aus Gründen des Programmauftrags irgendwie unangemessen finden. Man kann es aber auch pragmatischer sehen: Schaut nicht jemand, der privates TV sehen will, viel lieber das Original als das irgendwie kompromissgeplagte öffentlich-rechtliche Fernsehen? Bleibt eigentlich irgendeine Existenzberechtigung, wenn man irgendwelche Sachen aus dem Privat-TV ziemlich genau adaptiert in der ARD wiederfindet? Noch weiter gefragt: Erledigen sich ARD und ZDF nicht irgendwann von selbst, wenn sie öffentlich-rechtliches Privat-TV machen wollen?

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Der Kompromiss, den ARD und ZDF täglich eingehen wollen (und gerne behaupten, dass sie das müssen), beschleunigt das Akzeptanzproblem. Es gibt immer noch Sendungen, die so wunderbar anachronistisch „Aktuelle Stunde“ heißen, in vielem, was sie tun, kommen ARD und ZDF so zeitgemäß wie der Palast der Republik daher. Dass der durchschnittliche Zuschauer von ARD und ZDF irgendwas um die 60 ist, hat nicht nur, aber eben auch damit zu tun. Man versucht, ein massenkompatibles Programm für alle zu machen — und hat dabei schon lange versäumt, wenigstens noch die Generation der 40jährigen halbwegs mitzunehmen, von den heute 15- oder 20jährigen gar nicht zu reden. Die werden sich über einen Playback-Auftritt von Annette Humpe allenfalls amüsieren, so nett 80er-like wie das ist.

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Vermutlich würde man bei der ARD auf eine solche Kritik entgegnen: Wir sind doch so unglaublich informationslastig und haben künftig sensationelle fünf mehr oder minder politische Talks im Programm. Aber auch das zeigt so schön das Dilemma: Von einem der ältesten Formate, die man sich nur vorstellen kann, setzt man jetzt fünf ins Programm. So viele, dass sich die einzelnen Redaktionen schon fragen, wo sie wann überhaupt noch jemanden herbekommen sollen, der nicht in den letzten vier Wochen schon in einem der unglaublich vielen Talks zu sehen war. Natürlich, Talks funktionieren (noch). Aber irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass die ARD vielleicht ein bisschen Zeit und Geld in etwas Neues investieren und dafür vielleicht auf eine oder zwei von fünf Talkshows verzichten könnte.

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Was macht eigentlich die Berechtigung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und der damit bezahlten Gebührengelder aus? Ein Kessel Buntes für alle? Ein Fernsehen, das darauf abzielt, möglichst viele Millionen glücklich zu machen, weil die Gebührengelder schließlich auch von vielen Millionen bezahlt werden? Oder nicht doch ein Fernsehen, dass die Freiheit, nicht von Quoten und Werbeeinnahmen abhängig zu sein, auch ausgiebig nutzt? Ersteres wird in eine Sackgasse führen. So RTLig wie RTL kann (und soll) öffentliches-rechtliches Fernsehen gar nicht sein.  Das Kriterium, ob RTL etwas vielleicht auch so macht oder so machen würde, wäre demnach eher ein Ausschlusskriterium. Das wird RTL immer besser können und es ist ja auch überhaupt nicht schlimm, wenn man RTL RTL sein lässt. Solange ARD und ZDF ARD und ZDF sind.

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