Die Doofen und die Lauten

Über Sascha Lobo kann man sich wirklich gut amüsieren. Es ist ja immer wieder erstaunlich, wie jemand neben dem einen oder anderen interessanten Gedanken und gelegentlich auch sehr lesenswerten Texten vor allem hohen Unterhaltungsfaktor erzeugt. Ich gehöre sicher nicht zu den Sadomaso-Fanboys, die sich von ihm anmaulen lassen und darüber auch noch beglückt jubilieren. Aber ich bin auch keiner dieser manischen Lobo-Hasser. In Wirklichkeit denke ich mir, dass er manchmal doch irgendwo in Berlin sitzen muss und sein Glück kaum fassen kann.Und deswegen habe ich ihm sogar seinen Republica-Satz abgenommen, in dem er die nicht ganz so öffentlichkeitswirksam bloggenden Freunde anmaulte, sie seien wahlweise zu leise oder zu doof, um ihm den Rang als Talkshowmöbel irgendwie streitig zu machen. Das ist auf eine bestimmte Art erfrischend ehrlich und irgendwie auch schon wieder kurios: Indem er lautstark die nicht ganz so lauten niederbügelt, weiß er, wem morgen die Schlagzeilen gehören. Sie gehören nicht den Leisen, das ist wohl wahr. Trotzdem glaube ich — am Rande bemerkt — das Lobo nur teilweise recht hat. Blogger, die laut sind, gibt es mehr als genug. Gelesen und wahrgenommen werden sie trotzdem nicht. Und kluge Blogger, die dennoch nahezu unter  Ausschluss der Öffentlichkeit schreiben, gibt es auch genügend. Leider.

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Aber eigentlich wollte ich hier nicht über Blogger schreiben, die fielen mir nur ein, weil ich am 21. Mai bei der Mitgliederversammlung des BJV ein kleines Impulsreferat halten darf und gerade darüber nachdenke, was ich „meinem“ Verband, der mich trotz (oder gerade wegen?) gelegentlicher Dissonanzen eingeladen hat, zum hübschen Thema „Medienwandel“ ins Stammbuch schreiben soll. Würde ich Sascha Lobo folgen, müsste ich einfach laut sein, aber das habe ich nicht vor. Auf die Blogger bin ich gekommen, weil mich der Verband auf der Einladung als „Journalist und Blogger“ ankündigt, was irgendwie nett, aber auch befremdlich ist. Nicht, dass ich mich für meine Bloggerei irgendwie schämen würde, im Gegenteil. Das Bloggen macht mir schon seit langem sehr viel mehr Spaß als das normiert-formatierte Arbeiten in einer Redaktion. Die Vorstellung, mich wieder in die Zwänge irgendwelcher Layouts oder Sendeuhren zu begeben und das alles in hierarchischen Strukturen endlos langer Redaktionskonferenzen zu zerpflücken, bereitet mir mittelgroße Bauchschmerzen.

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Auf der anderen Seite: In jedem Journalisten stecke ein Blogger, sagt beispielsweise Heribert Prantl (SZ). Das wäre schön, wenn es so wäre, nur leider ist es nicht so. Man müsste also eher sagen: In jedem Journalisten sollte auch ein Blogger stecken, was die ständige Unterscheidung bzw. das explizite Hinweisen auf „Journalist UND Blogger“ dann ja überflüssig mache würde. Tatsächlich steckt aber leider in den wenigsten Journalisten auch ein Blogger. Im Gegenteil: Würde man Journalisten zwingen, sich für eine Berufsbezeichnung zu entscheiden, würden 95 Prozent mit entrüstetem Blick „Natürlich Journalist“sagen. Deswegen muss ich beim BJV (und übrigens nicht nur dort) regelmäßig als Hybrid, als publizistischer Zwitter erscheinen („Haben Sie gehört? Der bloggt auch!“ – „Oh nein, das ist ja furchtbar.“)

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Dabei könnten all diejenigen, die aus den alten Medien kommen und sich jetzt Versammlungen anhören müssen, auf denen bloggende Journalisten mittelmäßig unterhaltsam über „Medienwandel“ schwadronieren, eine ganze Menge lernen, würden sie bloggen oder wenigstens regelmäßig Blogs lesen. Es geht dabei gar nicht so sehr darum, ob jetzt Blogger oder Journalisten die besseren Inhalte schreiben. Sondern um eine Art Geisteshaltung, die man begreifen sollte, will man über diesen Medienwandel reden bzw. bei ihm mithalten können. Die ganze Bloggerei, die ganze Szene: Man muss nicht auf die Republica fahren, um das halbwegs zu verstehen. Fürs erste würde es ja schon reichen, wenn man ein einziges Mal einen Beitrag bloggt und ihn dann auch noch über andere Kanäle verteilt und ggf. diskutiert. Würde man einmal diese Erfahrung machen, würde man sehr schnell und viel anschaulicher als bei jedem albernen Fortbildungsseminar begreifen, warum dieses bisherige Journalismus-Modell nicht nur einfach tot ist, sondern auch schon ein bisschen streng riecht. Um nochmal Sascha Lobos Aufforderung nach ein bisschen Lautstärke nachzukommen: Verbürokratisierte Langeweile vs. leidenschaftliches Publizieren in Eigenverantwortung – was ist wohl spannender?

