Da sitzen die, die schon immer da sitzen

Ab und an interessiert es mich ja doch noch sehr, was eigentlich der „Dingolfinger Anzeiger“ macht. Das ist vermutlich nichts Ungewöhnliches, weil man ja vermutlich immer gerne weiß, was bei denen los ist, bei denen man seine ersten beruflichen Schritte gemacht hat. Das hat so ein bisschen was von Klassentreffen: Man will ja deswegen nicht gleich wieder in die Schule gehen, aber was aus all denen geworden ist, mit denen man sich durch Mathe und Physik gequält hat, will man ja doch wissen. Zumindest in unregelmäßigen Abständen. Im Falle des „Dingolfinger Anzeigers“ gibt es für mich aber noch eine Besonderheit: Wenn man sich permanent mit so tollen Dingen wie der Medienzukunft und dem ganzen digitalen Gedöns beschäftigt, dann erdet es so wunderbar, wenn man satt hipper Blogs und noch hipperer Irgendwasnetze einfach mal nachsieht, wie so die Realitäten in der journalistischen Provinz sind. Oder anders und weniger bösartig klingend: im medialen (Zeitungs)-Alltag. Den, von dem wir immer behaupten, wie sehr er sich eigentlich verändern müsste.

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Da stehen die, die schon immer hier stehen – diesen wunderbar selbstironischen Satz habe ich mal im Eisstadion meiner Wahl als Transparent gesehen (selbstverständlich in Dingolfing). Das ist beim „Dingolfinger Anzeiger“ auch nicht anders. Personell hat sich, seitdem ich vor über 20 Jahren weg bin, nicht so viel verändert. Naturgemäß an der Zeitung natürlich auch nicht, was in der Konsequenz bedeutet, dass es für einen Nostalgiker wie mich immer noch ein Traum ist, das Blatt in die Hände zu bekommen. Neumodische Entwicklungen wie beispielsweise Blockumbruch werden dort immer noch konsequent ignoriert und Trends wie den Bürgerjournalismus muss man erst gar nicht mitmachen, weil dort seit jeher der Vereinsvorstand und der CSU-Ortsvorsitzende oder mittelbegabte Hausfrauen ihre Berichte weitgehend selber schreiben und übermäßig hartes Redigieren im Normalfall auch nicht zu fürchten brauchen. Vom Internet hält man dort naturgemäß auch nicht sehr viel. Man veröffentlicht alle paar Tage mal so eine Art Leseprobe von Artikeln, immer versehen mit dem hübschen Hinweis, dass es dazu morgen in der Zeitung sehr viel mehr gibt. Es ist also alles so wie es immer war. Nur, das zwischendrin eine kleine Medienrevolution und ein bisschen Digitalisierung waren, aber das ist ja nur was für Nerds.

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Tatsächlich könnte man den „Dingolfinger Anzeiger“ als ein Musterbeispiel dafür werten, dass die Revolution noch warten kann. Dass man auch überleben kann, wenn man einfach eine Lokalzeitung macht. Der „DA“ hat keine Webseite, twittert nicht, ist wie selbstverständlich auch nicht bei Facebook und an Apps für Smartphone und iPad denkt kein Mensch. Warum auch? Nach allem, was man sich denken kann, ist das Potential derer, die ihre Lokalzeitung auf dem iPad lesen wollen, in einer niederbayerischen Kleinstadt auch nicht eben riesengroß. Davon abgesehen müsste es ja auch in Verlag und Redaktion für den Fall der Fälle jemand da ein, der sich mit diesem komplexen Kram schon mal beschäftigt hat. Ohne es beweisen zu können, würde ich sagen: Das ist nicht der Fall. Videos und so ein Zeugs gibt´s eh nicht, man macht ja schließlich Zeitung und nix anderes.

