Ein bisschen grau wär´schön

Bei den Kollegen von Zeit online fand in dieser Woche eine interessante Leserdebatte statt. Es ging um den Tod von Leo Kirch und die Frage, wie dessen Lebenswerk zu beurteilen sei. Nicht gut, befanden dort mehrere der Debattierende, weil Kirch maßgeblich an der Einführung des Privatfernsehens in Deutschland beteiligt gewesen sei und somit Verantwortung trage dafür, dass die Deutschen mehrheitlich verblödet seien. Ein anderer befand, wer sich einen Fernseher ins Haus stelle, sei selbst schuld. Schließlich wisse man ja, dass eine Koexistenz von so etwas wie Kultur und einem Fernseher in einem Haushalt de facto unmöglich sei. So schön einfach ist das also – Fernsehen verblödet, Zeitungen sind Schrott und Journalisten sind korrupt und lügen.

Es wird fast nirgendwo so indifferent argumentiert, wie wenn es um Medien und deren Zukunft geht. Schwarz und weiß, dafür oder dagegen, Journalist oder Blogger, Print oder Online: Man kann sich darauf verlassen, dass man in Erklärungsnotstände gerät und sich zuverlässig ein paar Feinde macht, wenn man nicht sehr eindeutig Position bezieht. Ich habe das in den letzten Jahren oft genug am eigenen Leib erfahren, in den letzten Wochen speziell. Ich bin gefragt worden, wie ich denn für „Wired“ arbeiten könne, wo das doch ein Printprodukt sei. Und noch viel früher durfte ich mir die Frage anhören, ob ich denn überhaupt schreiben könne, ich sei doch immer so gegen diese Zeitungen, mache meistens online und sei somit per se für „das Schreiben“ nicht geeignet. Und zudem doch auch noch: Blogger.

Zu Ihrer möglichen Überraschung: Ich mag Zeitungen. Ich mag auch Fernsehen. Ich mag das Netz und sogar das Radio. Solange irgendwo eine gute Geschichte steht, mag ich das. Es ist mir herzlich egal, ob sie gedruckt oder digital ist, ob ich sie lese oder höre oder sehe. Papier oder UKW oder Internet, letztendlich sind es Datenträger und Verbreitungswege, deren Verwendung von der jeweiligen Situation abhängt oder von den Präferenzen, die man so hat. Aber über allem steht immer die Frage: what´s the story?

Wenn man also über Medien bloggt, dann geht es auf keinen Fall darum, den Untergang oder den bedingungslosen Aufstieg von Papier und Digitalmedien zu prognostizieren. Es geht um Journalismus, es geht um dessen Qualität – und ja, auch darum, wie er sich in diesen Zeiten, in denen kaum etwas länger als ein paar Wochen Bestand hat, zu verändern hat. Dass dabei die Frage, wie man es künftig mit der Digitalisierung halten will, immer wieder in den Mittelpunkt gerät, ist zwangsläufig.

Nur: Darüber reden wir in den seltensten Fällen. Die Reflexe sind in beiden Lagern immer noch ausgeprägt. Man kritisiert die Zeitung XY, man stellt fest, dass es eine Reihe von Verlagen gibt, die sich beim Weg in die digitale Zukunft etwas schwer tun? Muss man ein Zeitungshasser sein, ein Nerd, ein Onlinefetischist. Was nicht bedeuten soll, dass es in der digitalen Welt immer offen, transparent, kultiviert zugeht. Speziell in Deutschland gibt es diverse Einflusssphären, die meistens nur eines gemeinsam haben: Es kann nur einen geben. Bist du – und wenn nur im Einzelfall – auf der einen Seite, bist du gleichzeitig gegen die anderen.

