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Trauen Sie dieser Seite?

Über die Zukunft von Medien zu schreiben, ist seit vielen Jahren eine gerne gemachte Übung. Meistens kam dann sinngemäß irgendwas in der Richtung raus, dass analoge Medien keine Zukunft haben und digitale schon (Hinweis: auch der Autor dieses Textes hat sich solcher Binsen bereits schuldig gemacht im Sinne der Anklage). Außerdem, auch hier ist der Autor mitschuldig, hat es dann noch eine für sleepy Verlage auf die Mütze gegeben und für den Durchschnitts-Manager und Durchschnitts-Chefredakteur auch. Das wird in diesem nachfolgenden Text bestenfalls in homöopathischen Dosen passieren.  Nicht, weil heute Sonntag und somit tätige Reue angesagt ist. Sondern weil es heute um zwei grundsätzliche Fragen geht, die uns das Leben schwer machen werden und für die man nicht mal die mit einem durchschnittlichen Lahmheitsgrad ausgestattete Zeitung verantwortlich gemacht werden kann.

Ohne Vertrauen ist erst mal alles nichts

Zur ersten Frage erst einmal eine Frage an Sie: Vertrauen Sie mir, meinen Texten, meinen Podcasts und dem ganzen anderen Zeug, das unter Labeln wie HYBRID Eins, Universalcode, D25 und Pullify entsteht? Fall ja: vielen Dank dafür! Täten Sie es nicht, könnten wir hier noch so hübsche Sachen produzieren, es wäre dennoch alles für die Katz (ich muss Ihnen vermutlich nicht erklären, warum). Und ob Sie mir dann analog oder digital misstrauen würden, wäre dann auch schon einerlei. Bevor Sie sich denken: „Schon wieder so viele Binsen“ – dass man als publizierender und kommunizierender Mensch Vertrauen bekommt, ist nicht mehr so selbstverständlich, wie man meinen könnte.

Es ist also erst einmal wirklich so simpel: Natürlich kann man aus Instagram oder TikTok oder Facebook (doch, liebe Kinder, das gibt es noch) eine Menge Gutes herausholen. Leider aber ist die Grundausrichtung solcher Plattformen nicht sehr günstig, wenn man den Dingen wirklich auf den Grund gehen will. Dazu kommt: Social Media verändert sich zunehmend mehr.

Aus der einstmaligen Idee, dass sich Menschen untereinander vernetzen und austauschen, sind inzwischen zunehmend mehr klassische Medienkanäle geworden. TikTok treibt diese Idee auf die Spitze. TikTok ist wie Fernsehen auf Speed. Nur mit „social“, mit Vernetzung oder womöglich so etwas Altmodischem wie „Freundschaft“ hat das nichts mehr zu tun. TikTok ist viel Senden, wenig Empfang und damit streng genommen alles, bloß nicht Social Media.

Die Medienwelt wird nie wieder so sein wie bisher

Auch hier gilt: Wer im Dauerfeuer von TikTok-Clips auch nur halbwegs wahrgenommen werden will, muss auffallen. Muss schnell und eingängig sein und muss wissen, welches Knöpfchen er für möglichst große Wirkung drücken muss. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet populistische Krawallmacher in solchen Netzwerken reüssieren. Oder solche, die wissen, mit welchen Hashtags und Buzzwords man gut über die Runden kommen kann. Da macht es keinen Unterschied, in welchen Milieus sich so etwas abspielt.  Rechts lösen bestimmte Begriffe bestimmte Reaktionen aus, links muss man nur irgendwas mit –ismus in die Runde werfen, damit die Post abgeht.

Und mittendrin? Bleibt vieles auf der Strecke. Dummerweise alles, von dem Journalisten früher gelernt haben, wie wichtig es sei. Die Abwägung, die Reflexion. Man soll immer auch die andere Seite hören, habe ich mal gelernt. Das ist zwar manchmal unangenehm, auch für einen selbst. Aber das macht den Unterschied aus zum schnell mal eben hingeworfenen Social-Media-Posting, der primär den Algorithmus glücklich machen soll. Man geht also den leichteren Weg, entzieht allen anderen das Vertrauen und zieht sich in eine infantile Grundhaltung zurück: alle doof, außer mir.

Da glaubt man lieber einer KI als Journalisten und anderen Medienmenschen. Das führt zum zweiten Großproblem: die Plattformen. Social Media und andere „snackable“ Varianten werden zunehmend zu den bevorzugten Informationsquellen; für alles andere haben wir ja irgendwie so wenig Zeit. Zeitungen und viele andere Formate, die Informationen sammeln und aufbereiten, sind weiter auf dem Rückzug. Das Smartphone ist die neue Zeitung, Instagram die neue Tagesschau.