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Diese ganze Debatte, online oder analog, Zeitung oder iPad, geht in die falsche Richtung. Das (inhaltliche) Problem des Journalismus ist doch nicht, ob er gedruckt wird oder nicht. Sondern dass er in vielen Redaktion erstarrt und ritualisiert ist. Die wunderbare Facebook-Seite „Journalistensprech“ ist zwar witzig und hochgradig unterhaltsam, aber eben leider auch Beleg dafür, was sich in vielen Redaktionen abspielt. Man muss ja nicht gleich laut und polternd werden, aber was in vielen Redaktionen tagtäglich so passiert ist in etwas so inspirierend wie Fußpilz. Ich habe mir am Wochenende den Spaß gemacht und habe mal Produkte aus den verschiedenen Redaktionen meines Journalistenlebens nochmal gekauft, angehört, angeschaut. So wie sie sich heute präsentieren. Ich hatte, auch 25 Jahre später, bei den meisten das Gefühl, dass ich dort morgen wieder anfangen könnte und sich nicht rasend viel geändert hätte, außer, dass es jetzt vielleicht schnurlose Telefone gibt (was ich auch nicht bei jedem garantieren würde).

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Die Frage ist also nicht (nur), auf welchem Trägermedium was stattfindet. Ich glaube viel eher, dass Journalismus, der auf den Erkenntnissen der 80er und 90er Jahre basiert, nicht mehr funktionieren kann. Nicht in einem Umfeld, in dem Blogger (!) und auch ganz stinknormale Menschen den Zwischenhandel Journalismus immer öfter und einfacher auslassen können. Nicht in einer Zeit, in der über 90 Prozent der unter 30jährigen in irgendwelchen Netzwerken unterwegs sind, Diskussion, Rückkopplung, Kuratieren, Moderieren für viele Journalisten immer noch merkwürdige Begriffe aus irgendwelchen KoWi-Proseminaren sind. Sie müssten es einmal selbst erlebt haben: wie man möglicherweise als Blogger mal auf den Grill gelegt wird, wie man nachts noch bei Twitter oder Facebook (oder eben im eigenen Blog) noch in eine Diskussion gezogen wird. Wie man auf der anderen Seite aber eben auch selbst Themen setzen kann, wie man von Usern, Freunden, Lesern inspiriert wird. Das ist es, was Journalismus heute ausmacht. Das ist der Unterschied zwischen den Redaktionsbeamtenstuben.

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Und wenn man das mal begriffen hat, dann muss man gar nicht laut sein. Man darf nur nicht doof sein.

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5 Kommentare

  1. Das kann man doch alles kostenlos ausprobieren. Und niemand kommt mal auf den Trichter, das zu tun?
    Stattdessen teure Seminare, noch teurere Berater und deswegen kein Geld für gute Entwickler. All das, was überall im Wandel passiert ist auch eine Folge der Managerisierung, die immer das kleinste Risiko wählt.

  2. „In jedem Journalisten sollte auch ein Blogger stecken.“

    Naja, „sollte“: So weit würde ich nicht gehen. Ich denke, dass man in vielen journalistischen Sparten und Funktionen weiterhin (oder vielleicht „noch“) ganz gut leben und arbeiten kann, ohne zu bloggen.

    Das „sollte“ kann man aber sicher stehen lassen, wenn man es als Journalist mit einer internet-affinen Zielgruppe (tendenziell ein wachsender Teil der Gesellschaft) zu tun hat, besonders, wenn es eine im Internet diskussions- und beteiligungsbereite Zielgruppe (schon ein wesentlich kleinerer Kreis) ist oder wenn man als Medien-, Kultur- oder Feuilletonjournalist meint, Meinungen zu „dem ganzen Internet-Kram“ äußern zu müssen.

  3. “In jedem Journalisten sollte auch ein Blogger stecken.”

    Ich stimme zu, mache ich ja nicht immer, lieber Christian (siehe demnächst das Drehscheibe-„Extra“) ich sammle an meiner neuen Arbeitsstelle in Bayreuth gerade viele interessante Erfahrungen, und die (Innen- sowie Außen-)Wirkung des Blogs ist ebenfalls eine ganz andere als die der – in vielerlei Hinsicht reglementierten – gedruckten Zeitung. Das macht Spaß.

    http://ankommen.nordbayerischer-kurier.de/

    Und der laute Lobo, nunja, alles kann er wirklich nicht:

    http://www.lesenblog.de/2011/04/12/lobo_strohfeuer/

  4. @Volker Thies
    ja nee, is‘ klar. Mit diesem Geblogge muß man sich natürlich nur beschäftigen, wenn man die entsprechende Zielgruppe anspricht. Ansonsten sollte man lieber für ein Leistungsschutzrecht demonstrieren gehen. Ach was – demonstrieren: Petition. Per Mausklick. Sonst muß man sich zu viel bewegen.

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