Mit den Hangouts von Google kann man jetzt auch „on air“ gehen. Das heißt, man macht damit jetzt potenziell nicht einfach nur ein paar Videokonferenzen, sondern man kann damit jetzt regelrechte Sendungen produzieren. Sehr viel einfacher geht´s nicht: Man veranstaltet einen solchen Hangout und Google lädt das ganze Ding danach auf das eigene YouTube-Konto hoch (sofern vorhanden).

 

Das ist eine ziemlich wunderbare Sache, selbst wenn man zugesteht, dass die Hangouts (ich weiß es noch zu gut aus den Rundshow-Zeiten) zu einem steten Quell des Ärgernisses werden können. Trotzdem sind die Optionen, die diese Technologie bietet, für Journalisten und Redaktionen atemberaubend. Mir fielen auf den Schlag mindestens zehn Anlässe ein, zu denen ich solche Hangouts versuchen würde, wenn ich jetzt noch Chef einer Lokalredaktion oder irgendwas vergleichbarem wäre.  Das allerdings soll gar nicht der Punkt sein – sondern eher eine Wette:

Ich wette, wir werden in den kommenden zwei Jahren diese Technologie bei keinem der mittleren, konventionellen Online-Angebote der Tageszeitungen sehen.

Warum diese Wette – und warum steht das hier?

Weil, erstens: Immer, wenn ich mit Zeitungsmenschen diskutiere, dann höre ich, wie unrecht ich und viele andere ihnen tun. Wie fortschrittlich sie doch sind. Wie wenig angebracht die Kritik von uns „Bloggern“ (bitte lesen Sie hier einen leicht verächtlichen Unterton mit) sei.  Dass sie doch in Wirklichkeit völlig auf der Höhe der Zeit seien und das mit dem Internet sehr viel besser begriffen hätten als man gemeinhin denken könnte.

Weil, zweitens: Es soll ja jetzt bald dieses neue Leistungsschutzrecht geben, dass die Erzeugnisse der Verlage unter einen ganz besonderen Schutz stellt. Meine These ist: Viele Verlage haben sich im formaljuristischen Abwehrkampf gegen „das Neue“ so abgenutzt, dass sie die Chancen, die dieses „Neue“ bietet, gar nicht erkennen. Lustig in diesem Zusammenhang übrigens: Das wäre eine dieser Optionen, sich dieses böse Google zunutze zu machen, als es mit Gesetzen zur Strecke bringen zu wollen. Kann natürlich aber auch sein, dass irgendjemand eine Klage einreichen wird, weil Google ja jetzt quasi auch noch Rundfunk macht. Denkt mal drüber nach, Freiheitskämpfer bei der FAZ oder Christoph Keese – muss da nicht eigentlich nochmal ein neues Gesetz her?

Weil, drittens: Wirklich interessant ist es ja, dass Innovationen und Ideen so selten aus den Verlagen kommen. Warum gab es eigentlich nie ein „Rivva“ aus einem Verlag? Sind Dinge wie „Hangout on air“ wirklich eine Sache, die man in einem innovativen, ideenreichen Verlag nie hätte entwickeln können?

Weil, viertens und letztens: Deutschlands Journalisten (und da keineswegs nur die bei den Zeitungen) kleben ungemein gerne an der Vorstellung, ihr Job und somit anständiger Journalismus sei lediglich das, was in den bisherigen Darstellungsformen so Usus sei. Heute las ich bei Facebook ein interessantes Posting eines Mitglieds einer Chefredaktion einer bayerischen Tageszeitung mit dem Vermerk „Was Lokolaredaktionen so alles leisten“. Gemeint war damit ein Liveticker zu einer örtlichen Bürgermeisterwahl. Wenn man also einen Liveticker zu irgendwas schon für eine erwähnenswerte Leistung hält, dann ist offenkundig, wie weit man von Gedanken wie beispielsweise Kuration, Moderation oder Dialog entfernt ist. Dass ein Hangout mit Nutzern beispielsweise auch eine Form von journalistischer Leistung und journalistischer Notwendigkeit ist, wird wahrscheinlich heute noch von 90 Prozent der Redakteure in den Blättern rundheraus bestritten. Wenn man soziale Netzwerke schon für eine Abart des Journalismus hält, was ist dann erst mit der Idee, öffentlich mit anderen zu reden?

(Und schließlich noch der kleine Hinweis für die Wette: Ich würde sueddeutsche.de davon ausnehmen, den einen oder anderen Großanbieter auch, von den regionalen Blättern ausdrücklich die Rhein-Zeitung und den einen oder anderen auch, den ich jetzt gerade vergessen habe. Ansonsten: Hält wer dagegen?)

 

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4 Kommentare

  1. Leser-/Nutzerbindung und innovative Ansätze sind wichtig – enorm wichtig. Dennoch werden sich die meisten klugen Redaktionen momentan eher darauf konzentrieren, Geld zu verdienen. Und dazu gehört die Vermarktung von Videos auf der eigenen Plattform – die einfach wichtiger ist, als Google bei der Reichweitensteigerung zu helfen. Hangouts sind insofern allenfalls eine (nette) Ergänzung, gerade für kleine Redaktionen…

  2. Ich (Name d. Red. bekannt) nehme die Wette an.

    Seit es die Hangouts für Privatpersonen und On Air für ausgewählte Youtube-Partner gibt fiebere ich den Hangouts On Air für Unternehmen entgegen. Dass die Hangouts On Air erstmal nicht für Deutschland eingeführt wurden, war eine kurzzeitige Enttäuschung. Mit dem kürzlichen Rollout freue ich mich auf die neuen Möglichkeiten.

    Schon vor Ihrem Blogpost habe ich erste Einsätze geplant. Livestreams (mit Einbindung der Nutzer) und Experten-Chats werden in Kürze folgen, um erste Erfahrungen zu sammeln. Weil die Hangouts auch vom Smartphone aus machbar sind, werden sich vermutlich nach den „Testläufen“ spontane Einsatzmöglichkeiten – vielleicht bei Demos oder Festen – bieten.

    Die genannte Rundshow war zwar eher ein abschreckendes Beispiel, was die sinnvolle Einbindung von Hangouts und deren technische Anfälligkeit anbelangt. Trotzdem möchte ich es als Online-Redakteur einer Tageszeitung mal ausprobieren.

    Jetzt stellt sich nur noch die Frage, was überhaupt der Wetteinsatz ist?

  3. Danke für den Hinweis, die Rhein-Zeitung von der Wette auszunehmen. Tatsächlich habe wir damit schon experimentiert und einen Hangout bei einer Fortbildung mit Journalisten eingesetzt. Ich weiß, dass auch andere Verlagshäuser diese Dinge ausprobieren – daher halte ich der Wette stand. In den nächsten zwei Jahren werden mehrere Häuser mit ihren Korrespondenten auch im Lokalen auf die Art und Weise über ihre Themen sprechen. Teils vor ihren Lesern, teils intern. Ganz sicher.

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