Lokal, sozial, egal: Raus aus H.9.2.264, Innenpolitik!

Zumindest für eines sind die Medientage in München richtig gut: Man kann anhand ihrer Claims wunderbar feststellen, ob die Themen, mit denen man sich in den letzten Jahren beschäftigt hat, relevant waren. Rückblickend, versteht sich. Man mag es mit der schieren Größe der Veranstaltung und der Branche begründen, dass solche Events nix für Innovatoren sind, trotzdem: Die Medientage bringen es in sensationeller Kontinuität fertig, immer exakt zwei Jahre hinter den Entwicklungen herzuhecheln. Auch eine Kunst, wenn man so will. Jedenfalls hat man sich in diesem Jahr für das Motto „Lokal, sozial, mobil“ (oder umgekehrt) entschieden, womit signalisiert werden soll, dass man leider vermutlich inzwischen über dieses Internet ein bisschen hinausdenken muss. Schade, wo man sich doch gerade erst an diesen Netzgedanken gewohnt hatte.

 

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Auf dem Weg zu diesen Medientagen, zu denen mich eine innige Hassliebe verbindet, fällt dem Vielreisenden eine frappierende Veränderung auf, die man sicher auch wissenschaftlich belegen könnte. Man kann sich allerdings auch mal einfach auf ein Bauchgefühl und ein bisschen Beobachtungsgabe verlassen. Früher (also: vor ca. zwei Jahren) mobil und viel unterwegs zu sein, das bedeutete, immer auf Zeitungsrücken zu starren. Heute habe ich im Zugabteil mal gezählt: drei iPad-Leser, zwei mit Smartphone, irgendein anderes Tablet war auch noch dabei. Und eine , genau eine gedruckte „Süddeutsche“. Das ist ziemlich interessant, zumal angesichts einer neuen Studie, die behauptet, die Menschen würden sich, sofern sie Tabletnutzer sind, noch mehr für Nachrichten und Journalismus und Lesestoff interessieren, als sie es ohnehin schon getan haben. Man kann also lange lamentieren über Tablets und sich die Ablehnung des iPads auch zur billigen Attitüde machen, letztendlich ist das nur eine reaktionäre Realitätsverweigerung. Tatsächlich besteht kaum ein Grund, mobile Medien als Bedrohung oder als Ding für Deppen zu sehen. Zeitungen und Bücher waren schließlich auch immer mobil. Insofern haben sie schon recht bei den Medientagen, sich jetzt auch mal mit der Mobilität zu beschäftigen. Ein Massenmarkt ist das Thema ohnedies, wenig überraschend übrigens. Schon 2008 kamen die ersten Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass spätestens 2014 mehr Menschen mobil als stationär auf das Netz zugreifen.

 

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Es ist allerdings immer noch das alte Lied in vielen Häusern. Angebote für mobile Plattformen sind häufig das Abfallprodukt des konventionellen Onlinegeschehens. Immer noch keine App, keine Idee, wie man welche Inhalte wohin bringt? Schwierig, aber auf der anderen Seite auch nicht verwunderlich, wenn die Geisteshaltung gegenüber dem Netz vor allem im Bewahren und Verweigern besteht. Zu befürchten ist ja irgendwie nur, dass es in zwei oder drei Jahren wieder das große Wehklagen gibt, dass andere, größere und schnellere den Rahm im mobilen Markt abschöpfen. Böses Google, böses Apple. Vermutlich brauchen wir dann wieder ein bisschen mehr Regulierung oder ein europäisches Google oder andere Formen der Abschottung. Komisch, wo es doch ein bisschen Schnelligkeit auch schon täte. Zumindest für den Anfang.

