Pest im Focus

Wenn man wissen will, was im Onlinejournalismus alles schief läuft, muss man praktischerweise nur ein Beispiel nennen: Bei „Focus Online“ haben Sie sich anscheinend vorgenommen, auf eine ganz spezielle Art in den Lehrbüchern zum Thema Journalismus aufzutauchen…

focus online

Unlängst war es soweit: Laut AGOF hat „Focus Online“ die Freunde von „Bild.de“ als reichweitenstärkstes Newsportal abgelöst. Zumindest dann, wenn man die Zahl der „Unique Visitors“ als Maßstab nimmt. Das führte zu einer ganzen Reihe hämischer Kommentare und lustigerweise befand man sogar bei „Bild.de“, dass die Kollegen aus München alles machen würden, wenn es denn klickt.  Tatsächlich muss man kein intimer Kenner der Szene sein, um zu wissen, woher der, nunja, Erfolg von „Focus Online“ kommt: Ex-Bild-Mann Daniel Steil lässt seine Mannschaft derart übergeigte Geschichten machen, dass selbst das geflügelte Diekmann-Wort als harmlos erscheint. Daneben greift die Redaktion zu allen sich nur bietenden SEO-Möglichkeiten und hat selbstverständlich keinerlei Probleme, sich mit erstaunlich hemmungslosem Populismus als Sprachrohr aller zu gebärden, die meinen, man müsse das eine oder andere doch wohl noch sagen dürfen. Kurzum: Bei kaum jemandem trifft der Satz, bei ruiniertem Ruf lebe es sich völlig ungeniert, so zu wie bei „Focus Online“.

Das alles ist hochgradig unerfreulich und eigentlich auch nicht vieler Worte wert. Schon alleine deswegen nicht, weil sie sich dort viel zu sehr über Ihre gefühlten Fantastilliarden an Klicks freuen, als dass sie ernsthaft darüber nachdenken würden, es mal mit Journalismus zu probieren. Aber weil ja selbst abschreckende Beispiele für irgendwas gut sind, belegt „Focus Online“ unfreiwillig, wie unsinnig diese Jagd nach dem kurzen Klick ist. Wenn schon nicht aus journalistischen Erwägungen, dann wenigstens aus strategischen.

Zum einen: „Focus Online“ ist inzwischen derart unterirdisch, dass man es fast schon wieder für eine gute Idee halten muss, dass sich das gedruckte Heft eher distanziert zu seinem Online-Ableger verhält. Den „Focus“ muss man zwar auch nicht unbedingt mögen, aber immerhin versucht er sich immer wieder mal an seriösem Journalismus und ab und an gelingt es ihm auch. Dass das Netz anders tickt, weiß man ja – und auch „Spiegel“ und „Spiegel Online“ liegen inhaltlich ein Stück weit auseinander. Der „Focus“ hingegen hat gar keine digitale Erweiterung und natürlich auch keine cross- oder transmedialen Effekte.

Kurzsichtig ist die Klickschinderei auch aus anderen Gründen, wie die Zahlen belegen, auf die sie beim „Focus“ so stolz sind: Zwar hat der „Focus“ die höchste Zahl der „Unique Visitors“, trotzdem aber ein vergleichsweise illoyales Publikum. Mit einem Publikum, das zu einem beträchtlichen Teil über SEO-Strategien und SM-Clickbaiting kommt, baut man schlechterdings keine wirkliche Community auf. Eine, mit der man sowas Ähnliches wie Qualitätsjournalismus machen könnte, schon gleich gar nicht. Wer wissen will, was damit gemeint ist, braucht sich nur mal durch ein paar Kommentare in den Facebook-Postings klicken. Das ist selbst des nicht immer sehr hohen Facebook-Niveaus eher unterirdisch.

Nicht zu vergessen: Markenbildung. Man debattiert ja gerne mal darüber, dass Digital-Angebote noch keine richtig hohen Ergebnisbeiträge liefern, wie das im Business-Deutsch so schön heißt. Gleichzeitig wird die Funktion solcher Angebote für das Branding eines Titels oft unterschätzt. Die Unterscheidung zwischen analog und digital ist vermutlich in den Köpfen vieler Redaktionen immer noch deutlich ausgeprägter als bei den Nutzern. Für den ist die SZ die SZ und die „Zeit“ eben die „Zeit“. „Focus“ und „Focus Online“ sollte man dagegen besser nicht miteinander in Verbindung bringen, wenn man das Blatt nicht ernsthaft beschädigen will.

Aber genau mit diesen vielen immer noch verblüffenden Fehlern, die irgendwie so sehr an das Jahr 2003 erinnern, ist „Focus Online“ leider immer noch ein Beispiel dafür, woran es so häufig hakt in diesem Online-Journalismus.  Das ist zusammengefasst insbesondere der Mangel an Ausdauer, an Perspektive.

Und letztendlich: auch an Journalismus. Als sich Daniel Steil und sein Gerschäftsführer Oliver Eckert in einem Interview zu ihrem Erfolg äußerten, fiel dieser Begriff „Journalismus“ genau ein einziges Mal.

 

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