Wie Journalismus zum Livestream wird

Drei Tage voll dramatischer Ereignisse: Die Bedeutung von Echtzeit-Jouralismus ist uns gerade drastisch vor Augen geführt worden. Resultat: Livestream ändert schon wieder alles…

Es war ja zu erwarten, dass sich die Frage stellen würde: Was darf man alles mit diesen Livereporting-Tools, die uns mittlerweile zur Verfügung stehen? Dass man mit Facebook Live et al enorm viele Dinge machen kann, stand ja nie außer Frage. Wenn man die Ereignisse in Nizza, in Istanbul und in Würzburg betrachtet, dann ist eben auch die Verantwortung, die Journalisten für ihre Live-Auftritte fragen, ein Aspekt dieses Themas Live-Reporting.

Schneller als TV jemals sein wird

Vorweg: Nizza, Istanbul und Würzburg zeigen, wie schnell und intensiv Live-Tools den Journalismus verändern. Wie sehr er sich wegbewegen wird von starren Gebilden wie linearem TV oder auch Radio. Sie müssen ganz andere Apparate in Bewegung bringen als jemand, der vor Ort nur den Record-Button von „Facebook Live“ betätigen muss. Diesen Wettbewerbs-Nachteil werden sie nie ausgleichen können. Weswegen auch die  Forderung, ARD und ZDF bräuchten einen eigenen Nachrichtenkanal, unsinnig ist. Erstens gibt es es bereits „Tagesschau 24“ und zweitens: Auch ein solchen Nachrichtenkanal wird nie so schnell sein können wie ein Livestream im Netz. Was Fernsehsender also bräuchten, wäre ein effizientes Zusammenspiel zwischen TV und Online.

Journalisten werden sich eher früher als später mit dem Echtzeit-Thema beschäftigen müssen. Die Kritik, die insbesondere ARD und ZDF nach der Putsch-Nacht in der Türkei einstecken mussten, war ja nicht völlig unberechtigt. Und sie hat auch etwas offengelegt:  den gewachsenen Anspruch der Nutzer an Sofort-Information. Das mag in manchen Fällen zweifelhaft sein. Ändert aber nichts daran, dass dieser Anspruch in der Welt ist. Das Netz und sein Tempo haben den Journalismus mehr verändert als wie wir uns das hätten vorstellen können.

Livestream ist nicht immer die beste Idee

 

Wie aber geht man damit um? Zweifelsohne ist es keine Option, bei allen Ereignissen sofort live zu streamen. Momentan sieht es aber vielleicht gar nicht so schlecht aus für den Journalismus: Richard Gutjahr, in Nizza zufällig vor Ort, hat sich bewusst gegen einen Livestream entschieden, die Bilder aus der Türkei blieben im Rahmen – und auch die Kollegen der Mainpost in Würzburg sind verantwortungsvoll mit diesen neuen Möglichkeiten umgegangen.

Livestream Mainpost

Überhaupt die „Mainpost“: dickes Kompliment! Ich hatte ja erst unlängst noch meiner Verzweiflung über die Unfähigkeit von Regionalzeitungen beim Hochwasser in Niederbayern ziemlich drastisch Ausdruck verliehen. Die Würzburger Kollegen haben gezeigt, wie man guten (Lokal-)Journalismus im Jahr 2016 machen kann: Die Redaktion arbeitete bis in die Nacht. Sie nutzte soziale Netzwerke und Live-Videos. Und sie tat dies so unaufgeregt und dem Anlass angemessen, als würde sie nie etwas anderes machen. Keine fragwürdigen Spekulationen, keine Hektik, hoher Informationswert – so einfach und gut kann Journalismus auch in komplexen Zeiten sein!

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