Alptraum eines analogen Mistkäfers

Heute Nacht habe ich von meinem Twitter-Account geträumt. Und von meinem Facebook-Account und von meinen diversen Blog-Accounts. In meinem Traum starrten sie mich an, böse und irgendwie durchdringend. Und sie konnten sprechen, dummerweise. Ich habe nicht alles verstanden, nur so Fragmente wie: Tweete was, du…(Fäkalsprache)! Setz eine Statusmeldung ab! Sag uns, wo du bist, was du machst, sag uns was du tust, sag irgendwas!! Egal was. Hauptsache irgendwas!

Ich muss dazu was erklären, ich habe ungewöhnliche Dinge gemacht diese Woche. Und es fällt mir schwer, es zuzugeben. Ich habe mich in WLAN-freien Zonen aufgehalten und ich habe manchmal sogar die diversen Smartphones ausgeschaltet (in der katholischen Kirche käme dies alles dem Bekenntnis bleich, gesündigt zu haben). Ich habe echtes Weißbier getrunken und habe (lesen Sie nur weiter, wenn Ihnen das jetzt nicht zu schmutzig, will sagen analog wird) echte Menschen getroffen. Freunde. Nein, nicht sowas wie das, was Sie aus Facebook kennen. Echte Menschen, echte Freunde, die älteren unter Ihnen wissen, was ich meine. Wir haben uns unterhalten (nein, das ist nicht dasselbe wie Statusmeldungen lesen).

Und darf ich Ihnen was verraten? Es war schön, ich habe es genossen. Nicht mal Mails habe ich gelesen. Gut, zugegeben: Ab und an hat mich das schlechte Gewissen schon sehr geplagt, wenn ich mal kurz die Augen zugemacht habe, tanzten vor meinen Augen Powerpoint-Charts, auf denen stand: JOURNALISTEN MÜSSEN TWITTERN!!!

Und ich musste an unsere Universalcode-Co-Autoren Ulrike Langer und Richard Gutjahr denken, dachte, sie werden mir jetzt die Freundschaft kündigen oder mich wenigstens entfollowen und vor meinen armen, geplagten Augen tanzten die deutschen Blogcharts und die deutschen Twittercharts und die deutschen Facebook-Charts. Und Sascha Lobo, der mich hämisch auslachte.

Ich habe es die Woche auf zwei Tweets gebracht, eine davon war ein Retweet von Ulrike Langer und ich glaube, das wiederum war ein ein Retweet von Richard Gutjahr. Ich war also nur ein Subsubunternehmer des Unternehmerjournalismus und furchtbar unkreativ. In der nächsten Nacht träumte ich, dass Jeff Jarvis ein Buch über mich schreibt, das „The german paradox“ heißt und mich in der ganzen Welt zum Gespött macht und dass mich Mario Sixtus in offenen Brief, der spendenfinanziert im „Spiegel“ erscheint, auffordert, das Buch „Universalcode“ nicht herauszugeben.

Danach aufgewacht. Neben mir eine SZ, gedruckt. Angst bekommen, bis ich danach mein iPad fand. Doch kein Kafka, doch kein Gregor Samsa, der sich langsam wieder in einen analogen Mistkäfer verwandelt. Alles wird gut und heute Abend gehe ich in La Traviata. Ganz analog. Und aus der Aufführung werde ich keinen einzigen Tweet absetzen und danach einen guten Rotwein auf Sascha Lobo trinken.

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