Äste? Überschätzt!

Mit schlechten Rahmenbedingungen werden einfach nur Leute schlecht behandelt? Unfug. Der Journalismus könnte sich, wenn es so weiter geht, leider um seine eigene Zukunft bringen.

Zu den Segnungen des zunehmenden Alters gehört es, dass man um Ratschläge gebeten wird, die man nur geben kann, wenn man ein bestimmtes Alter erreicht hat. Ich bin jetzt in einem Alter, in dem man schon alleine deswegen gefragt wird, weil ich vermutlich über einen gewissen Erfahrungsschatz verfüge, ob mir das jetzt passt oder nicht.

Eine der Fragen, die mir gerne gestellt werden, lautet: Lohnt es sich noch, Journalist zu werden?

Früher hätte ich auf diese Frage eine simple Antwort gehabt: Ja, auf jeden Fall. Aber früher war früher und weil früher früher und vieles auch tatsächlich sehr viel einfacher war, wurde diese Frage früher ja auch so gut wie nie gestellt. Umgekehrt kann man sich also leicht ausrechnen,  dass es für die auffällige Häufung dieser Frage auch Gründe geben muss. Und weil das zweifelsohne so ist, habe ich heute auf diese Frage immer zwei Antworten parat.

Die eine geht so: Journalismus ist unverändert einer der aufregendsten und wunderbarsten Jobs, die man sich vorstellen kann. Es ist einer dieser seltenen Glücksfälle, in denen man eine spannende Tätigkeit mit dem guten Gefühl verbinden kann, irgendwas Sinnvolles zu tun, von dem im Idealfall auch noch andere profitieren. Man sieht im Idealfall ein bisschen was von der Welt, man lernt interessante Menschen kennen, jeder Tag ist ein bisschen anders und wenn es dann noch richtig gut kommt, dann verdient man dabei sogar noch ziemlich passabel Geld. Es ist zwar seit jeher so, dass man jungen Journalisten sagt, dass sie, wenn es ihnen hauptsächlich ums Geld geht, besser einen anderen Job machen sollten. Aber weil man ja nicht nur arbeiten, sondern auch ganz gut leben will, ist es angenehm, wenn der Job ein gutes Auskommen sichert. Man ist ja nicht als Franziskaner auf die Welt gekommen.

Klar, das ist der Idealfall. Schon immer gewesen. Natürlich gab es auch im Journalismus schon immer Dinge, die man nur so mittelgut finden konnte. Und nicht jeder Job in einer Lokalredaktion war (und ist) so prickelnd, als dass man jeden Morgen mit Hurra an den Schreibtisch geht. Aber das gibt es ohnehin in keiner einzigen Branche. Weswegen mein „Ja“ zu diesem Job so gesehen immer noch mit gutem Gewissen kommt.

Mittlerweile gibt es aber noch eine andere Antwort. Die ist nach 30 Jahren in diesem Job naturgemäß nicht mehr ganz so euphorisch. Aber nicht nur diese 30 Jahre und die damit zwangsweise einsetzenden Ernüchterungen haben damit zu tun. Sondern auch die Tatsache, dass sich in diesen 30 Jahren vieles verändert hat. Manches davon ist großartig. Vieles hat Schattenseiten. Solche Schattenseiten, die ich jemandem, der mich danach fragt, nicht mehr verschweigen würde. Diese Seiten haben – ganz unromantisch – viel mit den Rahmenbedingungen zu tun,  unter denen dieser Beruf inzwischen stattfindet.

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Unlängst habe ich mich mit einem Freund und Kollegen unterhalten, der viel fürs TV produziert. Irgendwann mitten im Gespräch mussten wir beide erst herzhaft lachen, um danach festzustellen, dass das gar nicht zum lachen, sondern eher traurig ist. Wir hatten beispielsweise festgestellt, dass es bei uns in der Branche durchaus üblich ist, mit seinen Ideen und seiner Arbeit in Vorleistung zu gehen, ehe man eventuell und vielleicht einen Auftrag daraus generieren kann. Das sollte man mal einem Rechtsanwalt oder Steuerberater sagen: Schreiben Sie uns doch mal ein paar Entwürfe der Klageschrift oder der Steuererklärung, danach entscheiden wir dann, ob wir sie nehmen. Der wird herzlich lachen, der Anwalt. Weil er es sich tendenziell sogar leisten kann, Vorschüsse zu kassieren, ehe er überhaupt mit seiner Arbeit beginnt.

In unserer Branche hingegen haben sich merkwürdige Dinge eingebürgert. Man sagt jungen Kollegen in de Redaktionen schon mal allen Ernstes, dass unserer Beruf einer sei, in dem man nicht auf die Uhr schaue. Und einer, in dem der Spaß an der Freud immer noch mehr zähle als der monatliche Kontoauszug.  Das ist zwar tendenziell nicht von der Hand zu weisen und im Grunde hat man mir als jungem Volo auch schon ähnliche Dinge erzählt. Aber als Dauer-Begründung für ungefähr alles geht das dann doch irgendwie nicht durch. Auswüchse wie die „HuffPo“, die Bloggern mit dem Verweis auf die Reichweite kostenlos Texte abnimmt, sind zwar selten, aber dennoch: Die Begründung, man habe leider für sowas wie Journalismus gerade nicht so wahnsinnig viel Budget übrig, hört man immer wieder gerne mal.

