Lieber Spiegel…

…von euch war in letzter Zeit zu hören, es gebe da ein paar Debatten. Über Bezahlschranken und so. Darüber, dass das pöse Internet der gedruckten Ausgabe Leser wegnimmt, was man an Zahlen angeblich gut messen kann. Das Netz legt zu, Print verliert, das nennt man dann Kausalzusammenhang. Ein anderer Kausalzusammenhang wäre es demnach, die Onlineleser bezahlen zu lassen, damit entweder mehr Geld direkt online reinzubekommen — oder die Leser dazu zu bringen, wieder vermehrt das Heft zu kaufen, zumal jetzt auch sehr viel weniger oder aber gar keine Geschichten aus dem Blatt mehr im Netz landen sollen. Das klingt auf den ersten Blick angesichts der vielzitierten „Kostenloskultur“ im Netz so mutig wie naheliegend. Irgendjemand muss dem Volk da draußen ja klar machen, dass man den guten Journalismus nicht dauernd kostenlos haben kann.

In dem Zusammenhang war ich natürlich sehr auf euer aktuelles Heft gespannt, weil ich mir dachte, es könnte sich ja lohnen, dieses Ding, das ich seit Jahren abonniert habe, mal unter diesem Aspekt anzuschauen (um dann ggf. Geld zu sparen und künftig nur noch SPON zu lesen, wenn man tatsächlich so simpel Geld sparen kann). Als erstes habe ich mich auf die Facebook-Geschichte gestürzt, weil sie mich zum einen interessiert und es zum anderen immer lustig ist, wenn der „Spiegel“ über das Netz schreibt. Viel Grund zum ärgern gab es allerdings nicht, weil die Titelgeschichte weitgehend erkenntnisfrei über etliche Seiten dahin lief. Man weiß jetzt, dass Facebook zwar keine Gebühren verlangt, dafür aber Daten seiner Nutzer verschachert. Und dass sich sogar schon Kinder dort rumtreiben. Dass es gar nicht mal gesagt ist, dass das Wachstum von Facebook ewig so weiter geht. Und schließlich noch, dass auch andere der einstmals großen Netzwerke schon mal den Bach runtergegangen sind. Ich finde es übrigens in diesem Zusammenhang immer wieder erstaunlich, wie eine Redaktion etliche Seiten mit hübschen Satzgirlanden und netten Erzählungen vollbekommt, ohne irgendwas Neues zu schreiben. Das fand ich schon bei eurer Titelgeschichte über Kampfradler bemerkenswert: liest sich alles nicht mal schlecht, hat aber den Nährwert von Knäckebrot.

Und es gibt die Geschichte über Norbert Röttgen; eine dieser Geschichten über wahlkämpfende Wahlkämpfer, die im „Spiegel“ immer dann auftauchen, wenn Wahlkampf ist (also nahezu wöchentlich). Muster solcher Geschichten ist meistens, dass der Wahlkämpfer irgendwo in der Provinz komische Veranstaltungen besuchen muss und da nicht glücklich ist. Deswegen ist es nicht so erstaunlich, dass Norbert Röttgen in dieser Geschichte irgendwo in er Provinz sitzt und man ihm anmerkt, dass er jetzt eigentlich viel lieber Kanzler wäre.

Im Sport erfahren wir schließlich in einer etwas länglichen Geschichte, dass Borussia Dortmund in Dortmund einen quasireligiösen Status hat. Da wäre man von alleine gar nicht so drauf gekommen. Das Interview mit Phillip Lahm ist die Wiedergabe braver Sätze eines Musterschülers, der es irgendwie wichtig findet, sich zu informieren, die Entscheidung über alles anderen aber dann gerne anderen überlässt. Das ist schon ok so, was der Phillip da erzählt, aber muss man das jetzt wirklich über zwei Seiten hinweg lesen?

Was ich sagen will, bevor ich einen ähnlich unverbindlichen Plauderton wie der gedruckte „Spiegel“ gerate: Vielleicht wäre es ja mal eine Idee, die Zahl der wirklich starken Geschichten, für die der „Spiegel“ mal stand, wieder zu erhöhen. Geschichten, bei denen man den Eindruck hat, dass sie diese beinahe 4 Euro wert sind, die das Blatt inzwischen kostet. Altbekanntes über Facebook jedenfalls, da bin ich mir sicher, wird eure Auflage nicht erhöhen. Nicht mal dann, wenn ihr „Spiegel Online“ auf der Stelle zusperrt.

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2 Kommentare

  1. Vermutlich kannte der Redakteur den Inhalt des Überraschungsvortrages, den Sascha Lobo auf der re:publica gehalten hat:
    Irgendwie müssen wir doch uns auch um die 30% kümmern, für die dieses Internet noch nicht Teil des realen Lebens geworden ist.
    Aber Spaß beiseite: Auch als Ex-Abonnent lese ich SPON nur sehr selten. Die Verkaufszahlen sind, was meine Lesegewohnheiten angeht, nicht wegen des Onlineportals des SPIEGEL gesunken, sondern wegen der anderen und täglich zahlreicher werdenden Möglichkeiten, sich im Netz zu informieren.
    Auf SPON lese ich höchsten den Herrn Lobo oder tu mich mal um, wenn ich Lust auf Boulevardthemen in ganzen Sätzen habe.

  2. Gute Spiegelkritik. Aber: Knäckebrot hat eigentlich einen ganz ordentlichen Nährwert. 100g ca. 350 Kalorien. Sind ja viele reine Kohlehydrate.

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