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Lokal also, das ist der zweite große Trend, den sie bei den Medientagen ausgemacht haben wollen. Man würde angesichts dessen erst mal begeistert in die Hände klatschen wollen, lokale Themen sind so etwas wie ein journalistisches perpetuum mobile. Wer nicht gerade Misanthrop oder anderweitig gestört ist, interessiert sich für das, was in seinem Umfeld passiert, nahezu zwangsläufig, Man müsste demnach davon ausgehen, dass künftig vor allem die Lokalredaktionen enormen personellen Zulauf und gewaltige finanzielle Ausstattung erhalten werden. Anzunehmen auch, dass sie speziell für lokale Anwendungen und soziale Medien eine Menge neuer Instrumente und Inhalte entwickeln werden. Ach, Sie lächeln gerade müde und denken sich: das glaubt der doch selbst nicht? Mit letzterem haben Sie recht. Warum das allerdings so ist, darüber dürfen Sie gerne selbst nachdenken.

 

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 Weil wir gerade in diesem Kontext sind: sozial, ja, das große Thema – vor zwei Jahren. Damals galt es noch als aufregend, wenn Medien plötzlich sich in den großen Netzwerken tummelten. Eine Redaktion bei Facebook? Eine grandiose Idee, damals jedenfalls. Inzwischen ist das Standard, vermutlich ist der Recklinghäuser Bote inzwischen auch in Zuckerbergs Reich angekommen. Schlechte Zeiten also zum einen für Social-Media-Berater, aber auch für die Medientage und all jene, die sich ernsthaft zu diesem Thema noch halbwegs neue Erkenntnisse erwarten. Ja, es ist Standard und auch weiterhin verpflichtend, sich in den sozialen Netzen zu bewegen. Der Denkfehler ist – interessante Analogie übrigens zum Thema Lokaljournalismus – zu glauben, Präsenz sei ausreichend. Zu glauben, dass es beeindruckend sei, wenn man bei Facebook vertretend ist. Man muss das schon leben, sowohl die sozialen Netze als auch die lokalen Inhalte. Man erzählt das schließlich jedem Lokaljungredakteur schon seit vielen Jahren: Lokaljournalismus funktioniert anders als das Abarbeiten von Agenturmeldungen in der Nachrichtenredaktion. Man muss sich für die Menschen dort interessieren, man muss die Gegend, in der man arbeitet, verstehen, verinnerlichen, und ja, auch das: mögen. Nicht sehr viel änders wäre das mit den sozialen Medien, die man ebenfalls verstehen, verinnerlichen und mögen müsste. Demnach sollte das Leben in diesen Netzen mehr sein als nur das Linkschleudern und das Ankündigen von irgendwas. Die Realität ist vielerorts eine andere.

 

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Vielleicht ist es also das, was an diesen atemlosen Events wie den Medientagen so einigermaßen sinnlos ist. Jedes Jahr stellt man die Veranstaltung unter wohlklingende Schlagworte, lokal, sozial, digital, medial, genial. Der größte Schlagwortumsichwerfer hat die meisten Schlagzeilen, Tweets (wollen wir am Wochenende mal vergleichen?). Klingt gut, führt nur leider am Kernproblem vorbei. Was Journalismus bräuchte (Achtung, Pathos!) wäre so etwas wie eine neue Kultur, eine neue Haltung. Kommunikation als Haltung beispielsweise. Transparenz, Offenheit, neue Wege, Information mit den Menschen und nicht nur für sie zu machen. Raus aus den Glaspalästen und den Hochhäuserm, raus aus den Chefredakteurs-Glashäusern und den Ressortleiterbüros mit so prächtigen Türschildern wie „H.9.2.264, Innenpolitik“. Dass Journalisten (nicht Journalismus, wohlgemerkt) konventioneller Prägung ein Problem haben, liegt in erster Linie daran, nicht an Tablets, an Facebook, nicht an Google oder Apple.

 

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Die Medientage finden übrigens auf dem Münchner Messegelände statt. Viel Glas, sehr weit draußen, sehr steril. Eine sehr, sehr eigene Welt. Analogie erkannt?

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2 Kommentare

  1. Man macht uebrigens zu viel mit Webvideo, wenn man bei der Ueberschrift irgendetwas mit Videocodecs erwartet und sich fragt, wofuer das 9.2. steht.

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