Zumal, so viel Defätismus erlaube ich mir nach 30 Jahren im Job dann doch: Besser sind der Journalismus und die Branche durch Dinge, die manchmal nahe an der Selbstausbeutung sind, nicht geworden. Natürlich kann man beispielsweise Lokalsender mit Leuten betreiben, der Monatsverdienst knapp überhalb des Existenzminimums ist. Natürlich kann man Zeitungen mit Journalisten machen, die einen Tagessatz von 100 Euro bekommen. Aber erstens darf man dann halt vom fertigen Produkt nicht mehr ganz so wahnsinnig viel verlangen. Und zum anderen wird die gesamte Branche durch diese Trends gerade für junge und begabte Einsteiger nicht unbedingt attraktiver. Ich habe mir früher oft gedacht, dass es doch eigentlich gar keine Frage ist, ob man jetzt Journalist werden oder PR oder Kommunikation machen will.

Um ehrlich zu sein: Ich weiß nicht, ob ich heute, stünde ich nochmals vor der Wahl, diese Frage in derselben Eindeutigkeit für mich beantworten würde. Journalismus ist eine sehr feine Sache und dass er irgendwie wichtig ist, bestreitet ja auch niemand, der noch halbwegs bei Verstand ist. Aber man muss es sich heute erstmal leisten können, Journalist zu sein. Das ist ziemlich irre, wenn man so etwas sagen muss. Ändert aber nichts am Wahrheitsgehalt dieser Feststellung. Nur, dass man von uns Journalisten immer noch eine gewaltige Portion Idealismus verlangt, mit der wir unseren Job machen und möglichst nicht über teilweise miserable Bedingungen klagen sollen. Ich weiß jedenfalls nicht, was der Steuerberater sagen würde, wenn man ihm schlechte Stundensätze damit begründen würde, dass er ja zum einen einen schönen und dann auch noch einen für die Gesellschaft relevanten Beruf ausübt.

Die Antwort auf die Frage nach diesem Beruf müsste also mindestens noch lauten: Man muss inzwischen neben den Eigenschaften, die man schon immer mitbringen musste, noch ein paar andere im Gepäck haben. Beispielsweise die Bereitschaft, neben dem Interesse an Journalismus auch Lust an Veränderung zu haben. Beispielsweise ökonomisches Interesse, weil sich mit dem Journalismus und den Medien auch deren Geschäftsmodelle wandeln. Die Fähigkeit, Durststrecken zu überstehen. Ausdauer und viel Optimismus, um damit umgehen zu können, wenn sich mal wieder von einem Tag auf den anderen alles ändert. Und trotz allem das Wissen, dass die Chance, als Journalist reich zu werden, noch geringer ist als vor 30 Jahren.

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Trotz meines mir selbstverständlich angeborenen Optimismus und meines unfassbar riesigen Idealismus: Ich bin unsicherer denn je, ob es in Zukunft genügend Menschen geben wird, die all das auf sich nehmen, nur um einen interessanten Job machen zu können, der noch dazu an nicht ganz wenigen Orten auch zunehmend uninteressanter wird. Ich glaube mittlerweile fast eher daran, dass es möglicherweise erst so eine Art reinigendes Gewitter geben muss. Weil es natürlich momentan immer noch jemanden gibt, der einen Tag auch für 80 Euro arbeitet. Weil es immer noch genügend Medienschaffende gibt, die die Sache mit der Vorleistung als ganz normal ansehen. Weil viele Medienhäuser immer noch mit drögem Sparen als vermeintliche Antwort auf die Krise durchgekommen sind. Wer beispielsweise sieht, wie in den letzten 15 Jahren nahezu jede Tageszeitung ihre Umfänge erheblich reduziert, Personal abgebaut und gleichzeitig Preise erhöht hat, der weiß, was ich meine.

Solange dieser Dreiklang immer noch funktioniert, wird Journalismus als Beruf zunehmend unattraktiver werden.

Ich weiß, das ist nicht gerade eine schöne und mutmachende Antwort auf die Frage nach der Zukunft. Aber wenigstens eine ehrliche.

 

 

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3 Kommentare

  1. Ehrlich, und leider erschreckend richtig. Und dabei hast du die zunehmend schlechter werdende Ausbildung noch gar nicht erwähnt. Damit könnte man viel(e) gewinnen, wenn man wollte.

  2. Sehr sehr viel wahres dabei. Als ich mich vor 5 Jahren für den Studiengang Online-Journalismus entschieden habe, gab es nichts anderes als den Traum Journalistin zu werden. Es war mir egal, wie schlecht uns die „Lage“ damals schon vor Augen geführt wurde: Schlechte Bezahlung, ungewisse Zukunft, Ausbeutung, wenig Stellen: Die Leute, die sich damals für den PR-Schwerpunkt entschieden haben konnte und wollte ich nicht so recht verstehen. Nach einigen Praktikas, Werkstudententatigkeiten, ein Auslandsaufenthalt und den abgeschlossenen Master war ich nun auf Jobsuche. Und schon davor wusste ich, dass der Traum von vor 5 Jahren längst Geschichte ist: ich habe diesen Wunsch verloren auf dem Weg durch mein Studium: umso mehr ich Teil der Branche wurde, umso weiter weg habe ich mich davon bewegt. bei meinen Bewerbungen war eine davon auf eine journalistische Stelle: bei einem Telefoninterview wurde ich 20 Min regelrecht fertig gemacht, dass ich aufgrund fehlender Berufskontakte nichts wert und eine 80h/ Woche der Alltag wäre. Die Bezahlung war für eine Vollzeitstelle in München unter aller Kanone.

    Heute habe ich eine Stelle alsJunior PR-Beraterin unterschrieben, was ich vor 5 Jahren nie gedacht hätte. Aber es fühlt sich richtig an.

    LG.

  3. Dabei nicht zu vergessen bitte auch die Tatsache, dass immer mehr Redaktionen auf freie Autoren setzen, denen man kein Gehalt, dafür nur eine Art „Prämie“ zahlen muss. So lässt sich alles einsparen, was guten Journalismus ausmacht…

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