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Dingolfing

Liest irgendjemand künftig den „DA“, weil die Redaktion dort hübsch twittert? Oder bei Facebook rumturnt? Oder ein Blog schreibt? Vermutlich nein – und wenn mir der örtliche Verleger sagen würde, dass das in Dingolfing ja auch kein Mensch braucht, könnte ich ihm erstmal nicht widersprechen. Ich könnte ihm ja nicht mal sagen, wie er sein Blatt retten kann, wobei ich wahrscheinlich schon alleine für diesen Gedanken strafende Blicke bekommen würde: Warum soll bei einer Monopolzeitung in einer prosperierenden Kleinstadt überhaupt eine Rettung nötig sein? Vielleicht würde ich ihm raten, seine Zeitung langsam in ein hyperlokales Blog á la Heddesheim umzuwandeln und die gedruckte Zeitung zu einem langsam auslaufenden Modell zu machen. Aber das wäre schon alleine deswegen ein abseitiger Gedanke, weil dort niemand aus der Zeitung ein Dingolfing-Blog machen will. Man will nicht und letztendlich kann man auch nicht, weil diese Idee ein völlig neues Verständnis von Lokaljournalismus voraussetzen würde. Und weil sie letztendlich das Ende des gewohnten Redaktionsalltags bedeuten würde, der irgendwann morgens um 9 beginnt und abends so gegen 18 Uhr endet und inhaltlich im Wesentlichen aus der guten alten „Berichterstattung“ besteht.

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Sieht man davon ab, weiß ich nicht mal, ob das funktionieren würde. Das bisherige, typische Lokalzeitungspublikum will ganz bestimmt keinen digitalen „DA“. Und das junge Publikum, das der Zukunft also? Inzwischen begegnet man sogar in Dingolfing der halben Stadt bei Facebook. Oder sonstwo im Netz. Ich habe keine Ahnung, ob man diese Generation überhaupt noch für ein althergebrachtes und letztendlich auch altbackenes publizistisches Modell noch interessieren kann. Ob diese Generation nicht einfach schon den „Dingolfinger Anzeiger“ uncool findet, weil es der „Dingolfinger Anzeiger“ ist. Ob also nicht, kurz gesagt, der Zug für den „DA“ und viele andere Regionalblätter lange abgefahren ist, weil man viel zu lange gedacht hat, es gebe jetzt neben den konventionellen Medien eben jetzt auch dieses Internet.

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Der „DA“ ist ein Quasi-Monopolblatt. Nennenswerte Konkurrenz hat er nicht. Der Stadt geht es gut, mit BMW ist ein Unternehmen vor Ort, das mhr Arbeitsplätze bietet (21.000) als die Stadt überhaupt Einwohner hat (19000). Die Einwohnerzahlen explodieren nicht gerade, aber sie steigen wenigstens langsam. Beste Voraussetzungen also für eine Lokalzeitung. Laut IVW hat der „DA“ zwischen dem 1. Quartal 2010 und dem 1. Quartal 2011 rund 160 Abonnenten verloren.

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3 Kommentare

  1. Hey Christian! hättest als Beispiel schon einen von meinen Artikeln nehmen können 🙂

  2. „Laut IVW hat der “DA” zwischen dem 1. Quartal 2010 und dem 1. Quartal 2011 rund 160 Abonnenten verloren.“

    Das entspricht -1,63%.

    Bei der Rhein-Zeitung z.B. mit ihrer hochgelobten,aufwändigen Social Media-Strategie waren es -1.89%.

    So what?

  3. Der „Dingolfinger Anzeiger“ ist überall in der Provinz. Meiner heißt „Gandersheimer Kreisblatt“ und ich sehe ihn immer, wenn ich bei meinen Eltern zu Besuch bin. Geändert hat sich in den 30 Jahren, seitdem ich nicht mehr in der Kreisstadt wohne, so gut wie nichts. Noch immer ist Blockumbruch ein Fremdwort, hat noch niemand etwas von einer tragenden Optik gehört, gibt es kaum kritische Töne in Richtung Rathaus und Politik und werden die Seiten mit Feuerwehr-Aufstellfotos vollgepflastert. Die Leser sind mehr als unzufrieden, mangels Alternative aber auf das Blättchen angewiesen. Zwar gibt es einen Internet-Auftritt, aber was nützt das, wenn die Qualität dem der Printausgabe entspricht. Nichts Neues also in der Provinz, und es sieht nicht so aus, als ob sich daran in nächster Zeit etwas ändert.
    Gruß,
    Susanne Peyronnet

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