Am Wochenende habe ich (in einer Zeitung) folgenden Satz gelesen: „Das Fußballgen wurde ihm in die Wiege gelegt.“ Darüber kann man schmunzeln, es ist auch nicht der Untergang des Journalismus. Aber es ist bezeichnend, in seiner ganzen Kleinigkeit. Für den täglichen kleinen Qualitätsverlust, den man im Journalismus erlebt. Wenn es nur kleine sprachliche Schludrigkeiten wären, man könnte damit leben. Schlimmer ist das, was ausgedünnte Redaktionen und spartanisch ausgebildete Journalisten jeden Tag anstellen (müssen). Schnell zusammentelefonierte und ergoogelte Geschichten, eine hohe Agenturlastigkeit, kaum Zeit für Recherche und Gegenrecherche und Reflektion des Recherchierten und Produzierten. Kein rein deutsches Problem, aber eben auch bei uns eines: Nick Davies schildert in seinem grandiosen Buch „Flat Earth News“ u.a., wie der Alltag von Journalisten aussieht – indem er sie einfach Tagebuch führen lässt darüber, wie oft sie eigentlich draußen waren, wen sie persönlich getroffen haben, wie viele Geschichten sie am Tag und in der Woche produzieren mussten. Die Ergebnisse überraschen niemanden, der den Alltag von vielen Journalisten in deutschen Redaktionen kennt: Man kommt kaum raus, der Bezug zum echten Leben geht verloren, man sitzt am Schreibtisch, arbeitet am Schreibtisch und beschreibt die Welt am Schreibtisch, unterfüttert von Pressemitteilungen, PR-Agenturen und ein paar Telefonaten. Wer das zehn oder zwanzig Jahre macht, ist zwangsläufig frustriert und macht alles andere als einen guten Job. Obwohl er viel besser könnte: Mir sind speziell in den letzten Jahren immer wieder Journalisten begegnet, die irgendwann mal mit einigem Enthusiasmus begonnen und im Laufe der Jahre den Kampf gegen die Windmühlen aufgegeben haben.

Tatsächlich ist das ja erstaunlich: Die Debatten darüber, dass Redaktionen chronisch unterbesetzt und Journalisten schlecht ausgebildet werden, verfolgen mich, seit ich in diesem Beruf bin und das sind jetzt doch schon 25 Jahre. Die Zustände waren schon früher nicht immer so, dass man sie befürworten hätte müssen, inzwischen nähern wir uns an manchen Stellen der Unerträglichkeit. Wenn heute junge Studenten an Universitäten mit einer Selbstverständlichkeit sagen, sie würden zwar gerne Journalisten werden, tendieren aber doch eher zur PR, weil dort besser bezahlt wird, sollte man spätestens dann darüber nachdenken, ob hier nicht gerade etwas furchtbar schief läuft. Der Zusammenhang jedenfalls ist klar: Am Ende einer solchen Entwicklung sollte man sich nicht wundern, wenn Fußballergene in die Wiege gelegt werden oder mal eben eine Pressemitteilung nur notdürftig kaschiert im Blatt landet.

Das alles hat nichts mit Print oder Online oder Fernsehen zu tun. Dass speziell regionale Tageszeitungen – auch in diesem Blog – momentan im Kreuzfeuer stehen, hat zwei Gründe: Zum einen sind es nach wie vor die Publikationen, mit denen man am meisten zu tun hat und die aufgrund ihrer schieren Masse ein relevanteres Bild abgeben als eine SZ oder eine FAZ. Zum anderen sind sie es, deren ökonomische Probleme am drängendsten sein werden, wenn sie sich nicht verändern.

Ich würde gerne leidenschaftliche Plädoyers für sie abgeben. Aber ebensowenig, wie man Zeitungen und überhaupt Journalismus per se in Grund und Boden schreiben kann, muss man sie ausnahmslos goutieren. Nur weil es Zeitungen sind. Oder eben Journalisten.

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4 Kommentare

  1. Sehr geehrter Herr Jakubetz,

    so leidenschaftlich ich Ihnen hin und wieder auch widerspreche, bei diesem Beitrag stimme ich Ihnen uneingeschränkt zu; Sie haben die Problematik präzise zusammengefasst.
    Letztlich ist es gleich, ob Print oder Online, Radio oder TV oder Blog oder sonstwas: Guter Journalismus muss es sein. Und guter Journalismus – alte amerikanische Faustregel – erzählt packende Geschichten.

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