Tief im digitalen Schützengraben

Der digitale Graben 2016 – er ist tiefer als man denkt. Insbesondere unter Journalisten: Man staunt, was man von denen immer noch alles zu hören bekommt.

Gerade eben hatte ich mich noch halbwegs optimistisch gezeigt. Das letzte Kapitel von „Universalcode 2020“ beendet, in dem es um Aus- und Weiterbildung und irgendwie auch um die Zukunftsperspektiven der Branche geht. Sinngemäß schrieb ich,  dass es mittlerweile auch im Mainstream angekommen sei, dass Medien heute nur noch überleben können, wenn sie eine Idee von ihrer digitalen Existenz haben.  Und dass zu dieser Idee natürlich etwas mehr gehören müsse als nur das Veröffentlichen von Texten im Netz und das Posten von Links bei Facebook.

Ich habe das geschrieben, weil ich der festen Überzeugung war, dass ein solcher Satz eine Art kleinster gemeinsamer Nenner ist. Dass niemand ernsthaft behaupten würde, diese ganzen Geschichten mit diesem (sozialen) Netz seien ja ohnehin überschätzter Humbug.

Ich habe mich getäuscht.

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In ein paar Thesen schreibt der Vorsitzende des Bayerischen Journalisten-Verbandes, Michael Busch, im  neuen BJV-Report Sätze, bei denen man sich fragt, wie sich eigentlich Journalisten die Gegenwart und vor allem die Zukunft vorstellen. Und ob sie sich schon mal mal Social-Media-Präsenzen von Redaktionen angeschaut haben (vermutlich: nein). Busch ist demnach ernsthaft der Auffassung, dass es sich bei Facebook um einen Kanal handle, der „für Politiker und Populisten“ wichtig sei, aber doch bitte sehr nicht für uns Journalisten.

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Und diese Katzenbilder! Völlig klar also, findet Busch, dass ein solcher Blödsinns-Kanal nicht als ernsthafte und relevante Konkurrenz zu einer ordentlichen, sagen wir, bayrischen Tageszeitung betrachtet werden kann (wobei mir nicht klar ist, warum er sich sich dann überhaupt so echauffiert, wenn´s eh keine ernstzunehmende Konkurrenz ist).

Mit einem saftigen „Schmarrn“ tut der BJV-Vorsitzende also mal eben die Tatsache ab, dass Facebook weltweit über eine Milliarde Mitglieder hat, dass es in Deutschland geschätzt 30 Millionen sind und dass man auch ansonsten dann ausgehen muss, dass nahezu jeder deutsche Erwachsene inzwischen in irgendeinem sozialen Netzwerk dabei ist – theoretisch zumindest. Sollen die Leute doch bitte lieber wieder Zeitung lesen und Fernsehen schauen, statt diesem Schmarrn! Das wär schön, wenn das so einfach wäre.

Noch nicht angekommen ist bei Busch, dass inzwischen nahezu jede Redaktion, die ein bisschen was auf sich hält, eigene Social-Media-Editoren beschäftigt und wenigstens versucht, so etwas Ähnliches wie eine Strategie zu entwickeln. Braucht´s nicht, sagt dagegen der BJV-Chef, ist ja eh alles nur überbewerteter Katzen-Content. Vielleicht zeigt dem BJV-Chef ja irgendwann mal jemand ein paar Zahlen über das Mediennutzungsverhalten von heute 35jährigen und druckt ihm den Screenshot eines durchschnittlichen Smartphone-Homescreens aus.

(Anmerkung aus Gründen der Fairness: Michael Busch hat sich bei Facebook zu dem Thema einer sehr langen Diskussion gestellt. Ich war fast nie seiner Meinung, respektiere aber sehr, dass er dieser Debatte nicht ausgewichen ist. Auch nicht, als er irgendwann mal bemerken musste, eine Minderheitenmeinung zu vertreten. War in einer geschlossenen Gruppe, deshalb kein Link.)

***

Aber es ist ja nicht so, dass Busch und der BJV alleine sind mit solchen Auffassungen. Der Chefredakteur der Passauer Neuen Presse, Ernst Fuchs, hat in einer Beilage zum 70jährigen Bestehen des Blattes ebenfalls einen bemerkenswerten Satz geschrieben:

Grundsätzlich glaube ich, dass wertvolle Informationen auch künftig gedruckt werden, der Computer das Papier ebenso wenig verdrängen wird wie die Befindlichkeiten-Blogger den Leitartikler.

Bevor Sie das missverstehen: Fuchs schrieb diesen Satz im Jahr 2016, dabei wäre er schon im Jahr 2006 rührend anachronistisch gewesen. Und im Jahr 2026 wird er dann vermutlich als ein wunderbares Exempel dafür gelten, wie Journalisten einfach so lange den Kopf in den Sand gesteckt haben, bis dieses Internet dann mal wieder weg war. (Am Rande bemerkt verliert die PNP auch unter dem Chefredakteur Fuchs seit 2009 Jahr für Jahr zwischen einem und zwei Prozent seiner Auflage. Als Monopolist, wohlgemerkt).

Aber vermutlich halten sich Fuchs und seine Kollegen momentan für ziemlich fortschrittlich, schließlich haben sie erkannt, was der Unterschied zwischen Zeitung und Netz ist und wie man die beiden eventuell zusammenbekommt:

Zeitungsleser und digitale Nutzer haben unterschiedliche Erwartungen an den Journalismus: Zeitungsleser wünschen sich in aller Regel neben Nachrichten auch Analysen, Hintergründe und Kommentare. Die Zeitung ordnet das Geschehen ein, bietet Überblick und Orientierung. Internetnutzer wollen dagegen so gut wie immer auf Höhe der Nachrichtenlage sein. Es zählen Aktualität und Geschwindigkeit.

Huhu, Herr Chefredakteur: Im April beginnt mein nächstes Semester an der Uni Passau. Wenn Sie mögen, kommen Sie mal mit und fragen die Studierenden, wie viele von ihnen so eine gedruckte Tageszeitung (irgendeine, muss nicht die PNP sein) lesen, um „Überblick und Orientierung“ zu gewinnen. Wenn wir auf eine Quote von mehr als zehn Prozent kommen, lade ich Sie auf ein Weißbier im „Goldenen Schiff“ ein, ok?

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Ja, und schließlich noch der schon erwähnte Paul Josef Raue, der gerne zusammen mit Wolf Schneider Handbücher des Journalismus und des Onlinejournalismus schreibt. In seiner Welt leimen „Internet-Gurus“ etablierte Medien mit irgendwelchem Blendwerk und haben von seriösem Journalismus vergleichsweise wenig Ahnung. So geht das nicht, befindet Raue – und gibt ein paar Ratschläge mit, die zwar irgendwie nett onkelig klingen, aber mit der digitalen Realität 2016 nicht mehr sehr viel zu tun haben.

Was ich daraus mitnehme? Wir werden noch ein paar Jahre lang viel zu reden haben. Nur mit dem Unterschied, dass die Digitalverweigerer 2016 dann vermutlich darüber lamentieren werden, wie furchtbar böse die Geschichte einfach über sie hinweg gegangen ist.

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