Eine Umfrage hat jetzt beispielsweise herausgefunden, dass 62 Prozent der Deutschen eher Journalisten als einer KI vertrauen. Der notorisch optimistische BDZV hat das zum Anlass genommen, eine jubilierende Pressemitteilung zu versenden. Auf den ersten Blick hat der BDZV schon recht: toll, dass zwei Drittel eher dem Journalisten als der KI trauen.

Dreht man das aber um, muss man zwangsweise ein wenig erschrecken: Ein Drittel der Deutschen würde eher der KI als dem Journalisten trauen, WTF?  Gut, it depends, würde man jetzt in den USA lakonisch sagen: darauf, welchen Journalisten man jetzt als Maßstab nehmen würde. Mir fallen ein paar Krawall-Portale ein, bei denen ich auch lieber einer halbwegs passablen KI trauen würde. Auf der anderen Seite gibt es mittlerweile ja auch hinlänglich Menschen, die sich nur deshalb „Journalisten“ nennen dürfen, weil es sich dabei um eine nicht geschützte Berufsbezeichnung handelt (kein Witz, bei Redakteuren ist das dagegen etwas anderes).

Vertrauen also. Wenn ein Drittel lieber der KI als den Journalisten traut, dann ist etwas ins Wanken geraten. Das ist dann schon etwas mehr als die Quote der üblichen verdächtigen „Querdenker“. Und dann Journalisten und andere Medienmenschen auch mal ihre Fehler machen, kann schlecht eine Begründung für derart viel Misstrauen sein.

Der Fehler liegt im System

Der Fehler liegt stattdessen im System. In einem System, in dem nicht nur, aber vor allem „soziale“ Medien vieles von dem außer Kraft setzen, was man bräuchte, um sich ernsthaft mit Dingen zu befassen. Insbesondere Zeit. Social Media setzt zunehmend mehr darauf, dass Menschen impulsiv reagieren. Dass sie schnell und manchmal auch ohne langes Nachdenken Dinge weiterleiten, liken, kommentieren.

Das kann gut gehen, wenn man sich über etwas freut. Man scheitert allerdings schnell, wenn die Dinge im Affekt geschehen. Dann haben wir es schnell mit dem anonymen Wutbürger zu tun, der wiederum Zeug in die Welt bläst, ohne lange darüber nachzudenken, ob das nicht alles Blödsinn sein könnte. Wer seinen Blödsinn dann auch noch in der Blödsinns-Bubble verstärkt sieht, kommt schnell zu dem Schluss: Die anderen (Journalisten vorrangig) lügen, nur hier gehen uns die Augen auf. Und das war es dann auch schon mit dem Vertrauen.

Man muss sich das wie eine Erosion vorstellen. Wer jeden Tag mit vermeintlichen Belegen für seine sehr eigene Wahrheit bombardiert wird, der kann fast nicht anders. Noch dazu (und da sind wir dann wieder beim Thema Social Media) in einem System, das hauptsächlich Schnelligkeit und heftige Emotionen belohnt. Beides keine guten Voraussetzungen für Wahrheitsfindung und vor allem für eine nüchterne und gründliche Beurteilung der Lage der Dinge.

Ich müsste glatt lügen, würde ich behaupten, dass ich exakt wüsste, wie man aus diesem Dilemma wieder herauskommt (auch wenn es für Social Media natürlich ganz prima wäre, wenn ich das alles in 45 Sekunden und mit einer knackigen Kachel oder für LinkedIn mit einem nachdenklich wirkenden Selfie erklären könnte).

Sicher ist nur: Mit den Methoden von vergangenen Tagen werden wir dieser neuen Medienwelt kaum begegnen können. Nicht mit irgendwelchen Digital-Angeboten, die verkappte Analog-Angebote mit Paywall sind. Nicht mit dem bisherigen Social-Media-Verständnis, in dem wir einfach mit einem Link auf unsere Angebote, mit dem wir den Traffic wieder zurückholen auf unsere Seite(n).

Aber auch nicht durch Anpassung an ein Design, das den Lauten und Schnellen belohnt. Das wird zum Rattenrennen. Und man weiß ja: In einem Rattenrennen gewinnt immer die Ratte. Dass das nicht funktioniert, sehen wir gerade sehr eindrucksvoll beim vormaligen Twitter. Dort hat sich das Argument, man dürfe solche Plattformen nicht nur den Schreihälsen überlassen, eindrucksvoll erledigt.

Der erste Hype um KI wird sich in der Zwischenzeit erledigen. Schon alleine deswegen, weil eine Anwendung wie ChatGPT so alltäglich wie Google geworden ist. Aber was kommt danach, in diesem wüsten Mix aus KI, Social Media und kollabierenden alten Geschäftsmodellen alter Medien? Sicher ist nur: So wie bisher wird es nie wieder werden.

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